Wir
sind die Guten
Antisemitismus
in der radikalen Linken
,,Unser
Antisemitismus ist nicht schlimmer oder harmloser als der anderer gesellschaftlicher
Gruppen, wir sollten uns mit unserem Antisemitismus jedoch besser auskennen."
Die zentrale Frage, welche die AutorInnen zu Beginn des Buchprojektes beschäftigte,
lautet: ,,Walser will wegschauen, aber was machen wi?." Die Auseinandersetzung
um die sogenannte Walser-Debatte führte so zu der Auseinandersetzung
mit der Geschichte und Gegenwart der radikalen deutschen Linken und ihrem
offenen bis subtilen Antisemitismus.
In Form einer Aufsatzsammlung befasst sich das Buch aus verschiedenen Blickwinkeln
mit antisemitischen Strukturen in der radikalen Linken und dem Tabu, das
diese umgibt.Die AutorInnen beschäftigen sich nicht zuletzt mit ihrer
eigenen Geschichte und benennen so gleichzeitig ,,blinde Flecken" der radikalen
Linken der BRD.
Die einzelnen Aufsätze sind hierbei in ihrer Qualität und Aussagekraft
höchst unterschiedlich.
Im ersten Artikel werden die Auswirkungen des ,,NS- Erziehungsstils" auf
die Kinder und Enkel der TäterInnen thematisiert. Leider bleiben die
Aussagen des Autors über die Abgrenzung des ,,NS-Erziehungsstils"
zum autoritären Erziehungsstil dürftig. Ebenso gerät die
Darstellung der Auseinandersetzung mit seiner (Familien-)Geschichte allzusehr
zu einer - streckenweise lamentierend wirkenden - ,,Abrechnung" mit der
,,linken Szene" seiner Stadt.
Der zweite Aufsatz beschäftigt sich mit autonomer Antifa-Politik.
Fundiert und anschaulich wird das Schweigen der deutschen Antifa zu Antisemitismus
analysiert. Der Autor versucht außerdem Erklärungsansätze
für diese eklatante Ignoranz zu finden.
In einem geschichtlichen Abriss ,,Von Bitburg nach Gollwitz" zeigt er,
dass gerade die Geschichte der bundesdeutschen Antifa-Bewegung von einer
Weigerung geprägt ist, sich mit dem Thema Antisemitismus auseinanderzusetzen.
Darüber hinaus beteiligen sich Teile der Antifa weiterhin an der Transformation
der Täter zu Opfern, wenn sie Rassismus und Antisemitismus immer noch
als fehlgeleitetes Bewußtsein der deutschen Bevölkerung begreifen.
Insofern diente die an sich richtige These vom staatlichen Rassismus auch
immer dazu, den Rassismus der Deutschen zu relativieren, um diese als von
Politik und Medien manipuliert wahrnehmen zu können. An dieser Stelle
schließt sich der Kreis zur offiziellen BRD-Geschichtsinterpretation,
nach der die Deutschen schon immer von Hitler manipulierte Opfer gewesen
seien.
Wieso unterscheidet sich eine radikale Linke an diesen Punkten so wenig
von der offiziellen Staatsdoktrin? Hierfür werden drei Erklärungsansätze
geboten, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Zentral
ist für den Autor die mangelnde Empathie und Solidarität mit
den Überlebenden. Hier ist eine Solidarität gefordert, die, jenseits
von Vereinnahmung oder Abwehr, die Überlebenden der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik und deren Positionen ernst nimmt.
Im dritten Beitrag des Buches kritisiert die gruppe demontage den Antisemitismus
im Internationalismusverständnis der Nach-68er-Linken. Ihr Beitrag
ist als Reisebericht gestaltet und erzählt von antisemitischen Reaktionen
und Abwehrhaltungen der radikalen Linken auf ihrer Vortragsreihe, in der
sie sich mit völkischen und antisemitischen Positionen in der Soliarbeit
zu ,,Befreiungsbewegungen" beschäftigen. Die berechtigte und mehr
als notwendige Kritik an der Solidaritätsarbeit der radikalen deutschen
Linken gerät dabei leider etwas in den Hintergrund, da sie sich zu
sehr an den Angriffen auf ihre Gruppe abarbeiten. So bleibt der Eindruck
haften, dass sie Antisemitismus dort verorten, wo ihre Positionen angegriffen
werden. An keinem Punkt des Beitrags - und hier befindet sich dieser im
Kontrast zu allen anderen Beiträgen des Buches - thematisieren sie
ihre eigene politische Geschichte.
Der letzte Beitrag des Buches untersucht das Verhältnis der deutschen
Linken zu Israel/Palästina. In einer Collage wird die Geschichte der
deutschen radikalen Linken in Bezug zu den Ereignissen in Israel und Palästina
gesetzt. Hierbei wird deutlich, dass die deutsche Linke mit ihrer Radikalisierung
1967 gleichzeitig die eigene Geschichte entsorgte. Die Form der Gegenüberstellung
der Ereignisse verdeutlicht sehr eingängig die Tatsache, dass die
Auseinandersetzung mit Israel/Palästina nie aus Interesse an den Menschen
motiviert war, sondern immer schon als Projektionsfläche für
die eigene Befindlichkeit gedient hat. Besonders augenfällig wird
dies an Beispielen, in denen die Politik Israels von deutschen Linken als
faschistisch gebrandmarkt wurde. Eine deutsche Linke, die sich ernsthaft
mit Israel auseinandersetzen will, darf das Symbol Israel nicht mit Politik
und Gesellschaft des Staates Israel verwechseln.
Das
Buch bietet keine Anleitung zum Handeln. Es bietet Ansatzpunkte zum Weiterdenken
und Weiterdiskutieren. Gerade die an vielen Stellen sehr persönliche
Herangehensweise der AutorInnen wird die Auseinandersetzung innerhalb der
radikalen Linken hoffentlich ein Stück weiterbringen und auch verändern.
s.n.
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