Suits
Me -
The
Double Life of Billy Tipton
,,Gender
Trouble" hat Judith Butler ihr Buch über das Unbehagen an den Geschlechtern
genannt und damit eine Diskussion entfacht, die locker bis zu Thomas
Meineckes Roman ,,Tomboy" reicht. Billy Tipton, 1914 in Oklahoma City,
USA, geboren und vor 11 Jahren, am 21. Januar 1989, gestorben, hat die
Theorie gelebt.
Aus Dorothy Lucille Tipton wurde Anfang der 30er Jahre Billy Tipton. Dorothy
Lucille hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Karriere als a) Ehefrau,
b) Konzertpianistin oder c) Klavierlehrerin offengestanden. Billy Tipton
- Pianist, Saxophonist, Bandleader, Entertainer, Agenturbetreiber konnte
schon in den 30er Jahren Terrain betreten, das vor allem weißen Frauen
zumeist verschlossen war, konnte in einer Band spielen und touren, Leben
und Musik professionell in Einklang bringen. Schlagzeilen in den Berichten
aus aller Welt machte Billy Tipton erst, als er tot in seinem Wohnwagen
gefunden wurde: Bei der Leiche des Musikers Billy T. handelte es sich um
den Körper einer normal entwickelten 75jährigen Frau.
Niemand hatte es gewusst, seit Jahren nicht mehr: nicht Billys drei Adoptivsöhne,
nicht seine drei letzten Lebensgefährtinnen Betty Cox, Maryann Cattanach
und Kitty Kelly - die überdies durchaus als Billy Ehefrauen galten.
Lucille Tipton hat ihre Rolle als Billy überzeugend gespielt. Deutlich
wird aus dieser Lebensgeschichte, die das abgegriffene Adjektiv spannend
vollauf verdient, dass Geschlecht nicht zuletzt Schauspielerei ist, eine
Frage der Inszenierung. Biographin Diane Wood Middlebrook zitiert Drag
Queen Ru Paul: "You´re born naked and the rest is drag..."
Ganz amerikanisch schafft Lucille Tipton sich eine neue Identität
und schafft es auch deshalb, als Mann durchs Leben zu kommen, weil sie
Erwartungen erfüllt und damit freilich auch entlarvt: Wer Autos reparieren
kann, gerne Rasen mäht, mit Werkzeug umgehen kann und Pfeife raucht,
entspricht Normen, die in unserer Gesellschaft generell als männlich
gelten und muss darum ein Mann sein. Und war seine Gesangsstimme auch noch
so hoch für einen Tenor, auf der Bühne stand doch ganz offensichtlich
ein Mann, also hatte dieser Musiker eben eine hohe Stimme... (für
vice versa Experimente empfehle ich euch Tonträger des Sängers
Jimmy Scott).
Natürlich stellt sich auch die Frage nach dem "Warum?" Der Teenager
Lucille erlebt das Scheitern der elterlichen Ehe, Armut und die Depression.
Trotz guter Erziehung und Ausbildung durch die Schwestern ihres Vaters
will sie bei ihrer Mutter leben und das bedeutete schlicht, dass sie Geld
verdienen musste. Als Mädchen aus der Mittelschicht hat sie außer
Klavier und Saxophon nichts Sinnvolles gelernt und der Musik galt ohnehin
ihr Hauptinteresse. Ist Lucille schlicht erfinderisch oder schlägt
sie ganz bewusst zwei Fliegen mit einer Klappe, als sie - keineswegs ein
hilfloses weibliches Wesen - sich eines Tages ein Stück Tuch fest
um die Brust bindet, es mit einer großen Sicherheitsnadel feststeckt,
in Jungsklamotten schlüpft, die sie irgendwoher aufgetan hat, und
sich um den Job des Saxophonspielers bei einer Band bewirbt? Fortan auf
Tour geht, im Radio spielt und die erste Freundin hat, notwendig schon
um der Glaubwürdigkeit der Hosenrolle willen .... bis hin zum eigenen
Quartett und zwei Schallplatten, die leider bislang nicht wiederveröffentlicht
wurden.
Diane Wood Middlebrook ist Dichterin und eine zu Recht renommierte Biographin,
hat über Walt Whitman und Wallace Stevens sowie über die US-Dichterin
Anne Sexton geschrieben. Zur Billy Tipton-Biographin wurde sie auf Bitte
von Billys letzter Lebensgefährtin Kitty Tipton, weil sie aus Spokane
stammt, der Stadt, in der Billy Tipton zuletzt gelebt hatte. Middlebrook
hat bewundernswert gründlich recherchiert, hat MusikerkollegInnen,
ZeitzeugInnen, Lebensgefährtinnen und nicht zuletzt Fotos aufgetrieben:
Ein Kaleidoskop, das verschiedene Motivationsfacetten zeigt, diverse Gründe
und Notwendigkeiten andeutet, die Maskerade zu beginnen und aufrechtzuerhalten.
Die Jazzszene jener Zeit, die Musikerinnen als "freaks" betrachtete und
- von wenigen Ausnahmen abgesehen - allenfalls als Sängerinnen akzeptierte,
spielt dabei genauso eine Rolle wie die Tabuisierung von Homosexualität
in den 30er bis in die 60er Jahre. Schwule, Lesben oder TransvestitInnen
wurden "Hermaphrodite" oder "He-She" genannt und galten, sofern sie eben
nur vereinzelt wahrgenommen wurden, als ExzentrikerInnen. Einige frühe
Musikerkollegen von Billy wussten sehr wohl, dass er eine Frau war, die
sich als Mann anzog. Weil sie aber Billys musikalische Fähigkeiten
schätzten und sie das war, was als "guter Kumpel" oder "feiner Kerl"
gilt, machte niemand ein Problem daraus.
Middlebrook hat den Respekt und das intellektuelle Feingefühl, um
Lucille von Billy zu unterscheiden - Billy als "Er", als Musikprofi, als
Mann in der Umgebung von Männern, als "Sie", wenn von ihrem früheren
Leben die Rede ist oder wenn ihre Umgebung weiß, dass sie Männerkleidung
trägt. Und wenn von den Motiven und den geschickten Methoden die Rede
ist, die Billy als Produzentin der Illusion von Maskulinität vor und
hinter der Bühne verwendet hat.
Diskret und intelligent präsentiert Diane Wood Middlebrook ein Zeitportrait
und einen höchst ungewöhnlichen Lebenslauf und eine Bandbreite
von Denkmöglichkeiten, ohne Lucille/Billy einzuordnen und damit zu
verraten. Middlebrook oktroyiert den LeserInnen keine Meinung auf, denn
Billy/Lucille hat sich nie ausführlich zu seinem Leben als Mann und
auch nie zu ihrer Sexualität geäußert. Überliefert
ist nur ein Satz, den sie zu ihrer Cousine Madeleine sagte: "Some people
might think, I´m a freak or a hermaphrodite. I´m not. I´m
a normal person".
Diane Wood Middlebrook.
Suits Me. The Double Life of Billy Tipton. London. Virago. 1998. 326 S.
ISBN 1-5381-658-2;
ca. 55.-
Diane Wood Middlebrook.
Er war eine Frau. Das Doppelleben des Jazzmusikers Billy Tipton. Malik
Verlag. 1999. 400 S. ISBN 3-89029-136-8. 44.-
Tine
Plesch
|