Z-Bau:
Hallo Herr Leipold,
es fehlen 300.000 DM.......
--->Fortsetzung
Und das ist nur allzu verständlich angesichts
von 700.000 DM, die alleine der Hausanschluss für Strom, Gas und Wasser
in etwa kostet, der mittlerweile schon gelegt wurde. Doch mit diesem ersten
Feld ist das Budget ausgeschöpft, und in der alten Kaserne, die in
acht Jahren abgerissen und bis zum August 2008 ?kulturell zwischengenutzt"
werden soll, steht noch jede Menge Arbeit an, bis das Gebäude
in Betrieb genommen werden kann, angefangen von Toiletteninstallationen,
der Elektrik und den Parkplätzen bis zur Beseitigung der PCB- und
Asbestverseuchung. Dieser zweite Bereich beläuft sich nochmals auf
rund 500.000 DM, so dass sich rund 1,25 Millionen DM errechnen, und zwar
immer noch ohne Möbel.
Dabei sahen die Bedingungen zunächst recht günstig
aus. ?60 000 DM wollte die Stadt Nürnberg für die Anschlusskosten
des Projektes jährlich zahlen, also etwa zwei Drittel, immer bezogen
auf die 700.000 DM für den Hausanschluss, da der Grund städtisch
ist, mit 30.000 DM sollten wir das restliche Drittel berappen. Außerdem
hieß es, die Reinigung würde der Bund als Besitzer des Gebäudes
übernehmen und wir könnten mietfrei einziehen, wenn wir uns um
die Kleinelektrik, sanitären Anlagen und dergleichen selber kümmern",
erinnert sich Matthias Fetzer, der ebenfalls im AG-Vorstand mitarbeitet.
?Doch dann hieß es auf einmal plötzlich, ein regulärer
Bauantrag sei nötig, mit all den Brandschutzverordnungen, Schall-
und Lautstärkeregelungen, Bauordnungen und noch vielem mehr. Wir haben
die Gaststättenverordnung einzuhalten und Parkplätze bereitzustellen.
Ein solcher Antrag kostet allein 10.000 DM an Genehmigungsgebühren.
Ein Lärmgutachten sei nötig, man verweigert uns eine Disco-Konzession
und will Tanzveranstaltungen nur ab und zu genehmigen. Das hatten wir so
nicht erwartet, es widerspricht dem Konzept der Zwischennutzung und bedeutet
für uns ein Fass ohne Boden an Bürokratie und Ämterrennerei."
Die ZwischennutzerInnen sind schließlich keine Häuslebauer,
die ihr Reihenhaus genehmigt bekommen wollen. Sie haben wenig Muße,
sich zwischen Liegenschaftsamt, Bauordnungsbehörde, Kulturreferat
und weiteren Ämtern der Nürnberger Bürokratie aufzureiben.
Doch die Idee der befristeten Nutzung von Räumlichkeiten, etwa bis
zu ihrem Abriss oder ihrer anderweitigen Verwendung, und sei es zu noch
so gemeinnützigen oder hehren Zwecken, ist nirgendwo rechtlich oder
städtebaulich fixiert, sie existiert offiziell schlichtweg nicht,
so einleuchtend sie auch sein mag. Die ?AG Zwinutz" hatte hier schlichtweg
auf Toleranz gehofft und auf so manchen Beamten, der ein Auge zudrückt.
Doch da hatte sich die freie Kulturszene offenbar getäuscht, so weltoffen
ist man in Nürnbergs Amtsstuben denn doch nicht. Immer mehr Hürden
fanden Schmidt, Fetzer und co. auf ihrem Weg zum Kunstdorado. Jedes Jahr
entbrannte aufs Neue der Kampf um die städtischen Gelder, die zugesagten
60.000 DM erwiesen sich als eine sehr unsichere Größe, gerade
in Zeiten des großen Rotstiftes. Dabei hatte seinerzeit selbst die
CSU im Kulturausschuss für das Projekt votiert. Doch die Kulturriege
hat bis heute nichts Schriftliches über die Förderung in der
Hand und so ist die Sorge verständlich, einen dermaßen teuren
Ewag-Vertrag mit dem eigenen Namen zu unterzeichnen und dann am Ende womöglich
darauf sitzen zu bleiben und mit dem Vereinsvermögen haften zu müssen,
auch wenn das nicht gerade üppig ist.
Die LGA-Story
Mit den sympathischen Kunstbegeisterten gibt
es in der Noris bereits die besten Erfahrungen. Wer denkt nicht gerne an
alte LGA-Zeiten in jenem von Ende 1990 bis September 1992 zwischengenutzten
Gebäude gegenüber der Stadtbibliothek zurück, das heute
Wolfram Weber mit seinem Cinecitta für sich monopolisiert hat bzw.
das das Bildungszentrum beherbergt? Das Team Christiane Schleindl vom Filmhaus,
Rolf Schamberger vom Ensemble Kontraste, Georg Gütlein und der
?gute" Stadtrat und Filmemacher Stefan Grosse-Grollmann stellte im provinziellen
Norishausen verblüffend Weltstädtisches auf die Beine und verlieh
der regionalen Kultur neuen Schwung. Und die ab April 1993 nachfolgende
?LGB" , die nun nicht mehr von einer ?Gesellschaft bürgerlichen Rechts"
wie ihre Vorläuferin, sondern vom ?Verein kulturelle Zwischennutzung"
betrieben wurde, kam ebenfalls beim Publikum gut an, denn wiederum
erwies es sich, dass man es mit ambitionierten, nicht kommerziell orientierten
VeranstalterInnen zu tun hatte, wenn diesmal auch die Lage an den Bahngleisen
bei der Neubleiche nahe der Stephanstraße weniger zentral war
und die Räumlichkeit etwas beengt. Es war nun nicht mehr möglich,
gleichzeitig Veranstaltungen und Kneipenbetrieb anzubieten, von Ausstellungen
ganz zu schweigen. Doch der Biergarten war ein Sommertraum, der unvergessen
bleibt.
?Heute wären wir heilfroh, überhaupt eröffnen
zu können. Der neue Biergartenbetrieb sollte eigentlich schon im Mai
starten. Doch auch das war nicht möglich", so Matthias Fetzer enttäuscht.
?Die hätten den Bauantrag doch wirklich unter den Tisch fallen lassen
können und sagen: Es ist ja nur eine befristete Angelegenheit." -
"Wenn das Minus so bleibt, droht uns zweifelsfrei das Aus. Manche von uns
wollen das Projekt jetzt hinschmeißen, einer ist schon ausgestiegen",
macht Thomas Schmidt die brisante Lage an der Frankenstraße nochmals
deutlich. Zumal mittlerweile vom Arbeitsamt auch noch die erhofften und
finanziell eingeplanten drei ABM-Stellen mit der Begründung abgelehnt
wurden, es sei eine Gewinnerzielung beabsichtigt. Dass das schlicht sachlich
falsch ist, wenn es um einen gemeinnützigen Verein geht, da solche
Strukturen gar keinen Gewinn erwirtschaften dürfen, scheint auf dem
Nürnberger Arbeitsamt niemandem aufgefallen zu sein - oder es musste
einfach ein Ablehnungsbescheid her.
Alt-68er
Eine zweifelhafte Rolle nimmt derzeit Nürnbergs
Kulturreferent Georg Leipold ein, der frei nach dem Motto agiert: Kultur
mit Anspruch, ja bitte, weltoffenes Image, gerne, aber kostenlos. Er sah
bei einem der letzten wöchentlichen Treffen zwischen seinem Referat
und den Verantwortlichen der Zwischennutzung tatsächlich Fortschritte,
forderte jedoch eine neue Kalkulation, obwohl diese bereits vorliegt und
das Finanzloch so auch nicht zu kaschieren ist. Die Durchhalteparolen,
die Leipold gerne verbreitet, erheitern keineN der Betroffenen aus der
freien Kunstszene, besonders da unterschwellig die Drohung mitzuschwingen
scheint, dass es künftig in dieser Stadt gar keine Zwischennutzungen
mehr geben wird, wenn das Projekt an der Frankenstraße abgebrochen
werden sollte. Immerhin: Um die Problematik der Zufahrt will sich
der Kulturreferent nun kümmern, allerdings nicht um die Bereiche Brandschutz
und Elektroinstallationen. "Viel zu wenig, das bringt uns auch nicht weiter.
Unsere fehlenden 300.000 DM beziehen sich gerade auf die Elektrik und teure
Brandschutztüren, Hier müsste Herr Leipold aktiv werden! Hätte
er der Stadtbürokratie ein bisschen Dampf gemacht, wäre sicher
mehr vorwärts gegangen", so Thomas Schmidt. Ironisch fügt er
an: "Ich wundere mich mittlerweile, wie überhaupt in dieser Stadt
etwas funktioniert bei dem Tempo. Über ein Jahr warten wir nun schon.
Wären wir so lahm, hätte es niemals eine LGB gegeben". Für
BesucherInnen sieht der Kulturmacher keine Gefährdung wegen der nicht
ganz perfekten Lüftung der großen Veranstaltungshalle und dem
noch nicht fertiggestellten Feuerschutzsystem. Immerhin lief auch beim
rappelvollen Konzert von Fugazzi im September letzten Jahres mit über
1.000 BesucherInnen alles glatt. Einige mehr oder weniger öffentliche
Parties hat die "AG Zwinutz" inzwischen auch schon ausgerichtet, ohne dass
es die geringsten Probleme gab.
Der Traum
Die Räumlichkeiten im ?Z-Bau" sind aber
auch einfach zu schön. Wer sie gesehen hat, ist begeistert: Da sind
die große Halle im Westflügel mit etwa 400 qm als idealer Multifunktionsraum
für sämtliche Kultursegmente, der Mitteltrakt, der mit seiner
großräumigen Aufteilung auf zwei Etagen Platz für Gastronomie,
täglichen Publikumsverkehr, kleinere und mittlere Veranstaltungen
und Galeriebetrieb bietet, und schließlich der kleinräumige
Verwaltungstrakt, der für Büros, Übungsräume, Ateliers
und Studios zur Verfügung steht. Auch an Radio Z war ursprünglich
gedacht worden: Die alternativen RadiomacherInnen von Bayerns einzigem
freien Sender hätten gerne mit einziehen können, wenn es nach
den Verantwortlichen der Zwischennutzung gegangen wäre, zusammen mit
den beiden Außenflächen hervorragende Voraussetzungen für
Kultur aller Art und Farbe. Nachbarn sind einerseits der Kunstverein, kurz
KV, mit einem schönen Raum neben der großen Westhalle, in dem
bereits die alten, wohlvertrauten Möbel auf Gäste warten und
auch schon einige Konzerte stattfanden und andererseits, weniger geliebt
von den ZwischennutzerInnen, das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer
Flüchtlinge mit 700 Büros in der Frankenstraße 210, die
für stolze 120 Millionen DM renoviert wurden. Hinzu gesellte sich
kürzlich der Zoll mit ein paar Büros direkt gegenüber vom
Z-Bau. Fehlt also nur noch die nötige Finanzspritze, um loslegen zu
können, die Menschen und das Engagement sind vorhanden. Doch solange
die Stadt Nürnberg weiterhin so viel Verantwortung auf die ZwischennutzerInnen
abwälzt und Kultur zum Nulltarif will, wird sich an der Frankenstraße
nichts tun. Die Impro- Theaterweltmeisterschaften, die ursprünglich
im Z-Bau statt finden sollten, sind bereits vorbei - und wurden im K 4
ausgetragen.
Fühlen sich die AktivistInnen der "AG Zwinutz"
von der Stadt über den Tisch gezogen? War es etwa von Anfang an vorhersehbar,
dass es niemals Kultur im Z-Bau geben wird und dass das Angebot nur ein
Trick war, um die Freie Szene zum Schweigen zu bringen oder sie zu beschäftigen?
Können die städtischen Verantwortlichen sich so bequem aus der
Affäre ziehen und darauf verweisen, dass "die Alternativen" wieder
einmal nichts zuwege bringen? Diese unschönen Vermutungen wollen Matthias
Fetzer und Thomas Schmidt nicht bestätigen. Eher sind sie des ewigen
Gezerres müde, auch wenn ihnen von Anfang an klar war, dass hier kein
Spaziergang vor ihnen liegt. "Naiv sind wir das Projekt nicht angegangen,
aber es ist jede Menge Unerwartetes passiert. Die Träume sind kleiner
geworden, aber aufgegeben haben wir sie keinesfalls", bilanziert Matthias
Fetzer.
Claudia Schuller
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