| Scherbenkritik
Butzenscheiben
aus Splittern
Drehen
sich auch revolutionäre Gutmenschen im Grab um? Rio Reiser sicherlich
bei dem, was derzeit aus seinem Lebenswerk gemacht wird: fröhliche
Polonaise zum Liebhaben, rechtzeitig zur EXPO.
Ein Konzert so deprimierend wie der gegenwärtige Zustand der Linken.
Am 17.5. im Erlanger E- Werk: ,,Neues Glas aus alten Scherben" haben sich
angekündigt, eine Ton Steine Scherben-Revival-Band, die sich am derzeit
tobenden Rio-Reiser-Gedenk- und Geldmach-Kampf beteiligt. Ihre Vorgruppe:
,,Müller", eine sich modern gebende Ossi-Combo.
Doch während die Milchreis-Fans wenigstens noch durch einen recht
begabten, ansehnlichen Sänger überzeugen konnten und ansonsten
ein bisschen an Puhdys oder Pur erinnerten und halb so innovativ waren
wie sie glaubten, kam es bei der Hauptband knallhart zur Leichenfledderei.
Natürlich hätte kein Sänger der Welt Rios Erbe wirklich
würdig antreten können, doch das Problem war ein anderes: die
völlige Emotions- und Ausdruckslosigkeit der fünf Berliner Musiker,
die sich da am traditionellen Scherben- und Reiser-Liedgut versuchten.
Der Mischer entlockte seinem Kasten eine enervierende Brei-Pampe, die überall
im Saal gleichermaßen verwaschen klang und seltsam weichgespült
daher kam. Die historischen Vorbilder, das merkte jeder im Publikum, hatten
viel rauher, langsamer und tiefer zugleich geklungen. Der pseudo-rockige
Sound und das etwas schnellere Tempo, die den alten, heissgeliebten Songs
übergestülpt worden waren, passten einfach nicht. Heraus kamen
keine eigenen Interpretationen, wie sie einst Slime so meisterlich darbot,
sondern ein fröhlicher Ringelpiez, den der Sänger Michael Kiessling
zu allem Überfluss auch noch pseudoreligiös verbrämte: Er
sprach von seiner Wundergläubigkeit, seit er seinerzeit erstmals die
Scherben gehört hätte und predigte mehrfach ins Publikum ,,Halt
dich fest, du bist nicht allein!", um das konzertuale Gemeinschaftsgefühl
zu verstärken.
Dem Aufbau der Gemeinschaft diente wohl auch die nachträgliche Annexion
der DDR, wenn es auf einmal statt ,,Wir sind 60 Millionen" nun hieß:
,,Wir sind 80 Millionen". Dabei erinnerte der Vokalist fatal an Udo Jürgens,
sowohl von der kraftlosen, blassen Stimme als auch vom Auftritt her.
Während man zunächst auf die Liebeslieder setzte, die Scherben
jeglichen Widerspruchsgeistes entledigte und selbst für desillusionierte
Lehrer gut konsumierbar machte, eine Band also, die in besetzten Häusern
aufgetreten war und eine autonome Szene musikalisch begleitet hatte, nachträglich
gesellschaftlich integrierte, wurde es bei den Zugaben richtig kriminell.
Denn nun spielten die Altglasrecycler tatsächlich ,,Macht kaputt,
was euch kaputt macht" im Hip-Hop-Gewand und schreckten auch vor dem ,,Rauch-Haus-Song"
nicht zurück, der ein House-Intro erhielt. Nicht einmal die Blamage
mit ,,Ich will nicht werden, was mein Alter ist" ersparten die Rockopas
sich und dem mit rund 200 Leuten relativ kleinen und insgesamt erstaunlich
jungen Publikum. Die Stimmung war mittlerweile so entrückt wie die
etwas verwirrte Frau, die sich vor der Bühne pausenlos in Zeitlupe
im Kreis drehte. Doch selbst der völlig bedröhnte, langhaarige
Gitarrist Dirk Schlömer hielt sich wacker auf der Bühne und so
wurden die politischen Scherben- Stücke gnadenlos in einer Art Medley
vermanscht, das die Züge von James Last (oder war es Gotthilf Fischer
?) trug. Leichte Kost für den Feierabend eben. Ein paar Kids gaben
gegen Ende des Gigs, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass die Integrationscombo
für reumütige Ex-Linke auf der EXPO in Hannover auftreten wird,
um die Herren der Welt zu unterhalten, doch noch die passende Antwort:
,,EXPO NO"! schmetterten sie den Resteverwertern auf der Bühne immer
wieder entgegen. Ob diese Herren jemals neben Rio hatten sitzen dürfen
oder ihn gar nicht gekannt haben, sei dahingestellt. Bekannt aus alten
Tagen und Aufnahmen ist nur der Name Funky K. Götzner am Schlagzeug.
Um die Musik, deren Seele die Fünf mit keinem Ton trafen, weder die
kämpferische, noch die zärtliche Seite, ist es ihnen jedenfalls
eindeutig nicht zu tun. Da wollen ein paar Leute nett Kasse machen. Bleibt
festzuhalten: Keine Macht für Geldgeier! Alte Scherben - Platten hervorgeholt!
Claudia
Schuller
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