,,Wir
sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört"
Kongress-Deklaration
der ,,Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen"
,,Der Karawane Flüchtlingskongress begann am 20. April und endet heute
mit einer internationalen 1. Mai Demonstration. Dieser Kongress in Jena
hat über 11 Tage stattgefunden und wurde von mehr als 600 Menschen
besucht Er wurde von internationalen Gästen, MenschenrechtsaktivistInnen,
Flüchtlingen und MigrantInnen aus über 40 Ländern aus allen
Teilen der Welt besucht. Der Kongress wurde von der Flüchtlingsorganisation
,,The Voice - Africa Forum" initiiert und veranstaltet.Schon zu Beginn
des Kongresses wurden wir damit konfrontiert, dass viele Flüchtlinge,
die an diesem Kongress teilnehmen wollten, durch die Bestimmung der Residenzpflicht
davon abgehalten wurden. Trotz eines Schreibens der Bundesausländerbeauftragten
Marie-Luise Beck, das den Ausländerbehörden empfahl, die Teilnahme
an dem überaus wichtigen Flüchtlingskongress in Jena zu gestatten,
verweigerten viele Ausländerämter die Reisegenehmigung (...).
Dieses Gesetz der Residenzpflicht, das seit 1982 Asylsuchenden in Deutschland
untersagt, den Landkreis, in dem sie leben, ohne Erlaubnis der zuständigen
Ausländerbehörde zu verlassen, existiert europaweit lediglich
in Deutschland und drückt exemplarisch die extreme Art der Behandlung
von Flüchtlingen in Deutschland aus. Es stellt eine gravierende Verletzung
menschlicher Grundrechte dar und wird von uns KongressteilnehmerInnen als
Form von politischer Verfolgung betrachtet, da Flüchtlinge ihrer Rechte
beraubt sind, sich frei zu bewegen und sich politisch auszudrücken."
(...)
Als Konsequenz wurde auf dem Kongress beschlossen, den 3. Oktober bundesweit
als Aktionstag gegen die Residenzpflicht auszurufen.
Der Slogan ,,Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört"
drückt eine der zentralen Positionen der Karawane für die Rechte
der Flüchtlinge und MigrantInnen aus, denn die Probleme mit denen
Flüchtlinge konfrontiert sind, haben zwei Gesichter.Auf der einen
Seite müssen wir uns den Abschiebungen, den rassistischen Behandlungen
und der sozialen Ausgrenzung hier in Deutschland entgegenstellen und auf
der anderen Seite haben wir eine Sehnsucht danach, die furchtbaren Probleme
unserer Brüder und Schwestern, die wir zurücklassen mussten,
auszudrücken und öffentlich zu machen.Die deutsche Regierung
führt den Kampf für ein Europa an, in dem die Grenzen für
politische Flüchtlinge geschlossen werden. Otto Schily argumentiert,
dass die Asylgesetze an sich veraltet und unnötig sind, da die neo-liberale
Wirtschaft begleitet wird von einer Einführung liberaler Politik in
der ganzen Welt. (...)
Die international geladenen SprecherInnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika
und dem Mittleren Osten stellten in ihren Berichten das genaue Gegenteil
dar - mit der freien Marktwirtschaft ist die Zerstörung unserer Heimatländer
angewachsen.Für die Flüchtlinge wird die EXPO 2000 eine verstörende
Erfahrung werden. Die Regime, aus denen wir fliehen mußten, sei es
Nigeria oder Nepal ... werden sich als Demokratien ausgeben und eine Menge
Wirtschaftsverträge werden dort abgeschlossen werden. Auf dem Karawane-Kongress
wurde beschlossen, dass an den speziellen Tagen, an denen die einzelnen
Länder zur Schau gestellt werden, aus denen Flüchtlinge gezwungen
sind zu fliehen, jeweils zu dem entsprechenden Land, die betroffenen Flüchtlinge
gemeinsam mit dem Karawane-Bündnis die wahren und grausamen Realitäten
darstellen werden." (...)
Um die großen Informationslücken über die Vorgänge
in Afrika zu schließen, wurde beschlossen, ein Informationsarchiv
über Afrika aufzubauen.
,,Die überwiegende Mehrheit der KongressteilnehmerInnen sind ehemalige
politische Gefangene, oder davon bedroht politische Gefangene zu werden,
wenn sie in Abschiebegefängnisse eingeschlossen werden und wenn sie
in Verfolgerstaaten abgeschoben werden und Folter, Erniedrigung und Isolation
entgegensehen.TeilnehmerInnen des Kongresses haben es sich zur Aufgabe
gemacht, die prekäre und oftmals verschwiegene Situation von politischen
Gefangenen in Ländern wie Kamerun, Chile und der Türkei an die
Öffentlichkeit zu bringen und gemeinsam für die Rechte der politischen
Gefangenen einzutreten. Die in Deutschland entwickelte Isolationshaft,
die weltweit nicht als Foltermethode anerkannt ist, wird in unsere Heimatländer
importiert und als adäquate Behandlung von politischen Gefangenen
propagiert - dieser Entwicklung werden wir entgegengehen.
,,Festung
Europa"
Die Vereinheitlichung und Verschärfung der europäischen Migrations-
und Asylpolitik zielt mittlerweile auch direkt auf die Herkunftsländer.
Entsprechend der EU-Aktionspläne werden alle ökonomischen und
politischen Mittel eingesetzt, um die Herkunfts- und Transitstaaten in
die Zerschlagung der Fluchtwege einzubinden und Rückübernahmeabkommen
zu erzwingen. (...)
Vor diesem Hintergrund waren auf dem Kongress Delegationen von Selbstorganisationen
aus zehn europäischen Ländern eingeladen. Übereinstimmend
wurde die Notwendigkeit betont, gemeinsam der weiteren Formierung der Festung
entgegenzutreten. Ein erster Schritt besteht in der Ausarbeitung eines
europäischen Manifestes für die Rechte der Flüchtlinge und
MigrantInnen, das im kommenden Herbst im Rahmen von Aktivitäten zur
französischen Präsidentschaft fertiggestellt wird.Gemeinsame
Kampagnen gegen die an Abschiebungen beteiligten Fluggesellschaften wurden
bereits gestartet. Und schließlich sind für den kommenden Sommer
mehrere gleichzeitige Aktionscamp an den Außengrenzen der Festung
Europa in Vorbereitung. (...)
Soziale
Ausgrenzung, Rassismus, Faschismus
Das
Plenum und die Arbeitsgruppen zu diesem Thema gaben einen Überblick
und eine detailierte Analyse der behördlich angeordneten, permanenten
Polizeikontrollen von Flüchtlingen und Migranten als direktes Ergebnis
des rassistischen Asylbewerberleistungsgesetzes. Mit dem Vorwand nach Drogen
zu suchen werden Flüchtlinge in Zügen auf Bahnhöfen und
in ihren Häusern, ohne nur den geringsten Respekt ihrer Menschenrechte,
kontrolliert. (...)
Der Kongress hat deshalb beschlossen, eine Reihe von Aktionen durchzuführen,
einschließlich Demonstrationen in Bahnhöfen, um in den kommenden
Wochen diese Übergriffe öffentlich zu machen.." (...)
Es wurde beschlossen, eine Broschüre zu Überlebensstrategien
in der Illegalität in Deutschland zu erstellen.
Frauen
und Flucht/Migration
,,Der
Begriff des individuell politisch Verfolgten, wie er im deutschen Asylrecht
vorkommt, ist ein Konstrukt, das Frauen und ihre spezifischen Gründe
zur Auswanderung meistens ausschließt. Für viele Frauen aus
Lateinamerika, Afrika und Asien ist Migration die einzige Möglichkeit
ihr Überleben und das der Familie zu sichern. Doch Migrantinnen, die
ohne sicheren Aufenthaltsstatus in Europa leben und arbeiten, werden sehr
leicht Opfer von Ausbeutung und körperlichem, sexuellem oder psychologischem
Missbrauch.
Hausarbeit, aber auch Sexarbeit müssen daher als vollwertige Arbeit
mit allen zugehörigen sozialen Rechten (wie z.B.: Vertrag, soziale
Absicherung, geregelte Arbeitszeit, Eintritt in Gewerkschaft) anerkannt
werden. Ein von Arbeitgeber oder Ehegatten unabhängiges Aufenthaltsrecht
sowohl für Arbeitsmigrantinnen als auch für Frauen, die mit Staatsangehörigen
verheiratet sind, ist die Grundlage für die Befreiung von sexueller
und körperlicher Gewalt, von der Erpressbarkeit durch die Abschiebedrohung
und für ein Leben in Würde und ohne Unterdrückung. (...)
"Frauen aus Sri Lanka, aus Kurdistan und dem Iran berichteten über
die Situation von Frauen und deren Kampf für ihre Gleichberechtigung.,,Die
Kampagne gegen Apartheid in der deutschen Familienpolitik ist ein großer
Schritt vorwärts für die Karawane, weil sich erstmals Frauen
der deutschen ArbeiterInnenklasse beteiligen. (...)Die Kampagne (...) zeigt,
wie mit Sexismus und Rassismus die Abschiebepraxis über das Familienrecht
gestellt wird. Die Karawane ruft alle Frauen und Männer auf, diese
Unterdrückung nicht länger still zu ertragen, sondern sich gemeinsam
dagegen zur Wehr zu setzen!
Gemeinsam
gegen Abschiebungen
Abschiebung an sich stellt eine eklatante Menschenrechtsverletzung dar,
nicht nur weil durch diese, Flüchtlinge, die vor Folter und Tod geflohen
sind, in zynischer Weise ihren Verfolgern ausgehändigt werden, sondern
auch weil diese ausführend dazubeitragen, den Spalt zwischen den reichen
westlichen Industrieländern und dem Trikont zu vergrößern
und unüberwindliche Grenzen zu ziehen.
"Auf dem Kongress wurden Beispiele gegeben, wie Flüchtlinge und illegalisierte
Personen von der drohenden Abschiebung tagtäglich terrorisiert werden.
Deutsche Behörden und die Botschaften der Herkunftsländer kollaborieren,
um Personen, die um ihr Überleben und für ihre Menschenrechte
kämpfen, duch z.T. Massenabschiebungen loszuwerden.
Es wurden Strategien gegen Abschiebungen entworfen und beraten, wie bereits
initiierte Kampagnen unterstützt werden können.Um gegen die neokoloniale
Politik europäischer Regierungen Druck auf Dritte Welt Länder
auszuüben und ihre Botschaften zu bezahlen, damit diese die schmutzige
Arbeit erledigen, nämlich Papiere für die Abschiebung auszustellen,
vorzugehen, wurde für den 31. Juli ein gemeinsamer Aktionstag vor
verschiedenen Botschaften in Bonn beschlossen. (...)
Auf dem Kongress gab es viele Flüchtlinge, die direkt von Abschiebungen
in Länder, in denen ihr Leben in Gefahr ist, bedroht sind. Auch viele
Aktivisten der Karawane droht die Abschiebung. (...)
Die ungekürzte
Erklärung der Karawane, Rede- und Diskussionsbeiträge vom Kongress
sowie weitere Informationen über die Karawane findet ihr unter:
www.humanrights.de/congress
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