Deportation
Class
Gegen
das Geschäft mit der Abschiebung - zu
jedem Zeitpunkt an jeden Ort der Welt mit Lufthansa
Im
Frühjahr startete das bundesweite Netzwerk ,,kein mensch ist illegal"
(kmi) die Kampagne: ,,Deportation Class - gegen das Geschäft mit der
Abschiebung". Hauptzielpunkt der Kampagne ist die deutsche Lufthansa (LH).
,,Die Bedeutung der Lufthansa für die Abschiebemaschinerie ist immens",
so ein Sprecher von kmi. Die Airline ermögliche es den Abschiebebehörden,
,,zu jedem Zeitpunkt an fast jeden Ort der Welt eine Abschiebung durchzuführen."
Ein weiterer Bestandteil der Kampagne bildet die Firmengeschichte der Lufthansa
im NS und die Beschäftigung von ZwangsarbeiterInnen
(s. a.: Kranich
unterm Hakenkreuz).
30 bis 40.000 Flüchtlinge und MigrantInnen werden jährlich aus
Deutschland abgeschoben, fast alle auf dem Luftweg. Zwei Menschen starben
während ihrer Abschiebung, vierunddreißig wurden durch Zwangsmaßnahmen
oder Misshandlungen verletzt. Die LH ist nach eigenen Angaben jährlich
mit zehntausend bis sechzehntausend abzuschiebenden Flüchtlingen an
diesem Geschäft beteiligt. Allein vom Rhein-Main-Flughafen aus sind
es jährlich fünftausend. Offiziellen Angaben aus Frankfurt zufolge
setzen sich davon etwa 10 % der Flüchtlinge aktiv gegen ihre Abschiebung
zur Wehr.
Schon früher versuchte sich das Management der LH zu rechtfertigen,
man sei zur Beförderungen von Abzuschiebenden verpflichtet. Dem wird
in der Auftaktpresseerklärung der Kampagne widersprochen: Bis auf
wenige Fälle, in denen die Gesellschaft ihrer Rückbeförderungspflicht
nachkommen müsse, stehe es der LH als Privatunternehmen frei, an wen
sie Tickets verkaufe. Es liegt die Vermutung nahe, dass beim momentanen
Preisdumping im Fluggeschäft die LH auf jeden regulär bezahlten
Linienflug angewiesen ist. ,,Die Lufthansa nimmt einfach jedes Geschäft
mit", so eine Vertreterin von kmi.
,,Sie
schaden unserem Ruf"
Hauptstossrichtung der Kampagne ist, die Öffentlichkeit zu informieren
und Passagiere sowie Bodenpersonal zu ermuntern, im Falle einer zwangsweisen
Abschiebung einzugreifen. Das Ziel ist, die Lufthansa AG solange wegen
ihrer Beteiligung an der Abschiebungsmaschinerie öffentlich zu kritisieren,
bis diese erklärt, auf das Abschiebegeschäft komplett zu verzichten.Zum
Auftakt präsentierte kmi eine Wanderausstellung und die Kampagnenzeitung
,,Deportation Class", die auch im Internet eingesehen werden kann(http://www.deportation-alliance.com/lh/newsletter1.html).
"Sie schaden unserem Ruf", empörte sich ein Mitarbeiter der Lufthansa,
als am Eröffnungstag (11.3.) der Internationalen Tourismus Börse
(ITB) Berliner AktivistInnen mit einem Transparent "Abschiebung ist Mord"
um den noblen Stand der LH ihre Kreise zogen. Um die Situation der zwangsweisen
Abschiebung zu demonstrieren, war ein "Deportee" dabei, festgebunden in
einem Rollstuhl, einen Helm über den Kopf gestülpt und bewacht
von ,,Sicherheitspersonal". Informationsblätter fanden reges Interesse,
was hoffentlich nicht nur daran lag, dass die AktivistInnen in ihren dunkelblauen
Kostümen und gelben Tüchern den Uniformierten der Lufthansa doch
recht ähnlich sahen. Es ging dann noch zu anderen Fluglinien, von
denen die AktivistInnen aber immer wieder vom Wachpersonal vertrieben wurden.
Ein weiterer Aktionspunkt war das Ausbildungszentrum in Seeheim-Jugenheim
bei Frankfurt. DemonstrantInnen versuchten dort die PilotenschülerInnen
über Risiken und Problematiken von Abschiebungen im Luftverkehr zu
informieren - allein, die Lufthansa wollte nicht. Das Schulgelände
wurde durch Polizeieinheiten abgeriegelt. Die Schulpressesprecherin weigerte
sich, ein Gespräch mit den Kapitänen in spe zuzulassen. Daraufhin
veranstalteten die DemonstrantInnen eine Kundgebung vor der Schule.
In Schweden demonstrierte am 26. Mai eine Gruppe in Stockholm vor verschiedenen
Reisebüros, die mit der LH zusammenarbeiten.
Zum Jahrestag des Todes von Aamir Ageeb gab es unterschiedlichste Aktionen
in München, Hamburg, Hannover, Köln-Bonn, Bremen, Frankfurt,
Freiburg, Regensburg, Würzburg, Tübingen und Nürnberg.
Aamir Ageeb starb am 28. Mai 1999 an Bord der Lufthansa-Maschine LH 558
nach Kairo. Drei Beamte des Bundesgrenzschutzes hatten den 30jährigen
Sudanesen, als er sich gegen seine Abschiebung wehrte, an den Händen
und Füßen gefesselt, ihm einen Motorradhelm aufgesetzt und so
in den Sitz gedrückt, dass er erstickte. Aamir Ageeb ist nicht das
erste Todesopfer. Im August 1994 starb der Nigerianer Kola Bankole, ebenfalls
in Frankfurt. Er war gefesselt, "wie eine Wurst verpackt", mit Skisocken
und einem Rolladengurt geknebelt vom Bundesgrenzschutz in das Flugzeug
getragen und mit Spritzen ruhiggestellt worden. Auch Kola Bankole kam in
einer Maschine der Lufthansa zu Tode.In München wurde ein Trauerkranz
an Beschäftigte der Lufthansa AG übergeben mit der Aufforderung,
diesen in der Maschine LH 558 niederzulegen.In Hamburg fanden zwei Aktionstage
statt, während derer es gelang, eine Gedenktafel für Aamir Ageeb
anzubringen.
In Nürnberg wurde versucht in der Lufthansa-Agentur im City-Center
zum Gedenken an Ageeb ein Bouquet niederzulegen. Auf einer Kundgebung vor
dem Marktkauf am Plärrer sprachen VertreterInnen eines Aktionsbündnisses
und ein Vertreter des Sudanesischen Menschenrechtsvereins. Als das Bouquet
übergeben werden sollte, hatten die MitarbeiterInnen der Agentur aber
bereits die Türe zugeschlossen. Als die DemonstrantInnen das Bouquet
vor der Türe niederlegen wollten, wurden sie von der Polizei aufgefordert,
selbiges wieder mitzunehmen, da es sonst sofort entfernt würde. Darauf
kamen die AktivistInnen am nächsten Tag wieder in die Agentur. Doch
auch diesmal war der Geschäftsführer der Agentur nicht bereit,
das Bouquet in seinem Büro länger liegenzulassen.
Reaktionen
Inzwischen hat die Lufthansa AG mehrfach erklärt, dass ,,auf Flügen
mit einer Lufthansa-Flugnummer keine so genannten Deportees mehr akzeptiert
werden, die Widerstand gegen die Abschiebung leisten." Diese Position sei
bereits bei der Hauptversammlung in Köln am 16. Juni vorigen Jahres
bekannt gemacht worden.Von der Kampagne werden diese Äußerungen
sehr zurückhaltend aufgenommen.
Zum einen sei, zumindest bis Anfang Mai, bei Flugbegleitern und Piloten
keine diesbezügliche Anweisung ihrer Fluglinie bekannt gewesen. Zum
anderen sind in letzter Zeit mehrere Zwangsabschiebungen in Lufthansa-Maschinen
bekannt geworden. So eine von Frankreich aus, bei der erst nachdem ein
Passagier dem Flugkapitän mit juristischen Schritten gedroht hatte,
der Start abgebrochen wurde. Andere Zwangsabschiebungen in Lufthansa-Maschinen
gingen von Frankfurt in den Jemen und nach Sri Lanka. Auch der kurdische
Flüchtling Abdulcabbar Akyüz aus Wiesbaden wurde eindeutig gegen
seinen Willen von zwei Polizeibeamten und einem Arzt im Februar diesen
Jahres nach Istanbul abgeschoben, nach Angaben des Magazins Stern ebenfalls
mit Lufthansa.
Unklar bleibt auch, was als "Widerstand" angesehen wird. Wie laut muss
ein Flüchtling schreien und wie heftig an seinen Fesseln zerren, um
die Kriterien der Lufthansa zu erfüllen? Die Flugkapitäne handeln
demnach weiterhin gänzlich alleinverantwortlich, und es unterliegt
deren humanitären Erwägungen, wen sie zwangsweise mitfliegen
lassen und wen nicht.
,,Reclaim
the Airport" - Ausblick
Zur
Hauptversammlung der Deutschen Lufthansa AG am 15. Juni in Berlin wird
der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre beantragen,
dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.Für
den 1. Juli ist eine ganztägige Blockade des Flughafens Berlin-Schönefeld
unter dem Motto ,,Für freies Fluten" geplant. Auto-Korso und Blockaden
der Zufahrtswege sollen dem Motto mehr Gewicht verleihen.
Weitere
Informationen zur Kampagne sowie die Kampagnenzeitung gibt es unter:deportation.class
stop!
Kranich
unterm Hakenkreuz
Die
»Deutsche Lufthansa« beteiligte sich am Angriffskrieg der Nazis
und profitierte von der Sklavenarbeit
»Adolf Hitler fliegt durch Deutschland! Die Bewegung chartert ein
Sonderflugzeug der Deutschen Lufthansa. Erhard Milch, heute Staatssekretär
der Luftfahrt, damals Direktor der Deutschen Lufthansa, weiß, daß
es nur einer der Besten seiner Flugkapitäne sein kann, dem er das
Sonderflugzeug des Führers anvertraut, zugleich aber auch ein Nationalsozialist...
Hansl Baur. Er soll den Führer fliegen. Und er fliegt ihn.«
(Joachim
Matthias, Kameraden der Luft, 1938)
Die Stiftung der deutschen Industrie für die Entschädigung der
ZwangsarbeiterInnen hat bislang bekanntlich nur wenige Mitglieder. In ihr
sind vor allem die Firmen und Konzerne vertreten, die einen internationalen
Imageschaden befürchten, wenn ihr Engagement in Sachen Ausbeutung
von ZwangsarbeiterInnen allzu bekannt wird. Die »Deutsche Lufthansa«,
der »Diener von Volk und Staat,« so der Ehrentitel in Nazi-Deutschland,
hatte allen Grund, möglichst leise und geräuschlos dem Fonds
beizutreten, denn welcheR international Reisende wäre begeistert,
wenn er/sie Einzelheiten über das Wirken der Lufthansa in Nazi-Deutschland
erfahren würde. Denn hinter dem Einsatz der ZwangsarbeiterInnen verbirgt
sich die Verstricktheit der deutschen Zivilluftfahrt in Kriegsvorbereitung
und Naziherrschaft. Die Lufthansa war seit ihrer Gründung 1926 integraler
Bestandteil der geheimen Rüstungsprogramme. Mit der Machtübernahme
der Nazis beschleunigten sich die Anstrengungen, eine kriegsfähige
Luftwaffe zu entwickeln.
Hermann Göring und sein Staatssekretär im Reichsluftfahrtsministerium
Erhard Milch, der ehemalige Direktor der Lufthansa, waren die zentralen
Figuren bei der geheimen Aufstellung der deutschen Luftwaffe. Unter der
Ägide von Milch wurden die Zivilflugzeuge der Lufthansa seit 1933
als sogenannte Behelfsbomber im Krisenfall eingeplant. Sehr früh wurde
die Lufthansa zur inoffiziellen Transportlinie für Agenten und Militärpersonal.
1936 schickte die Lufthansa im Auftrag des »Führers« Flugzeuge
für Francos Truppen in den Spanischen Bürgerkrieg. Sie wurden
in der Lufthansa-Werkstatt Böblingen gewartet und durch Lufthansa-Piloten
im Direktflug nach Sevilla überführt.
1938, zu Beginn der »Sudetenkrise«, standen Lufthansa-Flugzeuge
mit SS-Mannschaften auf den Flugplätzen für den Fall bereit,
dass die Besetzung des »Sudetenlandes« auf Widerstand stoßen
sollte. Diese »Friedenseinsätze« wurden nach dem offiziellen
Kriegsbeginn noch erheblich ausgeweitet: Besatzungen der Lufthansa beteiligten
sich mit ihren Flugzeugen an Militäroperationen und geheimen Kommandounternehmungen.
So wundert es nicht, dass die »Lufthanseaten nach dem verlorenen
Krieg wie SS-Leute behandelt wurden.« (Rudolf Braunburg: Die Geschichte
der Lufthansa).
Ab Kriegsbeginn arbeiteten die Werkstätten der Lufthansa ausschließlich
für die Luftwaffe. In diesen kriegswichtigen Betrieben wurden sehr
schnell auch die ersten Kriegsgefangenen und zivilen »Fremdarbeiter«
zur Arbeit gezwungen. Verbürgt ist der Einsatz von ZwangsarbeiterInnen
in München. Dort mussten 248 Kriegsgefangene arbeiten. In Lübeck
unterhielt das Luftwaffenzeugamt zusammen mit der Lufthansa drei Lager
für zivile »FremdarbeiterInnen« mit 480 Personen. In Echterdingen
bei Stuttgart waren 247 holländische Zwangsarbeiter am Flughafen zur
Wartung der Flugzeuge eingesetzt. 1942 wurden noch einmal zusätzlich
477 RussInnen - unter ihnen auch 41 Kinder - in das Lager der Lufthansa
am Flughafen Echterdingen verschleppt. Die Verantwortlichen der Lufthansa
für die Zwangsarbeit wurden nach dem Krieg nicht belangt. Nur der
schon genannte Erhard Milch wurde im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
wegen zahlreicher Kriegsverbrechen zu einer lebenslänglichen Haftstrafe
verurteilt, aber schon 1954 wieder begnadigt. Die ZwangsarbeiterInnen aus
den Lagern der Lufthansa warten hingegen seit 55 Jahren auf Entschädigung.
Kein
mensch ist illegal http://www.deportation-alliance.com/lh
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