Entschädigungsfond
für Zwangsarbeit:
Täterschutz oder Opferbeseitigung?
Interview mit Prof. Dr. Thomas Kuczynski
Seit Monaten wird verhandelt, und eigentlich schien ein Ende
nahe. Viele Zwangs- und SklavenarbeiterInnen der deutschen Industrie hofften
bald wenigstens eine geringe Entschädigung zu bekommen. Doch nun müssen
sie sich weiter gedulden, und wieder ein paar Menschen werden nicht mehr
in den Genuss von ein paar Mark kommen. "Ohne eine hinreichende Rechtssicherheit
wird es keine Stiftung und kein Stiftungsvermögen geben", so der stellvertretende
Fraktionschef der Union Wolfgang Bosbach.
Die Deutsche Industrie hatte Rechtssicherheit, die sie
in Zukunft vor jeglichen Zahlungen schützen soll, als eine Bedingung
für die Einrichtung der Stiftungsinitiative gefordert. Nun sind sich
die Verhandlungsdelegationen uneins, wie diese Rechtssicherheit umzusetzen
sei. Reicht eine politische Erklärung der US-Regierung, amerikanische
Gerichte sollten sich in Zukunft nicht mehr mit Entschädigungsfragen
beschäftigen, da dies nicht im Interesse der USA läge, oder bedarf
es auch noch juristischer Maßnahmen? Um keine Missverständnise
bezüglich der Haltung der Deutschen Industrie aufkommen zu lassen,
warnte ihr Sprecher Wolfgang Gibowski: ?Die US-Seite hat noch nicht verstanden,
dass sie zum Gelingen oder Scheitern beiträgt." Auch Israel und die
Osteuropäische Staaten sollen diese Rechtssicherheit garantieren,
so dass in Zukunft allein die Stiftung und ihr Vermögen für Entschädigungen
zuständig wäre.
Am 17. Juli soll der Bundestag das Stiftungsgesetz
verabschieden. Dies ist nötig, um wenigstens
im Herbst Gelder auszahlen zu können. Allerdings wurde auf deutscher
Seite auch schon laut angedacht, die Verabschiedung zu vertagen, solange
die Rechtssicherheit nicht gewährleistet ist.
Letzten Winter hatte die Deutsche Industrie versprochen,
bis zum Frühsommer ihre 5 Milliarden beisammenzuhaben.
200.000 Firmen wurden angeschrieben und aufgefordert, der Initiative
beizutreten. Dem American Jewish Comittee beispielsweise liegt eine Liste
mit 400 Firmen vor, von denen 240 noch nicht beigetreten sind. Der aktuelle
Stand: 2.380 Firmen haben ca. 3 Milliarden Mark eingebracht.
Radio Z sprach mit Thomas Kuczynski über die
Entschädigungszahlungen der Deutschen Industrie. Prof. Dr. Thomas
Kuczynski ist freier Publizist und Wirtschaftswissenschaftler. Er hat u.a.
eine Studie über den tatsächlichen Lohnvorenthalt von Sklaven-
und ZwangsarbeiterInnen während der NS-Zeit erarbeitet.
RZ: Wie viele Menschen wurden während der NS-Zeit zur Sklaven-
bzw. Zwangsarbeit gezwungen?
Kuczynski: Auf dem Territorium des Dritten Reiches in den Grenzen
von 1938 waren es etwa 14 bis 15 Millionen, darunter zivile Zwangsarbeitskräfte,
Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, die dann öfter auch als Sklavenarbeiter
bezeichnet worden sind.
RZ: Es wurde sich ja auf eine Entschädigungssumme von 10
Milliarden Mark geeinigt. Wie viele DM stünden den Zwangs- und SklavenarbeiterInnen
nach Ihren Berechnungen tatsächlich zu?
K: Nach meinen Berechnungen sind es umgerechnet etwa 180 Milliarden
Mark, wobei man diese Zahl natürlich zu den 14 bis 15 Millionen Menschen,
die damals in Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben, ins Verhältnis
setzen muss. Dann käme man auf einen Entschädigungssatz von etwa
12 bis 13.000 DM pro Kopf. Allerdings habe ich so gerechnet, dass es keinen
Unterschied macht, ob die Zwangsarbeitskräfte damals zu Tode gekommen
sind, in der Zwischenzeit verstorben sind oder heute noch leben. Ich bin
der Meinung, dass man denen, die daran verdient haben nicht auch noch zur
Belohnung dafür, dass so viele umgekommen sind, den Entschädigungssatz
runterkürzen muss. Wenn man diese 12 bis 13.000 DM pro Kopf auf die
zur Zeit noch Lebenden umrechnet, käme man auf etwa 25 Milliarden
Mark, die notwendig wären. Insofern sind also die vereinbarten 10
Milliarden sehr wenig, um es mal ganz milde zu formulieren, wobei das besonders
Erschreckende ist, dass es sehr zäher Verhandlungen bedurft hat, überhaupt
diese 10 Milliarden vertraglich festzuklopfen. Außerdem ist zu berücksichtigen,
dass fast 2 Milliarden Mark überhaupt nicht für die Zwangsarbeiterinnen
und -arbeiter zur Verfügung stehen, sondern für die Opfer der
sog. Arisierung, für diesen sog. Zukunftsfond usw.
RZ: Desweiteren ist ja eine Vererbung von Ansprüchen ausgeschlossen.
Was bedeutet das?
K: Eine Vererbung der Ansprüche ist nur insofern ausgeschlossen,
als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die vor dem 16. Februar 1999
verstorben sind, nicht diesen Anspruch auf ihre Kinder oder Ehepartner
vererben können. Ansonsten müsste man heute wahrscheinlich mit
30 bis 40 Millionen Erben rechnen. Diejenigen, die in den Stand des Erben
nach dem 16. Februar eingetreten sind, können tatsächlich diesen
Anspruch rechtswirksam werden lassen.
RZ: Was halten Sie insgesamt von diesem Stiftungsgesetz?
K: Nun es ist zunächst einmal ein Täterschutzgesetz
und ein Opferbeseitigungsgesetz. Also nicht dass sie physisch eliminiert
werden, aber eine Vielzahl von Opfern wurde anfänglich überhaupt
nicht in dem Gesetzentwurf eingebracht, bzw. es wurde dann großzügig
festgestellt, wenn die Partnerorganisationen insbesondere in Osteuropa
der Meinung sind, dass Leute, die in der Landwirtschaft Zwangsarbeit geleistet
haben, auch entschädigt werden sollen. Nun gut, aber das geht dann
zu Lasten der Anderen.
Das entscheidende Moment aber in diesem Gesetz ist nach meinem Dafürhalten,
dass Rechtssicherheit für die deutschen Unternehmen hergestellt wird
und nicht Rechtssicherheit für die Opfer. Man kann ja schlechterdings
nicht die Entschädigung für Zwangsarbeit, das heißt
den entgangenen Lohn, damit gleichsetzen, dass nun alle anderen Verbrechen
vergeben und vergessen sind.
RZ: Trotz dieser Rechtssicherheit haben sich ja bislang nicht
allzuviele Firmen zur Zahlung bereit erklärt. Wie viele Firmen haben
denn von Zwangsarbeit profitiert?
K: Der Kollege Herbert von der Universität Freiburg im Breisgau
hat einmal sehr klug folgendes formuliert: Wir sind immer noch auf der
Suche nach der deutschen Firma, die keine Zwangsarbeiter beschäftigt
hat. Insofern können Sie natürlich von tausenden und abertausenden
Firmen ausgehen. Außerdem müssen Sie bedenken, dass die Rechtssicherheit
alle Firmen betrifft, gleichgültig ob sie eintreten oder nicht. Damit
wird ganz deutlich, wie wenig Druck von Seiten des Gesetzgebers ausgeübt
wird, dass die Firmen wenigstens ein Minimum an Entschädigungszahlungen
aufbringen.
RZ: Was gäbe es denn für Möglichkeiten, die Firmen
dazu zu bewegen, der Stiftungsinitiative beizutreten?
K: Zunächst einmal wäre ja die Möglichkeit gewesen,
dass die Regierung dieses Landes gesamtschuldnerisch einsteht für
das, was den Zwangsarbeitern vorenthalten worden ist und dann auf dem Gesetzesweg
einfordert, was von den Firmen einzufordern ist. Natürlich gibt es
eine ganze Anzahl von Firmen, die heute gar nicht mehr existieren, und
es gibt eine Vielzahl neuer Firmen. Allerdings bin ich der Meinung, dass
dies alles zum Erbe deutscher Geschichte gehört und insofern also
auch eine Firma, die in dieser deutschen Wirtschaft beheimatet ist, ein
Stück Verantwortung dafür tragen und fühlen sollte, was
von der deutschen Wirtschaft vor 60 Jahren angerichtet worden ist.
Stadt der Reichsparteitage dankt ?ihren" ZwangsarbeiterInnen
Nach fast 55-jährigem Schweigen hat die Diskussion um die
Entschädigung von ehemaligen ZwangsarbeiterInnen nun auch Nürnberg
erreicht.
Im April 1999 stellte die Stadtratsfraktion der Grünen eine
Anfrage, die sich auf den Umgang der Stadt mit kommunaler Zwangsarbeit
bezieht. Daraufhin erhält das Nürnberger Stadtarchiv den Auftrag,
genauer nachzuforschen. Und siehe da: Binnen dreier Monate ist eine Namensliste
von 1028 ZwangsarbeiterInnen erstellt, die von der Stadt Nürnberg
ausgebeutet wurden. Archiv-Mitarbeiter Gerd Jochem meint, dass diese Zahl
schätzungsweise verdreifacht werden müsse, um der Realität
nahe zu kommen. Die bei der Stadt eingesetzten ZwangsarbeiterInnen waren
größtenteils aus der Sowjetunion deportiert worden. Außerdem,
so Jochem, wurden ab 1940 auch 1415 Kriegsgefangene zu kommunaler Arbeit
gezwungen.
Soweit die Fakten, die den Verantwortlichen seit Juli 1999 bekannt
sein dürften. Alles was seither geschah bzw. nicht geschah, lässt
nur einen Schluss zu: Die Stadt ist an einer Entschädigung der Betroffenen
nicht interessiert. Worum es hingegen geht ist das Image Nürnbergs
als ?Stadt der Menschenrechte".
Zunächst hieß es von offizieller Seite, man wolle die
Ergebnisse der Verhandlungen über den Entschädigungsfond abwarten.
Nun heißt es, die Kommune würde über den deutschen Städtetag
?wahrscheinlich sowieso" in den Fond einzahlen und ein ?vorpreschen" Nürnbergs
in dieser Frage sei daher voreilig. Vorläufiges Fazit: Wenn ZwangsarbeiterInnen
aus dem nach wie vor mehr als unsicheren Fond irgendwann tatsächlich
einmal Zahlungen erhalten sollten, dann hätte auch die Stadt Nürnberg
ihrer Pflicht genüge getan.
Aber damit nicht genug: die ?Stadt der Menschenrechte" lässt
sich mehr einfallen. Es soll eine städtische Stiftung zur ?Aufarbeitung
der Geschichte" ins Leben gerufen werden, an der sich auch Nürnberger
Unternehmen beteiligen können. Die Aufgabe dieser Stiftung ist aber
keineswegs die Entschädigung der Opfer von Zwangsarbeit. So ?rückwärtsgewandt"
will die Stadt ihre Stiftung nicht verstanden wissen. Mit dem Stiftungskapital
von ca. 1,5 Millionen DM sollen vielmehr ?zukunftsweisende Projekte" finanziert
werden. Hierunter verstehen die Fraktionsspitzen von SPD, Grünen,
CSU und OB Scholz (CSU) z.B. Programme in Nürnberger Schulen mit ehemaligen
ZwangsarbeiterInnen und Einladungen der noch lebenden Opfer nach Nürnberg,
nicht zuletzt um - wie es bereits in der Anfrage der Grünen vorformuliert
wurde - ihnen das ?demokratische Nürnberg" zu zeigen. ZwangsarbeiterInnen,
die dieses nicht sehen wollen, gehen eben leer aus.
Nein, nicht ganz. Sie können sich immerhin an dem Dank
der Stadt erfreuen, der ihnen durch Stadtsprecher Stöckel zuteil wurde.
Dieser bedankte sich - die historische Realität ignorierend - bei
den Opfern von Zwangsarbeit für ihre ?in Nürnberg geleistete
Arbeit", ganz so, als hätten diese ihre Arbeitskraft den Deutschen
freiwillig zur Verfügung gestellt.
s.n.
|