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"Hier
geht es um Einschüchterung"
Abschiebeknast
Schlesierstraße in Ansbach
Seit
einem halben Jahr stellt das Ansbacher Ausländeramt Flüchtlingen
nur noch Grenzübertrittsbescheinigungen aus und zwar ohne Eintrag.
Duldungen werden verweigert. Betroffen von dieser Praxis sind speziell
Flüchtlinge aus Äthiopien und Eritrea. Die Behörde bewegt
sich hier in einer rechtlichen Grauzone, da derartige Papiere vom Ausländergesetz
überhaupt nicht vorgesehen sind. Die so bezeichneten Grenzübertrittsbescheinigungen
sollen im ,,Normalfall", der gerade in der ausländeramtlichen Praxis
äußerst strittig ist, nur einen Grenzübertritt einer Person
dokumentieren. Sie werden also bei einer Ausreise ausgestellt und vom Bundesgrenzschutz
BGS zurück an die zuständigen Behörden gesandt, damit Klarheit
über den Verbleib der Person herrscht. ,,Einen Aufenthalt eines Fremden
in der BRD können die Papiere jedoch nicht regeln, sind hierfür
sogar als rechtswidrig anzusehen.
Diesen
Menschen müssten aus gesetzlicher Sicht Duldungen ausgestellt werden",
kommentiert die Münchner Anwältin Gisela Seidler, die den Fall
juristisch betreut, das Vorgehen in Ansbach.Die Flüchtlinge können
die BRD nämlich gar nicht verlassen, selbst wenn sie es wollten. Zwar
sind sie theoretisch ausreisepflichtig, doch die Botschaften ihrer Heimatländer
Äthiopien und Eritrea verweigern die Ausstellung von Einreisedokumenten.
Hintergrund: Gerade diese Staaten kooperieren ungerne mit der BRD und stellen
kaum Pässe aus, da sie selbst eine Politik der ethnischen Separation
betreiben, die mit zum Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea beigetragen
hat. Das heißt nichts anderes, als dass in diesem Fall weder ein
freiwilliges Verlassen des Landes noch eine zwangsweise Abschiebung möglich
ist. Sowohl die deutsche Asylpolitik als auch die Haltung der Botschaften
werden auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen. Eine Zwickmühle
aus Paragraphen.
Die
Folgen für die Menschen aus Äthiopien und Eritrea gehen an die
Substanz. 25 betroffene Flüchtlinge sind praktisch im Wohnheim in
der Ansbacher Schlesierstraße eingeschlossen, können keinen
Fuß vor die Tür setzen, um der Tristesse des Gemäuers zu
entrinnen oder sich auch nur das Nötigste zu besorgen. Sie befinden
sich de facto in einem Gefängnis. Begründung: Da sie ausreisepflichtig
wären, hätten sie sich sofort zur nächsten Grenze zu begeben
und dürften sich nicht im Land aufhalten. Genau das aber tun sie zwangsläufig,
wenn sie ihre Unterkunft verlassen. Ein Gang in die Stadt, und sei es nur
zum nächsten Zigarettenautomaten, gilt als ,,illegale Einreise" beziehungsweise
,,illegaler Aufenthalt" und wird sogleich mit Bußgeld bis zu 2.000
DM bestraft. Wer diese Summen nicht zahlen kann - da Flüchtlinge ja
nicht arbeiten dürfen - bekommt die mageren 80 DM Taschengeld entzogen
oder landet sogar als ,,kriminell" im Abschiebeknast. Viele der Flüchtlinge
haben daher bereits kürzere oder längere Aufenthalte in diversen
Haftanstalten hinter sich. Ein Mann saß mehrfach für eine Woche
hinter Gittern, ein anderer ganze acht Monate im Nürnberger Abschiebegefängnis,
da er sich angeblich nicht entsprechend bemüht hätte, sich einen
Pass zu besorgen.
Sture
Beamte, knallharte Polizisten
AktivistInnen
der Nürnberger ,,Karawane für die Rechte der Flüchtlinge
und MigrantInnen", die sich schon länger mit dem Fall befassen, sind
schockiert: ,,Diese Menschen werden faktisch dafür bestraft, dass
sie Deutschland nicht verlassen, man will sich an ihnen rächen. Ihre
Situation ist unglaublich und widerspricht ebenso dem geltenden Recht wie
der Humanität. Immerzu steht Polizei vor der Tür und überwacht
das Heim, sogar mit Hunden. Unglücklicherweise befindet sich genau
gegenüber eine BGS-Kaserne. Die dürften sich zwar eigentlich
nicht einmischen, da das Polizeiangelegenheit ist, wir hörten aber,
dass sie es dennoch tun. Die Leute werden schikaniert, nicht nur jeder
Schritt nach draußen wird geahndet, sondern die Polizei kam auch
schon mitten in der Nacht ins Haus und führte Durchsuchungen unter
dem altbekannten Vorwand von Drogenkontrollen durch. Natürlich wurde,
wie oft in solchen Fällen, nichts gefunden.
Hier
geht es um Einschüchterung. Dabei leben die Flüchtlinge ganz
offiziell dort, wurden vom Landkreis zugewiesen, und doch wurde ihnen bei
diesen Razzien illegaler Aufenthalt angehängt", berichtet eine Flüchtlingsunterstützerin.
Sogar ein 14jähriges Kind sei auf seinem Schulweg immer wieder kontrolliert
worden. Alle Interventionen und Nachfragen beim zuständigen Ausländeramt
hätten nichts genützt: ,,Die Beamten schalten uns gegenüber
auf stur". So alarmierten die NürnbergerInnen die bundesweite ,,Karawane"
und baten die MitstreiterInnen, einen Abstecher von dem Flüchtlingskongress
in Jena nach Ansbach zu machen.
Die
angereisten Flüchtlinge zeigten sich ebenso betroffen von der verzweifelten
Lage der Eingeschlossenen: ,,Die Menschen sind sozial überhaupt nicht
integriert, kennen niemanden, sie leben abgeschottet von der Bevölkerung
wie Ausgestoßene. Ihre psychische Situation ist besorgniserregend,
die meisten leiden bereits unter Depressionen. Ein Mensch ist doch ein
soziales Wesen und braucht mehr als Essen, was nützen diese Lebensmittelmarken?
Hier ist Ausgrenzung das Problem, weil diese Menschen sozusagen nicht mehr
existieren, sie haben keinerlei Zukunft", betont eine iranische Flüchtlingsfrau
auf der anschließenden Pressekonferenz traurig. Ein anderer Flüchtling
aus Afrika versucht, ein paar heiterere Worte zur Entkrampfung anzubringen,
fragt, ob denn in diesem Land Visa für einen Stadtbummel nötig
seien.
,,Dieser
Stacheldraht drumherum, die Polizei direkt davor, dann auch noch die Hunde
und die strikte Einteilung von Menschen in verschiedene Kategorien, das
ist für mich sehr erschreckend", bemerkt eine Menschenrechtsaktivistin
aus Asien bitter. ,,Menschen, die fliehen mussten, vielleicht schon Haft
und Folter hinter sich haben, finden sich erneut im Gefängnis wieder
und haben noch weniger Freiheiten als im diktatorischsten Herkunftsland".
Hinzu komme auch noch die prekäre hygienische Situation, konstatiert
die Karawane: Eine Toilette pro Etage, ebenso nur eine Dusche, die Küche
sei in desolatem Zustand. Kein Wunder, dass das Heim unter diesen Bedingungen
völlig heruntergekommen ist.
Bayerisches
Brauchtum
Ähnliche
Verhältnisse, was die Aufenthaltsregelungen für Flüchtlinge
betrifft, lassen sich in keinem anderen Bundesland als im restriktiven
Bayern finden. Überall sonst werden Duldungen ausgestellt, wenn die
Menschen nicht in ihr Herkunftsland zurückkehren können. Einen
ähnlichen Fall wie den in Ansbach hatte es vor Jahren auch in Kempten
im Allgäu gegeben. Da das Ausländeramt die Ausstellung von Duldungen
verweigerte, hagelte es bald schon Strafen für die Flüchtlinge.
Anwältin Seidler: ,,Das war damals ein Riesenskandal. Diese lächerlichen
Strafbefehle mussten wieder zurückgenommen werden, da die Flüchtlinge
schließlich nichts verbrochen hatten. Die Menschen, die man zum Teil
schon eingesperrt hatte, kamen wieder frei.
Das
Beispiel zeigt, dass es jetzt darauf ankommt, politischen Druck zu erzeugen,
damit auch in Ansbach diese Strafen aufgrund der fatalen Grenzübertrittsbescheinigungen
nicht mehr verbüßt werden müssen. Es gibt inzwischen sogar
zwei höchstrichterliche Urteile des Bundesverwaltungsgerichtes, das
die Entscheidungen des bayerischen Verwaltungsgerichtshofes aufgehoben
und bestimmt hat: Entweder jemand wird abgeschoben, oder er muss eine Duldung
erhalten. Ein ungeregelter Aufenthalt ist unzulässig. Bayern darf
diese Rechtssprechung nicht länger brechen."
Das
durchzusetzen, dürfte allerdings schwierig sein in dem Bundesland,
in dem Günter Beckstein Innenminister ist. Es existiert nämlich
eine Weisung des Innenministeriums, die protokollarisch festhält,
dass die Ausländerbehörden im Rahmen einer Dienstbesprechung
angewiesen wurden, nur noch Grenzübertrittsbescheinigungen auszustellen,
um Druck auf die Leute auszuüben und auch die Haftrichter leichter
dazu zu bringen, Abschiebehaftbefehle zu verhängen. Bayern ist eben
Bayern und gesteht seinen Beamten gewisse Ermessensspielräume nicht
zu, die die Ausstellung von Duldungen sehr wohl ermöglichen würden,
wie ein Ländervergleich zeigt. Dafür wird bei unnötigen
Polizeikontrollen schon mal ein Auge zugedrückt.
In
den Griff bekommen
Nicht
alle Behörden scheinen den Willen ,,von oben" zu vollziehen,. Manche
befolgen nicht die Anweisung, die sie für rechtswidrig halten, doch
die sind in der Minderheit. In München kam man beispielsweise auf
den Gedanken, ein Arbeitsverbot über diejenigen Flüchtlinge zu
verhängen, die hätten arbeiten dürfen, um sie auf diese
Art abzustrafen. Gisela Seidler: ,,Eigentlich eine Nötigung, ebenso
wie das Einsperren der Leute." Amtsleiter Jürgen Lösch von der
Ansbacher Ausländerbehörde bestätigt selbst öffentlich,
dass eine solche Praxis bei ihm Usus ist. Er wolle sich aber nicht damit
abfinden, dass diese Personen nicht ausreisen könnten. Vielmehr beharre
er auf der ,,Pflicht, bei der Beschaffung von Heimreisedokumenten mitzuwirken",
so der Beamte. Wer sich Nachforschungen wiedersetze, müsse zur Mitarbeit
animiert werden. Offen bestätigt er auch, dass es sich bei den Grenzübertrittsbescheinigungen
um ein Druckmittel handelt. Duldungen brauche er nur auszustellen, wenn
,,alle Möglichkeiten der Identitätsfeststellung erschöpfend
in Anspruch genommen wurden"
Das
scheint ein dehnbarer Begriff zu sein, denn nach Löschs Vorstellungen
sollen auch Angehörige in den Heimatländern nach Urkunden und
Dokumenten suchen. Denn irgendwann wolle er ,,diese Spielchen in den Griff
bekommen" Aus Beamtensicht geht es hier um Leute, deren Herkunft unklar
ist. Er hätte die Erfahrung gemacht, dass die Ausweise oft schnell
wieder auftauchten, wenn man etwas Dampf mache, so Lösch. Für
die Karawane-AktivistInnen eine bösartige Unterstellung. Es sei von
niemandem zu erwarten, in ein Land zu gehen, in dem 18 Millionen Menschen
vom Hungertod bedroht seien und zudem Krieg herrsche.
Die
Zukunft des Gebäudes an der Schlesierstraße ist klarer als die
der Flüchtlinge, denn das Heim soll im Herbst aufgelöst werden,
ab Sommer stehen Umverteilungen der Flüchtlinge nach Angaben eines
Mitarbeiters des Regierungsbezirkes Mittelfranken an. In das Haus wird
dann ein Fortbildungsinstitut für Lehrkräfte ziehen. Mit einer
Verbesserung für die Menschen aus Äthiopien und Eritrea ist allerdings
nicht zu rechnen, da weiterhin eine Gemeinschaftsunterkunft existieren
wird. Wo die Menschen bis dahin wohnen, ist noch unklar. Doch wo man festsitzt,
ist schließlich egal.
Claudia
Schuller
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