Die
BeHERRschung verlieren?
Expo
2000: Innen herrscht nachhaltige Leere,außen die Polizei
Eher
mau war bis Ende Mai die kritische Reaktion auf diese Show, die vom 1.6.-31.10.2000
in Hannoverstattfindet. In den bürgerlichen Medien beschränkte
sich die Berichterstattung lediglich darauf, wie mensch möglichst
gut dorthin kommt und was mensch sich dann auch ansehen muss. Immerhin
fährt nach den Erwartungen der VeranstalterInnen JEDE(R) ACHTE hierzulande
im nächsten halben Jahr nach Hannover. Selbst in den linken Medien
gab es bis jetzt noch keine umfangreiche Auseinandersetzung mit diesem
Thema. Zwar fanden auch im Großraum Nürnberg einige Veranstaltungen
statt, wie etwa im Februar ein Vortragsabend mit Jörg Bergstett -
Umweltaktivist und z.B. Schreiber für die Ö-Punkte - im Metroproletan,
auf dem die Propaganda der Expo-MacherInnen zerlegt und Argumente dagegen
geliefert wurden. Jedoch scheint es fast so, als ginge dieses Thema eigentlich
niemanden außer den potentiellen BesucherInnen an, in der Annahme,
es wäre halt mal wieder eine komische Messe, deren Auswirkungen eigentlich
nicht so schlimm seien. Fast alle großen Verbände und Organisationen,
ob z.B. im ökologischen Bereich der BUND oder im menschenrechtlichen
amnesty international, wurden im Vorfeld eingekauft und beziehen seitdem
keine kritische Stellung zur Expo, was natürlich zur Akzeptanz beiträgt.
Übrig
geblieben, sich gegen die Kapitalismusschau zu stellen, sind nur libertäre
und feministische Zusammenhänge, die Antifa und die emanzipatorische
Linke.
EXPO
NO
Es
gibt schon seit 1861 Expo-Veranstaltungen und jedesmal werden neue Technologien
vorgestellt, die dann durch die Bevölkerung akzeptiert werden sollen.
Das klappte auch ganz gut. Da diese Weltausstellung immer einen Hauch von
hochoffiziellen Richtungswegweisern haben. Doch heute spitzt sich die Lage
zu: Der weltweite Kapitalismus kann nach dem Wegfall der ?Konkurrenz? seit
zehn Jahren ungehindert agieren, was jetzt euphemistisch Globalisierung
getauft wird. Mit der ersten Weltausstellung auf deutschem Boden präsentiert
die BRD ihren Anspruch auf eine Führungsrolle in der Weltpolitik.
Auf der EXPO herrscht Multikulti, in der bundesdeutschen Politik überbieten
sich PolitikerInnen in populistischen Sprüchen.
Diesmal
sollte mit dem Motto ?Mensch Natur Technik? gezeigt werden, dass es der
Veranstaltung nicht nur um die Technik geht. Vorgeführt wird dagegen
- das ist das Thema auf dieser Expo - die Gentechnogie das Wundermittel
gegen Hunger und ?Bevölkerungsexplosion? als moderne Eugenik, wieder
mal die Atomenergie als die Lösung unser Energieprobleme und die Internetgesellschaft
als Demokratiebringer. Die Menschen sollen abgelenkt werden und endlich
aufhören, an der Technik zu zweifeln.
Aktionswoche
Die
Expo-Eröffnung am 1.6.2000 wurde von einer Gegen-Aktionswoche (vom
27.5. bis zum 4.6.) begleitet - ?Die BeHERRschung verlieren?. Am ersten
Tag zogen 2000 Menschen friedlich durch die Innenstadt, zeitgleich mit
der offiziellen Einweihung des Weltausstellungs-Bahnhofs durch den Bundeskanzler
- dort kam es zu tumultartigen Zwischenfällen, als Expo-Freikarten
verteilt wurden.
Ein
paar Tage vorher wurde in Genua (Italien) die Biotechweltausstellung TEBIO
durch 10.000 Menschen blockiert.
Bereits
in Vorfeld begann in Hannover die Repression. Räume und Telefone erklärter
Expo-GegnerInnen wurden seit Jahren abgehört, in den Wochen vor der
Aktionswoche kam es wiederholt zu Hausdurchsuchungen und Anquatschversuchen
durch den Staatsschutz - und das nicht nur in Hannover.
Die
Anti-Expo-Zeitung, die während der Aktionswoche regelmäßig
erschienen ist, musste die Druckerei mehrmals wechseln, da die Verlage
die Repression fürchteten. Als dann das Blatt endlich fertig war,
wurden die AusteilerInnen von der Polizei an ihrem Tun gehindert.
Interessant
war die Resonanz der HannoveranerInnen auf den Widerstand - die meisten
waren schon vor der Eröffnung sehr Expo-kritisch eingestellt, und
das unangemessen harte Vorgehen der Polizei ließ die Zahl der ?SympathisantInnen?
zusätzlich ansteigen.
Den
Expo-GegnerInnen wurde die Anreise erschwert, da die 10.000 OrdnungshüterInnen
in der Stadt alle ?bunten? Menschen kontrollierten. Deshalb kamen viele
AktivistInnen ?in Zivil?.
Einen
Tag vor der großen Eröffnung wurde dann das Expo-No-Camp von
400 PolizistInnen umstellt und von über 50 Menschen die Personalien
festgestellt. Die meisten AktivistInnen hatten noch rechtzeitig entkommen
können. Es wurden Spraydosen, Farbe, Handys, Aufkleber und ein Computer
beschlagnahmt. Um die Razzia zu rechtfertigen, wurde von der Polizei die
Falschmeldung verbreitet, es hätten sich auch Mollis und Sprengstoff
auf dem Gelände befunden.
Der
1. Juni war der zentrale Tag des Widerstands. Überall im Bundesgebiet
hatten sich die Leute dezentral in kleinen, autonomen Bezugsgruppen zusammengefunden
und gemeinsam Pläne geschmiedet, um am 1.6. in der Innenstadt Hannovers
und auf den Zufahrststraßen zur Expo durch kleine, aber feine Aktionen
Chaos zu stiften und den Technikglauben der Expo-Fans ins Wanken zu bringen.
Viele Ideen entstanden auch erst auf dem Camp oder an anderen Orten in
Hannover, wo die AktivistInnen aus Angst vor weiteren Razzien oder gar
einer Räumung untergekommen waren.
"Expo-Eröffnung
verhindern!"
Die
Aktionen begannen in den frühen Morgenstunden. Es stellte sich allerdings
als außerordentlich schwierig heraus, Kreuzungen zu blockieren oder
Züge durch Notbremsen zum Halten zu zwingen: Zum einen war die Staatsmacht
wirklich fast allgegenwärtig, an jeder Ecke war es grün. Kaum
sammelten sich einige Menschen irgendwo in der Stadt, waren schon -zig
BeamtInnen zur Stelle. So wurden die meisten Aktionen verhindert, bevor
sie richtig beginnen konnten. Auch ist der Widerstand sicherlich von Spitzeln
unterwandert, es schien, als hätten die Bullen über einige Aktionen
im voraus bescheid gewusst.
Der
andere Grund, warum der Expo-Widerstand nicht so richtig hatte greifen
können, war wesentlich schwerer vorauszusehen gewesen: die Expo hatte
nämlich ihren Teil des Plans nicht annähernd erfüllt - sie
hatte es schlichtweg nicht geschafft, die vorausgesagten Besuchermassen
und Blechlawinen nach Hannover zu locken. Die Straßen waren bis mittags
fast völlig verwaist. Nur AktivistInnen waren gut gekleidet in der
Innenstadt unterwegs - und natürlich viele, viele PolizistInnen.
Viele
Aktionen klappten trotzdem recht gut. So wurde zuerst durch brennende Reifen
die ICE-Strecke Hannover-Hamburg für eine halbe Stunde blockiert,
der Messeschnellweg durch eine Abseilaktion und vorangegangener Mini-Reclaim-the-Streets-party
für 20 Minuten lahmgelegt. Blockaden auf anderen Zubringerstraßen
blieben weitgehend unbemerkt, da keine Autos unterwegs waren. Bei der offiziellen
Eröffnungsfeier durch die Honoratioren unserer Republik am Messegelände
störten GegnerInnen die Feierlichkeiten so empfindlich, dass Herr
Schröder außer sich geriet. Am Mittag besetzten mehrere hundert
Menschen im Anschluss an eine Demo durch die Innenstadt den Bahnhofsvorplatz.
Im
Laufe des Tages wurden immer wieder kleinere und mittlere Blockade- und
Störaktionen im ganzen Stadtgebiet durchgeführt. Um 17.00 Uhr
veranstalteten Expo-GegnerInnen eine Kissenschlacht am Aegidientorplatz
unter dem Motto ?Ende der Gemütlichkeit?. Umringt von nervösen
PolizistInnen, die mit ihren Fahrzeugen sehr effektiv die ganze Kreuzung
blockierten, ohne dass einE Expo-GegnerIn die Straße betreten hatte,
wurden in ausgelassener Stimmung viele arme Federkissen zerfetzt. Daraus
formierte sich ein spontaner Demonstrationszug mit 400 Menschen, der ohne
Polizeibegleitung durch die Innenstadt zog, lautstark Parolen rufend, jedoch
friedlich. Die Menge ignorierte eine angemeldete Kundgebung der PDS am
Steintor und zog weiter Richtung Bahnhof, kam aber nur wenige Meter weit.
Die Polizei, leicht in Panik geraten, kesselte die Demo und einige JournalistInnen
ein.
Seit
ZDF und ABC live aus dem Kessel berichten konnten, wurden Gegenaktionen
in den Medien neben den offiziellen Bildern gezeigt.
Entgegen
Polizeiangaben wurden nach Brave-New-Expo-World Manier über 250 Menschen
festgenommen und über nacht in provisorische Käfige gesperrt
- darunter 60 Menschen auf 36 Quadratmetern, unbeheizt und ohne Decken.
Telefonate oder der Kontakt zu AnwältInnen wurden untersagt. Im Laufe
des nächsten Tages kamen die meisten Inhaftierten wieder frei, meist
mit Platzverweisen für ganz Hannover. Dieses Repressionsmittel, ermöglicht
durch das Niedersächsische Gefahrenabwehrgesetz, wurde auch häufig
gegen Menschen ausgesprochen, die vor dem Knast mit Tee auf die Freigelassenen
warteten.
Am
3. 6. fand nach einer Spontandemonstration wegen der Ermordung eines Punks
in Eberswalde durch einen stadtbekannten Fascho eine Reclaim-The-Streets-Party
(RTS) statt. Die RTS gestaltete sich als lustiges Katz-und-Maus-Spielen
mit den Ordnungskräften. Sie reagierten sehr nervös auf die immer
wieder in der Stadt auftauchenden Menschenmassen. Da es nach dem neuen
Menschenbild nicht erlaubt ist, mal irgendwie bunt und anders auf der Strasse
zu tanzen und zu toben, gab es Übergriffe. Sogar PassantInnen hielten
den Einsatzkräften hin und wieder vor, dass es doch hierbei um harmlose
tanzende Jugendliche ginge und das ruppige Eingreifen überzogen sei.
Insgesamt
wurden über 450 Leute festgenommen.
Anzumerken
wäre noch, dass die Aktionswoche erfolgreicher war als die Expo selber
- die offiziellen Zahlen von 150.000 BesucherInnen am Eröffnungstag
sind völlig aus der Luft gegriffen. Unabhängige Schätzungen
gehen von 18.000 bis 60.000 BesucherInnen, trotz 40.000 verteilter Freikarten
aus - und an die erwarteten 400.000 kommen nicht mal die Zahlen der Bild-Zeitung
ran.
So
konnte die Eröffnung zwar nicht verhindert werden - dass die Expo
aber einfach wenige sehen wollen, ist ein Erfolg ganz anderer Art.
Wenn
jemand noch an weiteren Aktionen teilnehmen will, aber nicht weiß,
wann was ist, unten stehen weitere Termine für Juli und August.
Außerdem
könnt Ihr gerne nachfragen unter: In Nürnberg beim Infoladen
in der Keimzelle A oder beim AK Expo Kill(s) in der Projektwerkstatt, jeweils
in der Gostenhofer Hauptstr. 50, 90443 Nürnberg, letztere auch unter
Tel.: 0911-2875880, prowe.nbg@bigfoot.de. Und über das Antifaschistische
Bündnis, c/o Schwarze Katze, Mittlere Kanalstr. 19,
90443
Nürnberg. Da gibt?s auch die Mobilisierungszeitung.
Internet:
www.expo-calypse.de
www.expo-no.de
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