zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 0              Juli 2000

INHALT

Themen
Bewegung
Literatur
Ausstellung
Musik&Spiele
Expo 2000
Revolutionäre Zellen
Medien
Glosse
Kampagnen
Adressen
Impressum


Themen

Z-Bau

Aus für  Alternativkultur in der Frankenstrasse. Es fehlen 300.000 DM!


Entschädigungsfond für Zwangsarbeit
Täterschutz oder Opferbeseitigung?
Interview mit Thomas Kuczynski


Ästhetische Verwirrspiele
Diskussion zum Verhältnis zwischen Kultur und Politik


Wettbewerb der Fensterputzer
Städtewettbewerb um eine Urkunde aus den Händen des Innenministers...

Es geht um Einschüchterung
Ausländeramt Ansbach in rechtlicher Grauzone
Eriträische und äthiopische Flüchtlinge befinden sich de facto in einem Gefängnis.

Expo 2000

Die BeHERRschung verlieren
Innen herrscht nachhaltige Leere, aussen die Polizei


Revolutionäre Zellen

Jedem revolutionären Herz eine Zelle
 Verhaftung angeblicher RZ-Mitglieder - Umgang mit Verrat in der Soliarbeit - kurze geschichte der RZ und Roten Zora


Bewegung

1. Mai nicht Nazifrei
Breites Bündnis gegen NPD- Aufmarsch



Beats against Utgard
Diskussion um Aktionsformen in der Antifa

Wenn das der Führer noch erleben könnte
Passau im nationalen Wallfahrtsrausch

NPD und  DVU sorgen in der Oberpfalz für schwarz-braunes Klima


Critical Mass
Widerstand heisst Radfahren. 
Über die Geheimnisse des mobilen Mob.
Hausbesetzung in Nürnberg

Überraschende Aktion für eine selbstbestimmte Jugendkultur
Keimzelle gekündigt

Aus für ein rebellisches Jugendprojekt
AntimilitaristInnen vor Gericht

Blockade mit juristischem Nachspiel
Ausstellung

Man rief Arbeitskräfte und es kamen Menschen
Die Erste Generation der "Gastarbeiter" - Ausstellung im Nürnberger Arbeitsamt



Von grossen Töchtern und kleinen Frauen
Sigenas kleine Schwestern - Ausstellung über spätmittelalterliche Frauengeschichte
Literatur 

Mein Leben ist mein Sonnentanz
Leonard Peltier:
Gefängnisaufzeichnungen



Ybottaprag. Heute. Geschenke Schupo...
Essays, Fließ- und Endlostexte von Annette Göschner
Wir sind die Guten

Aufsätze zum Thema "Antisemitismus in der Linken"

Siege der Vernunft
Peter Hacks: Die späten Stücke
Suits me

The Double Live of Billy Tipton
Ein Jazzmusiker, der eine Musikerin war


Das Gerede von der Arbeitsgesellschaft
Kritik an den soziologischen Interpretationen der Arbeitslosigkeit
Musik&Spiele

Butzenscheiben aus Splitter
Neues Glas aus alten Scherben: Ein Rivival-Aufguss dritter Klasse



Weltmusikfestivals
Ein Überblick über den Rest des Jahres


Vinci
Spiel des Jahres
Medien
12 Stunden Sendezeit für Radio Z
Ab 01. November hoffen die Nürnberger Alternativfunker auf ein 12-Stundenprogramm

Glosse
Von Sommersmog und trockenen Hälsen
Wie der Umweltminister einmal reingelegt wurde 
Kampagnen
Fit for Fair
Kampagne für "Saubere" Kleidung 
Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen

Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört
Deportation Class

 Das Geschäft mit der Abschiebung - Die Lufthansa hilft mit - Lufthansa unterm Hakenkreuz
Camps und Actiondays

 Umweltcamp im Grünen
-
Anti-Grenze-Camp in Brandenburg 

Global Actionday in Prag
Revolutionäre Zellen 

 
 
Kurze Geschichte der ,,Revolutionären Zellen" bzw. ,,Roten Zora"


 

...lesen

Jedem revolutionären Herz (s)eine Zelle
  
Verhaftungswelle gegen angebliche Mitglieder der RZ und der Umgang mit Verrat in der Soliarbeit

 

Jedem revolutionären Herz (s)eine Zelle
 

    In so manch linker WG wurden in den letzten Monaten wieder die ,,Früchte des Zorns. Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen/Rote Zora" aus verstaubten Winkeln des Bücherregals hervorgekramt. Fast in jeder mehr oder minder linken Zeitung begab sich jemand auf die Spuren der RZ (so auch wir!), und auch unter denen, die zu Zeiten der ,,Revolutionären Zellen / Rote Zora" noch in Kinderschuhen steckten, wurden die RZ plötzlich Gesprächsthema.

    Diese unverhoffte Beschäftigung mit einem Teil der eigenen Geschichte, für Viele schon in ferne Erinnerung gerückt, rührt jedoch weniger von eigenem Interesse an militanter linksradikaler Politik her. Nein, Auslöser sind vielmehr die verstärkten Ermittlungen der Bundesanwaltschaft (BAW) gegen angebliche Mitglieder der RZ und die Verhaftungswelle seit Oktober letzten Jahres, getreu nach dem Motto des früheren Chefs des Bundeskriminalamtes Horst Herold, ,,Wir kriegen sie alle" - gemeint waren natürlich die RAF, die Bewegung 2. Juni und die Revolutionären Zellen bzw. Rote Zora. Während viele Mitglieder der beiden ersten Gruppierungen gefasst und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, tappten die Fahndungsbehörden bei den RZ bislang weitgehend im Dunkeln. Nie war es ihnen gelungen, den basismilitanten Ansatz der RZ wirklich zu treffen oder in die Widerstandsstrukturen einzudringen.

Zeitgleich: Razzia im MehringHof...
Doch die Erfolgsgeschichte des Konzeptes ,,Schafft viele revolutionäre Zellen" nahm letztes Jahr ein jähes Ende. Fast auf den Tag genau 12 Jahre nach der ,,Aktion Zobel", den bundesweiten Durchsuchungen bei mutmaßlichen RZ-Mitgliedern 1987, holte der Generalbundesanwalt am 16. Dezember 1999 wieder zum Schlag gegen vermeintliche RZ-Strukturen aus. Den sonntäglichen Einsatz ließ er sich einiges kosten: Ein martialisches Aufgebot verschiedener Einsatzkräfte stellte am frühen Morgen das Berliner Kulturzentrum MehringHof mit seinen 30 Projekten auf den Kopf. Auf der Suche nach einem dort vermuteten Sprengstoff- und Waffendepot der RZ beteiligten sich etwa 1000 Angehörige der Berliner Polizei, des Bundeskriminalamtes, des Bundesgrenzschutzes und der Anti-Terror-Truppe GSG 9. Sie rissen Zwischendecken und Hohlräume auf und brachen unter dem Vorwand einer Explosionsgefahr lieber jede Menge Schlösser auf als die Generaler zu verwenden, die ihnen von bald eintrudelnden MehringHoflerInnen angeboten wurden.

   Bilanz des 10stündigen Einsatzes: Keine Spur von Sprengstoff oder Waffen, statt dessen ein Sachschaden von etwa 100.000 Mark und vier in Abschiebehaft genommene Personen, von denen zwei inzwischen abgeschoben sind.

...und drei Verhaftungen
Zeitgleich wurden in Berlin zwei Angehörige von Projekten des MehringHofs, Axel H. und Harald G., sowie Sabine E. in Frankfurt/Main wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, den RZ, festgenommen. Konkret wirft die Bundesanwaltschaft dem Hausmeister des MehringHofs Axel H. die ,,Betreuung" jenes dort vergeblich gesuchten Depots vor. Sabine E. und Harald G. werden verdächtigt, bei einem Sprengstoffanschlag auf die Zentrale Sozialhilfestelle für AsylbewerberInnen 1987 mitgewirkt zu haben. Weiterhin werden ihnen Knieschüsse auf den damaligen Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Korbmacher zur Last gelegt, Sabine E. soll darüber hinaus auch an den Knieschüssen auf den früheren Leiter der Berliner Ausländerbehörde Hollenberg beteiligt gewesen sein. Strafrechtlich relevant davon ist nur der Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nach § 129a StGB, da die Anschläge inzwischen verjährt sind. Trotzdem werden sie bis zu Prozessbeginn, der nicht vor Herbst zu erwarten ist, in Haft bleiben müssen.
Die letzten Kronzeugen: Hans-Joachim Klein...
Eines der wenigen eingelösten Versprechen von Rot/Grün war die faktische Abschaffung der heftig umstrittenen Kronzeugenregelung Ende 1999. Damit werden zwei RZ-Verdächtigte die zweifelhafte Ehre haben, als letzte Kronzeugen in der Geschichte der BRD einzugehen.

    Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen durch die Verhaftung Hans-Joachim Kleins im September 1998 in Frankreich. Bereits 1977 verkündete er, von Teilen des Frankfurter Spontimilieus unterstützt, seine ,,Abkehr vom Terrorismus" In seinem 1979 erschienenen Buch über seine ,,Rückkehr in die Menschlichkeit" machte er keinen Hehl aus seiner endgültigen Zuwendung zum real existierenden Kapitalismus. Nachdem er vor seiner Festnahme schon via Anwalt über einen Stellungstermin verhandelt hatte, einigte er sich nun mit der BAW darauf, nur Aussagen bis 1977 zu machen, um seine UnterstützerInnen, die heute in Amt und Ministersesseln zu finden sind, nicht zu belasten. Statt dessen bezichtigt er nun, von der BAW mit der Aussicht auf eine geringere Strafe (und andere Vergünstigungen) als Kronzeuge gewonnen, andere ehemalige GenossInnen der RZ-Mitgliedschaft. So geht die Festnahme des 56jährigen Rudolph S. vom 13. Oktober 1999 auf Aussagen Kleins zurück, der ihn als ,,führenden Kopf" der RZ bezeichnet und der Vorbereitungen zum Anschlag auf die OPEC-Konferenz in Wien 1975 beschuldigt. Allerdings ist fraglich, ob er diese Anschuldigungen aufrechterhalten kann, verwickelte er sich doch in späteren Vernehmungen hinsichtlich Rudolph S. in Falschaussagen und Ungereimtheiten.

    Zumindest zum Teil auch auf das Konto Kleins gehen die Festnahmen der 67jährigen Sonja S. und des 59jährigen Christian G. in Paris. Beide waren am 16. Januar diesen Jahres von französischen Anti-Terror-Einheiten mit Hilfe von deutschen Zielfahndern in Auslieferungshaft genommen worden. Der internationale Haftbefehl von 1978 geht auf Aussagen Hermann Freilings (s. Kasten) zurück. Klein beschuldigt Sonja S. darüber hinaus der ,,logistischen Unterstützung" zum Anschlag auf die OPEC-Ministerkonferenz 1975. Allerdings gibt das Verhalten Frankreichs, wo die beiden jahrelang illegal gelebt haben, Grund zur Hoffnung: Das Verfahren wegen Passvergehens wurde eingestellt, die beiden ,,ergrauten Revolutionäre" gegen eine geringe Kaution von je 3.000 DM wieder auf freien Fuß gesetzt. Außerdem stehen die Beweise der deutschen Behörden in dem nun anhängigen Auslieferungsverfahren auf wackeligen Beinen. Kronzeuge Klein verwickelte sich schon bei Rudolph S. in Widersprüche, die belastenden Aussagen Hermann Freilings wurden unter Umständen erzielt, die Frankreich durchaus als unzuverlässige Vernehmungsmethode einstufen und mit einem Verwertungsverbot belegen könnte.

    Obwohl die Bundesanwaltschaft medienwirksam konkrete Einzeltaten wie Attentate und Sprengstoffanschläge in den Mittelpunkt ihrer Anschuldigungen rückt, muss selbst sie zugeben, dass davon alleine die Beteiligung an der OPEC-Aktion, bei der Menschen getötet worden waren, noch nicht verjährt ist. Damit bleibt bei der Mehrzahl der Verhafteten als einzige Grundlage für Ermittlungen und weitere Untersuchungshaft der Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nach § 129a StGB. Dies jedoch nur, weil die BAW davon ausgeht, dass deren Mitgliedschaft bis in die 90er Jahre hinein angedauert hat.

...und Tarek M.
Noch ein weiterer RZ-Verdächtigter scheint mit Hilfe der Kronzeugenregelung seinen Kopf auf Kosten ehemaliger MitstreiterInnen aus der Schlinge ziehen zu wollen: Tarek M., langjähriger Aktivist in der Berliner autonomen Szene. Er hatte die ErmittlerInnen auf die heiß ersehnte Spur vermeintlicher Mitglieder der RZ gebracht.

    Tarek M. war im Zusammenhang mit einem Sprengstofffund erstmals am 19. Mai 1999 wegen des Verdachts der ,,Unterstützung der RZ" festgenommen worden. Nachdem er eine begrenzte Einlassung zu den Vorwürfen gemacht hatte, wurde er am 7. Juli unter Auflagen entlassen. Seine erneute Verhaftung am 23. November geschah unter dem Vorwurf, er sei ,,Rädelsführer der Berliner RZ" gewesen. Konkret werden ihm die beiden Knieschüsse und der Sprengstoffanschlag zur Last gelegt, weswegen einen Monat später auch Harald G. und Sabine E. inhaftiert wurden. 

    Woher die BAW ihr Wissen über die vermeintlichen Taten Tarek Ms. nimmt, ist bislang unklar. Nur auf Gerüchten basiert der Vorwurf an M., er habe mit seinen Taten und Wissen vor einer früheren Lebensgefährtin geprahlt, die nun ausgepackt habe. Dies klingt insofern nicht völlig an den Haaren herbeigezogen, als M. seinem Anwalt nicht gestattet hatte, über die Herkunft der Vorwürfe Auskunft zu geben. Unbestreitbar ist auch, dass die Durchsuchung des MehringHofs und die Verhaftungen vom Dezember auf Aussagen Ms. beruhen; die Durchsuchungsbeschlüsse nehmen direkt auf seine Angaben Bezug. Und spätestens seit der neuerlichen Spurensuche im MehringHof vom 30. Mai ist Ms. Rolle klar: Per aufwendiger Videoschaltung zu ihm in den Knast dirigierte er die vor Ort filmenden Kripo-Beamten und gab ihnen Suchtipps, ein bisher nie angewandtes Verfahren. Die Ausbeute diesmal: Eine leere Mülltüte und jede Menge Wattebäusche, die nun auf Sprengstoffspuren ausgewertet werden.

    Ein Hauptkritikpunkt an der Kronzeugenregelung scheint sich im Falle Tarek Ms. zu bestätigen: Die mangelnde Glaubwürdigkeit der unter Druck zu Aussagen gepressten ZeugInnen. Denn von dem angeblich im MehringHof gelagerten Sprengstoff fand sich dort nicht der leiseste Krümel. 

Fragen und Erklärungsmuster in der Soliarbeit: Umgang mit Verrat...
An Tarek M. und seiner folgenschweren Aussagebereitschaft entzweit sich die Solidaritätsarbeit. War es ,,die schlimmste Form von Verrat - an ehemaligen politischen FreundInnen, an einer ganzen Szene, an der Utopie gesellschaftlicher Veränderung", wie frühere Bekannte im Berliner Szene-Blatt ,,Interim" schreiben, ausgelöst durch männliche Eitelkeit und prahlerisches Machogehabe? Oder ist es politisch nicht eher fatal, die Motive des Verrats nur anhand der ganz persönlichen Biographie des Verräters zu suchen, der angeblich ,,sehr an formaler Anerkennung wie schwarzen Gürteln orientiert" war und Frauen gegenüber ausführlich mit seiner Beteiligung an ,,tollen Geschichten" geprahlt haben soll? Nicht nur die Autonome L.U.P.U.S.-Gruppe fordert in ihrem Papier zu der aktuellen Debatte bei allem Verständnis dafür, ,,dass es leichter erscheint, sich gegen einen Verräter zu solidarisieren, als sich mit dem Konzept und der Geschichte der RZ/Rote Zora auseinanderzusetzen", eben diese Diskussion und verweist auf die heftigen persönlichen Differenzen in den letzten Jahren der RZ als mögliche Ursache für Tarek Ms. Verhalten.

    Oder urteilt die Szene zu früh, werden die Angaben oder eventuell bewusst ausgestreute Gerüchte der BAW vorschnell für bare Münze genommen und dadurch über kursierende Gerüchte, Namen oder Mutmaßungen erst weitere Repressionen ermöglicht? Wird diese Gefahr nicht eher verringert, indem offensiv mit den Vorwürfen und der Repression umgegangen und eine öffentliche Debatte darüber geführt wird?

    Fest steht, dass entgegen dem Verhalten Tarek Ms. die anderen Inhaftierten die Zeugnisverweigerungskampagne ,,Anna und Arthur haltens Maul" ernst nehmen und keine Aussagen machen, geschweige denn andere wissentlich belasten. Und das, obwohl Harald G. und Axel H. kurz vor Jahresende das Angebot unterbreitet wurde, sich als Kronzeugen zu verdingen und damit das neue Jahrtausend möglicherweise in Freiheit begrüßen zu können.

    Hellhörig hätte bereits machen müssen, dass der Anwalt und langjährige Freund von Tarek M., dessen Verhalten offensichtlich nicht länger mittragen wollte und am 14. Dezember 1999 sein Mandat niederlegte: Just mit diesem Tag sind die Haftbefehle und der Durchsuchungsbeschluss für den 18. Dezember datiert. 

    Auch die Verhaftung zweier weiterer Männer aus der früheren Berliner Szene vom April bzw. Mai in Berlin und Kandada deutet aufgrund der gleichen Tatvorwürfe auf Aussagen Ms. hin. Und seit Ms. virtuellem Auftritt während der zweiten Mehringhofdurchsuchung ist offensichtlich, wie weit er geht. Bleibt die Frage, was die BAW angeboten hat, damit er so weitreichende Anschuldigungen ausspricht, die für seine ehemaligen MitstreiterInnen derart einschneidende Konsequenzen haben.

...späte Rache oder Repression gegen Antira?
Ein weiterer Punkt, über den die Meinungen innerhalb der Solibewegung weit auseinandergehen, ist die unterschiedliche Einschätzung der massiven Staatsschutzaktion im MehringHof vom Dezember letzten Jahres. Sollte damit auch die legale Flüchtlingsunterstützungsarbeit bewußt geschwächt werden? Denn neben der Forschungsgesellschaft Flucht und Migration (FFM), die nicht nur ihren Mitbegründer, den festgenommenen Harald G. schmerzlich vermisst, sondern auch durch die Soliarbeit zusätzlich belastet ist, sind dort noch andere antirassistische Initiativen angesiedelt.

    Oder handelt es sich nicht eher doch um eine späte Abrechnung der Bundesanwaltschaft mit den RZ, die für hunderte von Sabotageaktionen und Anschlägen verantwortlich zeichneten und denen der staatliche Fahndungs- und Repressionsapparat niemals wirklich auf die Schliche kam?

    Gegen erstere Lesart spricht, dass sich das Augenmerk der Razzia nicht speziell auf die antirassistischen Projekte richtete und auch nicht intensiv nach politisch brisantem Material gesucht wurde. Allerdings war die Behinderung von Flüchtlingsunterstützungsarbeit sicher ein nicht unbeabsichtigter Nebeneffekt, vor allem wenn man die Vorgehensweise und den zurückgelassenen Sachschaden bedenkt. Auch nahmen die Ermittlungsbehörden das angebliche Sprengstoffdepot sicherlich als willkommenen Anlass dafür, im MehringHof herumzuschnüffeln und ihn wieder mit dem Ruch linksradikaler Umtriebe zu belegen, auch wenn die vermeintliche linksautonome Hochburg inzwischen eher ein renommiertes Kultur-Gewerbeprojekt mit vielfältigen linken Betrieben und Projekten ist. 

    Ganz nebenbei ließ sich am weitläufigen MehringHofkomplex recht praktisch die Einsatzfähigkeit und Zusammenarbeit zwischen Polizei und Spezialeinheiten in der neuen Hauptstadt Berlin üben. So jedenfalls eine weitere Einschätzung zur Razzia, die in der Berliner Szene diskutiert wurde. 

    Der Umgang indes mit der Repression ist unterschiedlich: Das lässt sich am besten an den verschiedenen Plakaten, die nach der Staatsschutzaktion auftauchten, festmachen. Während auf einem Plakat das Symbol der RZ und ihr Motto ,,Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle" abgebildet ist, ist aus Kreisen des ,,Berliner Bündnisses für die Freilassung von Axel H., Harald G. & Sabine E." eher Kritik an dem Plakat zu hören, da den Verhafteten dort ,,bei allen Differenzen" eben jener ,,Widerstand" zugeschrieben werde, dessen sie die BAW beschuldige. Der bruchlose Bezug auf die RZ wird als anachronistisch empfunden und der Versuch, ,,die Gefangenen für sich und einen militanten Kitzel zu vereinnahmen und romantisierender Legendenbildung Vorschub zu leiten", verurteilt.

    Dem entgegen stellt das ,,Berliner Bündnis" sein Plakat, das primär für eine Unterstützung der Gefangenen wirbt. In seiner Publikation ,,Zitronenfalter" versucht es den Bogen zu schlagen von der Flüchtlingskampagne der RZ zu heutiger antirassistischer Arbeit. Allerdings werden damit sowohl die Geschichte der RZ als auch die aktuelle Repressionswelle zu sehr auf die Flüchtlingskampagne ,,Für freies Fluten" der 80er und 90er Jahre reduziert. Die Entstehungsbedingungen, verschiedenen Phasen, Diskussionen, Kritik sowie die Debatten um die Auflösung der RZ bleiben sehr außen vor.

    Ganz offensichtlich ergreift die BAW mit Hilfe der beiden Kronzeugen nun die Gelegenheit beim Schopf, die Ermittlungen gegen die RZ neu aufzurollen und das Kapitel ,,bewaffnet kämpfende Gruppen" abzuschließen. Ihr bietet sich die lange ersehnte Möglichkeit, vielleicht doch einige der mehreren hundert Aktionen der RZ aufzuklären und Einblick in die Strukturen von Gruppen zu gewinnen, die in der Linken über lange Zeit hinweg recht populär waren und nicht immer nur klammheimliche Freude ausgelöst haben.

Maike Dimar


Infos im Netz: www.freilassung.de

  Spenden an: Martin Poell, Postbank Berlin, BLZ 10010010, Konto 2705-104, Stichwort ,,Freilassung".
 


 
Kurze Geschichte der ,,Revolutionären Zellen" bzw. ,,Roten Zora"

    Erstmals in Erscheinung getreten sind die ,,Revolutionären Zellen" im November 1973 mit Anschlägen gegen den US-Konzern ITT in Berlin und Nürnberg, um gegen die Beteiligung dieses Konzerns am Putsch in Chile zu protestieren.

    Im Rückblick bezeichnen die RZ in ihrer Zeitschrift ,,Revolutionärer Zorn" von 1981 ihre Form der Organisierung als ,,Konzept bewaffneten Kampfes, in dem die Stärkung der Masseninitiative durch klandestin operierende, autonom und dezentral organisierte Gruppen der erste Schritt eines langwierigen Angriffs auf die Macht sein sollte". Sie verweisen auf ihren 1975 formulierten Anspruch: ,,Was wir wollen, ist die Gegenmacht in kleinen Kernen organisieren, die autonom in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen arbeiten, kämpfen, intervenieren, schützen, die Teil von der politischen Massenarbeit sind. Wenn wir ganz viele Kerne sind, ist die Stoßrichtung für die Stadtguerilla als Massenperspektive geschaffen".

    Aber auch vor dem Hintergrund, dass 1972 fast die gesamte Kommandoebene der Rote Armee Fraktion verhaftet war, entwickelten die RZ ihr Konzept. Als bester Schutz vor staatlicher Verfolgung und politischer Isolation wurde die gänzliche Anonymität ihrer Mitglieder und eine dezentrale, nicht hierarchische Arbeitsweise angesehen. So machten sie sich nicht zur Projektionsfläche für den Staat, sondern wurden eher als ,,Feierabendterroristen" abgetan, und die unbekannten Militanten konnten weiterhin an Diskussionen und legalen Aktionen der radikalen Linken teilnehmen. Weiterhin sollte durch diese Struktur eine Verselbständigung ihrer Politik vermieden werden. ,,Alle müssen alles können", war der selbstformulierte Anspruch der RZ. ,,Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle" ihr Motto. Die Vermittelbarkeit der militanten Aktionen stand im Mittelpunkt ihrer Konzeption.

    In der ersten Ausgabe des ,,Revolutionärer Zorns" von 1975 benennen die RZ selbst ihre Aktionsfelder in drei Bereiche: ,,antiimperialistische Aktionen, Aktionen gegen die Filialen und Komplizen des Zionismus in der BRD und Aktionen, die den Kämpfen von Arbeitern, Jugendlichen, Frauen weiterhelfen sollen". Das starke sozialrevolutionäre Element des letzten Punktes zeigte sich vor allem in den frühen Aktionen gegen Fahrpreiserhöhungen. Bald kamen der Widerstand gegen die Startbahn West sowie der Anti-AKW-Kampf dazu. In den 80er und 90er Jahren richteten sich die Aktionen der RZ mit ihrer Kampagne ,,Für freies Fluten" verstärkt gegen die staatliche Flüchtlingspolitik.

    1974 fand erstmals ein Sprengstoffanschlag der ,,frauen der rz" statt. Auf dem Höhepunkt der Debatte um den § 218 war das Ziel ihres Angriffs das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Ab 1977 agierte die ,,Rote Zora" überwiegend autonom und richtete sich verstärkt gegen frauenfeindliche Zustände und Einrichtungen, insbesondere gegen Sextourismus, Frauenhandel, Gen- und Reproduktionstechnologie sowie Bevölkerungspolitik.

    Mit dem Anschlag auf die Stromversorgung des BGS in Frankfurt/Oder traten die ,,Revolutionären Zellen" zum letzten Mal in Erscheinung. 1995 erfolgte der letzte Anschlag der ,,Roten Zora" auf eine Werft bei Bremen, in der Kriegsschiffe für die Türkei hergestellt werden.

    Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft (BAW) haben sich die ,,Revolutionären Zellen" bzw. ,,Rote Zora" zu mindestens 186 Anschlägen bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass die tatsächliche Anzahl der RZ-Aktionen wesentlich höher liegt. Trotzdem tappten die Ermittlungsbehörden bis vor kurzem fast völlig im dunkeln. Zwar gab es im Zusammenhang mit den RZ bisher unzählige Durchsuchungen und einige kurzzeitige Festnahmen, doch wurden seit ihrem Bestehen erst fünf Verfahren gegen 8 Personen wegen angeblicher Mitgliedschaft nach § 129a StGB durchgeführt. 

    Im Dezember 1987 kam es im Rahmen der ,,Aktion Zobel" zu bundesweiten Durchsuchungen und der Festnahme von Ingrid Strobl und Ulla Penslin; mehrere Gesuchte entzogen sich der Verhaftung und gingen in den Untergrund. Die Beschäftigung mit sogenannten ,,anschlagsrelevanten Themen" wie Gen- und Reproduktionstechnologie, Bevölkerungspolitik und Flüchtlingspolitik wurde nun mittels der Gesinnungsparagraphen 88a und 129a verfolgt. Jedoch schlug dieser Kriminalisierungsversuch eher ins Gegenteil um, eine breite Solidaritätsbewegung zur Unterstützung der beiden inhaftierten Frauen entstand. Ingrid Strobl wurde letztendlich zu 3 Jahren Haft verurteilt.

    Die RZ hatten auch Opfer zu beklagen, hervorgerufen zum Teil durch tödliche Unfälle bei Aktionen. Lebensgefährlich verletzt durch die vorzeitige Explosion eines Sprengsatzes wurde 1978 Hermann Feiling, er verlor beide Augen und Beine. Obwohl der behandelnde Arzt seinen Zustand noch für lebensgefährlich erklärte, und trotz seiner offensichtlichen Vernehmungsunfähigkeit und durch starke morphinhaltige Schmerzmittel eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit verhörte die BAW Feiling schon am Tag nach dem Unfall stundenlang. Sie benutzte die 1.300 Seiten umfassenden angeblichen Aussagen für einen Prozess und weitere Haftbefehle.

    Die Aktionen und Erklärungen der ,,Revolutionären Zellen" bzw. ,,Roten Zora" hatten nicht geringen Einfluss innerhalb der Linken, so mancher Anschlag stieß auf einhellige Zustimmung. 
    Aber auch Kritik blieb nicht aus: So wurde 1981 im Zuge der Proteste gegen die Startbahn West der hessische Minister für Wirtschaft und Verkehr Herbert Karry erschossen. Die Tatsache, dass Karry jüdischer Abstammung war und auf einer schwarzen Liste von Neonazis stand, ließ rechte Urheber wahrscheinlich erscheinen. Erst sehr viel später übernahm eine ,,Revolutionäre Zelle" die Verantwortung für den Anschlag und bezeichnete ihn als Panne. Geplant sei gewesen, dem für die Startbahn mitverantwortlichen Minister in die Beine zu schießen. Doch auch diese ,,Knieschüsse" blieben umstritten.

    Der Vorwurf des Antisemitismus ging einher mit der Kritik an der antiimperialistischen Politik der RZ und ihrem Verhältnis zum Befreiungsnationalismus. Besonders heftig kritisiert wurde die ,,Entebbe-Aktion" Dabei hatte 1976 ein internationales Kommando unter RZ-Beteiligung ein Flugzeug entführt, um Gefangene aus überwiegend israelischen und westdeutschen Gefängnissen zu befreien. Bei der Erstürmung durch eine israelische Spezialeinheit wurden alle Kommando-Mitglieder getötet.

    Hauptvorwurf gegen diese Aktion war, dass jüdische von nichtjüdischen Passagieren abgesondert wurden. Aufgrund der ,,Entebbe-Aktion" brachen politische Gegensätze innerhalb der Gruppen auf, was zu einer faktischen Spaltung führte. Teile der RZ stellten das sozialrevolutionäre Moment in den Vordergrund und waren um dessen Vermittlung in der BRD bemüht. Der andere Teil verstand es als Notwendigkeit, den internationalistischen und antiimperialistischen Kampf weiterhin schwerpunktmäßig zu betreiben.

    Anfang der 90er Jahre gaben einige Gruppen der RZ ihre Auflösung bekannt. In ausführlichen Erklärungen unterzogen sie ihre bisherige Politik einer umfassenden Kritik. In dem Papier ,,Gerd Albartus ist tot" von 1991 äußerte sich eine ,,Revolutionäre Zelle" selbstkritisch zu der damaligen antizionistischen Politik. Dabei nahm sie Bezug auf die ,,Entebbe-Aktion" und auf die Ermordung ihres Genossen Gerd Albartus, der 1987 ihren Angaben zufolge von einer palästinensischen Gruppe liquidiert worden war.

    In ihrem Papier ,,Das Ende unserer Politik" stellte eine andere Gruppe Anfang 1992 ihre Auflösung und die Defizite der RZ-Politik verstärkt in den Kontext des allgemeinen Niedergangs linksradikaler Politik und erklärte insbesondere die Flüchtlingskampagne ,,Für freies Fluten" für gescheitert.

    Heute kaum mehr vorstellbar verstanden sich die RZ nur als ein - bewaffneter - Teil innerhalb der radikalen Linken. Die militante Variante war noch tief verwurzelt in der politischen Bewegung insgesamt, das Konzept ,,Stadtguerilla" breit diskutiert bzw. akzeptiert. Anders als die RAF waren die RZ viel stärker eingebettet in linke Strukturen und Diskussionsprozesse und verstanden sich nie als eine revolutionäre Avantgarde, losgelöst von anderen sozialen Bewegungen. Vielmehr verhalf ihnen gerade die Bandbreite ihrer Aktionsformen vom Fahrscheinfälschen zu Sprengstoffanschlägen dazu, dass sie bis heute als Mythos weiterleben. Beweis dafür ist nicht nur das erste Plakat, das nach der Repressionswelle der vergangenen Monate auftauchte, und auf dem zu lesen ist:

    ,,Die RZ haben - AKW-Betreiber sabotiert - Rassistische Richter bestraft - Soziale Bewegungen unterstützt und mit vielen anderen Aktionen Leuten aus dem Herzen gesprochen.

Unsere Solidarität gilt den vier Genossinnen und Genossen, die seit Ende 1999 als angebliche RZ-Mitglieder im Knast sitzen. Bei allen Differenzen: Ihr Widerstand ist auch unser Widerstand. Und Aussagen bleiben Verrat."