| Wenn
das der Führer noch erleben könnte
Eine
Stadt im nationalen Wallfahrtsrausch
Die
Rede ist von Passau, der idyllischen Dreiflüssestadt in Niederbayern.
Seit fast 20 Jahren pilgern tausende Alt- und Neonazis Jahr für Jahr
nach Passau, das heute ohne Zweifel als DER Wallfahrtsort der faschistischen
Bewegung bezeichnet werden kann - Wenn das der Führer noch erleben
könnte, denn 1935 ließ er im Stadtkern Passaus eine Halle bauen,
die bis heute ihren Zweck zu erfüllen scheint.
Zunächst
war es allerdings ein anderer "Führer", der im Nachkriegsdeutschland
den Nazi-Tempel Nibelungenhalle neu für sich entdeckte. Franz Josef,
hieß er und wetterte bereits in den 70er Jahren im Front Jargon gegen
Kommunismus und Vaterlandsverräter. Seit dieser Zeit findet alljährlich
der "christlich-soziale" Aschermittwoch in Passau statt, ein Volksfest
der rassistischen Parolen, garniert mit Weißwurst, Bier und Blasmusik.
Und was der Franz Josef kann, kann ich schon lange, dachte sich 1983 auch
der DVU-Vorsitzende Gerhard Frey und mobilisiert seither Jahr für
Jahr auch seine "Kameraden" zu Tausenden nach Passau. Neben der CSU und
DVU fand schließlich 1998 auch die NPD erstmals nach Passau ,um die
Vorzüge der Halle und das Nicht-Verhalten der Stadt Passau auszukosten.
Mehr als 4000 insbesondere militante Neonazis und Nazi-Skinheads kamen
nach Passau um ihren "1. Tag des nationalen Widerstands" zu feiern.
Am
27.5.2000 gab es nun die Fortsetzung. Unter dem Motto "Bewegung muss Partei
ergreifen" stellte sich die NPD selbst als Führungskraft der faschistischen
Bewegung dar und hatte dazu ein hochkarätiges Programm auf die Beine
gestellt: Neben Udo Voigt, dem Bundesvorsitzenden der NPD, sprachen der
Neu-Rechte Horst Mahler, der Rechtsterrorist Manfred Roeder und als Vertreter
der sog. "freien" Kameradschaften Christian Worch. Als "nationalkulturelle"
Highlights traten die rechten Liedermacher Frank Rennicke und Jörg
Hähnel sowie der Frontsänger von "Sturmgewehr", statt dem angekündigten
Stigger, Ex-Gitarrist der Blood & Honour-"Kult"band Screwdriver an.
Nachdem der NPD in den vergangenen beiden Jahren Großaufmärsche
verwehrt blieben, kam es dank der Stadt Passau und des bayerischen Polizeistaatsapparates
am 27.5. zum größten faschistischen Aufmarsch der letzten beiden
Jahre, etwa 4000 Alt- und Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet, Österreich
und der Schweiz fanden den Weg in die Nibelungenhalle.
Die
Genehmigung der Hallennutzung für die NPD dauerte im Passauer Stadtrat
gerade einmal 3 Minuten. Im schwarz-braunen Klima der Stadt hat man sich
mit den Nazi-Aufmärschen abgefunden, gelegentlich sind noch Lippenbekenntnisse
zu hören um das angekratzte Image der "weltoffenen Tourismus- und
Kulturstadt" Passau aufrecht zu erhalten. Aber offensichtlich sind es weniger
die faschistischen Parteien bzw. die europaweit größten Nazi-Aufmärsche,
die den Stadtverantwortlichen Kopfschmerzen bereiten. Viel mehr Probleme
scheinen sie mit den kontinuierlichen antifaschistischen Aktivitäten
gegen die ultrarechten Großveranstaltungen zu haben, die es in Passau
seit Jahren gibt. Kaum zufällig sind es nämlich Passauer Antifas,
gegen die derzeit eine massive Repressionswelle rollt und die mit dem derzeit
größten Verfahren gegen die antifaschistische Bewegung überzogen
werden. Insgesamt 32 Personen sind beschuldigt, in Passau eine "kriminelle
Vereinigung" nach § 129 StGB gebildet zu haben. Bereits seit 3 Jahren
sind damit den staatlichen Schnüffelkommandos Tür und Tor geöffnet.
Allen
Kriminalisierungsversuchen zum Trotz kam es am 27.5.2000 erneut zu antifaschistischen
Aktivitäten gegen das Nazi-Großtreffen. Eine "Bundesweite Aktion
Zivilcourage - X-tausendmal quer gegen die NPD" sorgte bereits im Vorfeld
über ihren Aufruf zur Blockade der Nibelungenhalle in der überregionalen
Medienlandschaft für Aufsehen. Wirklich ernst mit der Blockade meinten
es allerdings nur einige Hundert autonome AntifaschistInnen, die ab 8.00
Uhr morgens mehrere Zufahrtsstraßen zur Halle blockierten. Die Polizei
nutzte den Nazi-Großevent ihrerseits, erst kürzlich neu angeschaffte
Waffen gegen AntifaschistInnen auszutesten. Dabei bekamen etliche Antifas
den ersten großangelegten Pfefferspray-Einsatz sozusagen hautnah
zu spüren und mussten anschließend teilweise im Krankenhaus
behandelt werden. Zur Rechtfertigung der alljährlich größten
Polizeieinsätze in Bayern musste schließlich auch ein Nürnberger
Antifaschist herhalten, dem medienwirksam "besonders schwerer Eingriff
in den Straßenverkehr" vorgeworfen wurde und der über eine Woche
in Untersuchungshaft saß, bis er gegen Meldeauflagen freigelassen
wurde. Sein Prozess steht noch an.
Am
Nachmittag waren es dann wiederum vornehmlich autonome AntifaschistInnen,
die gegen den größten Nazi-Aufmarsch dieses Jahres und Polizeistaatsmethoden
demonstrierten. Den 1000 Antifas schlossen sich gerade einmal 200 Passauer
BürgerInnen zum Bündnissternmarsch an. Peter Gingold, Widerstandskämpfer
und KZ-Überlebender merkte während der Abschlusskundgebung an,
dass der Naziaufmarsch nicht hätte stattfinden können, wären
10.000 Passauer BürgerInnen gegen die NPD auf die Straße gegangen.
Trotz
der unangenehmen Heimfahrt zahlreicher FaschistInnen, die durch eingeworfene
Fensterscheiben ihrer Busse den nächtlichen Fahrtwind zu spüren
bekamen, waren die antifaschistischen Aktivitäten aufgrund der mäßigen
TeilnehmerInnenzahl weit weniger zufriedenstellend, als dies der größte
Nazi-Aufmarsch 2000 verdient hätte. Für den kommenden Herbst,
wo sich bereits die DVU angekündigt hat, planen AntifaschistInnen
während der faschistischen Großveranstaltung eine Mauer um Passau
zu errichten, damit auch das Jahr über zusammenwächst, was zusammengehört.
Asylsuchende sollten bereits rechtzeitig ihren Antrag stellen, aber viele
werden es wohl eh nicht werden.
Franz
Heim
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