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Mai nicht Nazi-Frei
Dezentrales
Konzept der NPD
Wurde im letzten
Jahr zumindest eine zentrale Demonstration der NPD in Bremen verhindert,
so konnten die RechtsextremistInnen dieses Jahr mit einem dezentralen Konzept
Kundgebungen und Demonstrationen in mehreren Städten durchsetzen.In
Berlin Hellersdorf wurden rund 140 Autonome festgenommen, die trotz eines
Demonstrationsverbotes rund 1.200 Nazis entgegentreten wollten.
In Dresden,
wo rund 450 NPD-AnhängerInnen demonstrierten, wurden diese von GegnerInnen
teilweise massiv attackiert. Mindestens 12 GegendemonstrantInnen wurden
festgenommen. In Ludwigshafen lieferten sich rund 400 NPD-GegnerInnen "Scharmützel"
(taz) mit der Polizei. In Grimma bei Leipzig zogen mehr als 550 Nazis durch
die Innenstadt. Rund 350 Menschen wollten sich nicht auf das Konzept "Bunte
Tücher gegen Neonazis" beschränken und nahmen an einer Gegendemonstration
teil, 17 wurden festgenommen. Insgesamt waren in verschiedenen Städten
Deutschlands gut 2.700 alte und neue Nazis auf den Beinen.
NPD
setzt dank massiven Polizeiaufgebotes Demo in Fürth durch
Auch
in Fürth versuchten mehrere tausend GegendemonstrantInnen, einen Aufmarsch
von rund 400 FaschistInnen mit Blockaden, Barrikaden und Eierwürfen
zu verhindern. Mehrere hundert PolizistInnen räumten den RechtsextremistInnen
jedoch den Weg frei.Im Vorfeld hatte die Stadt Fürth die NPD-Demonstration
verboten, die zuständigen Gerichte hoben das Verbot jedoch wieder
auf.Ein "Autonomes Großraumbündnis" rief zur Gegendemonstration
auf. Da die genehmigte Route nicht der angemeldeten entsprach und meilenweit
vom NPD-Aufmarsch entfernt gewesen wäre, wurde auf den Umzug verzichtet.
Hierzu
Polizeichef Wilfried Dietsch im nachhinein: "Wir hatten von vornherein
den Eindruck, dass diese Kundgebung nicht ernsthaft geplant war und die
Anmeldung nur bezwecken sollte, das NPD-Treffen zu verhindern" Das massive
Polizeiaufgebot, das die zeitweise nur vier KundgebungsteilnehmerInnen
bewachte, lässt andere Schlüsse zu.Drei Tage vor der NPD-Demo
gelang es noch, ein Bündnis gegen den Aufmarsch auf die Beine zu stellen.
Unter dem Motto "Kein Nazi-Aufmarsch in Fürth und anderswo" riefen
zahlreiche Gewerkschaften, Parteien, linke und autonome Initiativen zum
Protest auf. So wurden insgesamt vier Mahnwachen als Anlaufpunkt angemeldet,
beispielsweise vor der Synagoge und dem Jüdischen Friedhof.Fürths
regierender Oberbürgermeister Wenning weilte am 1. Mai übrigens
auf Mallorca.
Mixed
Emotions im Nachhinein
Der
Fürther IGM-Bevollmächtige zeigte sich mit der Arbeit des Bündnisses
gegen Rechts, auch mit der Zusammenarbeit mit autonomen Gruppen, zufrieden.
"Jeder spielte seine Rolle", sagte Händel in einem Interview. Dass
rund 150 GegendemonstrantInnen von der Polizei in der Nähe der Fürther
Stadthalle in einem Kessel ohne ersichtlichen Grund mehr als eineinhalb
Stunden festgehalten wurden, bezeichnete er als "völlig unangemessen".Auch
die "Autonome Landjugend Fürth" war mit dem Verlauf der Protestaktionen
im großen und ganzen zufrieden. Als Erfolg wollten sie die Gegenaktivitäten
jedoch nicht werten, da es der NPD schließlich gelang zu demonstrieren.
Immerhin konnte durch massive Proteste verhindert werden, dass die Nazis,
wie ursprünglich geplant, an der Synagoge und am Jüdischen Friedhof
vorbeizogen. Der Platz der Auftaktkundgebung befand sich jedoch in unmittelbarer
Nähe des Gedenksteins für die zerstörten Synagogen Fürths.Die
Demonstration der NPD stand in Zusammenhang mit dem Laden "Utgard" in Fürth,
so die allgemeine Einschätzung. (siehe Artikel S. 7).
Der
Laden verfügt über gute Kontakte zur NPD und hat sich zu einem
zentralen Anlaufpunkt der RechtsextremistInnen der Region entwickelt. "Die
wollen gerade in Fürth Flagge zeigen und ihren örtlichen Anhängern
den Rücken stärken", bemerkte der Fürther Rechts- und Ordnungsreferent
Maier.15 GegendemonstrantInnen wurden festgenommen und einige erst abends
wieder freigelassen. Gegen einen Demonstrationsteilnehmer aus Hamburg wurde
Haftbefehl erlassen, Begründung: "Fluchtgefahr" Er habe, so die Polizei,
mit einer Wurzel in Richtung des NPD-Aufmarsches geworfen, das sei "versuchte
schwere Körperverletzung". Seit dem Haftprüfungstermin ist klar,
dass er bis zum Gerichtstermin nicht aus der Haft entlassen wird.Teilweise
ging die Polizei brutal gegen GegendemonstrantInnen vor, es gab zahlreiche
Verletzte.Weiter wurde die teils mangelnde Entschlossenheit oder Eigeninitiative
von GegenaktivistInnen kritisiert. 3.000 Menschen wären eventuell
auch in der Lage gewesen, den Aufmarsch ganz zu verhindern. Schade findet
es die Landjugend, dass sich an den Vorbereitungen so wenig andere Städte
und Gruppen aktiv beteiligt haben.
Das
Konzept der angemeldeten, aber nicht durchgeführten Antifa-Demonstration
und die Zusammenarbeit mit dem Bündnis gegen Rechts wurde als gelungen
bezeichnet. Erfreut sind die VeranstalterInnen besonders über die
äußerst zahlreichen TeilnehmerInnen, die an diesem Tag in Fürth
gegen die NPD auf den Beinen waren. Darunter viele, die schon lange nicht
mehr auf Demonstrationen gesichtet wurden, viele aus dem (sub)-kulturellen
Spektrum und auch viele ausländische Menschen. Somit war die Mobilisierung
erfolgreich. Laut Fürther Polizei kamen insgesamt 3.000 GegendemonstrantInnen,
davon störten 800 bis 1.000 den Nazi-Aufmarsch "aktiv".Insgesamt also:
Kein Erfolg, aber auch nicht sooooo schlecht!
Nachschlag
Die
,,Fürther Nachrichten" veröffentlichten nach dem 1. Mai eine
Reihe von LeserInnenbriefen, die sich kritisch mit dem Verhalten der Polizei
gegenüber GegendemonstrantInnen auseinandersetzten. Wilfried Dietsch,
Polizeidirektor der Stadt Fürth, fühlte sich dadurch provoziert
und griff ebenfalls zu Stift und Papier. In einem Leserbrief schreibt er:
,,(...) Selbstverständlich finden in den Leserbriefen die Dosen-,
Steine-, Flaschen- und Stühlewerfer nach gutem (links-)demokratischen
Brauch keinen Platz. So ergibt sich die perverse Situation, dass die ,Nazis'
von ,demokratischen Antifaschisten' mit Alt-Nazi-Methoden bekämpft
werden. Liebe ,Linke', wenn Ihr schon in Teilbereichen mit unserer Rechtsordnung
nicht klar kommt, beachtet halt wenigstens Rosa Luxemburgs Worte:
,Das
Verhältnis eines Menschen zu politischer Toleranz und Freiheit erkennt
man am besten, wenn man dessen Umgang mit dem politischen Gegner zum Maßstab
nimmt'".
Die
Fürther Gewerkschaften reagierten auf die Vorwürfe und schrieben
in einem Leserbrief:
,,Die
Gewerkschaften verbitten sich die Vorwürfe des Herrn Polizeidirektors
Dietsch, ,mit Alt-Nazi-Methoden' gegen den Aufzug der NPD in Fürth
vorgegangen zu sein.(...)Viele Gewerkschafter zogen nach der Maikundgebung
zum jüdischen Friedhof in der Rosenstraße, um dort eine angemeldete
und genehmigte Mahnwache zu unterstützen (...). Dort wurden wir und
Hunderte andere von der Polizei eingekesselt und über eine Stunde
festgehalten, damit die NPD ihren antidemokratischen Marsch durch die Innenstadt
ohne Gegenproteste durchführen konnte.
(...)
Gerade Gewerkschaften ein gebrochenes Verhältnis zu Rechtsstaat und
Demokratie zu unterstellen, die wir gegen die Angriffe der Neo-Nazis schützen,
ist eine anmaßende Verdrehung von Fakten und Positionen. Wäre
Rosa Luxemburg noch unter uns, so wäre sie in unseren Reihen gestanden.
Eine Jüdin und Sozialistin für Polizeitaktik zu zitieren, mag
polizeilich erlaubt sein, bleibt aber pure Demagogie".
So
weit Teile der beiden LeserInnenbriefe. Wenn Herr Dietsch schon Rosa Luxemburg
zitiert, wollen auch wir Rosa Luxemburg zitieren: "Ich bin der Meinung,
dass dieser Staat zerstört werden muss".
Autonome
Landjugend Fürth
Ein
kurzer Pressespiegel
Süddeutsche
Zeitung (2.5.00):
"Ohne
die befürchteten Krawalle verlief am 1. Mai der Aufmarsch von rund
400 Anhängern der rechtsradikalen NPD in Fürth. 4.000 protestierende
Menschen übertönten mit Pfeifen und Buhrufen die Marschmusik
und die Reden der Rechtsradikalen."
Nürnberger
Nachrichten (3.5.):
"Ein
Kern von rund 800 linken Autonomen stoppte wiederholt mit Menschenketten,
auf die Straße geworfenen Café-Stühle und Absperrungen
(...) die rund 500 NPD-Demonstranten.
Abendzeitung
(2.5.00):
"Randale
in Fürth: Am 1. Mai flogen Flaschen. (...) Eine große Gruppe
Gegendemonstranten wurde von der Polizei in den Kessel genommen (...).
Eine kitzlige Situation für die mehreren Hundertschaften - als `Faschisten-Beschützer'
wurden sie beschimpft. `Genaugenommen haben sie ja recht, meint ein Polizist."
Bild
(2.5.00):
"Blutige
NPD-Demo: Polizei verhindert Straßenschlacht! (...) Mai Demo der
NPD, Ausnahmezustand! 3.000 Linke erwarten die 500 Rechten. Ihr Motto:
Pflastersteine gegen Nazi-Grölerei. (...) 3.000 Autonome versammeln
sich in der Stadt. 1.000 Chaoten sind der Polizei namentlich bekannt. (...)
Die Linken sind gut organisiert, haben Fahrräder und Handys. Sie geben
die Marschroute ihrer Feinde durch. Die Chaoten bauen Barrikaden mit Stühlen
aus einem Straßencafé auf, bilden Menschenketten. (...) Die
Stimmung der Autonomen ist auf dem Siedepunkt. Sie schleudern Flaschen,
Steine und Eier in die Menge der Marschierer, liefern sich Schlägereien
mit der Polizei."
NZ
(3.5.00):
"Die
Nerven der jungen Uniformierten (...) waren zum Zerreißen gespannt
und rissen denn auch im ein oder anderen Fall. Schon vor Beginn des Demonstrationszuges
wurde ein Mann wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot festgenommen.
Sein Vergehen: Er hatte sich eine `Sonnenbrille mit Pappnase' aus einem
Eierkarton auf die Nase gesetzt (...). Schneller als seine Familie schauen
konnte, wurde er im Polizeikombi weggebracht."
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