| Beats
against ,,Utgard"
Diskussion
um Aktionsform
,,Winke,
Winke, Fascism - Weg mit dem Nazi-Laden Utgard" war das Motto eines
Aktionstages der ,,Autonomen Landjugend Fürth" gegen den rechtsextremen
Laden "Utgard" in Fürth am 13. Mai. Vor der Veranstaltung sorgten
das Motto und das Plakat, mit einem ,,Teletubby" versehen, für heftige
Diskussionen in der Autonomen- und Antifaszene.
Darf
Antifaschismus und Widerstand auch Spaß machen? Darf man oder frau
mit ,,diesem" Thema ,,so" umgehen? Wird die Bedeutung des Ladens durch
den Umgang der ,,Autonomen Landjugend" gar verharmlost?
Dies
war auf alle Fälle nicht im Sinne der ErfinderInnen, sie wollten vielmehr
mit einem etwas anderen Konzept auch Menschen ansprechen, die nicht auf
,,traditionelle" Antifa-Demonstrationen kommen würden. Ja, und Spaß
machen sollte das ganze auch noch. Die Nürnberger Zeitschrift ,,barricada
- für autonome Politik und Kultur" schrieb dazu: ,,Was Emma Goldmann
schon forderte, nämlich: Eine Revolution, bei der ich nicht tanzen
kann, ist nicht meine Revolution' soll am 13. Mai nun in Fürth Realität
werden. (...) In der Region wurschtelt alles so vor sich hin: Kulturschaffende
in ihren Zentren, die Autonome als allzu dogmatisch begreifen, und Autonome
in ihren Läden, die den Kulturschaffenden vorwerfen, allzu spaß-
und kommerzgesteuert zu sein. Wirklich? Nicht wirklich! Es gibt durchaus
Menschen im Großraum, die eine engere Zusammenarbeit im Politik-
und Kulturbereich anstreben. Ausdruck dieser Kooperation soll am 13. Mai
ein Aktionstag (...) sein, an dem sowohl ein breites Spektrum (Sub)-Kulturschaffender
als auch diverse linksradikale Gruppen und Einzelpersonen aus der Umgebung
beteiligt sind".
Vielleicht
war das Motto des Aktionstages ,,Winke, Winke, Fascism" wirklich etwas
unglücklich formuliert. Jedoch wurde ein Stück weit erreicht,
darüber eine Diskussion um die Form antifaschistischer Präsentation
anzuregen. Vielleicht ergibt sich ja noch die Möglichkeit, weiter
darüber zu diskutieren, wie autonome und/oder antifaschistische Aktionen
in Zukunft aussehen müssen, damit auch Menschen angesprochen werden,
die mit der Herangehensweise bisher wenig anfangen konnten, jedoch trotzdem
Interesse haben, sich an Aktionen wie beispielsweise gegen den rechten
Laden ,,Utgard" zu beteiligen. Vielleicht kann diese Zeitung ein Forum
für eine solche Diskussion sein.
Der
Aktionstag
Insgesamt
beteiligten sich im Laufe des Tages rund 500 Menschen an den Aktionen gegen
den Laden ,,Utgard". Auf einer fünfstündigen Auftaktkundgebung
sorgten DJ Maddas, DJ Tobias, die Punk-Band ,,Floert" und die ,,Flamingo
Massacres" für gute Stimmung.Gut
300 Menschen beteiligten sich an einer Demonstration in Richtung des Ladens
,,Utgard". Die Schreiberstraße, in der sich der Laden befindet, war
durch die Polizei abgesperrt. Im Laden befanden sich gut 30 Nazi-Skinheads.
Im Vorfeld mobilisierte die ,,Anti-Antifa" auf Plakaten nach Fürth. Nach
der Demonstration nahm die Polizei 12 Leute in "Gewahrsam". Eine Gruppe
AntifaschistInnen hatte versucht, nach der Abschlusskundgebung doch noch
in die Nähe des Ladens ,,Utgard" zu gelangen.
Auf
der anschließenden Benefiz-Party im TKKG bot der ,,Original Fürther
Polizeichor" - sein erster Auftritt in Fürth - Lieder rund um das
Verbrechen dar. ,,Nine Daise Wonder" und ,,Something is rotten in the state
of Wallawallabingbong" schlossen sich an. Namenlose Gäste brachten
noch einen kurzen, sensationellen Ausflug in die Welt des ,,Crust-Cores"
dar, zum Abschluss legten DJane Wally und DJ Jörg Freitag Platten
auf.
Insgesamt
ein sehr gelungener Tag, wenn auch ein paar Menschen mehr den Weg nach
Fürth hätten finden können. Aber vielleicht ja beim nächsten
Mal, die Autonome Landjugend kündigte nämlich an, keine Ruhe
zu geben, bis der ,,Nazi-Laden Utgard" geschlossen sei.
Der
Hintergrund
Der
Laden ,,Utgard" in der Fürther Schreiberstraße besteht seit
dem 20. März 1999 und ist Teil des Versuches der rechtsextremen Szene,
sogenannte ,,Nationale Projekte" bundesweit zu etablieren. ,,Utgard" hat
sich mittlerweile zu einem überregionalen Treffpunkt der Nazi-Szene
entwickelt. Der Name ,,Utgard" entstammt der Germanischen Mythologie und
steht dort für die Welt der Dämonen, Ungeheuer und Riesen. Von
außen wirkt der Laden eher wie ein Klamottengeschäft für
Skinheads. Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch CDs und Publikationen
mit neonazistischen, rassistischen, sexistischen und antisemitischen Inhalten
ins Auge. In dort erhältlichen Zeitschriften wird zur Teilnahme an
Nazi-Veranstaltungen aufgerufen und offen Hetze gegen AusländerInnen
und Menschen, die nicht in das Weltbild der Nazis passen, betrieben. Einer
der Inhaber hat enge Kontakte zur faschistischen NPD/JN, der andere ist
Mitglied der aus Fürth stammenden Nazi-Rockband ,,Nordwind". Diese
Band hat ein eigenes, in Fürth ansässiges Label. Für den
Laden wird auf rechten Homepages geworben, beispielsweise auf der Startseite
von nit.de.Seit
1991 haben deutsche Nazi-Bands rund 1,5 Millionen CDs mit neonazistischen
und rassistischen Texten produziert. Diese CDs sowie ein breites Angebot
mit rassistischen Accessoires wie T-Shirts, Zeitschriften oder Aufnäher
werden über ein Netz von mehr als 50 Vertrieben oder Labels sowie
Szeneläden, wie den Laden ,,Utgard", vertrieben. Innerhalb dieses
Produktions- und Vertriebsnetzes nehmen organisierte Neonazis eine herausragende
Stellung ein. Sie haben früh erkannt, dass insbesondere über
Musik massiv Einfluss auf große Teile der Jugendlichen gewonnen werden
kann. Die Nazis versuchen unter massivem Einsatz des Mediums Musik ihr
Konzept der ,,National Befreiten Zonen" durchzusetzen - oder sogenannte
,,Nationale Projekte" wie den Laden ,,Utgard" zu festigen. Die Strategie
der ,,Befreiten Zonen" wird seit 1992 von Kreisen der StudentInnenorganisation
,,Nationaldemokratischer Hochschulbund" verbreitet und zielt auf die ,,Etablierung
einer Gegenmacht", die durch einen Strukturaufbau unter sozialen wie ökonomischen
Gesichtspunkten und die nachfolgende Vernetzung der verschiedenen Projekte,
Initiativen und Kleinunternehmen zu erlangen sei. In einigen Regionen,
vornehmlich in der ehemaligen DDR, entwickelte das Konzept eine eigendynamische
Umsetzung. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Rechtsentwicklung wachsen
dort Nazi-Skinheadbanden immer mehr in die Rolle einer dominanten Jugendkultur.
Sie üben in ihren Territorien faktisch Macht- und Kontrollfunktionen
aus und sind in der Lage, die Sozialisation von Jugendlichen und sogar
Kindern in ihrem Einflussbereich zu prägen.
Mit
staatlicher Unterstützung eingerichtete ,,Nationale Jugendzentren",
in denen SozialarbeiterInnen häufig nur eine Alibifunktion haben,
bieten den Nazis Proberäume, Platz für Konzerte und Freiräume
zum Aufbau neonazistischer Strukturen.
Mit
dem Doppeleffekt, dass einerseits zigtausend an rechten Musikträgern
überwiegend unter Jugendlichen gestreut werden, andererseits große
Mengen Geld an rechtsextreme Funktionäre und Organisationen fließen.
Der Rechtsrock und die dahinterstehenden Musiknetzwerke sind in Deutschland
inzwischen ein entscheidender Motor bei der Rekrutierung von Jugendlichen
für die Nazi-Szene.
Statistisch
gesehen findet an jedem zweiten Tag irgendwo in Deutschland ein Nazi-Konzert
statt.
Der
Laden ,,Utgard" in Fürth ist Teil einer Entwicklung im ober- und mittelfränkischen
Raum. Hier hat sich in den letzten Jahren eine ausgeprägte neonazistische
Infrastruktur aufgebaut. Erwähnt sei beispielsweise das rechtsextreme
Label Di-Al-Records im Raum Nürnberg, die alteingesessene Rechtsband
,,Radikahl", das Fanzine ,,Der Landser" aus Nürnberg/Fürth oder
das in Amberg ansässige Fanzine ,,White and Proud" Auch im Bamberger
Umland ist eine sogenannte ,,Blood and Honour"-Gruppe aktiv. Diese war
im Juni 1999 Gastgeber eines Organisationstreffens von Nazis, an dem auch
eine 14-köpfige Delegation der britischen Neonaziterrorgruppe Combat
18 teilnahm.
Eine
weitere Schnittstelle der Neonazi-Skinhead-Szene sind der in Coburg ansässige
Versand und das Label DIM-Records, geleitet von Ulrich Großmann.
Im
Zusammenhang mit dem Laden ,,Utgard" treten Faschisten in Fürth und
Nürnberg selbstbewusster auf ,und rassistisch motivierte Übergriffe
nehmen zu. Am 23. Februar schlugen drei Deutsche einen 23-jährigen
Türken in der Fürther Hirschenstrasse zusammen. In der Nacht
zum 30. Januar griffen am Fürther Hauptbahnhof drei Fascho-Skinheads
einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe an und verletzten diesen schwer.
Drei türkische Menschen kamen dem Mann zu Hilfe und verhalfen ihm
zur Flucht. Am 27. Mai wurden drei ausländische Frauen Opfer rassitisch
motivierter Gewalt. An der Dammbacher Brücke wurden sie zunächst
mit rassistischen Sprüchen beschimpft, bevor eine Frau mit einer vollen
Bierdose am Hinterkopf verletzt wurde.
In
der Nacht nach Hitlers Geburtstag, am 21. April diesen Jahres, wurden in
Nürnberg die Fensterscheiben der linken Buchhandlung ,,Libresso" und
die des Stadtteilladens ,,Schwarze Katze" in Gostenhof eingeschmissen.
In dieser Nacht wurden in Nürnberg und Fürth Gruppen offensichtlicher
Neonazis beobachtet. In Fürth zogen sie rechtsextreme Parolen grölend
durch die Gustavstraße. Im Laufe des 20. Aprils schleppten rund ein
Dutzend Nazis größere Mengen Alkoholika in den Laden ,,Utgard",
was zumindest auf eine geplante Hitler-Geburtstagsfeier hinweist.
AnwohnerInnen
des Ladens ,,Utgard" fühlen sich seit dessen Existenz zunehmend bedroht.
Immer mehr RechtsextremistInnen besuchen den Laden und mittlerweile auch
die umliegenden Kneipen in der Südstadt. Vermehrt werden AnwohnerInnen
durch die Nazis verbal attackiert.
Neben
dem Aktionstag am 13. Mai demonstrierten bereits im November 1999 rund
200 AntifaschistInnen gegen den Laden. Im Juli 1999 und in jüngster
Zeit sorgten eingeworfene Scheiben und Sprühaktionen bei "Utgard"
für erheblichem Sachschaden.
Dass
sich Widerstand gegen ,,Nationale Projekte" lohnen kann, zeigt sich am
Beispiel Augsburg. Die von den Nazis groß angekündigte Eröffnung
des Geschäftes ,,Befreite Zone" im Oktober 1998 scheiterte bereits
am Eröffnungstag am Protest vor Ort von rund 600 AntifaschistInnen.
Die Behörden erließen daraufhin Auflagen gegen die Inhaberin,
eine Funktionärin der NPD/JN, die einen Ladenbetrieb unmöglich
machten.
P.S:
Erfreuliches kurz vor Redaktionsschlus! Der Laden "Utgard hat Anfang Juni
die Pforten in Fürth geschlossen. Jetzt gilt es wachsam sein, ob irgendwo,
irgendwann versucht wird, ein Ausweichobjekt zu eröffnen.
Literaturtip:,,White
Noise- Rechts-Rock, Skinhead-Musik, Blood & Honour - Einblicke in die
internationale Neonazi-Musik-Szene" Erschienen in der Reihe antifaschistischer
Texte im UNRAST - Verlag.
Autonome
Landjugend Fürth
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