Von Nützlingen und Schädlingen
Die Verschärfung der Einwanderungsdebatte
Mit der Verschärfung der Definition des idealtypischen
nützlichen Ausländers verschlechtert sich die Situation
für die meisten Flüchtlinge in Deutschland. Besonders
die Verbesserung der Abschiebemaschinerie von der immer geringer
werdenden Anerkennungsquote als AsylbewerberIn über die
Perfektionierung der Abschiebeknäste und Abschiebungen
bis hin zur Verlagerung der Fluchtströme in Drittländer
ist hier augenfällig. Es ist kein Zufall, dass die wenigen
Verbesserungen in der Lebenssituation von Flüchtlingen
wie die Lockerung des Arbeitsverbotes auf die Verwertbarkeit
als Arbeitskraft zielen. Auch die sparsame Veränderung
des Staatsangehörigkeitsgesetzes als rotgrüne Modernisierung
ging an den Bedürfnissen und Erfordernissen der meisten
MigrantInnen vorbei. Auf der politischen Ebene wird europaweit
über die weitere Einschränkung des Asylrechtes nachgedacht.
Von einer Legalisierung der Illegalen ist Deutschland nach wie
vor weit entfernt. Geht es nach dem Willen der konservativeren
Kräfte in der Politik, so wird auch der Integrationsdruck
auf Gruppen wie Spätaussiedler und MigrantInnen der zweiten
und dritten Generation steigen. Der Druck auf alle nichtnützlichen
Gruppen, wie er aktuell auf Langzeitarbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen
etc aufgebaut wird, verschärft die Diskriminierungen des
institutionellen Rassismus für "Ausländer"
zusätzlich. Eine Transformation des Rassismus führt
zu weniger "Ethno-Diskriminierung" und mehr Wohlstandschauvinismus
und "Nützlichkeitsrassismus".
Nützlichkeitsrassismus der Neuen Mitte
Zu Widersprüchen kommt es in der Einwanderungsdebatte
im wesentlichen auf den Ebenen der politischen Diskurse. Hier
steht eine "das Boot ist voll"-Mentalität einer
auf völkischer Zugehörigkeit setzenden Rechten den
strikt mit Nützlichkeit operierenden Charaktermasken der
Neuen Mitte gegenüber. Auf der Ebene des Nationalismus
können wir eine Modernisierung des völkischen Verständnisses
hin zur Standortpolitik feststellen und diese auch als nationalistische
Politik angreifen. Sie zielt weder auf eine soziale Verbesserung
innerhalb des Nationalstaates noch auf die Fiktion des "fairen"
Wettbewerbs zwischen dem Norden und dem Süden. Genauso
deutlich lässt sich die Metamorphose des rassistischen
Grundverständnisses erkennen und herausarbeiten. Der erweiterte
Begriff des Rassismus hat sich immer schon auf verschiedene
Rassismen bezogen: völkische, körperliche, kulturelle,
sprachliche etc. Diese werden in einem Verständnis von
"Nützlichkeitsrassismus" nicht aufgehoben, sondern
verschränken sich damit. Unter Nützlichkeitsrassismus
wird die Einsortierung der Lebenschancen nach dem Kriterium
der Verwertbarkeit, also Diskurse um Rechte von "Behinderten"
u.a. verstanden. Die Fokussierung der mit jeder Form des Rassismus
einhergehenden Überlegenheit auf neuerdings Erfolgreiche,
tüchtige Wohlhabende usw. ist tatsächlich einer globalen
Wirtschaftsweise angemessener als der alte nationale Blick.
Dieser wird jedoch nicht einfach außer Kraft gesetzt, sondern
findet seine Entsprechung im unützen Ausländer, der
Sozialhilfe bezieht - und sei es in der Form von Fresspaketen.
Ich halte es schon für wichtig, das Kriterium der Nützlichkeit
ebenso scharf zu kritisieren wie traditionell rassistische Kriterien.
Selektiv durchlässig
Das Einwanderungsgesetz oder Zuwanderungsbegrenzungsgesetz
verfolgt neben den unmittelbar wirtschaftlichen Zielsetzungen
noch diejenigen der Zuwanderungsbegrenzung und der Zuwanderungssteuerung.
Dies sind originär staatliche Interessen, die durchaus
den Anliegen "der Wirtschaft" entgegen stehen können.
Das Eigenleben des Apparates ist ein push-Faktor nicht nur im
Grenzregime, sondern im Migrationsregime. Die Kontrolle über
die Zuwanderung läuft derzeit auf rechtlicher Ebene annähernd
reibungslos, allerdings gibt es auf der Ebene der Praxis und
der Fähigkeiten der Exekutive noch einige Probleme. Wobei
schon das selektiv durchlässige Grenzregime an den Außengrenzen
auf potentielle Widersprüche zwischen den Architekten der
Festung Europa und den Nutznießern der illegalen Einwanderung
hindeutet.
Gekürzter Auszug aus einem Beitrag der Forschungsgesellschaft
Flucht und Migration. Der ausführliche Artikel erschien
in der Zeitung zum Grenzcamp.
kein mensch ist illegal-Grenzcamp bei Frankfurt am Main
27.7. bis 5.8.2001. Infos unter: www.aktivgegenabschiebung.de
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