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Die Vergangenheit der Zukunft
Nürnberg ist eine Stadt der Menschenrechte
Nach den wenig einladenden Titeln "Stadt der Reichsparteitage",
"Stadt der Rassengesetze" und "Stadt der Kriegsverbrecherprozesse"
hat Nürnberg einen Namen gefunden, der die Aufarbeitung
der eigenen Geschichte wiederspiegeln soll: "Stadt der
Menschenrechte". Wir wohnen in einer von 41 "European
Cities for Human Rights", welche sich besonderes Engagement
in Menschenrechtsfragen auf die Fahnen schreiben. Ob "Internationaler
Nürnberger Menschenrechtspreis", "Straße
der Menschenrechte" oder "Internationale Menschenrechtskonferenzen",
die Stadt tut einiges, um ihrem neuen Image gerecht zu werden.
Sie leistet sich gar einen "Menschenrechtsbeauftragten"
im "Menschenrechtsbüro", der zusammen mit der
kritischen Öffentlichkeit (amnesty international, IPPNW,
AK Asyl etc.) an einem "Runden Tisch Menschenrechte"
tafelt. Und auch die Eröffnung des "Dokumentationszentrums
Reichsparteitagsgelände" wird im Zeichen der Menschenrechte
stehen. Dieses Engagement ist weder Heuchelei noch Instrumentalisierung
einer emanzipatorischen Kategorie. "Stadt der Menschenrechte"
steht nicht für einen Bruch in der Lokalgeschichte, sondern
für die Fortdauer der Bedingungen, unter denen Nürnberg
zur Stadt der Parteitage und Rassengesetze wurde.
Marktmenschen
Die Idee unveräußerlicher individueller Rechte bestimmt
das bürgerliche Nachdenken über das Verhältnis
des Staates zu seinen Untertanen. Der Mensch soll danach frei
sein, also vom Staat und Dritten unbehelligt alles tun können,
was Anderen nicht schadet. Und er soll gleich sein, niemand
also aufgrund seiner persönlichen Merkmale bevorzugt oder
bestraft werden dürfen. Diese gleichberechtigte Freiheit
als nicht abgeleitetes, natürliches Recht der Einzelnen
ist einerseits ein Abwehrrecht gegen den Staat, in welches dieser
nicht eingreifen darf. Die Menschenrechte verweisen also auf
ihre potentielle Gefährdung durch den Souverän. Zugleich
aber bedeuten sie eine Forderung an den Staat: Nur er ist in
der Lage, Rechte zu gewähren oder zu entziehen, den Einzelnen
das ihnen zukommende zu gewähren. Aus diesem Grund sollen
sich die Menschen auch überhaupt erst zu Staaten zusammengeschlossen
haben. Dieser paradoxe Charakter durchzieht die bürgerliche
Staatstheorie von Beginn an. Was der Mensch von Natur aus sein
soll, muss erst durch eine von den Menschen erschaffene Allgemeinheit
durchgesetzt werden. Die Freien und Gleichen, die angeblich
den Staat durch Übereinkunft konstituieren, sind ohne dessen
Existenz nicht denkbar. Ihre scheinbar natürliche Existenz
ist ebenso Resultat eines historischen Prozesses wie die als
natürlich vorgestellte kapitalistische Tauschgesellschaft.
Der Mensch der Menschenrechte ist Warenbesitzer- und Warentauscher,
weshalb keine Proklamation des Menschenrechts am Recht auf Eigentum
vorbeikommt. Die Rechtsförmigkeit des Menschen ist in der
gegenseitigen Anerkennung als Eigentümer gesetzt, ohne
die zwar Raub und Herrschaft, aber keine Wertverwertung möglich
ist. Durchsetzung der Menschenrechte bedeutet die Durchsetzung
der Voraussetzungen kapitalistischer Normalität. Menschenrechte
sind Ideale, die sich verwirklichen, indem die kapitalistische
Vergesellschaftung Realität wird.
Reichsparteitage
Der Mensch der Menschenrechte ist also zunächst isolierter
und formalisierter Einzelner, den nichts als seine Freiheit,
Gleichheit und Fähigkeit zum Eigentum auszeichnet. Nun
soll er in die Gemeinschaft aller anderen Marktmenschen treten,
um geführt von einer unsichtbaren Hand am Wunder des Kapitalismus
teilzuhaben: Einer Gesellschaft, die aus nichts als freien und
gleichen Asozialen besteht. An die beständige Wiederkehr
dieser modernen Genesis ist das Überleben des Einzelnen
gebunden, als reiner Mensch jedoch ist er nichts als ein prekäres
Rädchen in jener unsichtbaren Hand, als Arbeiter jederzeit
ebenso ersetzbar wie eine veraltete Maschine, als Kapitalist
vom Erfolg in der Konkurrenz und dem Ausbleiben der Krise abhängig.
Der abstrakte Mensch muss daher seine Beziehung zum Garanten
seiner Rechte immer auch inhaltlich ausgestalten, um nicht der
Gefahr der plötzlichen Entwertung und damit der Überflüssigkeit
ausgesetzt zu sein. Erst die Nation als Geburtsgemeinschaft
versichert den Einzelnen, durch einen natürlichen Vorgang
notwendiger Teil des Ganzen zu sein. Was könnte schon natürlicher
sein als die Geburt? Durch die Nationalisierung wird der Staat
vom strafenden Fremden zum fördernden Vater und Herrschaft
zu Erziehung. Aus der repressiven Vergleichung wird ein emotionales
Bedürfnis. In Deutschland entwickelte sich dieses Bedürfnis
deshalb so ungebrochen und zwanghaft, weil der Staat hier nie
als Zwangsverhältnis aufgefasst worden war, d.h. keine
Distanz des Bürgers zum Souverän überwunden werden
musste. Deutsche Bürger hatten nicht aus freiem Gewinnstreben,
sondern aus sozialer Verantwortung zu handeln. Liberal hieß
spätestens seit 1848 nationalliberal und Wirtschaft Volkswirtschaft.
Schaffendes Kapital und deutsche Arbeit wurden zum Gegengift
gegen den "Manchesterkapitalismus". Reichsparteitage
waren unter diesem Blickwinkel Präsentationen der deutschen
Ausgestaltung der formalen Rechte des Menschen. Auf dem Zeppelinfeld
wurde die Reduzierung der Menschen auf "natürliche"
Wesenheiten zur Schau gestellt und gefeiert. Der zur Gesellschaft
gezwungene Asoziale versicherte sich hier der Zugehörigkeit
zum Kollektiv der Gleichen. Die Verbrechen der Deutschen als
Verletzung der Menschenrechte zu definieren hieße daher,
die gesellschaftliche Basis gründlich zu verkennen, auf
der sie erst möglich wurden.
Nürnberger Gesetze
Die Nürnberger Gesetze waren Ausdruck des Bestrebens, den
als natürlich verstandenen Menschen der Volksgemeinschaft
gewaltsam herzustellen. In den Straftatbeständen "Rassenverrat"
und "Rassenschande" lassen sich so die Widersprüche
des bürgerlichen Gesellschaftsbildes wiedererkennen. Das
angeblich Natürliche ist das höchst Künstliche,
das erst durch die Anwendung staatlichen Zwanges verwirklicht
werden kann. Wer dem Menschenrecht nicht genügt, hat sein
Recht verwirkt, als Mensch anerkannt zu werden. Die Nazis demonstrierten
die nackte Wahrheit der Menschenrechte: Die Reduktion auf ein
dem Einzelnen äußerliches Gattungswesen. Die gemeinsamen
Merkmale dieser Gattung werden erst durch die Identifizierung
und Vergleichung geschaffen. Letztlich ist das, womit die Menschen
identisch sein sollen, abhängig von der gewählten
Strategie, sich des Fortbestandes der unverstandenen Vergesellschaftung
zu versichern.
Nürnberger Prozesse
Bezeichnen die Nürnberger Gesetze die Konsequenz des "natürlichen"
deutschen Kapitalismus, so kann man in den Nürnberger Prozessen
das Versäumnis ablesen, die Verhältnisse so einzurichten,
dass sich derartiges nicht wiederholen möge. "Wir
möchten klarstellen, dass wir nicht beabsichtigen, das
deutsche Volk zu beschuldigen," sagte der amerikanische
Hauptankläger Robert H. Jackson zu Beginn des Hauptkriegsverbrecherprozesses.
Damit aber war klar, dass schon die naheliegendste Konsequenz
aus dem kollektiven Verbrechen nicht gezogen werden würde,
nämlich das Verbrecherkollektiv aufzulösen. Subsumiert
wurden die Taten Einzelner unter teilweise neu geschaffene Straftatbestände,
während die "breite Masse des deutschen Volkes"
(Jackson) sich als Opfer von "Gewaltherrschaft" verstehen
durfte. Die Historisierung des Mordes an den europäischen
Juden deutete sich damit bereits an, ebenso wie die Verwendung
der neugeschaffenen Tatbestände für zukünftige
"totalitäre" Verbrechen, an deren Ahndung sich
die Deutschen mit besonderem Eifer beteiligen sollten. Der marktwirtschaftliche
Betrieb ging weiter und Auschwitz wurde in die Kette von historischen
und damit belanglosen Katastrophen eingereiht, deren "Vermittlung"
immer nur der Verklärung der Gegenwart dient. Besiegelt
wurde diese Entwicklung durch die "Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte" der Vereinten Nationen (1948): "...
da Verkennung und Missachtung der Menschenrechte zu Akten der
Barbarei führten ..." wird verkündet, alle Menschen
seien "frei und gleich an Würde und Rechten geboren".
Unter dem Fortwesen der unverstandenen kapitalistischen Vergesellschaftung
heißt dies heute, "einer Welt, die vor lauter Überfluss
an Waren die Menschen überflüssig und darum aus ihnen
zu allem fähige Banditen macht, im großen finalen
Feuerwerk noch einmal ihren verheißungsvollen Anfang"
vorzuspiegeln (Tina Heinz). Durchsetzung der Menschenrechte
zielt darauf, überall die Voraussetzungen der marktwirtschaftlichen
Akkumulation aufrecht zu erhalten, zu der die meisten Mitglieder
der "menschlichen Familie" (UN-Erklärung 1948)
längst nicht mehr gebraucht werden. Unter dem Banner der
Verewigung der "freien Welt" verewigen die Menschenrechte
militärische Gewalt.
Die Stadt Nürnberg jedenfalls liegt mit ihrem Engagement
für die Menschenrechte auf der Höhe der Zeit. In ihrer
Geschichte und Gegenwart spiegelt sie die mörderischen
Folgen von Freiheit und Gleichheit. Nürnberg ist eine Materialisierung
der deutschen Idee, aus dem Mord an den Juden eine besondere
"Verantwortung für die Menschenrechte" abzuleiten
und den Nationalsozialismus in die Legitimation deutscher Kriegseinsätze
einzubeziehen. Und Nürnberg ist die Verwandlung des Grauens
in "antitotalitäre" Volkspädagogik und eine
Touristenattraktion mit Eventcharakter: "Faszination und
Gewalt". "Es ist erfreulich, dass es uns gelungen
ist, das Projekt als nationale Aufgabezu verankern"
sagte OB Scholz über das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
(zitiert nach: "Die Zukunft der Vergangenheit", Hervorhebung
von mir). Die Verteidigung der Menschenrechte ist eine nationale
Aufgabe; wer sich an ihr beteiligt, hat seinen Frieden mit Deutschland
längst geschlossen.
Olli
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