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IF WE HAVE NOTHING LEFT TO SAY THERE'LL BE NO REASON LEFT
TO STAY
- Gesprächs- und andere -fetzen, die erste
IF WE STAY
Als ich im Fernsehen höre, dass John Lee Hooker gestorben
ist, finde ich es nur kurz schade um ihn. Als ich von seinen
19 Kindern und Hunderten von Enkeln höre, frage ich mich
eher: Was ist das für ein Mensch gewesen? Jack Lemmon ist
auch tot. Alfons Bieler auch, den kennt aber fast niemand und
er starb klammheimlich ohne eine große Lücke zu hinterlassen,
außer bei seiner Frau, die sich seitdem zunehmend vernachlässigt.
Vielleicht weil sie über 40 oder 50 Jahre hinweg verlernt
hatte, mehr als seine Frau zu sein. Als er starb, war ich auswärts
auf einem Konzert. Nun lässt ihre Konzentrationsfähigkeit
nach, aber auch die physische Kraft. Nachdem sie - auch das
als ich auf einem Konzert in einer anderen Stadt war - nur mit
ihrer Unterhose bekleidet durch die Wohnung lief während
eine entfernte Bekannte sie besuchte, überlegen ihre nächsten
Verwandten nun, sie in ein Pflegeheim zu geben. Weil das ja
auch irgendwie entwürdigend sei, wenn ihr solche Dinge
passierten. Und alleine könne sie nun mal nicht mehr gelassen
werden und gefüttert und gewickelt müsse ja schon
der frische Nachwuchs werden.
IF WE HAVEN
Nach dem Frühstück gehe ich erst mal langsam und
gut gelaunt durch die Stadt, um dem neuen Tag zuvorzukommen
und ihn aufzusaugen, bevor er mich aufsaugen kann. Die Gesichter,
denen ich begegne - und ich gehöre zu den Menschen, die
erst mal Gesichtern begegnen und sich nicht gleich von Körpern
überrollen lassen - erscheinen mir heute etwas gleichförmig.
Die gleiche nicht vorhandene Ausstrahlung bei den hübscheren,
die gleiche stumme Verzweiflung beim großen grauen Rest.
Hektisch wird versucht, den Tag mit Tätigkeit zu füllen
- von irgendwas musst du ja leben und was wäre das Leben,
wenn du dir nicht ab und zu was gönnst. Also gleich früh
vorm Arbeiten noch schnell durch die Ladenstraße gehuscht
und etwas erworben. Die Kraft des Neuangeschafften reicht gerade
mal so, um den Arbeitstag in milden Glanz zu hüllen. Kaum
daheim ausgepackt, erlischt der Schein schon wieder. Erschöpft,
aber respektvoll trete ich schließlich vor soviel Einkaufstüten
auf die Seite und warte am Straßenrand darauf, dass mein
Herz langsamer oder gar nicht mehr schlägt. Obwohl mich
niemand verfolgt, bin ich davon überzeugt, dass heute Abend
zu Hause ein Streifenwagen auf mich warten wird. Überall
Kameras in den Läden, jetzt auch schon in den Straßen
- wenn du einmal in diese zweidimensionalen Krallen geraten
bist, gibt es natürlich kein Entwischen mehr. Der Geruch
von gerösteten Bratwürsten macht mich traurig und
mir wird leicht übel. Ich muss an den Geruch denken, den
ich bei einem Unfall aufschnappte, bei dem ein Mensch in einem
Autowrack verbrannte. Oder an Lost Highway. Ich fordere schnellere
Schnitte, wir sollten öfter den ersten Take nehmen. Sonst
kommen wir nicht mehr nach. Wie beim Klonen. Die Angst davor,
dass es irgendwann möglich sein könnte, wurde schleichend
abgelöst von der Information, dass es möglich sei.
Aber es gehört zu den Dingen, von denen mir das bloße
Wissen nicht zur Gewissheit reicht. Müsste mir schon jemand
vorführen. Die Information, dass in bestimmten Bereichen
das Klonen noch nicht praktiziert werde, ist falsch. Davon gehe
ich aus. Aber weil ich ja noch nicht mal richtig an das Klonen
glaube, brennt mir das Bedürfnis zu einer breiten ethischen
Diskussion nicht wirklich auf den Nägeln. Umfrage bei BRAVO-TV:
Würdest du dich klonen lassen? Würdest du dir eine
geklonte Lunge einsetzen lassen, wenn deine erste irreparable
Schäden vom vielen Rauchen aufweist? Alles eine Glaubensfrage.
NO REASON
Ich kaufe mir schwarzen Nagellack, weil ich überzeugt
davon bin, das könnte die Welt verändern, aber eine
Stunde nachdem ich ihn aufgetragen habe, hat sich immer noch
nichts getan. Worauf ich ganz in naivem Glauben immer wieder
reingefallen bin, sind Viruswarnungen, die per Email reinschneien.
Obwohl mir schon mal ein Freund erzählt hatte, dass per
Email verschickte Warnungen eigentlich nie wahr sind, glaube
ich solchen Meldungen wegen ihrer welterschütternden Dringlichkeit
doch immer ein wenig. Die Angst, im virtuellen Raum alles zu
verlieren, was sich im Laufe der Jahre auf meiner Festplatte
angesammelt hat, treibt mich um. Ich beneide dann immer die
Leute, die sich richtig auskennen und lächelnd abwinken.
Ob das den christlich-treuherzigen Gläubigen wohl auch
so geht? Jesus Freaks sind am schlimmsten, in ihrer verklärt-hippen
Wirliebenallesundalle-Mentalität. Nichts ist ein Problem,
Papa da oben wird's schon richten. Über 10.000 junge Menschen
in der BRD haben gelobt, dem Sex bis zur Ehe zu entsagen: AnhängerInnen
der WLW ("Wahre Liebe wartet"). Eine weitere Blüte,
hervorgetrieben von unserem großen Commencement-De-Siècle-Ennui.
Aber halt - in einer Zeitschrift lese ich, dass es da noch ganz
andere Beweggründe gibt: kein Sex - kein Störfaktor
beim Hinarbeiten auf die erste Unternehmensgründung, keine
emotionale Leistung, die Leistung auf anderen Gebieten dezimieren
könnte. Oder, so die Worte einer 17jährigen: "Manche
sind bei Greenpeace, andere sind rechtsradikal, und ich stehe
eben für Jungfräulichkeit."
REASON TO STAY
Ich fühle mich immer öfter so, wie es Bachtin über
die Rolle der Narren im Roman schrieb: "Sie sind Schauspieler
des Lebens, ihr Sein fällt mit ihrer Rolle zusammen, und
außerhalb dieser Rolle existieren sie überhaupt nicht.
Es ist ihre Eigentümlichkeit und ihr besonderes Recht,
fremd auf dieser Welt zu sein. Mit keiner der auf dieser Welt
vorhandenen Lebenslagen solidarisieren sie sich, nicht eine
behagt ihnen; sie bemerken die jeder Lage anhaftende Kehrseite
und Lüge." Aber selbst das missgerät mir zur
Pose. Auch das vermögen andere besser zu verkörpern
als ich, merke ich an. Aber wenigstens tue ich so, als ob ich
mich selbst schreiben würde, auch wenn einiges sonstwoher
zusammengeklaut ist. Manchmal gehe ich in Buchläden und
reiße ohne hinzusehen kleine Papierstreifen aus Büchern.
Draußen versuche ich dann aus all diesen Bruchstücken
etwas zusammenzusetzen und es zu füllen mit was auch immer
mir als richtig in den Kopf schießt. Richtig schlimm sind
nur die Tage, in denen nichts richtig scheint, nichts gewiss
ist.
REASON TO LEAVE
Ein Freund bestätigt mir, dass diese Sorte paarungsunwilliger
Jungchristen auch noch eine inhärente mit einer Ablehnung
von Selbstbefriedigung und gleichgeschlechtlicher Liebe einhergeht.
Bei ihnen werde noch an Natürlichkeit, und somit auch an
Unnatürlichkeit geglaubt. Wie nett sie dabei lächeln
können. Beim Frühstück draußen liegt eine
Zeitschrift rum, in der über Aktionen zum nächsten
IWF-Treffen in Genua geschrieben wird. Viel zu leichtfüßig
werden WEF, IWF oder Weltbank zu dämonischen Apokalypse-Rössern
aufgezäumt, auch hier wird vieles zur Glaubensfrage. Ich
freue mich darüber, mit Menschen, die mir wichtig zu sein
scheinen, in der Sonne zu sitzen und Auto zu fahren. Irgendwann
tanze ich seelig in mich hinein grinsend zu garantiert 30 bis
40 Jahre alter Musik. Ich höre ungestört zu, jenseits
irgendwelcher "ist das nicht x in der Version von y, wo
auch z mitgespielt hat?"-Gespräche; jenseits eines
Aktualitätsanspruches von Musik. Aber leider spielt sich
das alles auch im Jenseits ab. Maroder Beigeschmack. Außerdem
ärgere ich mich darüber, dass ich bei den meisten
Liedern nicht mitsingen kann. Zeit für ein Bier. In einem
anderen Club sehe ich mir das Abziehbild einer Punkband an.
Die Besoffenen fliegen nur so durcheinander, während die
Sängerin von ihrer Vergangenheit als "Teenage Lesbian"
singt und mit Wörtern wie "cunt" und "pussy"
um sich spuckt, die ihre Provokationskraft irgendwo zwischen
den späten 70ern und heute verloren haben. Das alles in
einer Soundqualität, die so authentisch schlecht ist, dass
ich bald rausgehe. Ich sehe bekannte Gesichter, führe bekannte
Gespräche, erlebe bekannte Reaktionen. Du musst schon erzählen
können. Kommunikativer Marktwert. Sonst kauft dir keiner
was ab. Du musst den Leuten vermitteln können, wie es ist,
wenn sich dir die Nackenhaare aufstellen. Dazu musst du das
nicht mal empfinden können. Ich gehe über den Hof,
auf die finstere Seite, mache mich auf einen langen Fußweg
nach Hause auf. Plötzlich bemerke ich, dass ich in einer
verdammt dunklen Straße bin und Geräusche anderer
Schritte als meiner jagen mir Kälte ins Blut. Ich bereue
auf einmal, nie einen dieser Selbstverteidigungskurse gemacht
zu haben und verfluche die Tatsache, heute einen Rock angezogen
zu haben, indem ich mich plötzlich ekelhaft entblößt
und angreifbar fühle. Manche Dinge muss ich nicht erleben.
Manche Dinge muss ich nicht erzählen.
SAY SAY
"Dickes B" krieg ich auch nicht mehr aus dem Ohr.
300 Millionen hat dieser Pearl Harbor-Film gekostet. Hm. Und
"I Love Her So Much It Hurts Me" von den Majestics
begleitet mich auch schon den zweiten Tag. Schweißüberströmt
in einem Zelt zu erwachen und zu wissen, dass der Tag verloren
ist. Sich als zweiten Gedanken bewusst zu werden, dass es egal
ist. Just an dem Tag, an dem ich mich seit langer Zeit mal wieder
einfach hinsetze um jenseits von Wahrheit, Stringenz und Copyright
vor mich hinzuschreiben stößt mich eine Newssite im
Internet mit der Nase darauf, dass die Urheberrechte gestärkt
werden sollen. "Die Wunderwelt des geistigen Eigentums
ist noch immer ein freier Markt. Das ist gut so, weil das in
Deutschland etwas mit der Freiheit der Rede zu tun hat und bisher
eine kulturelle Vielfalt garantiert, die keiner missen möchte
- nicht nur in der Literatur." Ich beschließe, darüber
was im Radio zu machen, was vielleicht genauso unausgegoren
und unabgeschlossen bleiben wird wie dieser Beitrag hier. Wenn
ich genügend lose Enden rumliegen lasse, greift sich vielleicht
jemand eines und knüpft an.
Evi Herzing
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