Lass rocken, Baby!
Ich habe mich immer nur mit großer Vorsicht auf
Frauen eingelassen, die zu geschmackssicher waren und zu
gut wussten, warum sie welche Musik hörten. Diese Form
von Emanzipation war mir immer etwas unheimlich. Außerdem
war ich mir sicher, dass jemand, der "meine" Musik
zu gut versteht, mich zu sehr durchschaut - und auch das
war mir nicht lieb.
(Christian Gasser, Mein erster Sanyo - Bekenntnisse eines
Pop-Besessenen, Edition Tiamat, 2000)
Der Schweizer Radio DJ Gasser gibt uns wenigstens eine Erklärung
für die zwischen Feminismus und Popkultur herrschenden
Missverhältnisse: Frauen, die sich auf dies vom Mann bevorzugte
Terrain begeben, sind einfach unheimlich. Dass daraus Abwehrhaltungen
resultieren, sobald Frauen mit resoluter Haltung ihre Meinung
vertreten, ihre Ansprüche einfordern, lässt sich vermuten.
Von
der Selbstverständlichkeit der Frauen im Pop kann also
auch im neuen Jahrtausend keine Rede sein, die Diskussionen,
die in den letzten paar Jahren immer wieder angestoßen
wurden - über das Musikerinnensymposium Espressiva oder
auch Flittchen Records - sind abgeebbt, stellte die Musikerin
Christiane Rösinger dieser Tage fest. Natürlich ist
es schön, wenn eine bundesweit kostenlos erscheinende Musikzeitschrift
eine Ausgabe "Sie" übertitelt - aber enttäuschend
ist es, wenn unter dem Zeichen des Fun und im Wissen, dass Lieder
nicht töten können, in der nächsten Ausgabe der
Diskussion mit und um Eminem windelweich aus dem Weg gegangen
wird. Allein Texte à la Eminem überhaupt diskutieren
zu wollen, wirkt schon spießig, spaßverderbend und
moralinsauer. Ist doch alles nur ein Witz - komisch nur, dass
es niemanden stört, dass alle ach so lustigen Abfälligkeiten,
alle heiteren Tabubrüche sich stets gegen dieselben Gruppen
richten - Gruppen, die immer schon unterdrückt und ausgegrenzt
und Objekte schlechter Witze waren.
Dafür kriegen junge Mädchen nach den Spice Girls Britney
Spears als Identifikationsfigur angeboten, die - huch, wie kommt´s
- wieder einmal allen Kriterien des kapitalistisch-patriarchalen
Unterhaltungszirkus´ entspricht: blond, weiß, zwar
bauchnabelfrei, aber doch brav, schlank, silikonverstärkt.
Und wieder wäre es erstens humorlos und arrogant, den Teenies
das Vergnügen nicht zu gönnen, einige relevante Lebensaspekte,
"including Gekichere und hochbestürzte Telefonate
mit der besten Feundin" auf CD wiederzufinden (Kerstin
Grether) und zweitens, so die Redakteurinnen des Wiener Femzine
Nylon: "Trotzdem glaube ich, dass solche omnipräsenten
Vorbilder wie die Spice Girls doch etwas für junge Mädchen
leisten können, weil dann zumindest deutlich ist, dass
nicht nur Testosteronbeulen wie Eminem und Limp Bizkit draußen
herumgeistern."
Aus gegebenem Anlass eine kurze Rückblende zu Woodstock
99: Wir könnten uns erinnern, dass bei diesem Megaereignis
ältlichen Rollenverteilungen zwischen Männern und
Frauen neues Leben eingehaucht wurde. Konzertbesucherinnen gaben
das sexy Rock Chick, sassen auf den Schultern ihrer Typen und
störten sich weder an den frauenfeindlichen Texten von
Bands wie Kid Rock oder Limp Bizkit noch an Sprechchören,
die Sheryl Crow aufforderten, ihre Brüste zu zeigen. Wir
könnten uns erinnern, dass es während dieses Woodstock-Revivals
fünf Vergewaltigungen gab, eine davon direkt vor der Bühne
während des Auftritts von Limp Bizkit.
Alles kalter Kaffee, kann die Band doch nichts für? Nein,
das soll uns gar nicht unter die Hirnrinde dringen, ist ja coole
Mucke, ey! Ist in, Mann! - und so gelten Bands wie Kid Rock
und Limp Bizkit inklusive ihrer frauenverachtenden Texte als
Aushängeschilder eines angesagten NeoMetal, werden auch
schon mal bei Radio Z gespielt und spielen auch - Überblende
- Pfingsten 2001 bei Rock im Park. Spätestens bei der Lektüre
der örtlichen Zeitung danach wird klar, wieviel von vergangenen
Moden und Posen die Rede ist, wenn´s denn gerade in den
Kram des jeweiligen Herrschaftsdiskurses passt und wie wenig
sich in gewissen Bereichen tatsächlich verändert.
Das Rock Chick, die einfach nur begeisterte, kritiklose Zuhörerin,
Anhängsel des Musikkenners, lebt - zumindest für Berichterstatter,
deren Freude am Job darin besteht, alte Klischees aufzuwärmen.
Da gab es Bilder von Kid Rock mit seinen Bikinitänzerinnen
und eines von vier Mädchen mit geschlossenen Augen - Bildunterschrift:
"Wilde Verzückung. Restlos begeisterte weibliche Rockfans."
Die wilden verzückten Jungs im Moshpit bei den New Metal
Bands zeigt die Nürnberger Nachrichten dann doch lieber
nicht - würde vielleicht der Vermittlung des Festivals
als Spaß für die ganze Familie abträglich sein.
Außerdem sticht ein Artikel von Stefan Kinner ins Auge,
der sich mit seinen Worten an den Künstlerinnen des Festivals
entlangschmiert. Das tut dann doch ein wenig weh. Alanis Morrissette
ist das "zerbrechliche Pop-Püppchen", Anastacia
wird zum Powerweib mit starker schwarzer Stimme und der Kritiker
gesteht ihr zu: "Die Chancen stehen nicht schlecht, dass
aus dem bislang recht gut funktionierenden Tina Turner/Aretha
Franklin-Klon im Frühstadium mal eine wirklich grosse Entertainerin
wird." Warum kann eine Musikerin nicht einfach gut oder
schlecht sein? Ohne dass das ganze Begriffsrepertoire von Powerfrau
bis Kindfrau rausgezogen wird? Wir haben manchmal das Gefühl,
dieser Sorte Kritiker geht es auf einem Konzert nur darum, Bekanntes
wiederzuentdecken. Statt über überraschende Momente
zu berichten, scheint es nur darum zu gehen, die passende Schublade
zu finden. Das verschafft Befriedigung ...
Ergänzung findet derlei in allgegenwärtigen Alltagsstrategien,
vor allem in Werbung und Videos, die als Rollback oder als freche,
souveräne Umdeutung interpretiert werden können. Sexismus?
Ist doch passé! Machen wir doch nicht mehr, das schwöre
ich! Also darf wieder frisch und munter mit bloßer Haut,
tiefem Dekollete und möglichst großen Brüsten
geworben werden - sei es für Aktien oder andere Gewinnspiele.
Oder Tonträger: Gelobt sei der Schweinerock, den Iggy P.
auf seiner CD "Beat `Em Up" betreibt - lautet der
Tenor der Kritik nahezu übereinstimmend. Die Werbung für
diese CD zeigt eine krude gezeichnete, kopflose Comicgestalt,
anzunehmenderweise weiblich, in BH und einem Bikinihöschen,
das der Interpretin die Wahl lässt zwischen a) gruseligem
Design, b) offenem Schritt und übertrieben gezeichneter
Vagina - oder whyever? - c) dem Schloss eines Keuschheitsgürtels.
Die möglichen Relationen zwischen Bild und Plattentitel
respektive Platteninhalt werden - let it rock - nirgendwo diskutiert.
Es hätte ja die Möglichkeit bestanden, solche Werbung
einfach nur out im Sinne von altmodisch oder unästhetisch
zu finden, ganz ohne spaßverderbenden, autoritären,
zensierenden, feministischen Bierernst - denn der ist ja sowieso
ganz out.
Der in derlei Werbung eventuell enthaltene Umdeutungscharakter
ähnelt eben allzu auffällig und verdächtig alten
Klischees von der Frau als Sexobjekt, wie sie auch in diversen
HipHop-Videos überzählig vorhanden sind. Passend dazu
ist der gute, hippe Schwule, konsequenterweise auch der, der
die vor allem bei Rapkids beliebte Sprachregelung, alles was
ihnen zuwiderläuft, als schwul zu bezeichnen ("Was?
Einlassstop? Was is´n das für´n schwuler Laden!"
...), gleich selber übernimmt ("Red doch nicht so
schwul, Mann! ..."). Der Schwule oder die Lesbe, die danebensitzen
und sich das Gekäse nicht anhören mögen, haben
genauso verloren, wie die Frau, die die Werbung mit Brüsten
ebenso bescheuert wie sublim eklig findet. Wir wissen das doch
längst alles, und der Distinktionsgewinn besteht darin,
dass wir (?!) das doch gar nicht so meinen: "... und nochmal
mit dem leidigen Thema anzufangen, wirkt altbacken, ja geradezu
unemanzipiert. Protestbewegungen sind eben den gleichen Konjunkturen
unterworfen, wie Schlaghosen oder die Rocklänge: Sich heute
noch über Sexismus zu äußern, widerspricht dem
allgemeinen Stil, genauso wie es hoffnungslos out ist, sich
über das Waldsterben zu erregen." (Frankfurter Rundschau,
8.3.2001)
Elke Buhrs Erkenntnis von Protest als Mode ist korrekt, ihr
Bild ist auf putzige Weise schief - die 70er Jahre Schlaghosen
sind wieder in, die Feminismus-Diskussion ist es nicht.
Riot Grrl gilt als unmodern gewordene Pose. Der Status einer
gescheiterten Rebellion bleibt dieser popfeministisch wichtigsten
Bewegung der 90er versagt.
Wie steht es aber mit Frauen, die auf der Bühne noch den
Mund aufmachen? Als Le Tigre in Nürnberg auftraten, eine
Elektro-Pop-Band, bei der Ex-Bikini-Kill-Musikerin und Ex-Riot-Grrrl
Kathleen Hannah mitspielt, gab es zwischen den sehr poppigen,
tanzbaren Songs Pausen, in denen über eine als Telefonat
getarnte Einblendung deutsche Kommentare zu den Texten gegeben
wurden. Da ging es plötzlich um Unterdrückung und
darum, dass Gleichberechtigung längst noch nicht umgesetzt
ist. Da fiel auch mal wieder ein Wort wie Patriarchat. Das tötete
natürlich die Partylaune einiger Besucherinnen, die Le
Tigre ihrer hippen Musik wegen schätzten. Auch ein sonst
eher kritisch eingestellter Mensch in unserem Bekanntenkreis
erzählte, nachdem er Le Tigre zusammen mit Chicks on speed
gesehen hatte, das ihn die Le Tigre Messages nerven. Das von
vorne bis hinten einfach selbstbewusste Auftreten der Chicks
On Speed hätte für ihn eindeutig gewonnen. Und selbstbewusst,
aber dabei bitte nicht unsexy oder auch nur unisex aufzutreten,
das wird allseits als okay empfunden. Das machen ja auch die
taffen, supersexy R&B oder HipHop-Künstlerinnen deutlich.
Bisschen bitchy, bisschen selbstbewusst - postfeministisch!
Ganz nach dem Motto "Ich sag´den Typen, wie lange
sie brauchen dürfen." Ob so eine Rolle ein Gewinn
ist, wagen wir zu bezweifeln, bleiben die Karten dabei doch
eigentlich gleich verteilt.
Mehr über die Notwendigkeit öder Wiederholungen, bewusste
Resignation und die Müdigkeit wütender Frauen in der
nächsten Raumzeit!
Evi Herzing/Tine Plesch
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