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Monatsrückblick
Militärs sollen entwaffen, ...
Die NATO hat entschieden, 3000 Soldaten 30 Tage lang nach Mazedonien
zu schicken, um die freiwillige Entwaffnung der albanischen
Rebellen vorzunehmen. Da dies eine Zustimmung der UCK voraussetzt,
bleibt die Entscheidung ein müder symbolischer Akt. Die
UCK im Kosovo nicht entwaffnet zu haben, das ist die zentrale
Fehlleistung der NATO gewesen, die den jetzt drohenden Bürgerkrieg
- provoziert von der mazedonischen UCK - erst ermöglicht.
Wenn es nicht um symbolische Akte, sondern um politisches Handeln
geht, zeigt die NATO, dass sie auch künftig nicht an einer
Entwaffnung interessiert ist. Sie setzte im Gegenteil durch,
dass die UCK aus dem Dorf Aracinovo abziehen konnte - mit allen
Waffen.
Mager waren auch die Beschlüsse der EU in Göteborg.
Ein Termin für die Aufnahme neuer Mitglieder in die EU
wurde genannt. Fehlanzeige hingegen bei allen Punkten, die vor
einem Beitritt noch zu regeln wären. Da gabs keine einzige
Entscheidung.
Das Hauptthema rund um den EU-Gipfel in Göteborg war jedoch
die Gewalt - und deren Verhältnismäßigkeit. Grund
zum heftigen Protest liefert die EU zur Genüge. Jenseits
demokratischer Kontrolle und Mitwirkung werden Entscheidungen
ohne öffentliche Diskussion auf administrativer Ebene beschlossen.
Die Fortentwicklung der EU richtet sich nach den Interessen
und Bedürfnissen der Wirtschaft. Die demokratische Fortentwicklung
der Europäischen Union bleibt auf der Strecke. Europäische
Regelungen werden benutzt, um auf nationaler Ebene die Grundrechte
einzuschränken. Doch die Wahl der Protestmittel gründet
sich auch in ihrer Wirksamkeit. Und die steigt nicht automatisch
mit der Anzahl der ausgehebelten Pflastersteine und kaputten
Schaufensterscheiben. Und nicht jede Provokation der Polizei
muss reflexartig das Vorgehen der Protestierenden verändern.
... Polizisten scharf schießen, ...
Gründe für Gewalt hatte auch die Polizei in Göteborg.
Sachen wurden kaputtgemacht. Die Regierenden forderten von der
Polizei, nicht mit dem Protest auf der Straße konfrontiert
zu werden. Diesen Zielen diente vielleicht der Bau von Burgmauern
aus Containern. Aber sicher nicht die willkürlichen Razzien
und die Einkesselung einer friedlichen, genehmigten Demonstration.
Und jenseits jeder Verhältnismäßigkeit war die
Bereitschaft der Polizei, Menschen zu töten. Ein Polizist,
der mit Schutzkleidung, Helm und Schild einem steinewerfenden
Demonstranten gegenübersteht, ist schlimmstenfalls mit
blauen Flecken bedroht. Der schießt nicht aus Notwehr,
der knallt einen Menschen mal eben so aus Frust ab. Die zahlreichen
gezielten Schüsse von Polizisten auf Demonstrierende hatten
ihre Ursache nicht nur in menschenverachtenden Polizisten: Scharfe
Schüsse gehörten zur vorgegebenen Strategie der Polizeiführung.
Die in Göteborg versammelten Regierenden zeigten sich empört
über die Gewalt - allerdings nur über die der Protestierenden.
Und nahmen ihre Empörung gleich zum Anlass, eine weitere
Einschränkung von Grundrechten zu fordern. Allen voran
Deutschlands Innenminister Schily.
... Politiker bestechlich sein, ...
Weit weniger Energie stecken die deutsche Politik und die deutsche
Justiz hingegen in die Einschränkung von Korruption und
Amtsmissbrauch.
Eine halbe Milliarde Mark erhielt der Unternehmer Frank Steffel
unter der Kohl-Regierung an Subventionen für ein CD-Werk
in Suhl. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Subventionsbetrug
und forderte die entsprechenden Akten aus dem Kanzleramt. Doch
da gibt es keine Akten mehr: Verschwunden und vernichtet vor
Amtsübergabe wie die Akten zu Leuna. Keine Staatsanwaltschaft
wird sich für diese Aktenunterschlagung interessieren.
So wenig wie für die anderen vernichteten Akten, so wenig
wie für die Schmiergeldzahlungen während des Leuna-Deals.
Die Banane, nach der Grenzöffnung Symbol für die Warenvielfalt
des Kapitalismus, kann jetzt als Symbol für die Republik
dienen: Wenn es um Verfehlungen von Politikern geht, dann funktioniert
die Strafverfolgung nicht in der BRD, dann versagt das Rechtssystem.
... und Wahlkampf den Mief der 50er Jahre verströmen
Und so braucht sich Helmut Kohl nicht mit seiner Verteidigung
vor Gericht zu beschäftigen, sondern kann fröhlich
verbale Kot-Kübel schmeißen. Den Geist der 50er Jahre
möchte er wieder auferstehen lassen und zitiert Kurt Schumachers
Worte von "Kommunisten als rot-lackierte Faschisten.
Nun steht jemandem wie Kurt Schumacher, der fast 12 Jahre im
KZ überlebte, ein solcher Vergleich wohl eher zu als einem,
der von der Gnade der späten Geburt faselt. Aber natürlich
machen 50 Jahre politische Fortentwicklung den Rückgriff
auf das Zitat erst völlig absurd. Schuhmacher bezog es
auf den Stalinismus - aber Stalin regiert eben nicht mehr die
Sowjetunion und Gregor Gisy ist auch nicht Josef Stalins Reinkarnation.
Kohl hat nicht nur bei der Kandidatenkür der CDU mitgemischt,
er gibt auch den Wahlkampfstil vor. Wir können mit einer
gnadenlos niveaulosen CDU rechnen. Landowskis Ziehkind Frank
Steffel garantiert dafür. Die CDU auf der Zeitreise in
die 50er; back-to-the-roots: Da ist Vorsicht angesagt. Denn
die Geschichte der CDU beginnt nicht erst nach '45. Die CDU
hatte ihre Wurzeln auch in der NSDAP.
Wolfgang Schlicht
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