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Zwischen
schlauen Maschinen und digitalem Blödsinn
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Die Vorstellung von denkenden Robotern und
geheimnisvollen Existenzen aus dem Cyberspace belustigt, erschreckt,
fasziniert! Ist die Forschung nach künstlichem Leben und
Maschinenintelligenz wirklich ernst zu nehmen?
"Wann lefft na Bogemonn", verlange ich Auskunft über
die Spielzeiten des Kinorenners "Pokemon". "Sie
möchten den Film Metropolis sehen?", hakt mein telephonisches
Gegenüber nach. "Naa, Bogemonn", beharre ich.
"Sie möchten gegen 17 Uhr ins Kino?", versucht
der Gesprächspartner zu suggerieren. "Naa, ich möcherd
gern Bogemonn sehn!", behaupte ich unwahrheitsgemäß
aber standhaft. "Der Film Metropolis läuft am 04.
Juli um 17 Uhr in den Lammlichtspielen", lockt "Fränki"
erneut...
Agent mit fränkischem Slang
"Fränki" gilt trotz seiner sturen Art als besonders
intelligent. Nicht deshalb, weil er das Kinoprogramm auswendig
weiß, sondern weil er des Fränkischen mächtig
ist. Unter der Telefonnummer 09131-6166116 erteilt ein Computerprogramm
der Firma Sympalog über Kinofilme Auskunft, das auch umgangssprachliche
Äußerungen akzeptiert - wenn auch in Grenzen, wie
der Dialog zeigt.
Dass Fränki mich nicht versteht, ist nicht schlimm, denn
er lernt ja noch, und seine Lernfähigkeit ist das eigentlich
Besondere an ihm. Die kommerziellen Anbieter solcher und ähnlicher
Programme schmücken ihre Produkte gern mit der Bezeichnung
"Künstliche Intelligenz", und zweifellos ist
Lernfähigkeit ein Gegenstand der KI-Wissenschaft.
Die Entwicklung von "Agenten" wie Fränki, Computerprogrammen,
die eine menschliche Beziehung simulieren wie etwa das Erteilen
von Auskünften, sind mit Sicherheit ein Meilenstein. Die
Ziele allerdings sind weiter gesteckt: Roboter oder Programme
sollen einstmals selbständig Probleme lösen oder intelligente
Handlungen durchführen können. Die Lösungsansätze
weichen zwar weit voneinander ab, auch streitet man sich, wie
maschinelle Intelligenz zu definieren sei, aber die Meisten,
die sich mit KI beschäftigen sind durchaus ernstzunehmende
WissenschaftlerInnen.
Für Missverständnisse, wie die in der letzten raumzeit
beschriebene Vorstellung, eine Art Superwesen könne sich
demnächst manifestieren, sorgen einige wenige VisionärInnen
und die Presse, die nach bildhaften Begrifflichkeiten wie "Künstliche
Intelligenz" stets hungert und sich in phantasievollen
Zukunftsschwärmereien ergeht. Dabei ist ein bedeutender
Zweig der Forschung gar nicht vorrangig an der Erschaffung künstlichen
Denkens oder Lebens interessiert, sondern daran, dem menschlichen
Gehirn auf die Schliche zu kommen. Die "Ingenieurgesellschaft
für intelligente Lösungen" definiert wiederum
KI als "Zusammenfassung von Vorgehensweisen, die sich am
Vorbild der in der Natur beobachtbaren Problemlösungsstrategien
und -methoden orientieren und deren computergestützte Umsetzung
zum Ziel hat." Einfacher gesagt: Es geht um die Dinge,
die der Mensch im Augenblick noch besser kann als die Maschinen.
Das klingt nüchtern, und dementsprechend sind Ergebnisberichte
aus den KI-Labors überaus trocken zu lesen.
Beam mich hoch, Scotty
Dennoch sind JüngerInnen der Zunft häufig nicht frei
von einer gewissen Besessenheit. Die Hoffnung, dass der Mensch
irgendwann doch einmal Gott spielen könnte? Oder gar einen
Gott erschaffen könnte? Immerhin schwimmen im Fahrwasser
der KI-Forschung eine ganze Anzahl EsoterikerInnen mit. So zum
Beispiel die Transhumanisten, die ernsthaft daran glauben, durch
technische Mittel zur Unsterblichkeit zu gelangen und dereinst
zu Übermenschen zu werden.
An dem neuen Religionsersatz sind "seriöse" VertreterInnen
des KI oder des Artificial Life (AL) nicht ganz unschuldig.
So veröffentlicht der Robotik-Forscher Hans Moravec, der
an der Carnegie Mellon University lehrt, in seinen Aufsätzen
Zukunftsvisionen, in denen es möglich ist, menschlichen
Geist auf eine andere Hardware herunterzuladen, spekuliert wild
über Parallelwelten, lässt, bildlich gesprochen, Platon
mit Einstein kopulieren und Ururenkel zeugen, die sich mit einem
Ohrenwackeln von Universum X nach Universum Y flippen.
Die Ergebnisse, die die Roboter-Richtung des KI vorweisen kann,
sind im Vergleich zu solchen Phantastereien eher kärglich.
Der kleine Coco, eine Art Roboterhund im AL-Labor in Cambridge,
ist in der Lage, sich auf den Hinterbeinen aufzurichten, ein
paar Schritte zu wackeln und dabei die Augen zu Boden zu senken,
um den Untergrund zu beobachten. Was wie eine Kleinigkeit wirkt,
ist äußerst wichtig. Unebener Boden bereitet Robotern
nach wie vor Schwierigkeiten.
Aufstehen und hinfallen
Doch wozu eigentlich die ganze Mühe, um Tätigkeiten
nachzubilden, die eine Ratte kurz nach der Geburt besser kann?
Wie bereits erwähnt, gibt es in der KI stark von einander
abweichende Ansichten über das zu erreichende Ziel, über
die Definition der "Intelligenz", die erzielt werden
soll.
Die schlichteste Art von Intelligenz wird angestrebt, wenn das
Kriterium einfach nur die Erfüllung einer komplexen Aufgabe
sein soll. Dann aber könnte man schon einen Taschenrechner
als "intelligent" bezeichnen. Ein Stück weiter
geht man in seinen Ansprüchen, wenn man wenigstens eine
Aufgabe erledigt haben möchte, die Intelligenz erfordern
würde, wenn ein Mensch sie ausführen würde. Dies
hätten wir mit Fränki bei etwas Übung bereits
erreicht. Die Robot-AnhängerInnen vertreten hingegen, dass
sowohl Wahrnehmung und auf deren Basis die Planung von Handlungen
Grundvoraussetzung von Maschinenintelligenz sein soll. Dabei
wäre ein "Nachdenken" über die Wahrnehmung
(die Sensordaten) erforderlich, die daraus abgeleiteten Handlungswege
dürften nicht von ProgrammiererInnen in Form verschiedener
Alternativen, die zur Auswahl bereitstehen, vorgedacht sein.
Die RobotikerInnen nun ziehen als Vergleich die Entwicklung
höherer Lebewesen heran, deren Lernfähigkeit mit konkreten
körperlichen Erfahrungen beginnt. Deshalb halten sie es
für den gangbarsten Weg, ihre denkenden Maschinen mit einem
"Körper" zu versehen. Die Roboter sollen auch
im körperlichen Sinne autonom sein.
Die Maschinen sollen jedoch mehr lernen als aus dem Hinfallen
das Aufstehen. Im MIT-Labor, in dem auch Coco das Licht der
Welt erblickte, beschäftigt sich Dr. Cynthia damit, ihrem
Roboter Kismet beizubringen, den Ausdruck menschlicher Emotionen
nachzuahmen. Solche Versuche werden vorgenommen seit die Neurowissenschaft
Gefühlsregungen eine weitaus höhere Bedeutung für
das Funktionieren des menschlichen Geistes zuschreibt als früher.
Was ist Leben?
Schließlich gibt es noch die Schule des AL, des Artificial
Life. Bekannt sind hier die "neuronalen Netze", Programme,
die die Funktionsweise des aus Milliarden von Zellen aufgebauten
Gehirns nachahmen sollen. Neuronale Netze tun schon heute sinnvolle
Arbeit. Wenn man ihre Intelligenz an dem misst, was sie leisten,
könnte man etwa einen Bandwurm als Vergleich heranziehen.
Die AL-VertreterInnen sind aber, wie schon der Begriff sagt,
nicht vorrangig an Intelligenz interessiert. Sie sind sozusagen
die GegenspielerInnen der Robot-Lehre, da sie sagen, künstliches
Leben müsse völlig andere Formen annehmen, als das
biologische. Da aber Intelligenz eine Qualität ist, so
könnte man fortführen, die der Mensch an sich selbst
entdeckt hat und die er ausschließlich über sich selbst
definiert, ist sie ein sehr subjektiver Maßstab, der eigentlich
nicht auf nichtmenschliches biologisches Leben anwendbar ist,
und schon gar nicht auf künstliches. Die spannende Frage
ist hier also nicht: "Was ist Intelligenz?", sondern
"Was ist Leben?"! Kriterien wie Wachsen, Reproduktion,
Existenz in Raum und Zeit, Aktivität oder Speicherung von
Information über sich selbst dienen der Definition. AL-Theorien
lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Die einen, für
die Computersimulationen hilfreiche Werkzeuge darstellen, um
Gesetzmäßigkeiten bekannter oder noch unbekannter
Lebensformen theoretisch erfassen zu können. Die anderen
vertreten, dass den Strukturen innerhalb eines Computers, die
den Gesetzmäßigkeiten natürlichen Lebens folgen,
auch tatsächlich Leben zuzusprechen sei. Sie sind also
darauf aus, wirklich Leben "zu erschaffen".
Mystische Antworten
In der Mitte zwischen beiden dürfte Francis Heylighen
liegen, ein belgischer Philosoph, der in der vorigen raumzeit-Ausgabe
mit seiner Idee des "globalen Gehirns" Erwähnung
fand, einer Analogie zwischen menschlichem Hirn und dem WWW.
Heylighen klopft sein eigenes Bild daraufhin ab, wo es seine
Grundthese stützen kann, Systeme müssten sich evolutionär
zu Metasystemen weiterentwickeln und dies solle auch für
die Zukunft der Menschen gelten.
So vage die Ideen auch sind, die Heylighen ausbreitet: Vielleicht
ist er in seinem phantasievollen Zukunftsentwurf ehrlicher als
so manche KI-EntwicklerInnen, deren Ergebnisse sich zwar in
handfestem Datenmaterial ausdrücken lassen, die aber vielleicht
dennoch die Sehnsucht nach einem Etwas treibt, das größer
ist als der Mensch.
Heftig ins Gericht mit KI-Besessenen geht Richard Barbrook von
der Universität Westminster. Er hält die Suche nach
künstlicher Intelligenz für eine Erscheinung der Postmoderne:
"Von der Chaosmathematik bis zu den letzten Entwicklungen
von Hypermedia werden die neuesten technologischen Fortschritte
hinsichtlich ihrer magischen Signifikanz ausgeplündert",
meint er. Einen Grund dafür sieht er im Unglaubwürdigwerden
der beiden universalen weltanschaulichen Modelle nach Ende des
Kalten Krieges. Doch die Suche nach einem digitalen Nirwana,
so versichert Barbrook, verschleiere nur die entscheidende Frage:
"Wie können Hypermedien benutzt werden, um die Lebensqualität
der Mehrzahl der Menschen auf diesem Planeten zu verbessern.
Die Hälfte der Weltbevölkerung hat noch nicht einmal
einen Telefonanschluss geschweige denn Internetzugang. Mystische
Antworten geben keine praktischen Lösungen für unsere
Probleme."
Michael Liebler
Quellen:
Sympalog Speech Technologies AG
http://www.sympalog.de
MIT Artificial Intelligence Laboratory, Cambridge
http://www.ai.mit.edu/projects/humanoid-robotics-group/
Telepolis: Richard Barbrook - Der heilige Cyborg
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/vag/6062/1.html
F. Heylighen: Eternal Philosophical Questions
http://pespmc1.vub.ac.be/ETERQUES.html
Ingenieurgesellschaft für intelligente Lösungen und
Systeme (IILS)
http://www.iils.de/ki.htm
Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus e.V.
http://www.transhumanismus.de/
Gerd Ruebenstrunk: Künstliche Gefühle (1998)
http://www.ruebenstrunk.de/emeocomp/1.htm
Weitere Tipps:
Telepolis-Spezial: Intelligente Systeme
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/robo/
Clickfish: Rubrik Künstliche Intelligenz
http://www.clickfish.com/clickfish/guidearea/computertechnik/programmierung/kintelligenz/
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