Teil 2
Neger, Mohren, Bimbos
Rassismus in der Kinderliteratur eine Spurensuche am Beispiel
Afrikas.
Rassistisch
und eurozentristisch so bezeichnet der Politikwissenschaftler
Jörg Becker die Darstellung der sogenannten 3.Welt im deutschsprachigen
Kinder- und Jugendbuch bis Ende der sechziger Jahre.1
Angehörige nicht industrieller Kulturen nehmen konstant
untergeordnete oder dienende Positionen ein und werden nach
einem europäischen Wertesystem beurteilt.
Becker hat hier auf verschiedene Syndrome hingewiesen: Das
Vermeidungssyndrom kennzeichnet Bücher, die die 3.Welt
lediglich als exotische Kulisse erscheinen lassen, in der gesellschaftliche
Konflikte nicht thematisiert werden. Beim Abenteuersyndrom begegnen
uns die weißen Helden, und das Harmonisierungssyndrom verkürzt
und verniedlicht politische Konflikte auf eine private Ebene.
Das Defizitsyndrom sagt aus, dass die Wertmaßstäbe
der weißen Gesellschaft noch nicht erreicht sind. Einige
dieser Syndrome kann man in der Literatur für Kinder und
Jugendliche bis heute erkennen. Als Beispiel sei das Buch von
Annelies Schwarz: Akuabo sei willkommen! Reise in ein
Dorf in Ghana2 genannt. Die 17jährige
Sonja reist, nachdem sie die Schule abgeschlossen hat, nach
Ghana und hilft in einer Missionsstation. Wenn sie dich
mögen, werden sie (gemeint sind die Menschen aus dem Dorf)
dir zuhören und versuchen so zu arbeiten wie du, um dir
eine Freude zu machen. Jörg Beckers Syndromtheorie
lässt sich mit diesem Buch gut herausarbeiten.
Positive Ansätze
In den letzten 30 Jahren ist eine große Anzahl positiv
zu wertender Kinderliteratur mit einem differenzierten Bild
von Afrika erschienen. Viele europäische AutorInnen haben
sich mit der Problematik des Rassismus und Kolonialismus auseinander
gesetzt und zeigen ein anderes Bild. Ende der 70er bis 80er
Jahre wurden Kriterien zur Bewertung eines nicht rassistischen
Kinderbuches aufgestellt. Mitglieder der Erklärung
von Bern 3 lesen seit Jahren Kinder- und Jugendbücher
zum Thema 3.Welt und geben einen Empfehlungskatalog heraus.
Einige der Kriterien:
- die Menschen der sogenannten 3.Welt als entscheidungsfähig
in allen Belangen ihres Lebens schildern
- Sitten, Gebräuche, Traditionen von Menschen in der
3.Welt so schildern, dass ihr Wert und ihre Bedeutung im Leben
verständlich werden
- Überlegenheitsgefühle der EuropäerInnen
nicht verstärken
- die Geschichte der Bevölkerung der 3. Welt und ihre
eigene Rolle darin aus ihrer Perspektive darstellen
- keine klischeehaften und stereotypen Illustrationen
- Rassismus soll sich nicht in Sprache und Stil niederschlagen.
Die Diskriminierung von Menschen aus Afrika geht häufig
mit einer Diskriminierung schwarzer Frauen einher, was eine
Steigerung des Rassismus bedeutet. Deshalb sind Bücher,
die schwarze Frauen und Mädchen in positiven Rollen und
vor allem auch als entscheidungsfähig in allen Belangen
ihres Lebens schildern, wichtig. In Wie der Fluß
in meinem Dorf von Nasrin Siege4 erfährt
man durch die Hauptfigur, das Mädchen Somo, eine Menge
über das Leben in einem afrikanischen Dorf in Sambia. Somo
geht ungewöhnliche Wege, sie begnügt sich nicht mit
der vorgesehenen Rolle und setzt sich durch. Die Autorin hat
hier eine Mittlerfunktion zwischen fremder Kultur und nichtfremden
LeserInnen. Eine Aufgabe ist die Erfassung des Nord-Süd-Konfliktes
und die Entlarvung von Rassismus, die aber die Mitschuld nicht
ausklammert, sondern aufzeigt und so Bewusstsein und Verhalten
verändert, ohne jedoch den pädagogischen Zeigefinger
auszupacken. Hier ist vor allem darauf zu achten, dass mit scheinbar
antirassistischen Zielen und Werten nicht neue eurozentrische
Interessen (z.B. Ökologie) verpackt werden.
Das Interesse an Büchern aus Afrika hat zugenommen. Durch
die Unterstützung des Kinderbuchfonds Baobab in Bern ist
eine große Anzahl spannender Literatur, die authentisch
das Leben in den verschiedenen afrikanischen Ländern beschreibt,
erschienen. Vor allem muss man hier das Engagement einiger kleiner
Verlage wie Peter Hammer, Lamuv und auch Nagel und Kimche hervorheben.
Kwajo und das Geheimnis des Trommelmännchens5
spielt bei den Ashanti in Ghana und knüpft an eine alte
Erzählung an. Ähnlich Wie die Geschichten auf
die Welt kamen von Gcina Mhlope6 aus Südafrika.
Aber auch Bücher aus den afrikanischen Großstädten
haben ihren Platz gefunden 7.
Gut gemeint & doch daneben
Aber immer noch gibt es verdeckten und offenen Rassismus in
der Kinderliteratur: Pädagogisch gut meinende Zeigefingerbücher,
mit denen ein schlechtes Gewissen erzeugt wird und in denen
der Überfluss an Süßigkeiten hier den Hunger
anderswo erklärt. Häufig sind Menschen aus Afrika
nur Kulisse oder Lokalkolorit für die Abenteuer der Weißen.
Menschen ohne individuelle Gesichtszüge, ohne eigene Geschichte
und Kultur. Die allgemeine Bezeichnung Afrika, ohne
dass man erkennen kann, wo in Afrika eine Geschichte spielt,
gibt es auch heute noch. Genauso wie die völlig falsch
immer wieder beschriebenen Stämme und Stammessprachen,
die es in Afrika so gut wie nicht gibt. Oder was macht zwei
Millionen Norweger zu einem Volk und 14 Millionen Haussa-Fulbe
zu einem Stamm? Mit dem Wort werden Assoziationen von Wildheit
und Ursprünglichkeit ausgelöst. Selbst eine offene
biologistisch-rassistische Darstellung ist im Jahr 2000 kein
Tabu. Ihre Augen waren tiefblau, was in Ägypten sehr
selten war, und ihre schlanke, anmutige Gestalt hatte nichts
von der derben Plumpheit der Sklaven und Gelegenheitsarbeiter.8
Im scheinbar unpolitischen Kinder- und Jugendbuch spiegeln sich
die herrschenden Werte einer Gesellschaft. Und genau hier wird
es dann spannend: Welche Botschaft wird bewusst oder unterschwellig
vermittelt? Europäische Werte und Maßstäbe und
eine europäische Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung
(z.B. Umweltschutz) oder ein authentisches Bild, in dem andere
Werte und Normen als den unseren gleichwertig dargestellt
sind?
Gertrud Selzer
Gertrud Selzer ist Mitarbeiterin der Aktion 3. Welt Saar, Weiskirchener
Str. 24, 66679 Losheim, Tel. 06 872 99 30 56, e-mail: a3wsaar@t-online.de
Ihr Vortrag zum Thema steht für Veranstaltungen zur Verfügung.
Literatur:
1 Becker, Jörg; Alltäglicher Rassismus.
Die afro-amerikanischen Rassenkonflikte im Kinder- und Jugendbuch
der Bundesrepublik, Frankfurt 1977
Renschler, Regina / Preiswerk, Roy (Hg.) Das Gift der frühen
Jahre, Rassismus in der Jugendliteratur, Zürich 1981
2 Schwarz, Annelies; Akuabo sei willkommen! Reise
in ein Dorf in Ghana, München 1990
3 Katalog der Erklärung von Bern, Quellenstr.
25. CH-8005 Zürich
4 Siege, Nasrin; Wie der Fluß in meinem Dorf,
Weinheim 1994
5 Asare, Meshack; Kwajo und das Geheimnis des Trommelmännchens,
Stuttgart 1995
6 Mhlophe, Gcina / Tessmer, Silke; Wie die Geschichten
auf die Welt kamen, Wuppertal 1998
7 Williams, Michael; Crocodile burning, Wuppertal
1998
8 McGraw, Eloise Jarvis; Tochter des Nils, Weinheim
2000
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