Diskussion:
Embryo einer neuen Gesellschaft
Der
G8-Gipfel wird Ende Juli in Genua stattfinden. GegnerInnen mobilisieren,
Italien rüstet auf und die Presse deliriert (s.
Interview mit einem Krankenhaus in Genua). Anlass die Diskussion
diesem Thema zu widmen. Die raumzeit chattete mit Momo, einer
Aktivistin von people-global-action und Horst, der
der Bewegung kritisch gegenübersteht.
raumzeit: Horst, die Antiglobalisierungsbewegung
hat ja einiges an Staub aufgewirbelt. Wo liegt deine Kritik?
Horst: Egal ob es um die Proteste gegen EU, Weltbank, WEF oder
jetzt das G8-Treffen in Genua geht, sehe ich fast ausschließlich
Mobilisierungsfragen und Aktionsformen diskutiert. Was auf der
Strecke bleibt, ist die Diskussion darüber, was man dort
eigentlich erreichen will und auf welcher Analyse das Ganze
beruht. Bisher wird vor allem auf eine verkürzte personalisierte
Kapitalismuskritik zurückgegriffen. Das ist identitätsstiftend,
man versteht sich als Teil der Bewegung und hat einen gemeinsamen
Feind. Widersprüche können so außen vorbleiben.
Da sich der Protest nur gegen Symbole z.B. die Regierungschefs
- erhebt, wird meiner Meinung nach die ganze Anti-Globalisierungs-Bewegung
zusammenbrechen, sobald ihr die Symbole entzogen werden - z.B.
in Form von bereits geplanten online-Konferenzen.
Momo: Die Kritik halte ich durchaus für berechtigt. Es
ist aber nicht so, dass "uns" das nicht bewusst wäre.
Diese sogenannte Anti-Globalisierungsbewegung (der Begriff stammt
von den Medien, nicht von uns; und sehr viele mögen ihn
überhaupt nicht - zumindest ist er überholt) ist sehr
heterogen, da darunter staatstreue NGO´s und NGO-Multis
ebenso wie autonome Kleingruppen subsumiert werden, die inhaltlich
gar nichts gemeinsam haben. Erstere haben zwar ziemlich konkrete
Ansätze (Neo-Keynesianistische Argumentation, Tobin-Tax
u.ä.) als Lösung. Deren Kritik wird aber von den meisten
nicht geteilt, da wir zumindest momentan keine Lösungen
haben und auch keine globalen, einheitlichen Lösungen wollen,
sondern eher an dem zapatistischen Prinzip "für eine
Welt, in die viele Welten passen" orientiert sind. Aber
wir stehen erst ganz am Anfang einer Auseinandersetzung. Das
Problem liegt darin, dass kollektive Diskussionen sehr selten
sind, weil die meisten Treffen immer unter dem Druck von Aktionsplanung
stehen. Uns ist klar, dass diese Aktionen immer nur symbolisch
seien können, um das "Einheitsdenken" aufzubrechen
und einen Widerstand sichtbar zu machen, der ansonsten verschwiegen
wird.
Horst: Die Heterogenität der Bewegung ist mir durchaus
bewusst. Wünschenswert hielte ich aber eine thereotische
Vertiefung zumindest von linksradikaler Seite. Weder wird bisher
der Eigentumsbegriff bzw. der Besitz von Produktionsmitteln,
noch Arbeit als jeder Ursprung von Reichtum kritisch in die
Analyse mit einbezogen. Und wenn dann wie bei der Gruppe fels
kritisiert wird, dass das G8-Treffen keine internationale Legitimation
wie die UNO hat, dann bin ich schon ein bisschen befremdet.
Momo: Es ist ja prima, die Debatten einzufordern, aber dann
darf auch niemand für "die" Antiglobalisierungsbewegung
(AGB) sprechen, jedenfalls, solange es keine gemeinsame Grundlage
gibt. Ich denke, die Scheu vor inhaltlicher Auseinandersetzung
hat auch was mit der Angst zu tun, dass dann die ganze schöne,
mühsam aufgebaute Identität zusammenbricht. Nur, worauf
gründet sich die Identität, wenn sie nur über
eine gemeinsame Bedrohung konstruiert wird?
Aber andererseits ist diese Bedrohung auch real, nicht nur bei
schießenden Bullen, sondern dadurch, dass die Entscheidungen,
die bei Treffen wie WTO, G8 etc. (IWF/WB sind da schon was anderes)
getroffen werden, einfach "alle" betreffen, wenn auch
in unterschiedlichem Maße.
Horst: Schwierig finde ich auch die Frage, an wen sich denn
die Forderungen der Proteste richten sollen. Zweifelsfrei erzeugt
der Neoliberalismus prekäre soziale Situationen und Existenzdruck.
Neoliberalismus bedeutet aber nichts anderes als die Deregulierung
der Märkte, also Rückzug staatlicher Interventionen.
Das Gegenstück dazu ist der soziale Wohlfahrtsstaat, der
aber - soll er seine Bevölkerung schützen - nichts
anderes ist als ein protektionistischer Nationalstaat. Kann
mensch als Linker da hin wollen?
Momo: Wo siehst Du denn bei solchen Protesten welche Forderungen?
(Nicht von NGO-Seite natürlich) Die in Medien und von Seiten
der Institutionen oft beklagte "Verweigerung des Dialogs"
ist doch genau die Konsequenz daraus, dass es keinen Adressaten
irgendwelcher Forderungen gibt, jedenfalls wenn mensch sich
nicht als Legitimationsbeschaffer für die sogenannte "Offensive
des Lächelns" hergeben will, mit denen solche Institutionen
die "Zivilgesellschaft" einbinden will.
Horst: Nun, die staatlichen Repräsentanten beziehen sich
auch auf einen loyalen Unterbau, einen Teil der jeweiligen Bevölkerung.
Auf Westeuropa bezogen profitiert natürlich auch die Bevölkerung.
Nicht nur die großen Institutionen und die Repräsentanten
sind das Problem, sondern auch der in Deutschland vorhandene
rassistische und antisemitische Normalzustand, der sich hervorragend
mobilisieren lässt. Mensch ist also nicht nur Opfer, sondern
auch Nutznießer dieser Politik.
Von linksradikaler Seite kann es auch keinen offiziellen Adressaten
geben. Wenn, dann kann mensch nur versuchen, neue Leute mit
einer fundierten Kapitalismus-Kritik einzubeziehen. Ziel kann
nur sein, eine herrschafts- und staatenlose Welt einzufordern.
Momo: Einzufordern?! Bei wem denn? Erschaffen! Oder wie die
Zapatisten es ausdrückten: Es ist nicht nötig,
die Welt zu erobern, es reicht, sie neu zu schaffen.
Natürlich ist "Die Zivilgesellschaft" nicht nur
gut, demokratisch usw. (uns selbst eingeschlossen). In diesem
Widerspruch bewegen wir uns, Opfer und Täter zugleich zu
sein - was im Umkehrschluss auch heißt, uns selbst UND
die Verhältnisse zugleich verändern zu müssen.
Kapitalismus ist eben nicht nur das Offensichtliche, der Markt,
die Konzerne, Regierungen etc., sondern erst mal ein soziales
Verhältnis, das diese erst erschafft.
Und was ist für dich eine korrekte "fundierte Kapitalismuskritik?
Wer vergibt da den TÜV?
Horst: Es gibt keine korrekte, ich habe auch keinen Wahrheitsanspruch
gepachtet. Fundiert heißt für mich in diesem Kontext
über das rein Phänomenologische hinauszugehen, also
nicht nur Ist-Zustände zu beklagen, sondern sich auf die
Suche nach den Ursachen für diese Ist-Zustände zu
machen und die Theorie entsprechend weiterzuentwickeln. Kritisiert
mensch nur das offensichtlich Wahrnehmbare, verkommt das schnell
zum moralischen Ritual. Und das kann nix erklären.
rz: Ihr seid euch ja offenbar einig darüber, dass es keine
konkret adressierten Forderungen geben darf. Wäre es nicht
aber gerade wichtig, die allzu verbalradikal und ins Allgemeine
hinein erhobenen Parolen vor Ort konkret werden zu lassen. Also
etwas zu tun, das übers moralische Ritual hinausgeht?
Momo: Absolut. Nur, wie übersetzt mensch die Dynamik solcher
Aktionen in den Alltag? Dass es auch andersrum geht, da gibt
es etliche Beispiele von direkter Intervention. Z.B. die tute
bianche in Italien, die ihre ersten Aktionen gegen Abschiebeknäste
und eine Biotechmesse gemacht haben.
Horst: Ich finde es auch wichtig, sich zu konkreten Dingen wie
Nazis oder Abschiebepraxis zu verhalten und aktiv zu werden.
Nur sollte diese Praxis eben nicht als antikapitalistisch oder
revolutionär bezeichnet werden, da sie sich in den Systemgrenzen
bewegt. Aber daraus lassen sich ja Sachen entwickeln, mensch
sollte den Leuten eben nur nix vormachen.
Wenn ich sage, der Kapitalismus muss weg, sollte ich ihn doch
zumindest in Ansätzen erklären können. Ohne Wissen
über Mechanismen lässt sich doch keine Politik gegen
den Kapitalismus machen. Die Auswirkungen zu thematisieren ist
wichtig, dabei darf aber nicht stehen geblieben werden. Sonst
ist es eben nur Moral, wie gesagt...
Momo: Stimme ich dir auch zu. Allerdings heißt das nicht,
dass es nicht den Versuch der Vermittlung gäbe: So haben
in Prag Leute versucht, mit Comics und kurzen Erklärungen
zu vermitteln, wie der IWF und die Weltbank arbeiten, was Strukturanpassungsprogramme
sind und was das mit ihrem Leben zu tun hat. So was an kleinen
Beispielen zu machen finde ich sinnvoller, als bei der ursprünglichen
Akkumulation oder so was anzufangen.
Horst: Was denkst du, was passiert mit der AGB, wenn die großen
Treffen künftig z.B. wirklich nur noch online abgewickelt
werden? Gegen was und wie wird dann mobilisiert?
Momo: Die AGB gibt es, wie gesagt, so gar nicht. Und die Frage
wird gerade heiß diskutiert. So brachte jemand, nachdem
die IWF-Tagung in Barcelona abgesagt worden ist, die Frage selbstironisch
auf den Punkt, "jetzt haben sie uns unser Spielzeug weggenommen,
was nun?"
Ich denke die Lösung könnte in einer Rückkehr
zum ursprünglichen Konzept von global direct action sein,
vor Ort zu protestieren und lokale Themen aufzugreifen und die
Zusammenhänge deutlich zu machen. Das ist auch passiert,
aber sie standen immer im Schatten der zentralen Aktionen.
Zur vierten WTO-Konferenz, die in Quatar stattfindet, wird z.B.
überlegt, alle Börsen und Finanzzentren weltweit zu
besetzen. Mal sehen, was draus wird ...
rz: Es wurde in dieser Diskussion schon viel Kritik
an linken Befindlichkeiten geübt. Wo lägen denn nun
Perspektiven des Handelns?
Momo: Ich denke, das Entscheidende passiert hinter den Kulissen.
Das sind z.B. die convergence centres, die ein Freund aus den
USA mal als "Embryo einer neuen Gesellschaft" bezeichnet
hat. Die Perspektiven sind weniger die spektakulär brennenden
Barrikaden, sondern der Versuch, Konsequenzen aus der Kritik
zu ziehen und ein anderes soziales Verhältnis aufzubauen
als eines, das ausschließlich auf Konkurrenz, Ausbeutung
und Profitmaximierung beruht.
Horst: Primär sage ich für mich: "der Hauptfeind
steht im eigenen Land." Hier lebe ich und kann versuchen
mit politischen Zusammenhängen Sachen zu entwickeln und
umzusetzen. Grenzüberschreitend hängt von der konkreten
Situation ab, eine internationalistische Vernetzung halte ich
allemal für sinnvoll. Was sich daraus entwickelt, werden
wir sehen! Für alle die nach Genua fahren: Kommt bitte
gesund zurück!
Momo: Werd mir Mühe geben!
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