"Der Diskurs hat sein Pulver verschossen"
Interview mit Siegfried Jäger über die Nahost-Berichterstattung
deutscher Zeitungen.
Was ist im Moment bezüglich des Nahostkonflikt über seine Akteure, besonders
Israel, in Deutschland sagbar? Was wird in deutschen Medien nicht gesagt? Der
Diskurs als Fluss des gesellschaftlichen Wissens durch die Zeit, der eine eigene
Realität darstellt. Welche Macht-Effekte übt die Berichterstattung und das dabei
"hervortretende Bild Israels sowie das der Palästinenser auf deutsche Subjekte"
aus? So umschreibt das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
(DISS) den Rahmen seiner neueste Studie über die Nahostberichterstattung seit
der Zweiten Intifada von sieben deutschen Zeitungen (FR, FAZ, taz, Süddeutsche,
Spiegel, Welt, Tagesspiegel).
raumzeit: Herr Jäger, Ihr Institut hat das Image der Konfliktparteien
im Nahen Osten in den deutschen Medien untersucht und ist der
Frage nachgegangen, ob antisemitische Stereotype in der Berichterstattung
enthalten sind, die Ressentiments verstärken und wieder beleben
könnten.
S.J.: Die Frage nach antisemitischen Stereotypen war eine der Fragen
innerhalb der Analyse, die wir gestellt haben. Natürlich
gibt es sie, neben einer ganzen Fülle weitere Negativ-Charakterisierungen
Israels - insbesondere von Sharon - , die man nicht direkt als
antisemitisch bezeichnen kann. Aber auch diese sind durchaus geeignet,
im deutschen Diskurs ein Negativbild mit Anklängen an rassistische
Stereotypen herauszubilden.
Ob das geschieht, hängt natürlich davon ab, welches Wissen über Israel die Leute
im Hinterkopf haben. Denn an dieses Bewusstsein kann sich das über die Medien
transportierte Wissen anschließen. Dazu ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn
Sharon als "Brunnenvergifter" bezeichnet wird, der nicht nur Israel sondern die
ganze Welt in Gefahr bringt, dann kann dies an judaistische Stereotypen
anknüpfen. Ich will das nicht pauschalisieren und sagen, jedeR die/der das
liest, wird zum Antisemiten, das wäre absoluter Unfug. Aber es kann solche
Haltungen stärken und auch allmählich aufbauen.
Dies ist eine Argumentation, die auf der Diskurstheorie Michel Foucaults
basiert. Und die, wie manche Reaktionen gezeigt haben, offenbar ziemlich
unbekannt ist.
raumzeit: Haben Sie so mit den von ihnen gefunden Ergebnissen, bzw.
deren Intensität, deren Deutlichkeit gerechnet, oder war
das für Sie auch überraschend?
S.J.: Das Ergebnis war schon überraschend. Wir haben ja 2500 Abhandlungen
analysiert und es gibt fast keinen Artikel, in dem Negativzuschreibungen -
wohlgemerkt auch über Palästinensern - nicht vorkommen. Es tauchen vielfach
antijudaistische Stereotype auf, auch sogenannte sekundär-antisemitische
Argumentationen, wenn man, wie Finkelstein zum Beispiel, Israelis oder Juden den
Vorwurf macht, vom Holocaust profitieren zu wollen, es fehlt auch nicht an
antizionistischen Momenten, d.h. das Israel in der einen oder anderen Form das
Existenzrecht abgesprochen wird. Man wird im Laufe einer solchen Untersuchung
sehr stark sensibilisiert und ist dann nicht mehr so naiv und sagt: "Auge um
Auge - Zahn um Zahn" sei eine harmlose Formulierung. Wenn von "Auge um Auge -
Zahn um Zahn" als der Politik Israels gesprochen wird, dann ist darin ein
antisemitisches Stereotyp zu erkennen. Es geht aber nicht nur um einzelne
Wörter, um einzelne Phrasen, sondern auch um die Art und Weise der symbolischen
Darstellung. Wenn auf Sharons Schmerbäuchigkeit angespielt wird, dann ist die
Vermutung berechtigt, dass es sich hierbei um antisemitische Anspielungen
handelt. Wobei der Begriff Anspielung nicht als harmlos zu verstehen ist. Es
handelt sich um einen feststehenden linguistische Kategorie, die bedeutet, dass
etwas nahegelegt wird, ohne es direkt zu sagen. Diese Sprachwirkungen, die die
Sprachwissenschaft inzwischen genauer herausgearbeitet hat, sind offensichtlich
nicht sehr weit bekannt. Durch die ständige Wiederholung der gleichen
Anspielungen, der gleichen Symbole wird allmählich bei den LeserInnen ein
"Wissen" aufgebaut, das dann auch die Grundlage für Einstellungen, Verhalten bis
hin zu Handlungen und Tätlichkeiten sein kann.
raumzeit: Sie sprachen vorhin von Reaktionen auf Ihre Studie. Wie
sahen die aus? Woher kamen die?
S.J.: In einem Artikel in der ZEIT beschuldigt uns Klaus Hartung der
Voreingenommenheit, wir sähen überall die Antisemiten lauern. Wir wären mit
einer Art von Generalverdacht an das Material herangegangen. Es handelt sich um
ein Missverständnis, wenn unsere Arbeit als eine Antisemitismusstudie angesehen
wird. Das war nicht unser Auftrag. Uns ging es um die Berichterstattung über die
Zweite Intifada und ihre Auswirkungen auf die deutsche LeserInnenschaft. Hartung
wird uns wohl nicht unterstellen wollen, dass wir Antisemitismus anprangern
wollten, wo es gar keinen gibt. Wir wären sehr froh, wenn es keinen gäbe.
raumzeit: Sie haben in Ihrem Bericht ausgeführt, dass sich
die analysierten Zeitungen ungefähr um die politische Mitte
gruppieren. Gibt es aber in diesem Spektrum zwischen taz und Spiegel,
über FR bis zu FAZ und Welt trotzdem signifikante Unterschiede
in der Berichterstattung?
S.J.: Es gibt Unterschiede, die würde ich allerdings nicht als signifikant
bezeichnen. Wir hatten aber nicht die einzelnen Zeitungen im Blick. Wir haben
den Mediendiskurs untersucht und der setzt sich aus vielen Stimmen zusammen, bei
denen allerdings eine relative Homogenität zu beobachten ist. Dieser
Mediendiskurs als Ganzes wirkt - nicht eine einzelne Zeitung. Es gibt ein Fülle
intermedialer Abhängigkeiten: Zum Einen die Nachrichtenagenturen und die
Korrespondenten, auf die man sich stützt, die ja in den verschiedensten
Zeitungen schreiben. Zum Anderen kann jemand einer Medienwirkung unterliegen,
ohne eine einzige Zeitung zu lesen. Das haben wir zum Beispiel bei Jugendlichen
beobachtet. Häufig lesen junge Leute keine Zeitungen, sind aber doch über
Lehrer, Freunde, Gespräche am Familientisch usw. Medienwirkungen ausgesetzt. Die
Medienwirkungen reichen sehr viel weiter, als das auf der unmittelbaren und
direkten Kontaktebene zu vermuten wäre.
raumzeit: Sie bescheinigen den Zeitungen durchaus, dass sie sich
um eine ausgewogene Berichterstattung bemühten. Dieses Bemühen
sei allerdings überhaupt nicht erfolgreich. Es gäbe
eine gewisse "Kontinuität der antizionistischen und
antisemitischen Vorbehalte". Häufig beschränke
sich die Ausgewogenheit auf eine aneinandergereihte Kritik beider
Seiten.
S.J.: In der Tat ist zu beobachten, dass einer Gräueltat der einen Seite eine
Gräueltat der anderen gegenübergestellt wird, auch wenn diese zeitlich gar nicht
zusammenhängen. Man versucht ein Gegengewicht auf die andere Waagschale zu
legen. Das hat zur Folge, dass beide Seiten in Verruf geraten und der Eindruck
erweckt wird, beide seien fanatisch und hysterisch. Wobei ich noch mal sagen
muss, dass die palästinensische Seite mit anderen Mitteln negativ
charakterisiert wird. Die Palästinenser werden als aufgebrachter Mob, als
hysterisierte Masse beschrieben, Arafat als alter zittriger Mann, der seine
Leute nicht mehr unter Kontrolle hat, gezeigt.
raumzeit: Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich bis August 2001.
Haben Sie danach noch ihre Untersuchungsgegenstände weiter
im Auge behalten, hat sich bis heute noch etwas verändert?
Stichwörter sind natürlich der 11. September aber auch
die Entwicklungen im Nahen Osten in den letzten Monate.
S.J.: Wir haben die Untersuchung nach dem 11. September ein wenig fortgeführt,
allerdings nur lückenhaft. Die Budgetierung hat nichts anderes zugelassen.
Außerdem wären wir jetzt noch dran, weil der ganze Prozess sich fortgesetzt hat.
Es scheint eine weitere Zuspitzung der Berichterstattung gegeben zu haben, wobei
eigentlich gar nichts grundsätzlich Neues zu beobachten gewesen war, allenfalls
eine Verschärfung. Das sage ich auf der Grundlage lediglich kursorischer
Analysen. Eigentlich müsste die Untersuchung fortgesetzt werden. Aber nach
unseren bisherigen Erfahrungen hat sich herausgestellt, dass sich in Bezug auf
die Zuschreibungen und Charakterisierungen bald nichts wesentlich Neues mehr
ergeben hat. Der Grundtenor ist derselbe geblieben.
raumzeit: Wie würden Sie das interpretieren?
S.J.: Das erleben wir bei anderen Diskursen auch. Der Diskurs hat sozusagen sein
Pulver verschossen und greift immer wieder auf das gleiche Repertoire von
Zuschreibungen und Charakterisierungen zurück.
Die Kurzfassung der Studie kann auf den Internetseiten des DISS (www.uni-duisburg.de/DISS/
) nachgelesen werden.
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