Monatsrückblick
Kampf gegen Armut
In den kanadischen Bergen versteckt hatten sich die Chefs der
sieben mächtigsten Wirtschaftsnationen und Russlands, beschützt
von einer zehntausendköpfigen Armee, um ungestört vor
Kritik und Demonstrationen so tun zu können, als arbeiteten
sie an der Verbesserung der Welt. Als Kulisse dienten neben den
Rocky Mountains einige afrikanische Staatschefs, die ein Partnerschaftsmodell
zur Entwicklung Afrikas vorstellen durften. Die reichen Partner
begrüßten, dass die afrikanischen Gäste inner-afrikanische
Gründe für Armut und Elend des Kontinents beseitigen
wollen, heuchelten aber nicht einmal Bereitschaft, ihrerseits
die postkolonialen Strukturen, die Abschottung der eigenen Märkte
gegenüber afrikanischen Erzeugnissen und den Export hochsubventionierter
Agrarprodukte nach Afrika abzuschaffen.
Statt dessen wurden einige wenige, schon beim letzten Gipfel
versprochene Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Vorausgesetzt,
der nationale Haushalt lässt es zu. So wird auch der afrikanische
Teil der Partnerschaft gewohnte Gipfelrethorik bleiben angesichts
bisheriger inner-afrikanischer Kritiklosigkeit gegenüber
Wahlbetrug, Korruption und staatlicher Unterdrückung; angesichts
fortgesetzter Ausplünderung Afrikas durch die Zusammenarbeit
von Diktatoren und KriegstreiberInnen mit den reichen Staaten
und ihren Konzernen.
Kampf gegen Terror
Aber was ist auch schon das Schicksal verhungernder und verfolgter
Menschen in Afrika im Gegensatz zur einzigen bedeutenden Aufgabe
der Völker und der Menschheit - dem Kampf gegen den Terror?
Diesem Thema muss sich auch der Nahost-Konflikt unterordnen, bei
dem George Bush nun unzweideutig Sharons Kriegspolitik unterstützt.
Eine Politik, die Bushs eigener außenpolitischen Linie entspricht:
Ist man militärisch eindeutig überlegen, werden bilaterale
Konflikte rein militärisch erledigt. Vordergründig steht
der Sieger dann vorab schon fest und auf internationales Recht
braucht keine Rücksicht genommen zu werden. Zur weiteren
Verfestigung dieser Form der Außenpolitik wurde auf Drängen
der USA die NATO ganz offiziell von einem Verteidigungs- zu einem
Angriffspakt gewandelt, der die Aufgabe hat, unter dem Mäntelchen
der Terror-Bekämpfung sogenannte Präventiv-Schläge
zu führen, also Angriffs-Kriege gegen militärisch unterlegene
Staaten zur Durchsetzung US-amerikanischer Interessen.
Kampf gegen Säkularismus
In den USA selbst geriet ein Richterspruch zum schulischen Treueschwur
in die Mühlen der Kriegslogik und Kriegsrethorik. Das Urteil
sah in der Bezeichnung der USA als einer "Nation vor Gott"
einen Verstoß gegen die Verfassung. Präsident und Senat
versprachen sofort, die Unabhängigkeit der Justiz zu ignorieren
und den Richterspruch zu "kassieren", sollte die letzte
Instanz das Urteil bestätigen. Dieser zusätzliche Verfassungsbruch
wird wohl nicht notwendig sein. Der oberste Gerichtshof orientiert
sich traditionell mehr an der Stimmung im Land als an der Verfassung.
Und die Stimmung spricht eindeutig für die Vermischung von
Patriotismus mit christlichem Fundamentalismus. Eine andere Passage
aus dem schulischen Pflicht-Schwur steht da eher zur Disposition.
Die Zeile: "Freiheit und Gerechtigkeit für alle",
die passt nicht mehr zur USA von Bush junior, wo US-BürgerInnen
arabischer Herkunft als Folge eines neuen staatlichen Rassismus
ihrer Rechte beraubt und den Militärs statt der Justiz übereignet
werden; wo Verdächtige in Diktaturen inhaftiert werden, um
sie dort unter Folter verhören zu können.
Kampf gegen MigrantInnen
Die Ausweisung von Flüchtlingen und von Migrantinnen und
Migranten auch dann, wenn ihnen im Herkunftsland Folter droht,
gehört traditionell zum Forderungskatalog konservativer deutscher
Politiker und ist auch immer wieder brutale Praxis deutscher Abschiebungspolitik.
Stoiber will nun den Kreis dieser Opfer erhöhen durch die
Ausweisung von Nicht-Deutschen allein wegen der Mitgliedschaft
in einer Organisation, die als verfassungsfeindlich eingestuft
wird. Ein persönliches Fehlverhalten soll für die Ausweisung
nicht erforderlich sein; dass die Einstufung als verfassungsfeindlich
stark abhängig ist von der weltpolitischen Lage und bilateralen
Beziehungen wird ignoriert.
Aber auch die SPD will beim Thema "Ausländer-Politik",
der Demoskopie folgend, im Trüben fischen, bemüht sich
gar, die Union in der Fremden-Abwehr zu übertreffen. Da ist
laut Müntefering mit einem Mal die Zuwanderung von ausländischen
Arbeitskräften gar nicht mehr erwünscht. "Habe
ich schon früher gesagt" frohlockt Stoiber und fordert
die Bewahrung der abendländischen Kultur vor der Bedrohung
durch fremdländische Menschen, denn alles Fremde sei eine
Bedrohung.
"Genau", sagt Schily und fordert von allen Fremden
die Assimilierung. Denn wenn sie ihre eigene Kultur und Sprache
aufgegeben haben, dann sind sie ja wie wir und nicht mehr fremd
und gefährlich.
Und jetzt stellen wir uns noch kurz vor, schon die alten Germanen
hätten die Assimilierung durchgesetzt, nie von fremden Kulturen
gelernt und Dinge übernommen. Was wäre dann aus uns
geworden? Wären wir dann alle wie Schily? Oder vielleicht
gar wie Stoiber? Oder noch näher am Neandertaler?
Wolfgang Schlicht
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