"Eine Type des Gemeinsinns" -
Der verkannte Erlanger Professor Jakob Herz
Auf dem Erlanger Hugenottenplatz steckt eine überdimensionale
Stecknadel mit rotem Kopf dort im Boden, wo bis 1933 das Denkmal
des jüdischen Arztes und Professors der Medizin, Jakob Herz,
stand. 1862 war es ihm als erstem Juden in Bayern gelungen, den
Gipfel der akademischen Laufbahn zu erklimmen. Dann tilgten die
Nazis die Erinnerung an ihn. Obwohl heute zwei Denkmäler
an Herz erinnern und in der Lokalpresse immer wieder Artikel über
ihn erschienen, ist Herz bislang wenig Gerechtigkeit widerfahren.
Erlangen am frühen Morgen des 15. September 1933. Auf dem
Luitpoldplatz, dem heutigen Hugenottenplatz, stürzen SA-Männer
das Standbild des jüdischen Arztes und Professors der Medizin
Jakob Herz. Er hatte von 1835 bis zu seinem Tod im Jahr 1871 in
Erlangen gelebt und gewirkt und sich unzählige Verdienste
um die Stadt erworben. Doch daran wollte man in Erlangen nicht
erinnert werden im Dritten Reich. Der Beschluss zum Denkmalsturz
war am Vortag auf den Antrag der NSDAP-Fraktion hin einstimmig
im Erlanger Stadtrat gefasst worden.
Begründung:
"Nach der am 3. Juli 1869 erfolgten Judenemanzipation erstrebte
das Judentum ein äußeres Zeichen seines Triumphes über
das deutsche Volk zu errichten. Es gelang ihm in Erlangen die
Genehmigung zur Aufstellung des Denkmals des jüdischen Arztes
Herz zu erschleichen und damit das Bürgertum zu überlisten.
Das erste Denkmal eines Juden war mit der ausschließlichen
Hilfe eines jüdischen Komitees entstanden. Von dem heutigen
nationalsozialistischen Deutschland mit seinen völkischen
und rassebedingten Grundsätzen muß dieses Denkmal als
Kulturschande empfunden werden, umso mehr, als es sich bei diesem
Juden Herz nicht um einen anerkannten Wissenschaftler ... handelt."
Wer war dieser Jakob Herz, den die Erlanger so sehr hassten,
dass sie sein bronzenes Ebenbild nicht nur demontierten, sondern
auch noch mittels eines angeklebten Wattebartes verhöhnten,
an das sie sich aber nur bei Nacht und Nebel, nicht aber am hellichten
Tag herantrauten?
Promotion über verkrümmte Füße
Geboren wurde Jakob Herz am 2. Februar 1816 in Bayreuth als Sohn
jüdischer Kaufleute. Nach dem Abitur schrieb sich Koppel
Herz, wie er sich damals noch nannte, im Winter-semester 1835/36
an der Universität Erlangen für das Fach Medizin ein.
Herz studierte für heutige Verhältnisse äußerst
zügig. Nach acht Semestern promovierte er am 16. November
1839 über "De pedibus incurvis", über verkrümmte
Füße. Im gleichen Jahr machte Professor Louis Stromeyer
ihn zu seinem Gehilfen bei orthopädischen Operationen. Stromeyer
in seinen "Lebenserinnerungen eines deutschen Arztes"
über Herz:
"Seine Stellung bei mir war keine Sinecure, da er die von
mir Operierten zweimal allein und einmal in meiner Gesellschaft
besuchen mußte. Wir hatten oft zwanzig bis dreißig
Klumpfüßige zu gleicher Zeit zu behandeln, die Erlanger
sagten, sie schienen aus der Erde zu wachsen."
In Scharen strömten die Klumpfüßigen nach Erlangen,
um sich von Stromeyer und Herz operieren zu lassen. In Anzeigen
im "Erlanger Intelligenzblatt" brachten die Geheilten
oftmals ihre Dankbarkeit zum Ausdruck.
"Den hochverehrtesten Herren Ärzten, Professsor Dr.
Stromeyer und Dr. Herz, welche mich nächst Gott von dem Übel
zweier Klumpfüße befreiten und mich seit ¾ Jahren mit
der größten Liebe behandelten, sage ich hiermit meinen
innigsten Dank, mit dem Wunsche, daß der allgütige
Gott diese edlen Menschenfreunde in dauernder Gesundheit zum Wohle
der leidenden Menschheit recht lange erhalten wolle."
Bis zu Stromeyers Operationstechnik blieben Menschen mit Klumpfuß
ihr Leben lang Krüppel, die auf die Fürsorge der Allgemeinheit
angewiesen waren. Stromeyer hatte einen Weg gefunden, das Leiden
zu lindern. Seine Technik, die bald weit über Deutschland
und Europa hinaus als richtungweisend galt, wurde nach seinem
Weggang von Erlangen am 7. Januar 1841 von Jakob Herz mit Erfolg
weitergeführt.
Ochsenblase mit Glasröhre
Auf dem Gebiet der Gelenk- und Knochenchirurgie machte Herz interessante
Beobachtungen, die er der "Physikalisch-medizinischen Sozietät
zu Erlangen" mitteilte. Sein dort gehaltener Vortrag über
das Enchondrom, den gutartigen Knochentumor, wurde 1843 als Festschrift
zum 100jährigen Bestehen der Friedrich-Alexander-Universität
publiziert.
Jakob Herz wurde Mitglied in zahlreichen gelehrten Gesellschaften,
so in Würzburg, Leipzig, Brüssel und Gent. Dank seiner
Belesenheit und seines Kontakts zu zahllosen Kollegen aus dem
In- und Ausland bewegte sich Herz auf dem neuesten Stand der damaligen
medizinischen Forschung.
In der Ausgabe der französischen "Revue médico-chirurgicale
de Paris" vom Januar 1847 ebenso wie in der "Gazette
médicale de Paris" vom 16. Januar des gleichen Jahres
waren Berichte über Narkoseversuche mit Schwefeläther
des Pariser Professors Joseph-Francois Malgaigne erschienen. Diese
Artikel bewogen Professor Fredinand Heyfelder, der Nachfolger
von Stromeyer an der chrirgurischen Klinik geworden war, und seinen
Assistenten Jakob Herz, ähnliche Experimente in Erlangen
durchzuführen. Ein Apparat zur Inhalation des Schwefel-äthers
wurde konstruiert.
"Derselbe bestand aus einer Ochsenblase mit einer Glasröhre,
deren freies Ende mit einem Mundstück aus Horn versehen war.
Die mit anderthalb Unzen Schwefeläther gefüllte Blase
wurde geschüttelt (um die Verdunstung des Äthers zu
befördern) und das Mundstück dem Kranken in den Mund
gegeben. Ein Gehilfe comprimierte die Nase, ein anderer drückte
die Lippen fest an das Mundstück."
Am 24. Januar 1847 wurde der erste Versuch in der Erlanger chirurgischen
Klinik an einem 26jährigen Schuhmachergesellen unternommen.
Diesem ersten Versuch, bei dem ein Abszess entfernt worden war,
folgten weitere. Zuweilen mehrere täglich. Bald gehörten
auch Frauen und Kinder zu den Patienten, die sich unter Äthernarkose
und somit frei von Schmerzen kleineren Eingriffen unterzogen.
Nun war Jakob Herz auf die Fürsprache von Prof. Gottfried
Fleischmann hin die Stelle eines Prosectors an der Universitätsklinik
zuteil geworden. Es war mehr eine Funktion, als eine Anstellung
und das Gehalt war mit 300 Gulden eher mäßig. Dennoch
betrachtete Herz diese Ernennung als einen wesentlichen Schritt
in der von ihm angestrebten akademischen Laufbahn.
Bekanntschaft mit Ludwig Feuerbach
1850 starb Professor Fleischmann, langjähriger Freund und
Förderer von Jakob Herz. Im Herbst des gleichen Jahres erhielten
der Internist Franz Dittrich und der Anatom Joseph Gerlach einen
Ruf nach Erlangen. Beide Professoren kamen aus der naturwissenschaftlich
orientierten Prager und Wiener Schule der Medizin, der auch Herz
anhing. Eine Zusammen-arbeit bot sich an. 1851 obduzierten die
drei zusammen die Leichen von zwei Hingerichteten. Die Ergebnisse
ihrer Untersuchungen publizierten sie in der renommierten "Prager
Vierteljahr-schrift". Otto Nitzsche, der Neffe von Franz
Dittrich, hob das Besondere an diesen beiden Sektionen hervor:
"Deren Wert für die Forschung liegt insbesondere darin,
daß der Tod in diesen Fällen nicht als die langsam
und allmählich erfolgte Funktions-einstellung eines durch
Krankheit geschwächten Organismus eintritt, somit ein durch
Selbstauflösung verändertes Bild gegenüber dem
gesunden Organismus bietet, sondern, daß durch plötzliches
Unterbrechen lebenswichtiger Funktionen in einem gesunden oder
wenigstens noch längere Zeit lebensfähigen Individuum
die Möglichkeit geboten wird, dem Leben gleiche oder nahe
Zustände und Funktionen festzustellen, zu beobachten und
zu verfolgen, bevor jene Veränderungen eintreten, die man
als Leichenveränderungen mit mehr oder weniger Recht anzusprechen
hat."
Die Obduktion an den Hingerichteten geriet zu einem Spektakel,
das sich vor einer großen Zahl von Medizinstudenten abspielte.
Nur selten boten sich den angehenden Medizinern derart günstige
Gelegenheiten zu Studien am Objekt. Bis weit ins 19. Jahrhundert
hinein mussten sich die medizinischen Lehranstalten ihre Leichen
auf äußerst mühsame Weise besorgen. Zuweilen schreckte
man nicht einmal davor zurück, die Studienobjekte aus ihren
Gräbern zu stehlen. In Erlangen war es zudem üblich,
die Studenten an den Unkosten für die Leichenbeschaffung
zu beteiligen.
Das Wirken der naturwissenschaftlich orientierten Neuerer an
der medizinischen Fakultät in Erlangen sprach sich alsbald
herum und weckte auch das Interesse des Philosophen Ludwig Feuerbach,
der von der Erlanger Universität verfemt in Nürnberg
als Privatgelehrter lebte. Am 23. Juni 1853 schrieb er an einen
Freund:
"Während meines hiesigen Aufenthaltes war ich auch
auf einige Stunden in Erlangen und mit dortigen Ärzten der
neuen materialistischen Schule namentlich meinem Liebling, dem
Dr. Herz in höchst angenehmem Verkehr."
Der Kontakt zwischen Jakob Herz und Ludwig Feuerbach hielt viele
Jahre und das Denken Feuerbachs beeinflusste Herz maßgeblich.
Neider in der christlichen Universität
In Erlangen kam Jakob Herz zu Ansehen und Ehren: Die Bewohner
der Stadt strömten als Patienten zu ihm, viele Professoren
erkoren ihn zu ihrem Hausarzt und immer noch kamen Klumpfüßige
nach Erlangen, um sich von Herz operieren zu lassen. Auch seine
Vorlesungen und Übungen erfreuten sich bei den Studenten
großer Beliebtheit. Ohne Zweifel hätte Herz das Zeug
zum Professor gehabt. Doch dazu bedurfte es seiner Habilitierung.
Im Mai 1854 stellte Herz beim Senat der Universität den förmlichen
Antrag dazu.
Die Antwort fiel vernichtend aus. Die medizinische Fakultät,
die um eine Stellungnahme gebeten worden war, äußerte
sich ablehnend. Angeführt wurde die Front der Gegner vom
Professor für theoretische Medizin, Johann Michael Leupoldt.
Er galt als Vertreter eines positiven Christentums, das sich wie
ein roter Faden durch alle sein Schriften zieht und ihn zu einer
mystischen christlich-germanischen Auffassung der Heilkunde brachte.
Der Orthopäde Louis Stromeyer hatte den Kollegen einst als
"unerqicklichen Sophisten" bezeichnet und spöttisch
über ihn bemerkt:
"da er nicht practizierte, so war es ihm vielleicht nicht
eingefallen, dass man bei Verordnung von Klistieren und anderen
Mitteln keinen kirchlichen Standpunkt einnehmen kann und die Heilkunst
konfessionslos sein müsse."
Leupoldt dachte anders darüber. Unter seiner Federführung
teilte die medizinische Fakultät dem Senat der Universität
mit:
"Prosector Dr. Herz ist mosaischen Glaubens und bisher ist
an allen vaterländischen Universitäten eine conditio
sine qua non gewesen, dass jeder, der als Docent sich habilitieren
wollte oder als Lehrer berufen werden sollte, immer den christlichen
Konfessionen anzugehören habe."
Leupoldt verwies auf die geltende Gesetzeslage und darauf, dass
man bei Herz keine Aus-nahme davon machen könne.
"Die deutschen Universitäten haben bisher als christliche
Lehranstalten dagestanden und gegolten, ihr Prinzip kann daher
nur durch Bekenner des Christentums vertreten werden."
Wer kein Christ sei, könne nicht Lehrer an einer höchsten
Bildungseinrichtung für ein christ-liches Volk sein. Damit
sprach Leupoldt Herz auch schlechthin das Recht ab, Vorlesungen
zu halten.
Die Animositäten von Leupoldt und seinen Anhängern
gegen Herz waren nicht neu. Sie beruhten nicht nur auf allzu offensichtlichen
antijüdischen Ressentiments, sondern auch auf wissenschaftlichen
Differenzen und vor allem auf Eifersucht: Während die Studenten
in hellen Scharen in die Vorlesungen des Assistenten Jakob Herz
strömten, dozierte der Lehrstuhl-inhaber Leupoldt vor leeren
Rängen.
Die Professoren Dittrich und Gerlach sprangen ihrem Freund Herz
bei. Sie richteten Eingaben an den Senat, in denen sie die wissenschaftlichen
Verdienste von Jakob Herz auf dem Gebiet der topographischen Anatomie
und insbesondere sein Lehrtalent hervorhoben. Doch vergeblich:
Der Senat der Universität beharrte auf der Habilitationsordnung,
die eine christliche Konfession zwingend vorschrieb. Der Altphilologe
Friedrich Spiegel beschreibt die Situation, in der sich sein Freund
Herz befand:
"Zwei Wege standen ihm damals offen, einen derselben schien
er wählen zu müssen: entweder, er mußte offen
zum Christenthume übertreten, dann stand seinem Herzenswunsche,
der Ergreifung der akademischen Lauf-bahn, kein Hindernis im Wege,
es ließ sich ihm vielmehr eine glänzende Zukunft voraussagen.
Oder, er blieb seiner Religion treu, entsagte der akademischen
Laufbahn und wandte sich ganz der Praxis zu, für die er nicht
minder befähigt war. Auch in diesem Fall konnte man ihm ein
glänzendes Los versprechen, sein Ruf als Arzt war festbegründet,
löste er die Bande, welche ihn an die Universität fesselten,
so war er nicht länger an Erlangen gebunden, in jeder Stadt
in Deutschland oder Amerika, welche er zu seinem Aufenthalte erwählte,
konnte er einer ausgezeichneten Aufnahme sicher sein."
Doch Herz konnte sich zu keiner der beiden Lösungen durchringen.
Stattdessen harrte er in untergeordneter Stelle im Lehrbetrieb
der Universität aus. Als Entschädigung für die
versagte Habilitation hatte er jedoch vom bayerischen König
persönlich das Recht verliehen bekommen, Vorlesungen zu halten
und diese auch öffentlich anzukündigen. Und damit hatte
Jakob Herz schon mehr erreicht, als je ein Jude in Bayern vor
ihm.
Lebensziel erreicht
1861 war den Juden in Bayern endlich die Gleichberechtigung zuteil
geworden. Nunmehr schien auch der Ernennung eines jüdischen
Professors nichts mehr im Wege zu stehen. Der Senat der Universität
setzte sich dafür ein, Jakob Herz zum außerordentlichen
Professor zu ernennen. Dem Gesuch der Universität, dem sich
diesmal selbst die Erlanger theologische Fakultät angeschlossen
hatte, wurde mit der Ernennung von Herz zum Honorarprofessor jedoch
nur teilweise entsprochen. Herz protestierte enttäuscht und
kündigte an, die Stadt Erlangen und die Universität
nunmehr zu verlassen. Diese Ankündigung zeigte Wirkung: Jakob
Herz wurde zum außerordentlichen Professor an der Universität
Erlangen ernannt. Friedrich Spiegel schildert den Triumph des
Freundes:
"Das Ziel, welches er sich für sein Leben gesetzt hatte,
war erreicht, die Principienfrage, welche seinem Fortkommen im
Wege gestanden hatte, war zu seinen Gunsten gelöst und es
war für Herz ein Gegen-stand gerechten Stolzes, der erste
Israelit zu sein, welcher als Staatsdiener an einer bayerischen
Universität wirkte."
Der Ruhm von Professor Herz mehrte sich nun Jahr um Jahr. Während
des Krieges mit Preußen im Jahr 1866 hatte er sich um die
Verwundeten in den Erlanger Lazaretten gekümmert. Dafür
wurde ihm ein Orden zuteil. Nun wollte auch die Stadt Erlangen
mit einer Würdigung nicht länger zurückstehen und
ernannte ihn zum Ehrenbürger
Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde 1867 erscheint
umso bedeutsamer, als Erlangen erst 1860 Juden wieder gestattete,
sich in der Stadt niederzulassen, wobei man bei jüdischen
Studenten und dem Universitätsangestellten Jakob Herz schon
seit längerem eine Ausnahme hatte machen müssen. Zweifellos
hatte das Wirken von Jakob Herz die Stimmung in der Stadt für
Juden positiv beeinflusst.
Einstieg in die Politik
1866 war Herz der bayerischen Fortschrittspartei beigetreten.
Ihr vorrangiges Ziel war die nationale Einigung Deutschlands unter
der Führung Preußens. Mit Karl Brater, einem der führenden
Köpfe der Partei, verband Herz eine enge Freundschaft. Drei
Jahre später wurde Herz selbst in Erlangen ins Kollegium
der Gemeindebevollmächtigten gewählt.
Gesundheitlich ging es ihm immer schlechter. 1862 hatte er sich
bei einer Sektion eine Leichenvergiftung zugezogen, von der er
sich nur mühsam erholte. Dennoch kannte er weder Rast noch
Ruhe. Als der deutsch-französische Krieg ausbrach, fuhr Herz
mit einem Spitalzug als Militärarzt nach Frankreich und holte
dort Verwundete ab, die er nach Erlangen in die Lazarette brachte,
wo er sich weiter um sie kümmerte.
Im Sommer 1871 verschlechterte sich der Gesundheitszustand von
Jakob Herz rapide. Er starb am 27. September 1871 im Alter von
55 Jahren. Zwei Jahre zuvor waren ihm die höchsten akademischen
Weihen zuteil geworden: Die Ernennung zum ordentlichen Professor
der Medizin.
Denkmal in doppelter Lebensgröße
Die Trauer über den Tod von Jakob Herz war allgemein. Stadt
und Universität würdigten Herz und sein Lebenswerk in
zahllosen Nachrufen und am Sonntag, dem 3. Oktober, folgte ein
langer Trauerzug seinem Sarg auf den jüdischen Friedhof von
Baiersdorf.
Am 5. Mai 1875 wurde Jakob Herz posthum eine weitere Ehre zuteil:
Auf dem heutigen Hugenottenplatz errichteten ihm seine Freunde
und viele dankbare Patienten ein Denkmal: Eine Bronzeskulptur,
die Herz im Gehrock in doppelter Lebensgröße darstellte.
Als "Type des Gemeinsinns" wurde Herz in der Laudatio
gewürdigt.
Es folgten weitere Ehrungen: Eine Jakob-Herz-Stipendienstiftung,
die von Angehörigen und Freunden ins Lebens gerufen worden
war und mittellosen Studenten der Medizin ungeachtet ihrer Konfession
zugute kam. Das gleiche Ziel setzte sich die Jakob-Herz-Loge,
die 1921 von Max Freudenthal, dem Vorsitzenden der Jüdischen
Gemeinde in Nürnberg, gegründet worden war. Auch die
kleine jüdische Gemeinde, die sich 1873 in Erlangen konstituiert
hatte, hielt das Andenken an Jakob Herz hoch. Im Vorraum zu ihrem
Betsaal hing sein Porträt.
Dennoch waren nie die Stimmen verstummt, die Jakob Herz den Ruhm
selbst posthum noch missgönnten. Man zweifelte seine wissenschaftliche
Reputation an und bestritt ihm das Recht auf ein Denkmal. Zu den
gehässigsten seiner Neider gehörte der Erlanger Professor
für Theologie Theodor Kolde. Seine abfälligen Bemerkungen
über den "kleinen unscheinbaren Mann, der Mitte des
19. Jahrhunderts an der Universität auftauchte", diente
den Nazis später vortrefflich als Begründung für
ihren Denkmalsturz.
Der Traum von der Gleichstellung der jüdischen Bürger
Deutschlands, den auch Jakob Herz geträumt hatte, zerstob
1933. Sein Denkmal fiel auf den Tag genau zwei Jahre vor der Verkündung
der "Nürnberger Gesetze".
Christiane Kolbet
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