We are queer, we are here and we gonna have a look on jokes
Humor als Subversion - ein Beitrag aus testcard #11
Wer kennt es nicht, das Schamesröte ins Gesicht treibende
Gefühl, einen Witz nicht verstanden zu haben, das seine Krönung
nur in der Peinlichkeit findet, auch nach mehrfachem Erklären
der Pointe immer noch nicht lachen zu können. Oder umgekehrt:
Die ekelhafte Situation, wenn person einen Witz erzählt und
keineR lacht. In beiden Situationen zeigt sich, dass über
Humor Gruppenzugehörigkeiten gebildet werden. Wer mitlachen
kann oder andere zum Lachen bringt, ist dabei und beliebt, zeigt
Souveränität und Entspanntheit und beweist somit soziale
Kompetenz.
Wesentlicher Bestandteil von Queer Theory ist die Analyse von
Identitätspolitiken. Die Ein- und Ausschlüsse, die diese
produzieren, und die politische Macht, die sich über die
Konstruktion von Identitäten anhand einiger beliebiger Merkmale
erreichen lässt, sind ebenfalls Bestandteil der Queer Theory.
Ein erwünschtes Ziel der Analyse ist es, strategisch mit
Identitätskonstrukten umgehen zu können und anhand dieses
Umgangs gleichzeitig ihre "Nicht-Natürlichkeit"
aufzuweisen.
Da viele Witze ihre "Würze" aus dem sich "lustig-machen-über"
beziehen, eignen sie sich gut für eine solche Analyse. Wenn
ein solcher Witz erzählt wird, passieren kontextabhängig
verschiedene Dinge zeitgleich. Immer wird allerdings auf die ein
oder andere Art ein "Innen" und "Außen"
konstruiert.
Aneignung des öffentlichen Raums
In der Geborgenheit einer schwul-lesbischen Bar lässt sich
leicht über homophobe Witze lachen. Dieses Lachen ist dann
eine Aneignung des feindlichen Raums, ein Beweis für die
eigene Souveränität im Umgang mit sowohl der gesellschaftlichen
Position als auch den eigenen klischeehaften Handlungen, die Ziel
der Pointen werden. "Innen" ist in diesem Moment die
Gruppe der "über sich selbst lachen könnenden".
"Außen" ist die Welt, in der solche Witze einen
abwertenden Charakter haben.
Auf einer heteronormativen Hochzeit mit homophoben Witzen konfrontiert
zu sein, macht es verhältnismäßig schwerer, sich
ein Lachen abzuringen. "Innen" ist dort die Heteronormativität,
die Sicherheit, "normal" zu sein und diese "Normalität"
auch zu wollen. "Außen" sind diejenigen, die diese
"Normalität" anzweifeln und nicht leben wollen
oder können. Nach der Hochzeit mit Gleichgesinnten eine Erzählung
der seltsamen Rituale zum Besten zu geben, versetzt den/die ErzählendeN
wieder in die Position der Souveränität. "Innen"
sind hier alle mit den gleichen Erfahrungen mit oder der gleichen
Kritik an den seltsamen Possen der Heterowelt. "Außen"
ist die konservative Heterorealität.
Es könnte also behauptet werden, dass über das Konstruieren
eines "Innen", das zeitgleich die Bildung des "Außen"
bedingt, eine eigene "Normalität" erschaffen wird.
Gemeinsames Lachen beruht unter anderem auf dem Vertrauen darauf,
zu verstehen, wie die Pointe gemeint ist und dass sie in der jeweiligen
Situation keinen böswilligen Angriff auf jemanden innerhalb
der Gruppe bedeutet. Voraussetzungen für dieses Vertrauen
bilden ein gemeinsamer Erfahrungshorizont, eine kollektive Idee
dessen, was erlaubt und was verboten ist und eine gemeinsame Abstraktionsebene
- so niedrig ihr Niveau auch sein mag. Das gemeinsame Erleben
eines "Innen" mag sehr schön sein, wenn man sich
im ständigen Kampf um die Anerkennung der gewählten
eigenen Lebensweise befindet, die gleichen kulturellen Voraussetzungen
hat und die Geborgenheit einer Gruppe benötigt. Lästig
wird es aber, wenn auch diese eigene, im bestimmten Sinne widerständige
"Normalität" Personen ungewollt ausschließt,
die sich zunächst einmal dem "Innen" zugeordnet
haben oder die zum "Innen" dazugehören sollten.
Bei Witzen ist hier nicht zuletzt die Sprachbarriere anzuführen.
von Umzugswagen, Schnittlauch und Horizonten
Verwirrungen mit dem "Innen" und "Außen"
erlebte ich mit folgendem Witz: "Was sagen zwei Lesben nach
dem ersten gemeinsamen Sex zueinander? - Schatz, stell´
bitte den Wecker auf acht, der Umzugswagen kommt!" Ich erzählte
ihn eine Zeitlang sowohl Lesben als auch Heteras. Auffällig
daran war, dass durch die Bank alle Lesben in spontanes Lachen
ausbrachen, wohingegen die Heteras gereizt (oder ratlos) auf eine
Erklärung warteten. Aus diesen Reaktionen wurden "Innen"
und "Außen" oberflächlich recht schnell klar.
Da sich allerdings unter den Heteras viele befanden, mit denen
ich mich sehr gerne politisch bewege, und deren Kritik an den
Verhältnissen für mich außerordentlich wichtig
ist, war der Ausschluss, der bei diesem Witz passierte, für
mich als Erzählende kein nur schöner. Plötzlich
befand ich mich auf einer anderen Seite, wo ich von Personen,
deren Meinungen ich schätze, nicht verstanden wurde und dafür
in einer Gruppe Lacher erntete, mit deren momentan lautesten politischen
Forderungen (Recht auf Heirat) ich mich nicht identifizieren möchte.
Auf längere Erklärungen der Pointe möchte ich an
dieser Stelle verzichten.
Wie bei den "sich lustig machen über"-Witzen zu
beobachten ist, beinhaltet Humor häufig ein Element der Transgression,
der Überschreitung von gesellschaftlichen Grenzen.
Unangenehm wird der Moment der Transgression in Witzen, in denen
"endlich mal offen" homophob, rassistisch und sexistisch
gesprochen wird. Bei solcher Art Humor werden "Schwächen"
der gesellschaftlich wenig Angesehenen konstruiert, vermeintlich
bloßgelegt und attackiert. Nicht zuletzt findet jede noch
so grobe Konstruktion eines "Außen" (ich habe
noch nie von einer Blondine gehört, die tatsächlich
Wasser in ihren PC schüttet, um surfen zu können.) ihre
Pointe. Wenn jemand damit verletzt wird, versteht er keinen Spaß,
und hat sich damit selber als unerfreulicher, sozial inkompetenter
Zeitgenosse entlarvt.
Glücklicherweise funktioniert die Überschreitung auch
in andere Richtungen: "Was sagt ein Mann, der bis zum Bauchnabel
im Wasser steht? - Das geht mir über den Horizont."
In Witzen, die über machtvolle Gruppierungen gemacht werden
("Was unterscheidet Polizisten von Schnittlauch?") bietet
die Transgression ein Ventil für die tagtäglich erlebte
Ohnmacht. Sie konstruiert auch hier ein "Innen", einen
Ort, an dem person nicht alleine ist mit der unangenehmen Erfahrung
der Handlungsunfähigkeit. Durch diese Versicherung eines
Kollektivs wird Transgression zudem zu einer Handlung, zur Erschaffung
eines Freiraums und bietet die Chance zu Veränderung.
Überschreitungen geschehen aber nicht nur auf der Ebene
der Pointe. Überschritten werden auch Grenzen von Gruppenzugehörigkeiten.
Das "Außen" wird zum "Innen", wenn jemand
aus der Gruppe, über die gelacht wird, mitlacht, sich über
die Pointe verbündet. Auch das überlegene Gefühl,
souverän und entspannt zum "Innen" zu gehören,
kann vielseitig genutzt werden.
Für die politische Arbeit mit Witz möchte ich zwei
nach "Außen" gerichtete Effekte humorvollen Eingriffs
in den öffentlichen Raum in den Vordergrund stellen: Als
erstes die Beobachtung, dass die, über die gelacht wird,
nicht ernst genommen werden. Sie stellen also für die außerhalb
dieser Gruppe Stehenden keine unmittelbare Gefahr dar.
Zweitens gehe ich davon aus, dass Menschen, die kritikfähig
sind, diese Fähigkeit am besten ausleben können, wenn
sie sich entspannt und souverän fühlen, also in die
Lage versetzt sind, Strukturen mit einer gewissen Distanz wahr
zu nehmen. Dabei kann durchaus der Effekt entstehen, dass aus
dem "über jemanden Lachen" ein "mit jemandem
Lachen" entsteht, also das "Außen" zum "Innen"
wird.
Pink/Silver und der lange politische Kampf
Die Strategien der Gruppe Pink/Silver setzen genau an diesen
Stellen an: Mit ihren theatralischen Auftritten auf Demos erzielen
sie große Heiterkeitserfolge. Die bunten Kostümierungen,
die einstudierten Cheerleading-Choreographien und nicht zuletzt
die Puschel vermitteln eine Albernheit, die fröhlich stimmt
und sympathisch ist und dazu verleitet, genau in dieser Gruppe
keine Gefahr für die öffentliche Ordnung wahr zu nehmen.
Wer sich zu dieser Annahme verleiten lässt, liegt falsch.
Gerade Pink/Silver ist die Gruppe, die es häufig schafft,
sich hinter Absperrungen zu puscheln. Sie zeigt damit die Durchlässigkeit
von Grenzen auf, die ansonsten starr und ohnmächtig machend
vor den DemonstrantInnen stehen.
Die Inhalte der skandierten Parolen und das Gesamtbild der Gruppe,
die versucht, durch ihre Kostümierungen das Fließen
der Geschlechtergrenzen zu verdeutlichen, ermöglichen es
denjenigen, die durch Humor entspannt das Geschehen verfolgen,
sich Gedanken über die angesprochenen politischen Themen
zu machen. Sie stellen somit einen Beitrag zur Aufklärung
dar. Die zunächst einmal "Außen" stehenden
ZuschauerInnen werden durch den Witz der Aktionen zum "Innen".
Damit sind zwei wichtige Aufgaben politischer Arbeit im öffentlichen
Raum durch den Humor erfolgreich in die Tat umgesetzt: Das Aufzeigen
einer ungebrochenen Widerstandsfähigkeit und der gleichzeitige
Versuch der Aufklärung.
Ein Aspekt, der nach "Innen" wirkt, ist die Tatsache,
dass ein kreativer und humorvoller Umgang mit den gegebenen Verhältnissen
ein Weg ist, sich offensiv aus der Ohnmacht zu befreien und somit
die Kraft für einen langen politischen Kampf frei zu setzen.
Wer sich in der queeren Geschichte umguckt, kann unzählige
Beispiele für Humor im politischen Kampf finden. Kurz anführen
möchte ich hier die Anfänge der Gay Liberation Front
(Freilassen von Mäusen auf rechtskonservativen Veranstaltungen)
und das Lied der Transen bei den Stone Wall Riots: "We are
the Stonewall girls, we wear our hair in curls..."
Die Frage, die person sich allerdings immer wieder bei humorvollen
Selbstdarstellungen stellen sollte, ist: Wer lacht mit wem warum?
Weder bei Filmen wie "Charlys Tante" (mit Peter Alexander)
oder Werbespots wie der mit den "Iglu-Tucken" (die glücklich
zum gemütlichen Fernsehabend Fertiggerichte verzehren), geht
es darum, gesellschaftliche Verhältnisse progressiv zu verändern.
Therese Roth
Wer noch mehr Beispiele über Humor und Selbstbehauptungsstrategien
lesen will, dem/der sei der Artikel in seiner ganzen Länge
in testcard #11 sowie das gesamte Heft empfohlen: "Humor
als Subversion, als strategische Destabilisierung herrschender
Verhältnisse", verspricht das Editorial mit Beiträgen
von Frank Apunkt Schneider über Helge Schneider, von Martin
Büsser über »Naiv-Pop&laqno, von Annette Emde
über das Fotografenpaar Bernhard und Anna Blume uvm.
testcard eine Anthologie zur Popgeschichte und Poptheorie
Ventil Verlag, Mainz
ISBN 3-931555-10-0
Euro 14,50
www.testcard.de
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