Jewish Disneyland
Die neue Ausgabe des europäisch-jüdischen Magazins
"Golem" - vorgestellt im Jüdischen Museum in Fürth
"Sind wir Narren? Die meisten Israelis würden schlichtweg
ja sagen."
Das waren sozusagen die ersten Worte des europäisch-jüdischen
Magazins "Golem". Denn mit genau dieser Frage begann
das erste Editorial von "Golem" - und wurde die Doppeldeutigkeit
des Titels klar. "Bei jemandem, der hebräisch Muttersprachler
ist, kommt die Konnotation mit Golem isch auf: ein Narr, ein Verrückter.
Der Name hat also auch etwas ironisierendes, denn: Wenn man in
Israel ausdrücken will, dass jemand verrückt ist, dann
ist es eben ein Golem isch.", erklärt Iris Weiss, eine
der HerausgeberInnen.
Doch auch die europäische Dimension des Begriffes spielte
eine Rolle dabei, der Zeitschrift den Namen "Golem"
zu geben. Schließlich geht es explizit um jüdisches
Leben in Europa, wie Iris Weiss betont: "Entgegen gekommen
ist uns da die Golem-Symbolik. Golem ist etwas spezifisch europäisches
und bezieht sich auf Prag. Es war eine Gestalt, die der Rabbi
Loew geschaffen hat um den Prager Juden zu helfen und Golem hat
auch immer den Aspekt des Helfenden und des Revitalisierenden.
Im Hinblick auf die Situation von Juden in Europa ist uns das
als der passendste Name erschienen."
Iris Weiss, die auch die Berliner Seiten des jüdischen Internetportals
haGalil betreut, arbeitet seit der ersten Ausgabe bei "Golem"
mit. "Golem - Ein europäisch-jüdisches Magazin"
nennt sich die Zeitschrift, eine von inzwischen vier jüdischen
Zeitungen in Berlin. Herausgegeben wird sie von der internationalen
KünstlerInnen- und Intellektuellengruppe Meshulash. Meshulash,
hebräisch für Dreieck, gründete sich 1992, nach
dem mehrtägigen Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, das sich
gegen Flüchtlinge und vietnamesische VertragsarbeiterInnen
richtete. Erst vor kurzem übrigens endeten wieder Prozesse
gegen vier der Täter mit Bewährungsstrafen. Als ein
politischer Impuls zu Gegenwartsfragen, vor allem was die bundesdeutsche
Gedenkpolitik angeht, begreift sich die Gruppe Meshulash, die
inzwischen schon mehrere Ausstellungen erstellt oder organisiert
hat. Ausstellungen, die provozieren und zu Diskussionen herausfordern,
wie kürzlich "Feinkost Adam", die Anna Adam von
"Meshulash" im Jüdischen Museum in Fürth zeigte.
Jüdisches Europa?
Mit der Zeitschrift "Golem", 1999 ins Leben gerufen,
begibt sich Meshulash explizit aufs europäische Parkett.
Das mittlerweile dreisprachig erscheinende Magazin will verschiedene
Blicke auf jüdisches Leben außerhalb Israels werfen,
ein Forum sein für verschiedene jüdische Stimmungen
und Strömungen.

Eine zunehmende Folklorisierung
jüdischer Identität? |
Eine lebendige jüdische Kultur in Europa? Natürlich
sieht Iris Weiss auch die besonderen Bedingungen für jüdische
Menschen in Europa. Andere Bedingungen eben als in Israel oder
den USA, mit einem tiefen Einschnitt für jüdisches Leben
und jüdische Kultur durch die Shoah. "In Ländern,
in denen die deutsche Wehrmacht war, gibt es ganz radikale Brüche.
Dort sind die meisten Juden ermordet worden. In Polen, wo es früher
3 Millionen Juden gegeben hat, gibt es heute gerade mal ein paar
10.000 Juden, viele entdecken erst spät ihre jüdischen
Wurzeln. In Polen beispielsweise hat das zu einer Renaissance
geführt. In Wien gibt es bucharische Juden, die dort eine
Gemeinde gegründet haben. Aber bei anderen Gemeinden sieht
es so aus, als ob es sie in den nächsten Jahren nicht mehr
geben würde ..."
Mit einer Euphorie, die inzwischen deutlich gedämpft klingt,
hatte sich die erste Ausgabe von "Golem" auf die Suche
nach einer europäisch-jüdischen Identität begeben.
Das noch druckfrische dritte Heft von "Golem" trägt
den auf den ersten Blick etwas kryptisch erscheinenden Titel Paradiso@Diaspora
- in Anlehnung an die gleichnamige Ausstellung von Meshulash und
jüdischen KünstlerInnen aus Italien vom November 2000.
"Wie viel Diaspora erträgt der Mensch?" fragt "Golem"
mit Blick auf die jüdische Geschichte voller Flucht und Exil.
Michael Frajman schreibt Diaspora im Editorial aber auch eine
positive Konnotation zu, als ein Begriff, "der heutzutage
den Erfahrungen unterschiedlichster ethnischer oder religiöser
Minderheiten entspricht. Diaspora als Gegenkonzept zu einem exklusiven
ethnischen Nationalismus. - Paradiso Diaspora?"
Jewish Disneyland
"Jewish Disneyland. Die Aneignung und Enteignung des Jüdischen"
ist der Beitrag von Iris Weiss in der aktuellen Ausgabe überschrieben.
Thematisiert wird das Phänomen von (pseudo)jüdischen
Räumen in Europa, die ihrer Ansicht nach verstärkt von
Nichtjuden ins Leben gerufen und betrieben werden. Versehen mit
dem Etikett "jüdisch". Als besonders auffälliges
Beispiel für "Jewish Disneyland" nennt Iris Weiss
die Gegend rund um die Oranienburger Straße in Berlin. Ein
Viertel, das vorgaukelt, etwas "besonders jüdisches"
zu haben - und damit wirbt und kokettiert. Bei näherem Hinsehen
entdeckt man Restaurants mit Davidstern, siebenarmigen Leuchtern
und Schweinefleischgerichten mit Sahnesauce - entgegen dem Kashrut,
den jüdischen Speisevorschriften. Man entdeckt Bagel-Shops
und überfüllte Klezmer-Konzerte in schlechtem jiddisch,
bei dem (fast) keine Juden mitspielen.
Eine Inszenierung des Jüdischen? Und, welche Gefahren
stecken dahinter?
"Es historisiert Judentum, so als ob es heute keine Juden
mehr gäbe. Es ist zum Beispiel immer von der Vergangenheit
die Rede, sie feierten Pessah, sie aßen ... Heutiges Judentum
wird ausgeblendet", kritisiert Iris Weiss. "Jewish Disneyland"
ist auch eine Form der Folklorisierung und der Romantisierung.
Außerdem bedient "Jewish Disneyland" Klischees
und leistet dem Ausblenden und Unsichtbarmachen von realen Juden
und realem jüdischen Leben Vorschub."
Doch auf "Jewish Disneyland" ist Iris Weiss nicht nur
in der BRD gestoßen: "Pitigliano - eine Stadt im Süden
der Toskana blickt auf eine beeindruckende jüdische Vergangenheit
zurück. Heute ist die Synagoge eine Touristenattraktion;
der einzige regelmäßige Beter dort, und zwar im Tallit,
ist Katholik", beschreibt Iris Weiss das Klima zwischen Klischee,
Kunst und Kommerz.
"Jewish Disneyland" nicht nur in der BRD. Doch steckt
hinter dieser Inszenierung des Jüdischen nicht ein vornehmlich
deutsches Bedürfnis, ausgelöst durch die Vernichtungspolitik
der NationalsozialistInnen - unter tätiger Mithilfe oder
bewusstem Wegsehen der meisten Deutschen? Ausgelöst aber
auch durch den gegenwärtigen Umgang der Deutschen mit JüdInnen
in einem Klima des zunehmenden Antisemitismus? Für Iris Weiss
ist "Jewish Disneyland" keine ausschließlich deutsche
Besonderheit: "Allerdings in Ländern wie England oder
Frankreich, wo es eine große jüdische Gemeinschaft
gibt, haben die Leute reale Juden, die ihnen im Alltag begegnen
und auf die sie sich beziehen können. Aufgrund der Vergangenheit
in diesem Land ist es für viele Menschen emotional eine ganz
ambivalente Sache mit Juden umzugehen. Sie wollen, aber sie haben
auch Angst, weil sie dann auch bei sich selber genauer hinschauen
müssten und in ihre Familiengeschichte. Und wenn man sich
selber jüdische Welten bastelt und zu Exoten macht, dann
braucht man nicht mit denen umgehen, die real vorhanden sind.
Man wird in seinen Kreisen nicht gestört und kann sich auch
ein Stück weit vorspiegeln, dass eine Form von Verarbeitung
passiert wäre."
Maike Dimar
Die aktuelle Ausgabe von "Golem" ist für 9 Euro
zu beziehen über: www.hagalil.com/golem
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