"Hier spricht der Originalkanzler"
SchröderStoiber zitiert von Stefan Wirner

Geschenk für Stefan Wirner,
der oft an Strauß denkt, wenn er über Stoiber redet |
"Was plant eigentlich der Kanzlerkandidat Edmund Stoiber?
Welches Gesellschaftsmodell schwebt dem bayerischen Ministerpräsidenten
vor? Was wird er aus Deutschland machen, sollte er die Bundestagswahl
gewinnen? Und was entgegnet ihm Bundeskanzler Gerhard Schröder?
Hat er nicht versprochen, Deutschland zu modernisieren und zu
erneuern? Wollte er das Land nicht vom Geiste Helmut Kohls erlösen
und glaubwürdig in die Zukunft führen?" - fragt
Stefan Wirner und empfiehlt: "Verfolgen Sie die imaginären
Reden", welche er in einem Büchlein zusammengefasst
hat. "Sie wurden nie so gehalten, und doch wurde alles, was
Sie nun lesen, von den beiden gesagt."
Hier spricht das Original. Edmund Stoiber
Ich danke allen, die gekommen sind. Viele haben nur einen Stehplatz oder können
die Veranstaltung wegen Überfüllung nur vor der Halle verfolgen. Mein Gruß gilt
jedem von Ihnen. Ich grüße alle Altbaiern, alle Schwaben und alle Franken und
unseren vierten Stamm, die Sudetendeutschen! Allen Sudentendeutschen gilt mein
ganz herzlicher Gruß. Meine Frau und ich wünschen ihnen alles Gute. Ich grüße
alle Gäste, die von außerhalb Bayerns einen teilweise langen Weg auf sich
genommen haben, um heute hier zu sein.
Die CSU spricht die Sprache des Volkes. Die CSU greift die Themen auf, die die
Menschen bewegen. Die CSU ist die große Volkspartei in Bayern! Wir verbinden
Tradition und Fortschritt, Laptop und Lederhose.
Wir sind die politische Heimat für Liberale, Christlich-Soziale und
Konservative. Es menschelt auch bei uns. Skandal und Skandälchen gehören zur
deutschen Parteigeschichte. Wir sind die große politische Gemeinschaft der
bürgerlichen Mitte. Wir wollen Werte vermitteln. Dafür steht auch das Kruzifix,
das hier in Bayern auch weiterhin im Klassenzimmer hängen wird.
Die Menschen tragen in sich die Liebe zu ihrer Heimat. Bayern ist zuallererst
meine Heimat, Deutschland ist mein Vaterland. Und es ist meine feste
Überzeugung, dass die Politik beitragen muss, die deutsche Identität zu finden.
Unsere Freiheit, unsere Demokratie gründen auf Staatsmännern wie Konrad
Adenauer, Franz Josef Strauß, Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Theodor Heuss
und Ludwig Erhard. Nicht auf Krawallmachern wie Fischer & Co. Joschka Fischer
hat in den 70er Jahren nicht für die Freiheit, sondern gegen SPD-Bundeskanzler
Willy Brandt und Helmut Schmidt gekämpft. Es ging um den Kampf gegen die
Bundesrepublik Deutschland mit allen Mitteln. Gegen das Schweinesystem, wie es
damals hieß. Deutschland unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, das war doch
kein Schweinesystem! Gestern Gewalttäter, heute Demokrat! Was kommt morgen?!
Fischer, Trittin & Co. müssen deutlich machen, dass sie verlässliche Demokraten
und nicht unzuverlässige Lebensabschnittsdemokraten sind!
Alle Deutschen stehen gleichermaßen in der Verantwortung für das Unglück, das
die verhängnisvolle Wahl einer verbrecherischen Regierung unter Adolf Hitler
über Deutschland und die Welt gebracht hat. Für die deutsche Nation gibt es, was
das Verhältnis zu den Juden angelangt, kein zurück zur Normalität. Die Juden
sind, neben den Altbayern, Schwaben und Franken, und den heimatvertriebenen
Sudetendeutschen in Bayern ein eigener Stamm.
Hier spricht der Kanzler. Gerhard Schröder
Liebe Genossinnen! Liebe Genossen! Liebe Freundinnen! Liebe Freunde! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, heute abend hat
die Nato mit Luftschlägen gegen militärische Ziele in Jugoslawien begonnen.
Damit will das Bündnis weitere schwere und systematische Verletzungen der
Menschenrechte unterbinden und eine humanitäre Katastrophe im Kosovo verhindern.
Der jugoslawische Präsident Milosevic führt dort einen erbarmungslosen Krieg.
Wir führen keinen Krieg, aber wir sind aufgerufen, eine friedliche Lösung im
Kosovo auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen.
Für Menschen wie ich, die nach dem Krieg in kleinen, manchmal auch ärmlichen
Vehältnissen aufwuchsen, galt es als ausgemacht, dass man da zu bleiben hatte,
am unteren Ende, vielleicht sogar am Rande der Gesellschaft. Die Mitte, die ja
zuallererst eine soziale Kategorie ist, die war uns versperrt. Mitte ist immer
auch das Lebensgefühl einer Gesellschaft. Von der Mitte aus wird die
Gesellschaft politisch geführt. Wohlgemerkt, geführt! Nicht zurück gezerrt oder
verwaltet.
Weltoffenheit und Toleranz sind unverzichtbare Bestandteile unseres
Staatsverständnisses. Sie sind Garanten für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands,
Europas und der Völkergemeinschaft. Es war diese Koalition, die ein Gesetz über
die Lebenspartnerschaften verabschiedet hat, das Schluss machte mit der
Diskriminierung von Minderheiten in dieser Gesellschaft, und es war diese
Koalition, die ein modernes Zuwanderungsrecht beschlossen hat, auf den Weg
gebracht hat und durchsetzen wird. Damit werden wir Zuwanderung sozial steuern,
wo nötig sie auch begrenzen. Wir werden den Bedürfnissen unserer Wirtschaft
entsprechen und zugleich unsere humanitären Ziele und Anliegen verwirklichen.
Außerdem brauchen wir im Asyl- und Einwanderungsrecht auch auf europäischer
Ebene Regelungen, die für mehr Schutz vor dem Terrorismus sogen. Wer unser
Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eines: Raus und zwar schnell.
Auszüge aus:
Stefan Wirner: Schröderstoiber
Mit Illustrationen von Oliver Grajewski
Taschenbuch, 80 Seiten, 8 Euro, Verbrecher Verlag, Berlin
"Wenn Stoiber die Juden als ‚fünften Stamm in
Bayern’ neben den Sudetendeutschen und Altbaiern bezeichnet,
steht man fassungslos davor"
Interview mit Stefan Wirner
raumzeit: StoiberSchröder- SchröderStoiber.
Was waren die Hintergründe für dieses Buch?
Wirner: Es ist erstmal so eine Arbeitsweise, zu der ich
über die Jahre hinweg gekommen bin. Ich habe ein Buch
zum Kosovo-Krieg gemacht, damals war bei mir der Eindruck
so stark, dass die Presse sich immer mehr angleicht. Ich
konnte nicht ertragen, wie geschrieben wurde und hatte den
Gedanken, dass man das gar nicht mehr kommentieren kann.
Durch eine Montage besteht die Möglichkeit, zu verdichten
und in bestimmten Bereichen Sätze zusammen zu fügen,
die alles nochmal verdeutlichen. Das lässt sich bei
Stoiber und Schröder gut anwenden. Wenn ich zum Beispiel
in einem Kapitel alles zu den Sudetendeutschen zusammentrage,
versteht man plötzlich, dass Stoiber, wenn er über
Sudetendeutsche redet, Wörter gebraucht, mit denen
man normalerweise den Holocaust beschrieben hat, also Deportation,
Zwangsarbeit usw.
raumzeit: Sind einzelne Sätze aneinandergereiht oder verwendest
du eher ganze Satzpassagen, in die einzelne Sätze gefügt
werden?
Wirner: Es ist unterschiedlich. Ich übernehme manchmal
eine kleinere Passage und füge dann einen Satz aus
einer anderen Rede an, der das nochmal verschärft.
Aber es kann auch sein, dass aufeinanderfolgende Sätze
aus verschiedenen Reden montiert wurden, und das drei, vier
Sätze lang so geht. Daraus ergibt sich ein schöner
Effekt, wenn man z.B. bei Schröder sieht, wie oft er
das Wort Menschenwürde oder Menschenrechte benutzt.
Diese Wiederholungen zeigen, wie oft er leere Formeln benutzt.
raumzeit: Dass heißt aber auch, dass es sich um originalgetreue
Zitate handelt, die nicht verändert wurden?
Wirner: Ja, ich habe versucht sehr sorgfältig zu sein,
schließlich sind beide große Staatsmänner...
Ich habe in Zweifelsfällen Sachen weggelassen, um diesen
großen Staatsmännern gerecht zu werden.
Zum Zeitpunkt dieses Buch zu machen: Es ist Wahlkampf.
Wir haben vier Jahre Rot-Grün hinter uns, die so ziemlich
alle Hoffnungen enttäuscht und als Hauptbestandteil
ihrer Politik die Kriegsführung haben. Das ist bereits
schlimm genug, aber nun tritt ein Kanzlerkandidat an, der
von der Ultrarechten kommt. Wegen dieser paradoxen Situation,
in der man sich da befindet, wollte ich was machen.
raumzeit: Gibt’s denn von dir ´ne Wahlempfehlung?
Wirner: Eine Wahlempfehlung gibt’s von mir nicht. Veränderungen
werden woanders erkämpft als bei einer Wahl. So traurig
das ist. Ich bin eigentlich Demokrat, ich halte Demokratie
für eine gute Sache, aber so wie es hier läuft
kann es nicht funktionieren. Ich mag mich nicht entscheiden
zwischen Schröder und Stoiber, zwischen Rot-Grün
und den Konservativen. Das ist keine freie Wahl.
raumzeit: Bei deinen Lesungen scheint Stoiber bessser anzukommen
Wirner: Stoiber kommt besser an, wobei Schröder von
mir als der Staatsmann dargestellt wird. Ich hätte
vielleicht auch Schröder etwas anders aufbereiten können,
aber ich wollte bewusst machen: Hier ist ein Kandidat, der
Angreifer, der mit völlig überzogenen Aussagen
hantiert, und dagegen Schröder, der eigentlich gar
nichts sagt, immer wieder dieselben Floskeln von Menschenwürde,
Freiheit, Demokratie usw. von sich gibt.
raumzeit: Gab es so eine Art Schlüsselzitat weswegen das
Buch entstanden ist?
Wirner: Ein Schlüsselzitat nicht unbedingt, aber es
gibt natürlich Zitate, von denen man denkt, es ist
echt nicht zu fassen. Wenn Stoiber die Juden als "fünften
Stamm in Bayern" bezeichnet, steht man fassungslos
davor.
raumzeit: Nun bist du aus Bayern, Weiden, bist nach Berlin geflüchtet
und nun kommen vielleicht im Oktober Stoiber und Beckstein
im Duo nach. Ist dir da Schröder nicht doch lieber?
Wirner: Andersrum: Ich habe einen Freund in München,
der freut sich wenn er endlich Stoiber los ist. Meine Freude
hält sich in Grenzen. Man muss das Paradoxe aushalten.
Stoiber, denke ich, den müsste man stoppen. Es wäre
ein völliger Rückfall, wenn der Mann dran käme.
Wenn man sich umschaut: Berlusconi in Italien, Haider in
Österreich, in Dänemark sind die Rechten dran,
jetzt diese Geschichte in den Niederlanden und dann hättest
du mit Stoiber einen rechten Kanzler, der, bevor er überhaupt
Kanzler ist, gegen Tschechien hetzt. Tschechien wäre
umzingelt mit Haider und Stoiber - schon alleine aus diesem
Grund müssten wir Stoiber verhindern.
Was aber auf der anderen Seite nicht heißen kann,
dass ich deswegen Schröder wählen würde.
Ich weiß keine Antwort auf die Frage. Das ist das
Problem mit der Demokratie, wie wir sie heute hier haben.
Wichtig ist mehr Widerstand außerhalb des Parlaments.
Das Parlament zeigt immer wieder die Fähigkeit, aufkeimende
widerständige Strömungen aufzusaugen und zu vereinnahmen.
Die Träume mit Rot-Grün, wie schnell waren sie
geplatzt. Daraus muss eine Lehre gezogen werden..
raumzeit: Bei deinen Lesungen begleitet dich ein wunderhübsches
Bierseidel mit dem Konterfei von Franz-Josef Strauß.
Wirner: Den Krug hat mir ein sehr guter Freund geschenkt.
Ich muss oft an Franz-Josef Strauß denken, gerade
an seinen Todestag. Der 3. Oktober ist ein großer
Tag auch für mich...
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