Drei Männer auf der Deponie
Moos heißt das neueste Theaterstück aus der Produktion
von Thevo - einer Theatergruppe um Klaus Meier, die für Stücke
wie "Aids geht’s los" oder "Xirxalta" auch
schon über die Grenzen Nürnbergs hinaus Anerkennung
bekam.
Anders als manch früheres Bühnenstück von Thevo
richtet sich Moos nicht an Jugendliche oder Kinder, sondern an
Erwachsene.
Ein ungewöhnliches Theaterstück an einem ungewöhnlichen
Ort. Ein Erdhügel unter hohen Bäumen dient als Bühne
- das Publikum wird darauf hingewiesen, dass bei Hagelschlag Regenschirme
mitzubringen seien.
Hagel gab es nicht - aber Blitz, Donner und einen gewaltigen
Gewitterregen am Ende der Aufführung am Sonntag Abend.
Thevo verlegt die Handlung von Moos in die nahe Zukunft: Eine
Fremdenführerin empfängt das Publikum, um es zu dem
versteckten Ort am Nürnberger Dutzendteich zu geleiten. Unterwegs
erhält man ausladende, aber nichtssagende Erläuterungen
zu den Baulichkeiten des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes:
Es seien hier irgendwie überall "Überreste"
zu finden - aus dem vergangenen Jahrtausend - "Überreste",
in denen die leicht dümmlich gespielte Führerin absolut
keinen Sinn zu entdecken vermag.
Von Überresten handelt denn auch das eigentliche Stück:
Heinz wird von seiner Frau auf der Deponie am Stadtrand abgeladen
- er ist nutzlos und überflüssig geworden. Einst ein
tüchtiger Abteilungsleiter, der an "Outsourcing"
nichts schlimmes fand, wurde er selbst outgesourced und erfüllt
für die Gesellschaft und für seine Familie keinerlei
Funktion mehr.
Ähnlich erging es anderen Männern, die er dort trifft:
"Angeschimmelt, bemoost," erklärt Thevo. Sind sie
- ihres Nutzens für die Gesellschaft beraubt - überhaupt
noch lebendig?
Heinzens Überzeugung, dass er doch noch etwas leisten kann,
seine Hoffnung, noch gebraucht zu werden - "Ich kann: Abteilungsleiter"
- verwandelt sich in Selbstmitleid und Verzweiflung.
Doch dann machen sich die Drei Männer auf der Deponie gemeinsam
auf eine Suche nach einem Wert jenseits der Sklaverei, die den
Menschen an eine von anderen vorgegebene Zweckhaftigkeit kettet.
Nach einem Sinn, der vielleicht eher in der Ästhetik des
Weges liegt, den das Leben darstellt, einem Sinn, der sich jenseits
von Funktionalität finden lässt.
Am Ende des Stückes - ein schriller makabrer Totentanz -
der vielleicht die Lebenden zum Leben mahnen soll, so wie der
Tod schon im Mittelalter als Frage diente, ob wir denn "richtig"
gelebt hätten ...
Der Autor und Hauptdarsteller Klaus Meier hat mit "Moos"
ein Musik-Theaterstück erdacht, das ohne große Worte
auskommt. Thevo selbst bezeichnet es als Singspiel - dennoch bietet
dieser Begriff keine ausreichende Beschreibung für die eigenwillige
Form des Schauspiels, das Bilder, Sprache und Musik liebevoll
verwebt. Wie schon die märchenhafte Tragikomödie "Xirxalta"
besticht Moos dadurch, ein Gesamtkunstwerk zu sein und besitzt
eine Ästhetik, die für einige Längen der Aufführung
entschädigt.
Der kunstvolle Detailreichtum der aus Müll zusammengebastelten
"Bühnen"ausstattung, die musikalischen Ideen des
Thevo-Schauspielers und Komponisten Uwe Weber, der diesmal auf
Elektronik verzichtet, sondern vom Baumstamm bis zur Gardinenstange
alles zum Musikinstrument macht, was in das angeblich biologische
Konzept für Moos passt, das Gastspiel des Huljet-Musikers
Georg Brinkmann, der einen entsorgten Klarinettisten spielt, das
anrührende stammelnde Spiel Klaus Meiers als Heinz, sowie
natürlich das Ambiente in dem das alles stattfindet, tragen
zu dieser Ästhetik bei.
Eine stellenweise naive, aber in ihrer Naivität umso direktere
Kritik an unserer Arbeitsgesellschaft ist Moos. Thevo lässt
uns die Globalisierung im Wasserglas betrachten - und diese Betrachtung
berührt und macht nachdenklich. Auch wenn manche inhaltlichen
Stränge, die aufgegriffen werden, dann ins Leere zu laufen
scheinen, war der Applaus des Publikums berechtigt - denn Moos
macht nicht nur nachdenklich, sondern ist auch ziemlich amüsant
...
Michael Liebler
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