Kein Zutritt!
Die Ausstellung "Lines of Mobility - Zugang und Verwehrung"
"Ein Weißer, ein Europäer darf nach Südafrika
gehen und sich auch den Anspruch nehmen, die Ureinwohner zu
vertreiben. Er darf sagen, ich darf in den dürren, trockenen
Gegenden leben, und ich darf mir diese Regionen in Anspruch
nehmen, denn das ist mir von Gott gegeben, das ist mir von
der Natur gegeben, ich bin eben der Übermensch - und
das ist das konkrete Problem."
Hirut Kiesel, Journalistin aus Südafrika
Zugang und Verwehrung, Ausgrenzung und Überwindung von
Grenzen ist das Thema der Ausstellung "Lines of Mobility",
die derzeit im Kunstverein Albrecht-Dürer-Gesellschaft zu
sehen ist. Nicht nur die Künstlerin Hirut Kiesel beklagt
darin die mangelnden Handlungsmöglichkeiten und die Marginalisierung
von MigrantInnen.
Es geht um Identität und Zuschreibungen, um das Schwinden
räumlicher und sozialer Mobilitätsgrenzen. Gleichzeitig
aber auch um die Grenzen im eigenen Kopf, die virtuellen, imaginären
und sozialen Barrieren und deren Auswirkungen für diejenigen,
die nicht in das übliche Raster passen. Die "anders"
aussehen - wie sieht jemand "richtig" oder "normal"
aus?-, die einen anderen Pass haben oder nicht das "richtige"
Geschlecht. Dominanz und Unterdrückung, Grenzen und Ausgrenzung.
Simone Buuck von der Albrecht-Dürer-Gesellschaft beschreibt
den Ausgangspunkt der Ausstellung: "Lines of Mobility ist
eine Beschäftigung mit marginalisierten Gruppen, mit ‚Randgruppen’
und die Überlegung dessen, welche Art von Zugängen bestimmte
Gruppen innerhalb der Gesellschaft haben bzw. nicht haben. Mobility
bedeutet Bewegung, zum einen natürlich die körperliche
Bewegung, Denkbewegungen, Überschreitungen, aber auch Mobilisierung.
Also auch der Gedanke, dass z.B. Migranten, die in Ländern
leben, in denen sie bzw. die Generation davor nicht geboren sind,
sich zusammen tun und auch versuchen, ihre Rechte einzufordern."
Grenzen im Kopf
Betritt man den Raum des Kunstvereins, sieht man riesige Plakate
mit Zitaten: "Seitdem ich blonde Haare habe, schauen sie
mir in den Ausschnitt und nicht in den Pass". Oder: "Seitdem
ich einen deutschen Namen habe, hält niemand mehr meinen
Raucherhusten für Tbc". Provokante Wortspiele, die auf
konkrete Klischees und Zuschreibungen abzielen. Zum Beispiel auf
den Vorschlag Haiders, ausländische SchülerInnen auf
Tbc kontrollieren zu lassen.
Die Dimension und Plakativität zeugen davon, dass die Kunstplakate
ursprünglich für den öffentlichen Raum entworfen
worden waren. Im März 2000 hingen sie in einem Tunnel der
Münchener U-Bahn. Kontrastiert werden die Sprüche, die
sich um Identitätszuschreibungen und Festschreiben rassistischer
Denkweisen drehen, von Portraits mit "ganz normalen, deutschen"
Durchschnittsgesichtern. "Idee dazu war, diese Sprüche
und Portraits zusammen zu bringen, was einfach nicht funktioniert,
weil man sehr bald merkt, dass man zu den Sprüchen ein anderes
Bild im Kopf hat", erklärt Manuela Unverdorben, die
zusammen mit Farida Heuk und Ralf Homann die Plakate gestaltet
hat.

Why Not? Die Schnelleinbürgerungsstelle
der KünstlerInnengruppe |
Ins Auge sticht sofort auch ein großer, weißer Spanplattenwürfel,
der mitten im ersten Raum steht. Durch einen engen Eingang - auch
eine Form von Zugangskontrolle? - tritt man ins Innere und blickt
auf zwei Dias, die Werbung für eine "Schnelleinbürgerungsstelle"
an zwei Nürnberger Plätzen zeigen. Ralf Homann vom KünstlerInnentrio:
"Hintergrund ist, dass in Deutschland, aber auch in anderen
europäischen Ländern, die sich in ihrem Staatsbürgerschaftsverständnis
aufs Blutsrecht stützen, das Wort ‚schnell’ nicht mit ‚Einbürgerung’
zusammen gedacht werden kann. Man imaginiert immer die Vorstellung,
es würde Jahrzehnte, Jahrhunderte dauern, bis jemand eingebürgert
werden kann. Die Einbürgerung wird zugleich als Integration
begriffen und, noch schlimmer, die Integration wird als Bringschuld
derjenigen begriffen, die zuwandern."
"Für das Vaterland sterben, heißt leben"
"Ja, wir lieben unsere Heimat" nennt sich eine weitere
Installation von Farida Heuk, die in den düsteren Kellergewölben
erklingt. Zu den Ausschnitten aus verschiedenen, instrumental
eingespielten Nationalhymnen sind per Diaprojektor Textauszüge
zu sehen - gewaltverherrlichend, martialisch, überheblich.
In Fragmente zerhackt und aneinandergereiht ergeben die Nationalhymnen
ein drastisches und fragwürdiges Bild, überkommen und
chauvinistisch.
Ein anderes Symbol der europäischen Staaten hat sich der
peruanisch-französische Künstler Jota Castro vorgenommen:
Die Flaggen. Genauer: die belgische, dänische, französische,
italienische, niederländische und österreichische Fahne.
Deren Auswahl lag für Jota Castro klar auf der Hand: "Ich
wählte die Flaggen von Ländern der EU, die seit einigen
Monaten oder Jahren eine sehr, sehr starke extreme Rechte zu haben.
Es beginnt gerade ein Wiederaufleben der extremen Rechten, mit
heftigen Maßnahmen gegen Migration. Ich stelle also die
Flaggen mit dem Wort "Willkommen" in der jeweiligen
Sprache darunter aus, um den Leuten zu erklären, dass man
diese Leute braucht. In der Welt, in der wir leben, müssen
die Leute dahin kommen, wo sie leben und überleben können.
Wenn sie hierher kommen, ist es nicht nur deshalb, um in Europa
zu leben."
Ein anderes Objekt von Jota Castro hängt gegenüber:
Eine Plastikbox, gefüllt mit Verbandszeug, Klebebändern,
Tabletten und ähnlichem Kleinkram, das "Survival kit
for refugees and illegal travellers".
"Aufgrund der Gesetzeslage ist es sehr schwer, legal nach
Europa zu gelangen. Also machte ich 500 Koffer mit Produkten,
die einer Person bei der illegalen Einreise helfen können,
zu überleben. Zum Beispiel, um im Tunnel unter dem Ärmelkanal,
wo Luft fehlt, besser atmen zu können, oder Desinfektionsmittel."
Von den 500 Plastikboxen sind noch 3 Stück übrig geblieben.
Denn die survival kits sind nicht nur Kunstobjekt, sondern auch
ganz konkrete, praktische Hilfe für MigrantInnen. Die anderen
497 Koffer verteilte Jota Castro tatsächlich an der marokkanischen
Küste oder vor dem Eurotunnel. Übrigens in einer etwas
umfangreicheren Ausstattung. Doch die Scheren, Pinzetten und andere
spitze Gegenstände der Ausstellungsbox musste Jota Castro
an der Flughafenkontrolle zurück lassen.
"Gewissenlose Menschenhändler?"
"Die Illegalen, die zu uns kommen, sind zum Großteil,
ich möchte nicht sagen alle, aber zum Großteil Personen,
die irgend etwas auf dem Kerbholz haben. Wir haben schon Personen
festgenommen, denen bis zu 13 Autodiebstähle nachgewiesen
wurden." Ähnliche Aussagen und das Bild, das von so
genannten "Schleusern" gezeichnet wird, hinterfragen
Martin Krenn und Oliver Ressler in ihrem Video "Dienstleistung
Fluchthilfe".
Im Interview versucht sich ein Beamter des Bundesgrenzschutzamtes
auf die - wie er meint - sichere Seite zu retten: "Ich will
das nicht bewerten". Und wird von den Filmemachern mit durchaus
wertenden Publikationen des BGS konfrontiert.
Ein Berliner Taxifahrer moniert, wie schnell er oder seine KollegInnen
zu so genannten "Schleusern" degradiert werden - mit
Hinweis darauf, dass in der BRD seit Anfang 1997 schon mehrere
TaxifahrerInnen wegen der Beförderung von Menschen ohne Papiere
zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden sind.
Entgegen der üblichen Darstellungsmuster, die die Unterstützung
von Flüchtlingen in Grenzgebieten eindeutig negativ konnotieren
und medienwirksam von unverantwortlichen Menschenhändlern
sprechen, sezieren Krenn und Ressler die Begrifflichkeiten wie
"Schleuser", "Schlepper", "Menschenhändler"
und die dahinter stehenden Denkmuster. Durchaus parteiisch und
positiv gehen sie mit dem Begriff Fluchthilfe um, zeigen auch
die politischen, humanitären oder persönlichen Beweggründe
auf, ohne aber die Motivation Geldgier auszusparen. Doch ist eine
Dienstleistung nicht - rein ökonomisch betrachtet - etwas,
mit dem die "Kunden" zufrieden sein müssen, fragen
sie. "Dienstleistung Fluchthilfe! Service mit Qualität"
ist dazu passend auch der Untertitel ihrer Zeitschrift "Neues
Grenzblatt", das sich mit betont volkstümlich-altbackenem
Layout mit dem Thema Migration beschäftigt.
Ein Webstuhl, steinige Wege, Straßen, Presslufthammer,
fahrende Züge...diese und ähnliche Filmsequenzen stehen
am Anfang des Filmes "Passing Drama" von Angela Melitopoulos.
Sie empfindet die Geschichte von griechischen Flüchtlingen
im 20. Jahrhundert und ihrer eigenen Familie filmisch nach, mit
langen Einstellungen, symbolischen Bildern und Wortfetzen wie
"Ich hätte bleiben können. Ich wollte nicht."
Auch die Schweizer Künstlerin Ursula Biemann bedient sich
des Mittels des Films. Im Mittelpunkt ihrer Video-Essays stehen
frauenspezifische Themen von Migration wie Gender und Globalisierung
und die doppelte Marginalisierung von Migrantinnen.
Heimat und Identität, völkisch geprägtes Denken,
Ausgrenzung gegenüber "Fremdem", "Unnormalem"
und "Anderem" ist die Klammer, die die unterschiedlichsten
künstlerischen Ausdrucksformen thematisch miteinander verbindet.
Sie hinterfragen das Bedrohungsszenario, das vielfach von Begriffen
wie "Ausländerschwemmen" geprägt wird, zeigen
Migration als einen Jahrtausende alten Vorgang in der Geschichte
und rücken die Folgen der Marginalisierung für MigrantInnen
deutlich vors Auge.
"Lines of Mobility" bildet einen Kontrapunkt zum öffentlichen
Diskurs um "Das Boot ist voll" und Veranstaltungen wie
dem EU-Gipfel in Sevilla mit dem Ziel, "illegale Migration"
zu verhindern und Europa noch besser abzuschotten.
Haften bleibt der Blick auf die Gefahren von Rechtsentwicklung,
scheuklappenhaftes nationales Denken (auch in Zeiten Europas)
und irrationale Ängste. Denn schließlich: Wer wird
von wem ausgegrenzt, wer setzt wessen Leben aufs Spiel und wer
hat welches Recht, wo zu leben?
Maike Dimar
Die Ausstellung "Lines of mobility" ist noch bis zum
21. Juli im Kunstverein
Albrecht-Dürer-Gesellschaft, Füll 12 in Nürnberg
zu sehen - Donnerstags bis Sonntags, 14-18 Uhr.
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