Revolution beim Webradio?
Radio- und Videosendungen von jedermann und jederfrau via Internet
ermöglicht das Flatcast-Projekt der Fürther Firma "1
mal 1 Software".
Den 10. Geburtstag konnte in diesem Jahr das Internetradio feiern.
Tausende von Radiomacherinnen weltweit trotzen inzwischen mit
individuellen musikalischen Angeboten im Web dem leichtverdaulichen
Mainstreamgedudel auf staatlich kontrollierten Radiofrequenzen.
Der eigene PC ist mit geringem finanziellen Aufwand schnell zum
Heimstudio aufgerüstet. Zur Not tut schon eine Soundkarte,
ein Mikrofon, ein CD- oder MP3-Player und ein wenig Software.
Um allerdings den Sound als Datenstrom ins Internet zu bringen,
muss man ein wenig in die Tasche greifen. Mit einem eigenen Server
oder der Inanspruchnahme eines professionellen Providers können
wenige Dutzend HörerInnen versorgt werden. Jeder einzelne
Zugriff verursacht einen Stream, jeder Stream kostet Geld und
die Anzahl der Streams ist durch das Nadelöhr eingeschränkt,
das die Verbindung zwischen dem Server und dem Internet darstellt.
Angesichts dessen hätte an der Idee, die hinter dem Flatcast-Projekt
der Fürther Firma "1 mal 1 Software" steckt, vielleicht
Bertolt Brecht seine Freude gehabt. Jeder solle zum Sender werden
können, der Rundfunk den Hörer als Lieferanten organisieren,
forderte er einst. Mit einem Mikrofon bewaffnet, kann man unter
der Internetadresse www.flatcast.de
diese Idee auf ihre Tauglichkeit ohne große Umstände
selbst abklopfen.
Zwar können die wenigen Dutzend NutzerInnen die sich auf
den Flatcastseiten tummeln, in dem Angebot nichts weltbewegendes
erkennen, weiß "1 mal 1"-Geschäftsführer
Martin Miller zu berichten. Doch er glaubt, dass Flatcast bei
den Internetserviceprovidern, die für die Verbreitung von
Livestreams kassieren, für einige Aufregung sorgen könnte.
Wer sich bei Flatcast über den Button: "Sendung anmelden"
einloggt, muss keinen Heller bezahlen. Der selbstgedrehte Video,
die Webcam, die über die spannenden Ereignisse auf dem Fürther
Bahnhofsplatz informiert, das selbstgebastelte Hörspiel oder
einfach Grüße an Tante Emma - jedeR kann
senden, was ihr/ihm Spaß macht und wichtig erscheint.
Doch das allein wäre auch noch nicht der Rede wert. Radionanu
aus Bremerhaven z.B. verfolgt ganz ähnliche Ideale und lädt
Dj´s, "die keine Radiostation haben will", zum
Senden im Internet ein. Einzigartig an Flatcast ist, dass es für
die Zahl der HörerInnen theoretisch keine Begrenzung gibt.
Bisher ist dies nur mit einem ungeheuren Aufwand über ein
verteiltes Serversystem möglich. Nicht einmal ZDF und ARD
leisten sich dies.

Peer-To-Peer |
Das Zauberwort heißt Peer-To-Peer.
Ähnlich wie in den MP3-Tauschbörsen, sind es die NutzerInnen
selbst, die den Datenstrom weiterverteilen, nicht ein zentraler
Server. Ein Nadelöhr, durch das nur eine bestimmte Datenmenge
passt, gibt es bei diesem System nicht mehr. Die UserInnen geben
den Stream den sie empfangen, direkt an eineN oder mehrere TeilnehmerInnen
weiter. So entsteht ein Baum, in den sich theoretisch beliebig
viele Internet-PC´s einhängen könnten. Der Flatcastserver
regelt den Verkehr und sorgt dafür, dass der Datenstrom nicht
abreißt, wenn NutzerInnen aus dem Baum aussteigen.
"Es gibt bis dato keine bekannten Grenzen. Ich weiß
selbst noch nicht genau, was passiert, wenn einmal 4000 in einer
Sendung hängen", sagt Miller.
Bisher gab es keine Gelegenheit, den Ernstfall zu erproben. Die
Flatcastentwickler hängen ihr Projekt noch nicht an die große
Glocke.
So tummeln sich auf den Seiten einstweilen einige wenige UserInnen,
die sich an sechs regelmäßigen Angeboten erfreuen dürfen.
Die Webcam am Fürther Bahnhofsplatz und der Nürnberger
Alternativsender Radio Z wurden als erste ins Programm aufgenommen.
Dann folgten Videodokumentationen der Nürnberger Medienwerkstatt.
Dazu stießen vor kurzem Hitradio Dancestation, Radio Mi
Amigo, ein deutsches Internetradio aus Gran Canaria und FreeFM,
ein freies Radio aus Ulm. Gelegentliche Einlagen aus der heimischen
Bastelstube sind noch selten. Im Livechat können die Sendungen
während des Empfangs kommentiert werden. Eine unmittelbare
Kommunikation zwischen SenderInnen und EmpfängerInnen, über
die Brecht-AnhängerInnen im Radiogewerbe ins Schwärmen
geraten müssten.
Doch bevor die Trommel für Flatcast gerührt wird, soll
erst einmal alles niet- und nagelfest sein. Die Plugins, die sowohl
das Empfangen als auch das Senden ermöglichen und sich in
wenigen Sekunden beim Anwählen der Internetseite selbst installieren,
standen vor kurzem nur für den Internet Explorer zur Verfügung.
Nun ist das Empfangen auch mit Opera und Netscape unter Windows
möglich. An der Portierung auf Linux wird hart gearbeitet.
Für die gute Sache allein wird solche Entwicklungsarbeit
freilich nicht aufgebracht. "So fromm sind wir auch wieder
nicht", meint Miller, denn das System soll künftig Geld
einbringen. Vorsichtshalber wurde das Verfahren zum Patent in
München eingereicht. Mächtigere Interessenten wie Microsoft
und Realmedia könnten uns sonst zuvorkommen und den Einsatz
bei Flatcast blockieren, begründet der "1 mal 1"-Geschäftsführer.
Also doch kein Umsonstradio für jedermann und jederfrau?
An einem kurzen Werbevorspann kommt mensch zwar künftig vermutlich
nicht vorbei, aber bezahlen sollen lediglich Firmen, die Flatcast
in geschlossenen BenutzerInnengruppen verwenden, beispielsweise
zur MitarbeiterInnenschulung. Alle anderen sollen das Angebot
auch später kostenlos nutzen können, verspricht die
Firma.
"Wir möchten den Geist, den das System heute hat, erhalten.
Jeder soll in der Lage sein, kostenlos produzieren und zuhören
zu können", betont Miller.
Michael Liebler
Zum Hören genügt eine Soundkarte
Die Nutzung von Flatcast ermöglichen mehrere Plugins,
die beim Laden der Seiten auf Nachfrage downgeloaded werden
und sich selbsttätig installieren. Im Augenblick sind
die Linuxrechner und die MAC's allerdings noch außen vor.
Unter Windows genügt eine beliebige Soundkarte und die
als Standard vorausgesetzte Direct-X-Schnittstelle des
Betriebssystems, um sich das Angebot ansehen und anhören
zu können.
Als Browser solltet ihr Internetexplorer ab 4.0, Netscape
ab 4.x oder Opera ab 5.x auf die Reise schicken. Wer zur/m
SenderIn werden möchte, braucht schon etwas mehr Prozessorleistung.
Das Flatcast-Team empfiehlt, es nicht unter 400 Mhz zu
versuchen. Grund dafür ist, dass die notwendige Komprimierung
von Bild- und Sounddaten vor dem Senden wesentlich mehr
Rechenleistung braucht als die Dekomprimierung für die
EmpfängerInnen. Die Datenverbindung sollte mindestens
40 KBit/s betragen. Ein Modem heutigen Standards ist also
bereits ausreichend. Für das Peer-To-Peer-Verfahren ist
es jedoch notwendig, dass genügend TeilnehmerInnen vorhanden
sind, die den Datenstrom auch weitergeben können, also
mindestens über eine ISDN-Verbindung verfügen.
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Von Gleich zu Gleich - das Prinzip
des Teilens
Peer-To-Peer Verfahren kennt man von den MP3-Börsen wie
Audiogalaxy oder Gnutella. Dabei spielen nicht die für
Internetdienste spezialisierten Server kommerzieller Anbieter
die Hauptrolle, sondern die Rechner der NutzerInnen, die
normalerweise "Clients" sind, also von den Servern abhängig,
werden selbst zum Server und können sich "Peer-To-Peer",
"von Gleich zu Gleich" miteinander verbinden und Daten
austauschen. Eine der Aufgaben für EntwicklerInnen von
Software, die zur Peer-To-Peer-Verbindung befähigt, ist,
den Datenfluss nicht abreißen zu lassen. Dies ist die
Hauptaufgabe für den Flatcast-Server. Wenn einer der NutzerInnen
sich ausloggt, muss die Kette, die ein Glied verloren
hat, wieder geschlossen werden. Die/der erste UserIn erhält
den Stream von Flatcast selbst. Vorausgesetzt, ihre/seine
Internetanbindung ist breit genug, d.h. sie erfolgt über
ISDN, DSL oder Standleitung, kann sie/er zwei NutzerInnen,
die sich nach ihr/ihm einloggen, als DatenlieferantIn
dienen. So entsteht ein Baum mit zahlreichen Knotenpunkten
und Ästen. Die Schwachpunkte dabei sind die BenutzerInnen
von Modems. Wären sie in der Überzahl, würde das System
zusammenbrechen
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