"Das Projekt EU: ein Herrschaftsprojekt"
Eine linke Kritik von BUKO, Krisis und Attac
Von massiven und massenhaften Protesten begleitet waren vergangene EU-Gipfel
wie die in Göteborg und in Nizza. Mit der Forderung nach
einem sozialeren Europa gingen 100.000e auf die Straße.
Auch Sevilla war am vorletzten Juniwochenende Schauplatz großer
Demonstrationen. Doch bedeutet diese Mobilisierungsfähigkeit,
dass man die EU tatsächlich als Terrain der Auseinandersetzung
wahrnimmt? Ist die Linke in der Lage, sich auch außerhalb
der Parlamente auf europäischer Ebene als Oppositionskraft
zu formieren?
Dies war Thema einer Studiodiskussion bei Radio Z. Es debattierten
Norbert Trenkle von der Theoriegruppe Krisis, Josef Hierlmeyer
vom Bundeskongress Internationalismus (BUKO) und Robert Schuh
von Attac Nürnberg.
Eine Audioversion der Diskussion findet sich unter www.europhonia.de
Radio Z.: Bis Anfang 90er war die EU - oder ihre Vorläufer
- ja nur ein Wirtschaftsprojekt. Mit Maastricht kam ein ganze
Liste von Zuständigkeiten, die typischerweise ein Nationalstaat
innehat. Ist die EU nun auf Weg zum Metastaat oder bleibt sie
vor allem eine Wirtschaftsgemeinschaft?
Krisis: Ich sehe nicht, dass sich die EU zu einem Staat
in einem wirklichen Sinne entwickelt, aber sie übernimmt
zentrale Kernfunktionen für die Verwertung von Kapital: rechtliche
Vereinheitlichungen, Normen. Auf der anderen Seite gibt es die
Polizeifunktion. Das sind Kernaufgaben des modernen Nationalstaats,
abzüglich der sonstigen Funktionen, wie z.B. ein einigermaßen
ausgebautes Sozialsystem. Das bleibt bei den Nationalstaaten,
wird aber ständig ausgedünnt.
BUKO: Wenn man sich die EU anschaut - vor allem seit Maastricht
92 - stellt man fest, dass sich die Raumebene, auf der Politik
stattfindet, sehr stark von der nationalen hin zur supranationalen
Ebene bewegt. Die EU wird also immer bedeutender in ihrem politischen
Regulationssystem für die Menschen in den Mitgliedsländern
und für Flüchtlinge, die hier rein wollen. Es hat eine
Ausweitung stattgefunden, z.B. bei dem Migrationsregime, das jetzt
in Sevilla zentrales Thema ist oder auch zum Bereich innere Sicherheit.
Es gibt für einige Politiker das Ziel, aus den Nationalstaaten
so etwas wie einen Suprastaat zu machen. Es werden immer auch
Gewichte in den heutigen Nationalstaaten bleiben.
R.Z.: Attac richtet sich ja an staatliche Regulationsinstanzen.
Wäre so eine Metastaatlichkeit also überhaupt etwas Negatives?
Attac: Attac richtet seine Forderungen in erster Linie an die bestehenden
Organe, die es gibt. Wohin sonst?
Das Entscheidende ist aber, dass Attac vor Ort anzusetzen versucht: bei den
Menschen. Deshalb gibt es ja auch schon über 70 Regionalgruppen in Deutschland.
Wir versuchen, diese einzelnen Themen da zu diskutieren, wo sie hingehören,
nämlich mit den Menschen.
Europa wird eine Regionalisierung bringen, das heißt, wir müssen dann
letztendlich in den Regionen so viel politisches Bewusstsein und Druck
aufbringen können, dieses Europa zu gestalten.
Krisis: Ich sehe es prinzipiell nicht ein, zu versuchen,
dieses durch Staaten organisierte, kapitalistische System zu gestalten
im Sinne einer immanenten Verbesserung. Was wir heute haben, ist
ein Zurückschrauben der Reformen: Sozialstaat, Absicherung
im Arbeitsrecht, Freizügigkeit, was Migration angeht usw.
Das wird dann als ein falsches politisches Projekt angeprangert
von Teilen der Antiglobalisierungsbewegung, die ich prinzipiell
für gut halte. Dies ist keine falsche Politik, sondern wir
haben es mit einer bestimmten historischen Entwicklung zu tun,
bei der die Reformspielräume innerhalb des Systems ausgeschöpft
sind. Deswegen würde ich den Staat immer nur als Ansprechpartner
für Forderungen sehen, die Ressourcen und Spielräume
für Menschen schaffen oder erhalten sollen, um ihre Lebensmöglichkeiten
zu verbessern, ohne die Illusion, man könne das System reformieren.
Das kann nur ein Ansatzpunkt sein für weitergehende Forderungen,
die über diesen Rahmen hinaus gehen.
R.Z.: Eine bürgerliche Rechtfertigung für die Existenz
der EU lautet: Europa ist eine Lehre aus dem II. Weltkrieg und
die wirtschaftliche Zusammenarbeit ist Garant für eine friedliche
Koexistenz. Ist da etwas dran?
Attac: Bei genauer Betrachtung ist zu sehen, dass diese
Kriege aus wirtschaftlichen Interessen entstanden sind, und diese
wirtschaftlichen Interessen existieren nach wie vor. Europa ist
nicht auf soziale, sondern rein auf wirtschaftliche Interessen
gegründet worden. Sieht man sich die Großkonzerne an,
machen sie nach wie vor ihre Spielchen. Sie spielen Nürnberg
gegen Paris, oder eine Region gegen die Andere aus.
Das Brutale in diesem System ist nach wie vor vorhanden. Hohe Arbeitslosigkeit
ist nach wie vor ein Schmerz. Das Ziel muss ein Europa ohne Mauern sein. Soziale
Standards, die gleich sind und die Möglichkeit für die Menschen, nicht nur
reisen zu können, wohin sie wollen, sondern auch unter vernünftigen Bedingungen
arbeiten zu können, wo sie wollen.
Krisis: Ich halte das für eine ziemliche Idylle,
die da gemalt wird. Die Arbeitskraftverkäufer haben nicht
nur gemeinsame Interessen. Die Konkurrenz unter denen, die ihre
Arbeitskraft verkaufen, wird immer schärfer.
Attac: Der Mensch will erst einmal arbeiten gehen, seine
Familie ernähren, sich irgendwie was schaffen können.
Damit ist nicht automatisch gesagt, dass er in Konkurrenz steht.
Krisis: Wenn alle unter guten Bedingungen Arbeitsplätze
finden, ist die Konkurrenz zwar nicht still gelegt, aber doch
weitgehend ruhig gestellt. Die ökonomischen Rahmenbedingungen
sind aber nicht mehr so. Da verschärft sich die Konkurrenz
gerade unter denjenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen. Warum
laufen denn gerade die Facharbeiter oder Arbeiterschichten den
Rechtspopulisten nach, die mit rassistischen Parolen und rassistischer
Politik ihre Stimmen fangen? Warum findet die Ausgrenzung, welche
die EU gegenüber Migranten betreibt, solch eine Zustimmung?
Attac: Europa muss positiv mitgestaltet werden, von uns.
Die Italiener haben da einen großen Schritt gemacht. Sie
haben einen Generalstreik gegen den Abbau des Kündigungsschutzes
gemacht. Die Spanier haben nachgezogen. Die Frage ist: Wie bekommt
man es hin, dass wir darauf einheitlich in Europa reagieren?
BUKO: Die Italiener und die Spanier haben begriffen, dass
dieses Konkurrenzdenken und dieses Projekt EU ein Herrschaftsprojekt
ist und nicht einfach durch das bessere Argument verändert
werden kann. Bei den deutschen Gewerkschaften war es historisch
so, dass sie nicht der Repräsentant aller Arbeitnehmer und
Arbeitnehmerinnen waren, sondern sie waren eben deutsche Gewerkschaften
und sie haben ihren Schwerpunkt auf den weißen deutschen
Arbeiter gelegt.
Das Zentrale war immer, den Nationalstaat abzuschotten, die internationale
Solidarität hat eine untergeordnete Rolle in der Politik der Gewerkschaften
gespielt. Nicht umsonst machen die Gewerkschaften heute immer noch im Bündnis
für Arbeit und Beschäftigung, zur Sicherung eines nationalen Projektes, mit.
Erst durch die Streiks 1995 in Frankreich und die Streiks in Südkorea wurde
wieder ein herrschaftskritisches Element in die Europadebatte hinein gebracht.
Dieses müsste auch gegenüber den Kräften in den Gewerkschaften durchgesetzt
werden, die die großen Mehrheiten hinter sich haben.
Radio Z: Sind die deutschen Gewerkschaften flügellahm?
Attac: Nein. In Deutschland wurde 1954 das Betriebsverfassungsgesetz
verabschiedet. Damals sind in Nürnberg 70.000 Menschen auf
die Straße gegangen, weil man gesagt hat, mit diesem Gesetz
hält man die Gewerkschaften aus den Betrieben heraus.
Jetzt stellt sich die Frage, wie können wir erreichen, dass in Europa gleiche
Löhne und Arbeitsrichtlinien gelten. Da läuft seit Jahren intensiver Kontakt,
der mit Sicherheit in der nächsten Zeit noch zunehmen wird. Wir haben diesen
Kapitalismus in den letzten Jahren oder zumindest in den 90er Jahren laufen
lassen und merken jetzt, worauf er eigentlich hinausläuft.
Krisis: Natürlich bin ich für jeden Widerstand.
Man darf aber nicht vergessen, unter welchen Bedingungen er stattfindet.
Wir haben es weltweit mit einer extremen Polarisierung zu tun. Die wird zwar oft
zurückgeführt auf neoliberale Politik, aber der Hintergrund ist ein anderer.
Diese neoliberale Politik ist nur die Begleitung zu einer strukturellen
Entwicklung im kapitalistischen Wirtschaftssystem, die darauf hinausläuft, dass
immer weniger Arbeitskräfte in den produktiven Sektoren benötigt werden, wo dann
auch anständige Löhne und Arbeitsbedingungen bezahlt werden. Wohingegen die
Mehrheit ausgegrenzt, nicht mehr gebraucht oder bestenfalls noch in irgendwelche
Billigjobs abgekoppelt wird. Das erzeugt der Struktur nach eine extreme
Konkurrenz.
Eine ganz andere Ausrichtung des Widerstands ist nötig und nicht der Glaube, man
könne jetzt die Verhältnisse wieder herstellen, wie sie in den 50er, 60er oder
70er Jahren im Nationalstaat geherrscht haben.
R.Z.: Aber Attac hat ja immerhin einen konkreten Forderungskatalog.
Krisis: Ich kann dem nicht irgendeinen anderen Forderungskatalog
entgegen stellen, da wir gar nicht an dem Punkt sind, an dem man
das tun könnte. Diese Forderungen, wie sie da gestellt sind,
sind eine Illusion.
Jeder Widerstand gegen die Verschärfung des Grenzregimes, jeder Widerstand gegen
die Verschärfung der Arbeitsbedingungen, jeder Widerstand gegen die Verschärfung
des Polizeistaates ist richtig. Dagegen kann und muss man sich wehren,
allerdings ohne diese Illusion zu fördern.
Die Frage ist: Wie kann ein Widerstand sich weiterentwickeln zu einer wirklich
gesellschaftskritischen, kapitalismuskritischen, antikapitalistischen Bewegung?
Insofern plädiere ich erst einmal für eine Beschränkung auf den Widerstand, für
eine Diskussion über die Bedingungen, in denen sich der Kapitalismus heute
befindet und über die Möglichkeiten hier wirklich zu einer antikapitalistischen
Bewegung zu gelangen.
BUKO: Ich würde dem zustimmen. Wenn man sich mal
die Geschichte der sozialen Bewegungen anschaut, dann war es so,
dass diejenigen sozialen Bewegungen am stärksten waren und
einen sehr hohen Druck erreichen konnten, die nicht unbedingt
Forderungen im Sinne einer Realpolitik aufgestellt haben, sondern
erst mal das, was als Realität und reale Politik verkauft
worden ist, in Frage gestellt haben. Ich nenne nur die AKW-Bewegung
und die 68er-Bewegung. "Wir wollen das Unmögliche"
war eine der zentralen Forderungen und so konnte sich eine ungeheuere
Dynamik entwickeln, weil sie sich nicht an dem, was scheinbar
machbar war, orientiert haben.
Attac: Natürlich ist es ein riesiger Blumenstrauß
was Attac fordert, aber ganz viele Gruppen - unter anderem auch
linke Gruppen - drängen jetzt auch in die Bewegung Attac.
Und alle versuchen, ihre wichtigsten Themen hier zu platzieren.
Aber Attac ist auf jeden Fall eine Bewegung, die massiven Zulauf
hat, wie keine andere in den letzten 10 Jahren.
BUKO: Mir geht es letztendlich nicht um Reform oder Revolution.
Das steht heute überhaupt nicht auf der Tagesordnung. Mir
geht es darum, in der Kritik an der EU neue Denk- und Handlungsräume
aufzumachen, so dass eine herrschaftskritische Linke wieder stärker
wird gegenüber der EU, als das in der Vergangenheit der Fall
war.
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