«Wir wollen Souveränität für beide Staaten»
Die Nahost-Friedensverhandlungen: Erfolg oder Mißerfolg?
Ende September besuchte der rechte Hardliner Ariel Sharon den
Jerusalemer
Tempelberg - für viele Palästinenser eine Provokation.
In vielen
Städten des Westjordanlands und im Gaza-Streifen kam es daraufhin
zu den schwersten Unruhen seit 4 Jahren. Damit scheint der Frieden
im Nahen
Osten wieder in weite Ferne gerückt zu sein.
Doch zurück zu den letzten Friedensverhandlungen:
Anfang Juli trafen sich in Camp David der israelische Präsident
Barak und der palästinensische Präsident Arafat unter US-Vermittlung
zu Verhandlungen über einen Friedensvertrag. Ende Juli wurden
die
Gespräche ohne Ergebnisse abgebrochen. Auch wenn die Verhandlungen
offiziell als gescheitert gelten, wurden in Camp David Themen angesprochen,
die bisher tabu waren.
Der folgende Artikel basiert auf einem Beitrag der deutsch-israelischen
Sendung «Tacheles» von IMEDANA, dem Institut für
Medien-
und Projektarbeit, der im August bei Radio Z ausgestrahlt wurde.
Die Redakteurinnen
führten mit folgenden Personen Interviews über den Stand
der
Verhandlungen und die gesellschaftspolitischen Hintergründe:
Dror Etkes ist Reiseführer in Jerusalem und Mitarbeiter
der Redaktion «Tacheles».
Sumaya Farhat-Naser ist Leiterin des palästinensischen
Frauenzentrums
in Jerusalem und Autorin des autobiographischen Buches «Tymian
und
Steine» Anfang Oktober erhielt sie den Augsburger Friedenspreis.
Peres Kidron ist Schriftsteller, Übersetzer und Aktivist
in der israelischen Friedensbewegung. Er hat an dem Buch «Mein
Gefängnis
hat viele Mauern» der Palästinenserin Raymonda Tawil mitgearbeitet.
Der Friedensprozeß in Nahost dauert seit über zehn
Jahren
an und wurde damals von VertreterInnen der israelischen Linken und
der
PLO initiiert. Wichtige Verhandlungen fanden 1990 in Madrid und 1993
in
Oslo statt. Dror Etkes betont, dass die Konflikte nicht auf einmal
gelöst
werden können. «Es dauert lange, bis die Menschen auf
beiden
Seiten reif dafür sind, Lösungen zu finden. Die Kompromisse,
die aktuell gefordert sind, sind für beide Seiten schmerzlich.
Die
israelische Seite steht vor der Situation, sowohl mit den Palästinensern
als auch der israelischen Gesellschaft selbst Frieden schließen
zu
müssen. Israel muß sich entscheiden, ob es Frieden mit
den Palästinensern
oder mit den israelischen Siedlern, der extrem Rechten haben will,
beides
wird nicht möglich sein.» Somaya Farhat-Naser bezeichnet
Camp
David als Mißerfolg. «Dennoch konnte Arafat Autorität
und Glaubwürdigkeit gewinnen. Er hat gezeigt, daß er hartnäckig
verhandeln kann. Nach Camp David wurde Arafat als Held gefeiert.
Auch wenn
faktisch nichts erreicht worden ist, waren die Gespräche nicht
umsonst,
denn es wurde eine Basis für weitere Verhandlungen gelegt. Jetzt
kann
es sich niemand leisten, an diesem Punkt stehen zu bleiben, weder
Arafat
noch Barak noch Clinton.» Für Peres Kidron kommt es bei
der
Einschätzung der Verhandlungen auf die Perspektive an. «Kurzfristig
war Camp David kein Erfolg, längerfristig jedoch für die
israelische
Bevölkerung ein wichtiges Ereignis. Seit 30 Jahren gilt Jerusalem
als die ewige Hauptstadt Israels, jetzt plötzlich kommt Barak
und
hinterfragt den Status Jerusalems und gibt zu, dass von 600.000 Menschen,
die dort leben, 200.000 Palästinenser sind und ihnen ein Teil
der
Stadt gehört.»
Jerusalem - eines der Tabuthemen
Der zukünftige Status Jerusalems ist eines der beiden Themen,
die
bisher als tabu galten und in Camp David erstmals offiziell debattiert
worden sind. «Jerusalem ist natürlich politisch, religiös
und geographisch ein Teil des Westjordanlandes,» erklärt
Dror
Etkes. « Die Stadt wurde von den Israelis 1967 erobert und
palästinensische
Dörfer wurden zu einem Teil Israels. Jetzt muß über
Jersualem
diskutiert werden. Die Palästinenser haben ein Aufenthaltsrecht,
dürfen
in Jerusalem leben und arbeiten, aber die meisten der 200.000 Palästinenser
im Ostteil der Stadt haben aus politischen Gründen nie die israelische
Staatsbürgerschaft angenommen.» Sumaya Farhat-Naser betont,
daß Jerusalem beiden Seiten gehört. «Wir wollen
Souveränität
für beide Staaten, das heißt aber nicht teilen, sondern
eine
offene Stadt mit gleichen Rechten für alle. Das muß zuerst
anerkannt
werden, dann wird man auch Wege finden, es umzusetzen. Solange aber
eine
Seite einen Alleinanspruch erhebt, wird nie Frieden kommen.»
Das andere Tabuthema - die Flüchtlingsfrage
Die Hälfte aller PalästinenserInnen sind Flüchtlinge,
das sind etwa vier Millionen. In der UNO-Resolution 194 wurde ihnen
der
Flüchtlingsstatus zuerkannnt. Diese palästinensischen Flüchtlinge
sind das zweite Tabuthema. Aktuell geht es um die Fragen der Rückkehr
der Flüchtlinge in ihre Herkunftsorte oder Kompensationen. Davor
steht
noch die offizielle Anerkennung der Flüchtlingsfrage durch die
israelische
Seite. Doch auch gegenüber der palästinensischen Führung
gibt es Kritik, die Flüchtlinge lediglich als Verhandlungsmasse
zu
betrachten. «Die palästinensische Delegation hat sich
bemüht,
aber der Verantwortliche für Flüchtlingsfragen war in Camp
David
nicht eingeladen, hier ist Arafat zu kritisieren,» erklärt
Sumaya
Farhat-Naser. « Über die Flüchtlingsfrage hinaus,»
so die palästinensische Aktivistin, « üben auf palästinensischer
Seite die Hamas und die linke Opposition beiderseits Kritik an der
Führung.
Außerdem gibt es eine zunehmende Unzufriedenheit über
Arafats
Kurs innerhalb der Bevölkerung. Aber Camp David hat Arafat gestärkt,
so daß er bei den nächsten Verhandlungen mehr Spielraum
haben
wird.»
«Israels Außenpolitik ist nicht ohne seine innenpolitischen
Konflikte zu verstehen»
Noch weitaus stärker als auf der palästinensischen Seite
spielt
in Israel die innenpolitische Situation eine entscheidende Rolle
für
den Friedensprozeß. Dror Etkes betont, daß man «in
Israel
die Außenpolitik gegenüber den Palästinensern nicht
verstehen
kann, ohne die inneren Konflikte. Die unterschiedliche kulturelle
Herkunft
ist in Israel sehr präsent. Die Juden, die von den 40ern bis
in die
70er Jahre aus arabischen Ländern eingewandert sind, hatten
immer
eine marginale Position. Heute bestehen sie auf ihrer Bedeutung.
Die Schwierigkeiten,
die im Friedensprozeß auftreten, haben viel mit den Problemen
von
Juden aus arabischen Ländern zu tun, die in ihren ersten Jahren
in
Israel eine große Frustration erlebt haben. Die Sephardim (JüdInnen
aus arabischen Ländern) hatten gegenüber den Ashkenasim
(JüdInnen
aus Europa) einen schweren Stand und eine Antihaltung gegenüber
den
sozialistischen Parteien, die an der Regierung waren. Die sozialistischen
Parteien haben den Sephardim oft das Gefühl gegeben, daß
sie
in Israel keinen Platz haben. Da geht es um Machtkämpfe, darum,
wer
bestimmt, was und wer Israel ist. Diese Problematik muß man
im Kopf
haben, wenn man den Friedensprozeß analysiert.» Die sozialpolitische
Problematik und das schwierige Verhältnis zwischen JüdInnen,
die aus Rußland, aus arabischen Ländern und Europa eingewandert
sind, spiegelt sich auch in der Parteienlandschaft wieder. Aus Protest
gegen Baraks Kompromissbereitschaft gegenüber der palästinensischen
Seiten kündigten drei Parteien, die Israel B'Aliya, die Shas
und die
National-Religiöse Partei die Zusammenarbeit in der Regierung
auf.
«Verlassen kann sich Barak,» so die Einschätzung
von Peres
Kidron, «auf seine eigene Arbeiterpartei, die eher linke Meretz
und
die arabischen Parteien, das sind dann etwa 50 von insgesamt 120
Knesset-Abgeordneten.»
Während Barak also mit großen Problemen seitens des
rechten
Parteienspektrums zu kämpfen hat, wird auf außerparlamentarischer,
linker Ebene kaum Kritik laut. «Für die israelische Friedensbewegung
stellt der Friedensprozeß eine heikle Angelegenheit dar. Es
gibt
nur wenige Demonstrationen gegen Barak, obwohl er nicht genug getan
hat»,
berichtet Peres Kidron. Viele der FriedensaktivistInnen wollen sich
nicht
gegen Barak stellen. «Wir wollen aus dem schrecklichen Sommer
1995
lernen, als Rabin ermordet wurde. Niemand hat damals den Friedensprozeß
unterstützt. Und heute ist es nun einmal Barak, der die besten
Chancen
für einen Frieden bietet», so Kidron. Die Aktivistinnen
der
Frauengruppen schätzen hier die Situation deutlich anders ein,
sie
bringen den - meist männlichen Politikern - weit weniger Vertrauen
entgegen. Das Zentrum für palästinensische Frauen, das
sich direkt
am Hauptcheckpoint zwischen Jerusalem und Ramallah befindet versteht
sich
als Versöhnungszentrum. «Hier gibt es Dialogtraining und
wir
haben eine Partnerorganisationen in Westjerusalem. Wir sehen uns
als Vorbotinnen
und fühlen uns verpflichtet, etwas in die Diskussion einzubringen,
solange es die Politiker, die Männer nicht tun», erklärt
Sumaya Farhat-Naser. «Beispielsweise haben wir vorgeschlagen,
Jerusalem
untereinander zu teilen, das heißt aber nicht, es aufzuteilen,
sondern
zu lernen, Kompromisse einzugehen. Wir Frauen für den Frieden
wollen
- nachdem es seit drei Jahren keine Ergebnisse gibt - eine Kampagne
starten:
Jerusalem als zwei souveräne Hauptstädte für zwei
souveräne
Staaten. Wir erreichen unsere gemeinsamen Positionen nach stundenlangen
Debatten. Wir versuchen dabei heraus zu finden, welche Kompromisse
für
uns und für die jeweilige Gesellschaft zumutbar sind. Es geht
um gleiche
Rechte für alle und nicht um Beherrschen.»
Redaktion Tacheles
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