«Es ist ziemlich übel, und es wird schlimmer. Der autoritäre
Staat ist auf dem Weg.»
EU-Sanktionen aufgehoben - Österreich ist wieder salonfähig
Rund sieben Monate nach der Verhängung der Sanktionen gegen
Österreich hat die EU diese aufgehoben. Obwohl der Abschlussbericht
der sogenannten «Drei Weisen» der rechtsextremen FPÖ kein
gutes Zeugnis ausstellt, ist deren Regierungsbeteiligung nun faktisch akzeptiert;
die meisten EU-Staaten hatten schon vorab ihren Willen zur Aufhebung der
Sanktionen signalisiert.
Israel hat die Entscheidung der EU hart kritisiert und klargestellt,
dass ihr aus Wien abgezogener Botschafter bis auf weiteres nicht zurückkehren
wird. Ministerpräsident Ehud Barak erklärte, die Sanktionen hätten
aufrechterhalten bleiben müssen, solange eine Partei «mit neofaschistischem
Charakter» an der Regierung beteiligt sei.
Gut zwei Wochen nach Aufhebung der Strafmaßnahmen gegen
Österreich sprach Jörg Haider auf dem «Ulrichsbergtreffen»
vor Neonazis und früheren Mitgliedern der Waffen-SS. Anfang Oktober
berichtete ein österreichisches Nachrichtenmagazin, dass im Auftrag
der FPÖ Daten über ihre GegnerInnen aus dem Polizeicomputer an
die Partei weitergegeben wurden.
Wir sprachen mit der «Rosa Antifa Wien» über Sinn und
Unsinn der Sanktionen, deren Aufhebung und über die derzeitige Situation
in Österreich.
Großraumzeitung: Die Sanktionen gegen Österreich sind vor wenigen
Wochen aufgehoben worden. Hatten sich die Strafmaßnahmen überhaupt
bemerkbar gemacht?
Rosa Antifa Wien: Innenpolitisch haben sich die «Sanktionen" vor
allem durch eine breite «Wir sind Wir»-Mobilisierung bemerkbar
gemacht, selbst unter vielen RegierungsgegnerInnen. Die Regierungsparteien
wurden nicht müde, innenpolitische «Schuldige» an den
Maßnahmen zu finden (Stichwort:»sozialistische Internationale»).
In diesem Zusammenhang forderte auch Jörg Haider die strafrechtliche
Verfolgung von OppositionspolitikerInnen, die Österreich «schaden»
würden. Der Justizminister fand diese Idee sogar für «verfolgenswert».
Ansonsten haben diese Maßnahmen bisher jede innenpolitische Debatte
über den Sozialabbaukurs der Regierung zugedeckt. Allerdings könnten
diese «Sanktionen» aber auch trotz steigender Repression Schlimmeres
verhindert haben.
Grz: Wie beurteilt ihr die Begründung der sogenannten «Drei
Weisen»?
RAW: Obwohl die drei «Weisen» der FPÖ kein gutes Zeugnis
ausgestellt haben und einige ihrer Gefährlichkeiten bemerkt haben,
ist die Reaktion darauf doch recht verwunderlich - nämlich wenn festgestellt
wird, dass es im Übrigen zu keiner Verletzung der europäischen
«Werte» gekommen sei. Das heisst dann nämlich nichts Gutes
für solche «Werte». Im Prinzip hat sich die EU mit der
Aufhebung der Maßnahmen selbst bloßgestellt, der immensen Gefahr,
die eine FPÖ-Regierungsbeteiligung mit sich bringt (Haider ist ja
noch nicht Bundeskanzler) wird nichts entgegengesetzt.
Grz: Wie sah die Reaktion in Österreich auf «den Freispruch»
aus?
RAW: Die OppositionspolitikerInnen zeigten sich in erster Linie erleichtert,
weil sie sich nicht länger in der «Patriotismusfalle»
gefangen sahen, die Regierung zeigt sich eher arrogant, teilweise gab es
ein ziemliches Siegesgeheul. Viele befürchten aber nun, dass ab jetzt
jeder Grausamkeit Tür und Tor geöffnet wurde.
Grz: Was bedeutet die Aufhebung der Sanktionen für den außerparlamentarischen
Widerstand?
RAW: Für uns bedeutet das alles vor allem noch mehr Arbeit, da
die Regierung nun weniger Rücksicht auf die internationale Öffentlichkeit
nehmen muss und ihre Schweinereien schneller durchziehen kann. Für
die Arbeit im Inneren hat die Aufhebung der «Sanktionen» sonst
recht wenig Auswirkungen, nach außen wird für uns unser monatlicher
Newsletter boeses:oesterreich (am einfachsten über unsere Homepage
http://www.raw.at zu bestellen), in dem wir über die Situation in
Österreich berichten) zunehmend wichtiger.
Grz: Nachdem bekannt wurde, dass die FPÖ an der Regierung beteiligt
würde, gingen allwöchentlich Tausende dagegen auf die Straße.
Wie sieht es mit dem Widerstand derzeit aus?
RAW: Über den Sommer ist der Widerstand leider etwas eingeschlafen,
so um die 1000 DemonstrantInnen beteiligen sich derzeit an den donnerstäglichen
Protesten. Aber aufgrund des massiven Belastungspaketes durch die Regierung
(Studiengebühren, Kürzung des Arbeitslosengeldes usw.) könnten
die Proteste wieder massiver werden. Auch werden die Vernetzungen zwischen
den verschiedensten Organisationen massiver. Zwischen dem 26. und 28. Oktober
sind in Klagenfurt/Kärnten Widerstandstage mit internationaler Beteiligung
angekündigt (Infos unter www.offeneskaernten.cjb.net).
Grz: Gibt es offensichtliche Repressionen gegen Antifas, Linke, Intellektuelle
und KünstlerInnen oder versucht die Regierung unliebsame Projekte
und Initiativen durch die Hintertüre, auf andere Art und Weise zu
schädigen?
RAW: Einerseits hat die Anzahl der Verurteilungen gegen Oppositionelle
zugenommen, weil es seit ihrer Regierungsbeteiligung eine wahre Klageflut
seitens der FPÖ gab. Auch eine Opernballaktivistin, die von vermummten
Polizisten verhaftet wurde, wurde verurteilt. Jedes einzelne Verfahren
und jeden Übergriff zu beschreiben würde aber jetzt den Rahmen
sprengen, nur soviel: Es ist ziemlich übel, und es wird schlimmer.
Der autoritäre Staat ist auf dem Weg.
Gleichfalls werden einer Vielzahl von kritischen Organisationen die
Fördermittel gestrichen. Der Widerstand soll also auch finanziell
ausgehungert werden.
Grz: Wie seht ihr die derzeitige Atmosphäre im Land allgemein,
vor allem im Hinblick auf rassistische Stimmung und Übergriffe der
Neonazis?
RAW: Nach dem Hurrapatriotismus der letzten Monate ist bei vielen FPÖ-WählerInnen
wohl etwas Ernüchterung eingetreten, vor allem nachdem das Belastungspaket
bekannt wurde. Das soll aber nicht über ein verschärftes rassistisches
und autoritäres Klima hinwegtäuschen. Die Polizei ist viel brutaler
geworden, aber auch Übergriffe durch Neonazis haben massiv zugenommen.
Grz: Wie schätzt ihr die künftige Entwicklung ein - sowohl
im Hinblick auf Regierung und FPÖ als auch auf den Widerstand?
RAW: Diese Regierung hat noch drei Jahre Zeit, den sozialen Raubbau
und den konservativen Umbau der Gesellschaft voranzutreiben. Dann könnte
aber der Bundeskanzler Jörg Haider heißen, und dann... Wenn
der Widerstand, der wohl jetzt wieder etwas aufkocht, nicht bald etwas
erreicht, wird er wohl eingehen, das ist die schlimmste Befürchtung.
Einem Kanzler Haider wird dann wohl nichts mehr entgegenzusetzen sein.
Grz: Wie könnte internationale Solidarität sinnvoll aussehen?
RAW: Einerseits wäre eine intensivere internationale Vernetzung,
die wirklich praxisorientiert arbeitet, am wichtigsten. Die Gefahr einer
rechtsextremen Regierungsbeteiligung wächst auch anderswo, siehe Italien.
Ein ständiger Informationsaustausch über rechtsextreme Aktivitäten
ist sicher sinnvoll. Einerseits versucht z.B die NPD nach Österreich
zu expandieren, andererseits spricht Haider immer öfter von der Notwendigkeit
einer deutschen FPÖ. Solidarität könnte sich auch weiterhin
darin äussern, bei Besuchen österreichischer Regierungsmitglieder
massiv zu protestieren, und auch die Informationen über diese Regierung
außerhalb von Österreich unter die Leute zu bringen, denn eine
Normalisierung einer solchen Regierung darf nicht stattfinden. In diesem
Sinne danken wir auch Euch für Euer Interesse.
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