BILLY CHILDISH
JUNGER MANN OHNE KLEIDER
Billy Childish: The Pop Rivets, The Milkshakes, Wild Billy Childish, Thee
Mighty Caesars, Billy Childish And The Blackhands, The Headcoats, Thee
Headcoatees, Hangman Records, Bilder, Holzschnitte, Gedichte.
Wie höchstens noch bei Eugene Chadbourne, sind die Veröffentlichungen
des britischen Künstlers kaum mehr zu überblicken und genau wie
Eugene Chadbourne - wenn auch anders im Stil - hat Childish eine eigene
Kunstauffassung, aus der er jüngst kurzerhand eine neue Bewegung gemacht
hat: "Stuckism." Anlass der Entstehung des "Stuckism" war der Vorwurf von
Childishs ehemaliger Freundin Tracey Emin - einer derzeit hochgehandelten
Vertreterin junger britischer Kunst - er sei in seinen Ausdrucksmöglichkeiten
und Herangehensweisen festgefahren: "You are stuck!"
Auch wenn Childish die gerade modische Kunstszene sowie sich selbst
mit dem "Stuckism" hochnimmt, vertritt er doch mit Hingabe eine künstlerische
Position, die vor allem eines ist: nicht-professionell. Der/die wahre KünstlerIn
ist nach Childish AmateurIn, sucht sich selbst auszudrücken, will
sich selbst kennenlernen, will die eigene Dummheit durchschauen und versucht,
so aufrichtig wie möglich, mit anderen zu kommunizieren. Kreativität
für jedeN. Brutale Bilder, rauhe Sounds, Mut zur Hässlichkeit
und keine Politur - das kennzeichnet die Kunst von Billy Childish seit
jeher.
So verhält sich das auch mit seiner Prosa. Junger Mann ohne
Kleider - Childishs zweiter Roman und als erster von Conny Lösch
in höchst lebendiges Deutsch übersetzt - ist ein Künstlerroman
und lässt an Titel denken wie James Joyces Portrait des Künstlers
als junger Mann oder Dylan Thomas´ Portrait des Künstlers als
junger Dachs. Nix neues also?
Eingefrorene Klos
Die Ingredienzien machen erstmal wenig Hoffnung: armer junger Mann mit
literarischem Ehrgeiz, Sozialhilfe und schmutzige Matratzen, Eiterpickel
und Verblendungen, jede Menge Pisse, Blut, Rotz, Eiter und Sperma und auch
hie und da mal ein Floh; die Wirtin will die Miete, und die Mädels
wollen nicht: zwischendrin ein spezielles "Schriftsteller-Notizbuch", Kopfschmerzen
wie Blitze und die 7000 Jahre alte Leiche des "Medway Moorman".
Dieses Buch macht es Leserin und Leser nicht unbedingt einfach: ich
zumindest habe grundsätzlich wenig Lust auf eine Erzählung mehr,
die, wie überdreht auch immer, von einem jungen Mann und seinem Schwanz
handelt. Und ein Begehren nach Schuhen habe ich noch nie verstehen können.
Auch der Wahrnehmung von Frauen in den Augen junger Künstler fügt
Billy Childish wenig Neues hinzu: nölige Monster, Nutten, Schlampen,
seltsame Alte und unerreichbare Prinzessinnen. Neu ist allenfalls, dass
die Angst des Erzählers vor dem so genannten anderen Geschlecht durch
seine Sätze scheint.
Junger Mann ohne Kleider hat übrigens auch keinen roten Faden.
Dafür hat es einen Erzähler, vor dem in der Literaturwissenschaft
immer gewarnt wird: einen unzuverlässigen Erzähler nämlich.
William Loveday hat große Ambitionen und verachtet die Welt, weil
sie ihn nicht anerkennt und weil sie ihn immer misshandelt hat: Traum und
Wirklichkeit sind kaum zu trennen, die beschriebenen Situationen sind immer
absurd und könnten sich genau deshalb so abgespielt haben. Eingefrorene
Klos, Kneipen, in denen die Männer alle "Blue" heißen, feindselige
Stimmung am Arbeitsamtschalter und im Elternhaus der verehrten Kursty -
der junge Mann ohne Kleider bewegt sich zwischen Größenwahn
und Abgrund, zwischen Hochmut und Depression, zwischen arroganter Selbstüberschätzung
und gesunder Selbstironie: "Der Geist ist ein sehr feiner Mechanismus,
sage ich mir, und er muss ständig gefordert und mit spezieller Nahrung
versorgt werden, sonst füllt er sich mit den merkwürdigsten Ideen
und Vorstellungen." (S.122)
Verarscht auf ganzer Linie
Da wird´s denn auch interessant, da sieht der Erzähler als junger
Held schwarze Panther durch die englische Landschaft laufen (wir assoziieren,
gebildet wie wir sind, Rainer Maria Rilke) und er weiß, dass man
ihn schwachsinnig und einen Trottel nennen wird - "was ein grober und
unnötiger Tonfall im Gespräch mit einem jungen Autoren ist, der
sich lediglich bemüht, sein Allerbestes zu geben, um die Tatsachen
so zu berichten wie sie ihm begegnen." (S.18)
Und wir entdecken in Lovedays Figur auch Überschwang und eine gewisse
sympathische Bauernschläue: "Ich liebe es, völlig überflüssig
Geld zu verschwenden und dabei immer einen kleinen Geldvorrat für
einen verregneten Tag zu verstecken, ohne irgendjemandem davon zu erzählen
und so die Leute anzustacheln, zu glauben, ich sei arm, obwohl ich doch
die ganze Zeit fünfzehn Pfund sicher eingenäht im Saum meines
alten Mantels trage, und dann, wenn es die Leute am wenigsten erwarten,
einen um in der Warteschlange vor dem Bus mit altem Kleingeld herumzuklimpern
Fünf-pfund Schein zu zücken. (...) Ein Held zu sein, darauf kommt
es an, aber gleichzeitig muss man abgerissen und heruntergekommen sein
und fremde Frauen dazu bringen, dass sie über einen reden und an einen
denken (...) vor allem kommt es darauf an, geheimnisvoll zu bleiben."
(S.18)
- schön ist´s doch verarscht zu werden und das auf ganzer
Linie. Das macht das Buch dann wieder gut. Trotz Rotz und Sperma. Und irgendwo
kriegt´s eineN dann auch. Loveday erinnert sich: an den alkoholsüchtigen
Vater und die Mutter, die ihn nicht in Schutz genommen hat, an Onkel Norman,
der ihm im Bett die Hosen bis zum Knie runterzog und flüsterte: kannst
du ein Geheimnis für dich behalten? Der Arzt, der William L. ansieht,
dass er keinen Tumor hat und ihm Tabletten gibt, die seine Migräne
in Schach halten sollen.
Irre an der Realität
Natürlich hätten wir das alles ernst nehmen sollen. Als der Held
im grossväterlichen Matrosenanzug mit dem Fahrrad Richtung See fährt,
um natürlich per Schiff ausgerechnet in Hamburg zu landen.
Die letzte Station des konventionellen Entwicklungsromans war immer
die gesellschaftliche Integration des Helden - oder die endgültige
Vision des jungen Künstlers, die ihn zumindest mit sich selbst in
Einklang bringt. Die letzte Station William Lovedays heißt St. Pauli,
Reeperbahn, wo er dem Sexpapst René begegnet.
In Wirklichkeit überlässt es Childish schon uns, was wir glauben
wollen und was nicht. Manch eineR mag das Buch aufgrund fortwährender
allseitiger Verwirrung zur Seite legen. Oder weil die Welt, die Childish´s
Erzähler uns präsentiert, rundherum hässlich und abstoßend
ist: "Alles in diesem grässlich bunten Wagen hat sich verschworen,
um mich zu vergiften. (...) Meine Aufregung wird immer stärker, bis
ich spüre, dass gleich meine ganze Brust explodieren wird. Aus Versehen
trete ich hinten gegen den Sitz der alten Dame und sie und ihr Köter
starren mich vernichtend an und dann, als wären sie eins, wenden sie
ihre faustgroßen Köpfe ab und richten ihre Augen wie Giftpfeile
nach draußen, durch die schmutzigen, regenverschmierten Fenster."
(S.122)
Ob es Childishs Absicht war? Mich erinnert das an Christina Steads Künstlerinnenroman
«Der Mann der die Kinder liebte» - in dem die Heldin und ihre
Mutter auf jeweils eigene Art eine Weltsicht präsentieren, die verrückt
ist, gefärbt von den eigenen unterdrückten Gefühlen der
Zurückweisung, Aggression, Wut. Oder an Romane wie Jean Rhys´
«Sargassomeer» - in dem das wahr wird, was ausgesprochen wird
- so wie der Medway Moorman, 7000 Jahre tot, auf einmal eine recht schleimige
Realität für William Loveday wird. Überhaupt: der junge
Mann ohne Kleider mit der Migräne, die ihn buchstäblich blitzartig
überfällt, passt recht gut zu anderen Romanen mit künstlerisch
begabten ProtagonistInnen, die ganz einfach die Welt nicht verstehen und
daher als psychotisch erscheinen - wie z.B. auch Sylvia Plaths «Die
Glasglocke». Der Sinn all dieser Romane liegt übrigens darin,
die Weltsicht der an der Realität irre gewordenen ProtagonistInnen
zu bestätigen.
Getreu dem eigenen Kunstverständnis hält sich Childish auch
ans selbstauferlegte Diktum, die eigene Dummheit zu durchschauen. Weil
William Lovedays Begrenzungen deutlich werden, wir ihn immer wieder zu
Recht Narr, Trottel oder Idiot nennen können, lässt sich auch
sein Leid an der Welt verstehen: Childish hat genug Distanz zu seinem jungen
Mann ohne Kleider, um eben keine Autobiographie zu schreiben, sondern einen
Roman.
[Billy Childish: Junger Mann ohne Kleider. 247 S., Maas Verlag, ISBN
3-929010-59-3, 28.-]
Tine Plesch
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