zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 1           Oktober 2000
INHALT

Editorial
Top-Themen
Partisanen
Kulturrevolution
Antifaschismus
Kiffen und Gerechtigkeit
Grossraumagazin
Glosse
Bewegung
Musik&Buch
Veranstaltungen



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Editorial

Salatköpfe

Was wir um 6 Uhr morgens meinten unseren LeserInnen mitteilen zu müssen

Top-Themen

«Wir wollen Souveränität für beide Staaten»

Die Chancen für den Frieden zwischen Israel und dem palästinensischen Staat nach Camp David


«Der autoritäre Staat ist auf dem Weg.»
Wie Haiders Gespenst Österreich verändert.
Interview mit der Rosa Antifa aus Wien
,,Ich bin wie ich bin!``
Ausstellung über die Situation behinderter Frauen


Femalismus statt Feminismus?
Die geheime Welt der Frau - über die x-te Abkehr vom Kampf um die Hälfte. 
Subversion aus der Byte-Fabrik
Taugt "opensource" als Gesellschaftsmodell? 

Partisanen

Zeitzeugen  berichten

Der Widerstand in Italien von 1943 - 1945.
Eine Recherche vor Ort.
Teil 1: Cumiana

Kulturrevolution

Schnitt und weg

Die Beerdigung eines Mythos: Das ehemalige Nürnberger KOMM wird Kulturpalast.
Es geht voran!
Das ehemalige Domizil der Bombenleger (siehe oben) bekommt einen Servicepoint. Eine Erstbegehung.


Z- Bau: Es tut sich was
Neue Heimat für die Subkultur?
Nur Pizza und Popcorn?
Kino: Zählt nur der Sieg in der Technologieschlacht?


Adieu, Hemdendienst!
Ein altehrwürdiger Club der Nürnberger Kulturavantgarde muss passen!
Die Repolitisierung der Literatur
Warum der linke Buchladen Libresso doch nicht stirbt!
Frechheit siegt
Radio Z bekommt mehr Sendezeit und ein neues Programm!


5. Linke Literaturmesse
Die linke Buchmesse in Nürnberg ist eine Reise wert: Das Programm!

Antifaschismus

Unbekannte Antifa

Was tut eigentlich die "richtige" Antifa? Organisierte aus dem Grossraum melden sich zu Wort. 


Sprich deine Antifa an!
Kurzvorstellung einiger offener Gruppen


Kommentar
Zur Zivilcourage gegen Rechts per Fax

Kiffen und Gerechtigkeit

Diskussion

Macht Kiffen gleichgültig oder macht Hanf Frieden, Gerechtigkeit, Glück und so?


Kiffen und Kaufen für eine gerechtere Welt
Das war die Hanfparade!

Grossraumagazin

Sicherheitsbefragung in Erlangen

Erlangen greift durch. Sprayen gefährdet Ihre Sicherheit!


Nur wenige Firmen stiften
Erlangen: Keine Kohle für ZwangsarbeiterInnen
BI Zollhaus erfolgreich
BürgerInnen verhindern Unterkunft für AsylbewerberInnen


Nichts für Schlafmützen
24 Stunden Kurzfilme «nonstop»

Revolutionäre in Zellen
Angebliche RZ-Mitglieder im Knast


Bannmeile für Stoiber
Wie Wolfratshausen um eine Demo kam

Glosse

Bedrohliches aus dem Untergrund

Glosse mit freiem Quelltext zum Ausschneiden

Bewegung

Das war der Gipfel!

Bericht über die Demos gegen den Gipfel in Prag


Prag war anders
Kommentar

Treten für eine gerechte Welt
Die Fahrradkarawane nach Prag

Moosbüffel gegen Rechts
Wie in Amberg der CSU das Hören und Sehen verging
Demolish Serious Culture
Ein Benefizsampler für Kneipenkraaker 


Kneipenkraaken gegen Kürzungsterror
Warum die Kneipenkraaker Kneipen kraakten und was dann geschah.

Musik&Buch

BILLY CHILDISH

Buchbesprechung: "JUNGER MANN OHNE KLEIDER"


Der «Fall Wagner»
Keine Ehrenrettung für einen Antisemiten.
Fame Is A Four-Lettered Word
Die Ausnahmeband "Stella" spielt lieber keine Liebeslieder.

Veranstaltungen

Zeittotschläger

Die wichtigsten Veranstaltungshinweise


Musikveranstaltungen
Die noch wichtigeren Veranstaltungshinweise
Top-Themen

Romantisierende Körperkonstrukte

Femalismus statt Feminismus?

Zuerst sprang mich ein Kommentar in der Frankfurter Rundschau an: «Ei-Rhetorik - Revue der Frau im Spiegel» war er überschrieben und übte feinformulierte, jedoch pfeffrige Kritik an einer neuen Serie im allmontäglichen Spiegelmagazin. Das hatte anscheinend eine neue Wissenschaftsrichtung entdeckt, den Femalismus.

Aus Gründen niederer Klatschsucht blättere ich ohnehin mal gerne im Spiegel. Nach der Ausgabe vom 24.7. gierte ich geradezu, schließlich interessiere ich mich ja für das Geheime aus der Welt der Frau.

Eine US-amerikanische Wissenschaftsjournalistin, Natalie Angier, die für die New York Times schreibt und Pulitzerpreisträgerin ist, hat ein Buch verfasst: «woman: an intimate geography.» Ihr geht es um eine neue Sicht auf den weiblichen Körper, um eine Neubewertung altbekannter Tatsachen, um die Verbreitung neuer Forschungsergebnisse. Das ist sicher notwendig und an sich erstmal nichts Schlechtes.

Und schon ist sie da - die Revolution. Der SPIEGEL versprach nichts weniger als - ganz buchtitelgetreu - die «Enthüllung der intimen Geographie der Frau» - natürlich mit einer weichgezeichneten Nackten auf dem Titel, deren Hand sich schemenhaft zwischen den Beine ins Herz des Geheimnisses tastete.

Dafür hatten sich vor Urzeiten die Philosophen schon nicht sonderlich interessiert - schließlich war laut Aristoteles das Weibchen gleichsam ein «verstümmeltes Männchen», und auch der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sah in der Frau einen dunklen Kontinent, wusste er doch nach 30 Jahren Forschung noch nicht, was eine Frau will. Forscher aller Disziplinen zwischen Anthropologie und Medizin befassen sich seit je genauer mit dem Männerkörper und seinen Gebresten als mit der Physis von Frauen - deren spezifische Biologie wiederum von Menstruation über Schwangerschaft bis in die Wechseljahre als - von männlichen Ärzten zu behandelnde? - Krankheit gesehen wird. Aber: Generationen von Medikamenten wurden z.B. nur an Männern erprobt und es wurde in Kauf bzw. erst gar nicht zu Kenntnis genommen, dass Frauen vielleicht eine andere Dosis benötigen oder anders reagieren. Auch Verhaltensforscher beobachten ihre Objekte aus Männersicht, und so entgingen ihnen nicht nur fremdgehende Schimpansinnen, sondern sie bewerteten das, was sie sahen, auch nach eingefahrenen, patriarchozentrischen Mustern: Denn ein Affe inmitten von vielen Äffinnen kann als Herr eines Harems interpretiert werden, fürwahr, er kann aber auch der Gigolo sein, der diverse Frauen zu unterhalten hat. Wie einäugig Forschung und ihre Vermarktung funktionieren, lässt sich an solchen populären Themen wie Viagra und Pille ablesen: Von der Pille für den Mann ist äußerst selten die Rede, und auch Viagra für Frauen ist nicht gerade das Thema der Saison. Es gibt übrigens sicher immer noch Menschen, die an das Märchen vom vaginalen und klitoralen Orgasmus glauben - und überhaupt wird erst dieser Tage die Klitoris medizinisch-physiologisch erforscht.

Aufklärung tut not und ist sinnvoll - gibt es doch immer noch als ernsthaft geltende Forscher wie Desmond Morris, die den Glauben verbreiten, die Brüste der Frau seien ein verkehrt platzierter Hintern, was alle Beteiligten natürlich zu ganz reizenden Assoziationen veranlasst. Insofern scheint mir das Buch von Natalie Angier eine ganz sinnige Sache. Denn, unter uns Frauen - wie gut kennen wir unseren Körper denn, und wie bewerten wir ihn? Erfrischend wirkt es dann schon, wenn Angier feststellt, dass jede weibliche Brust denselben Teelöffel voll Milchdrüsen enthält - egal wie groß sie aussehen mag - und über alles andere muss Frau eben lernen zu lachen.

Die Diskrepanzen entstehen anderswo:

Populärwissenschaftliche Power

Die Journalistin, die ihr Buch verkaufen will, schreibt natürlich in einem populärwissenschaftlichen Stil. Ein wenig knallig darf´s schon sein, power muss dabei sein, Leserin (und Leser) sollen ja nicht nur trockene Erkenntnisse verdauen, sondern ein anderes Lebensgefühl vermittelt kriegen - gut soll´s tun, wellness ist angesagt, und neben aller Offensive und Respektlosigkeit finden wir also auch Kitsch und Pathos - typische Krankheiten populärwissenschaftlicher Schreibe, vor allem in den USA, wo immer noch individualistische Sieger(Innen)profile gefragt sind.

Daraus resultieren dann schon Formulierungen, die den Cholesterinspiegel in die Höhe treiben wie: «Das Ei einer Frau ähnelt nichts so sehr wie einer lodernden kraftgeladenen Sonne, dem vollkommenen Gestirn, das mit Flammenzungen spricht.» Oder wenn, bei einer Frau, die Eier für künstliche Befruchtungen spendet, die Rede ist von ihren «geschwollenen, prachtvollen, erntereifen Eierstöcken».

Die künstliche Befruchtung im Reagenzglas an sich wird - jedenfalls soweit im Spiegel zu lesen, nicht kritisch betrachtet, ebensowenig die möglichen Konsequenzen der Hormonbehandlung, der sich die Ei-Spenderin unterziehen muss. Wir erfahren, dass die spendende Frau Geld braucht und Angier bezeichnet sie als «teils Heilige, teils Verrückte, teils Romantikerin, teils käuflich».

Das sind nicht gerade neue Sichtweisen auf Frauen, sondern eine voreilig-unreflektiert-enthusiastische Umwertung alter Bilder und Bezeichnungen.

Die Frau als Krankheit

Natürlich setzt sich Angier bei dieser Art zu schreiben, der Gefahr aus, zu vergleichen und damit neue Hierarchien zu schaffen. Klar sollen neue Tatsachen veröffentlicht werden, klar soll mit alten Dummsprüchen wie Johann Wolfgang von Goethes «die Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen» aufgeräumt werden, klar sollen Umbewertungen stattfinden - Schluss mit der «Krankheit Frau». Das ist überfällig, immer wieder. Ob´s dann Leserin und Leser weiterbringt, Argumente mit der guten alten «besser als»-Methode zu ersticken, ist eine andere Sache. Den Leserbriefen ist zu entnehmen, dass sich die Männer natürlich darüber am meisten ärgern und den Rest nicht so wahrnehmen. Natürlich ist es auch mal lustig, Männer zu ärgern. Aber mir wäre alles etwas trockener und unaufgeregter lieber gewesen.

Nun gut, ich weiß ja nicht, was der SPIEGEL aus dem Zusammenhang gerissen präsentiert. Auslassungszeichen gibt es nämlich nicht. Insofern ist ohnehin Skepsis angebracht, müssen LeserInnen Intelligenz walten lassen und versuchen, Erkenntnis und Pathos zu trennen. Angier behandelt denn auch nicht nur das Ei, die Brust und die Aggression, sondern u.a. Muskeln, Hormone und Chromosome. Andererseits beschleichen mich unheimliche Ahnungen, wenn ich Kapitelüberschriften lese wie «Heiliges Wasser: die Brustmilch» - klingt schwer nach Mutter-Erde-mäßigem Essentialismus, also einer Wesensbestimmung, was denn an der Frau die Frau ausmacht - und das war ein Stadium des Feminismus, das ich spätestens seit Judith Butlers gender-Debatte für abgeschlossen gehalten hatte.

Ach, habt ihr was bemerkt? Hier fällt zum ersten Mal das Wort Feminismus. Tja, Leute, das liegt nicht an mir -und darin liegt wohl die größte Problematik dieses Buches und der SPIEGEL-Serie.

Denn diese neue Wissenschaft, die mit dem Skalpell arbeitet, und laut SPIEGEL eine neue Frauenbewegung begründen wird, heißt gar nicht mehr Feminismus. Sondern FEMALISMUS.

Von engl. female: weiblich im biologischen Sinne - also Schluss mit dem Wortstamm «feminin», der «fraulich» heißt und damit auch sozial erworbene - oder anerzogene - Eigenschaften meint. Wir sind im Reich der nackten Biologie angekommen. Zumindest, wenn wir dem Artikel von Rafaela von Bredow im SPIEGEL #30 glauben. Denn hier geht es nicht mehr, so schreibt Bredow, um das schnöde Runterreissen von BHs als Symbolen der Unterdrückung, sondern hier wird in «Ergebnistabellen, Versuchsanordnungen und Studienberichten geblättert» - als hätte der gute alte Feminismus das nicht auch getan - aber der war eben auch noch ganz altmodisch politisch und aktionistisch ausgerichtet, suchte nach Thesen und Theorien - weg damit:

«Die Protagonistinnen der neuen Bewegung haben die urmutteralten Fragen neu gestellt und provozierende Antworten gefunden. Fern vom feministischen Diskurs, unberührt von Theoriekonstrukten und politischen Zielen, haben die Neofrontkämpferinnen sich daran gemacht, stereotype Vorstellungen vom weiblichen Wünschen, Wollen und Verhalten zu zertrümmern.»

Und später: «Nicht die Frau in der Gesellschaft zu befreien, ist das oberste Ziel, sondern das Wesen des Weiblichen zu erfassen.»

Konsequenzen stellen sich dann wohl - das folgere ich implizit - von selber ein, oder?

Nicht um Gemeinsamkeiten der Geschlechter soll es gehen - sondern um Unterschiede. Nun, das ist nicht neu - auf die Strömung des Biologismus/Essentialismus habe ich bereits verwiesen. Wenn Angier überdies auf die sehr wohl vorhandene Aggression von Frauen eingeht - und nur mit dem Mythos vom mächtigen Hormon Testosteron aufräumt, das in seiner exakten Wirkungsweise noch gar nicht erforscht ist - dann geht es sehr wohl auch um die Feststellung von Gemeinsamkeiten. Abgesehen davon weht zumindest durch dieses Kapitel auch die Feststellung, dass soziale Normen das Verhalten von Frauen beeinflussen, die Aggressionen nach innen richten oder verbalisieren. Angier geht im Spiegel-Abdruck ausführlich auf Aggressionen und Konkurrenzdenken zwischen Frauen ein - und betrachtet dies zumindest ansatzweise kritisch, wiederholt allerdings leider einmal mehr alte, bekannte Vorstellungen von Frauen als Giftspritzen und fordert nur recht sachte Allianzen zwischen Frauen ein. Männer werden überdies nach Angiers Ansicht nicht als Hauptkonkurrenten betrachtet. Das glaub ich schlicht und einfach nicht.

Noch mal zurück zum Einführungsartikel von Bredow. Sie feiert es als Erkenntnis, dass die «Neofrontkämpferinnen» z.B. behaupten, der sogenannte Mutterinstinkt sei weder ein Instinkt, noch allen Frauen eigen. Darüber hat die Soziologin Elisabeth Badinter vor einigen Jahren schon ein Buch geschrieben - ein geisteswissenschaftliches allerdings. Aber die Geisteswissenschaften sind im Zeichen von Globalkapitalismus, Börsengang und alleinseligmachender Marktwirtschaft ohnehin schon lang verstorben. Die feministische - oder besser in Bredows Sinne: frauenzentrierte - Forschung wird von Bredow nur dann als fortschrittlich interpretiert, wenn sie jeglichen theoretischen und politischen Überbau weglässt. Wozu sich auch mit feinen Unterscheidungen wie sex und gender auseinandersetzen und deren Einfluss auf Biologie, Anthropologie und Medizin, auf Forschung und Wahrnehmung. Wozu Geschlechter als Konstrukte und die Folgen für die Forschung analysieren? Reine Beschreibung und etwas Umwertung tun´s doch auch. Das ist lange nicht so gefährlich, schafft nur ein paar Tatsachen, um die sich niemand kümmern muss. Frau kriegt es schon gebacken im neuen Femalismus: Alle Macht dem Ei. Spermien in ihrer Hyperaktivität gleichen nach Angier übrigens Krebszellen. Da haben wir´s den alten Säcken gegeben, das bringt Punkte im Diskurs. Und der ähnelt verdächtig jener neuen Frauenbewegung, den die Spiegel-Redakteurinnen Wellershof und Weingarten vergangenes Jahr im Buch «Die widerspenstigen Töchter» propagiert haben. Auch hier ging alles prima ohne sauertöpfische Theorie und Politik. Wenn´s doch nur wahr wäre. Denn nur ein bisschen genauer hingeschaut und hingelesen: Dann zeigt sich, dass es den Femalismus ohne die Vorarbeiten des so begeistert verworfenen Feminismus gar nicht gäbe und vieles nur mit anderen Worten und nicht so lästig kämpferisch, analytisch und fordernd, sondern eben fröhlich, respektlos, voller Pathospower neu gesagt wird.

Ach ja: Hier ist mal wieder ohne jede Unterscheidung von DER FRAU die Rede.

Ob arm, ob reich, ob Süd, West, Ost oder Nord braucht auch nicht weiter zu stören - Frauen sind alle gleich? Oder?
 

Tine Plesch


Natalie Angier: «Frau. eine intime Geografie des weiblichen Körpers.»

Bertelsmann, 448 S., 48.-

Sarah Blaffer Hardy: «Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution.»

Berlin Verlag, 800 S., 68.-

Londa Schiebinger: «Frauen forschen anders. wie weiblich ist die Wissenschaft?»

C.H. Beck, 312 S., 39.80