Romantisierende Körperkonstrukte
Femalismus statt Feminismus?
Zuerst sprang mich ein Kommentar in der Frankfurter Rundschau an: «Ei-Rhetorik
- Revue der Frau im Spiegel» war er überschrieben und übte
feinformulierte, jedoch pfeffrige Kritik an einer neuen Serie im allmontäglichen
Spiegelmagazin. Das hatte anscheinend eine neue Wissenschaftsrichtung entdeckt,
den Femalismus.
Aus Gründen niederer Klatschsucht blättere ich ohnehin
mal
gerne im Spiegel. Nach der Ausgabe vom 24.7. gierte ich geradezu, schließlich
interessiere ich mich ja für das Geheime aus der Welt der Frau.
Eine US-amerikanische Wissenschaftsjournalistin, Natalie Angier, die
für die New York Times schreibt und Pulitzerpreisträgerin ist,
hat ein Buch verfasst: «woman: an intimate geography.» Ihr
geht es um eine neue Sicht auf den weiblichen Körper, um eine Neubewertung
altbekannter Tatsachen, um die Verbreitung neuer Forschungsergebnisse.
Das ist sicher notwendig und an sich erstmal nichts Schlechtes.
Und schon ist sie da - die Revolution. Der SPIEGEL versprach nichts
weniger als - ganz buchtitelgetreu - die «Enthüllung der intimen
Geographie der Frau» - natürlich mit einer weichgezeichneten
Nackten auf dem Titel, deren Hand sich schemenhaft zwischen den Beine ins
Herz des Geheimnisses tastete.
Dafür hatten sich vor Urzeiten die Philosophen schon nicht sonderlich
interessiert - schließlich war laut Aristoteles das Weibchen gleichsam
ein «verstümmeltes Männchen», und auch der Erfinder
der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sah in der Frau einen dunklen Kontinent,
wusste er doch nach 30 Jahren Forschung noch nicht, was eine Frau will.
Forscher aller Disziplinen zwischen Anthropologie und Medizin befassen
sich seit je genauer mit dem Männerkörper und seinen Gebresten
als mit der Physis von Frauen - deren spezifische Biologie wiederum von
Menstruation über Schwangerschaft bis in die Wechseljahre als - von
männlichen Ärzten zu behandelnde? - Krankheit gesehen wird. Aber:
Generationen von Medikamenten wurden z.B. nur an Männern erprobt und
es wurde in Kauf bzw. erst gar nicht zu Kenntnis genommen, dass Frauen
vielleicht eine andere Dosis benötigen oder anders reagieren. Auch
Verhaltensforscher beobachten ihre Objekte aus Männersicht, und so
entgingen ihnen nicht nur fremdgehende Schimpansinnen, sondern sie bewerteten
das, was sie sahen, auch nach eingefahrenen, patriarchozentrischen Mustern:
Denn ein Affe inmitten von vielen Äffinnen kann als Herr eines Harems
interpretiert werden, fürwahr, er kann aber auch der Gigolo sein,
der diverse Frauen zu unterhalten hat. Wie einäugig Forschung und
ihre Vermarktung funktionieren, lässt sich an solchen populären
Themen wie Viagra und Pille ablesen: Von der Pille für den Mann ist
äußerst selten die Rede, und auch Viagra für Frauen ist
nicht gerade das Thema der Saison. Es gibt übrigens sicher immer noch
Menschen, die an das Märchen vom vaginalen und klitoralen Orgasmus
glauben - und überhaupt wird erst dieser Tage die Klitoris medizinisch-physiologisch
erforscht.
Aufklärung tut not und ist sinnvoll - gibt es doch immer noch als
ernsthaft geltende Forscher wie Desmond Morris, die den Glauben verbreiten,
die Brüste der Frau seien ein verkehrt platzierter Hintern, was alle
Beteiligten natürlich zu ganz reizenden Assoziationen veranlasst.
Insofern scheint mir das Buch von Natalie Angier eine ganz sinnige Sache.
Denn, unter uns Frauen - wie gut kennen wir unseren Körper denn, und
wie bewerten wir ihn? Erfrischend wirkt es dann schon, wenn Angier feststellt,
dass jede weibliche Brust denselben Teelöffel voll Milchdrüsen
enthält - egal wie groß sie aussehen mag - und über alles
andere muss Frau eben lernen zu lachen.
Die Diskrepanzen entstehen anderswo:
Populärwissenschaftliche Power
Die Journalistin, die ihr Buch verkaufen will, schreibt natürlich
in einem populärwissenschaftlichen Stil. Ein wenig knallig darf´s
schon sein, power muss dabei sein, Leserin (und Leser) sollen ja nicht
nur trockene Erkenntnisse verdauen, sondern ein anderes Lebensgefühl
vermittelt kriegen - gut soll´s tun, wellness ist angesagt, und neben
aller Offensive und Respektlosigkeit finden wir also auch Kitsch und Pathos
- typische Krankheiten populärwissenschaftlicher Schreibe, vor allem
in den USA, wo immer noch individualistische Sieger(Innen)profile gefragt
sind.
Daraus resultieren dann schon Formulierungen, die den Cholesterinspiegel
in die Höhe treiben wie: «Das Ei einer Frau ähnelt nichts
so sehr wie einer lodernden kraftgeladenen Sonne, dem vollkommenen Gestirn,
das mit Flammenzungen spricht.» Oder wenn, bei einer Frau, die Eier
für künstliche Befruchtungen spendet, die Rede ist von ihren
«geschwollenen, prachtvollen, erntereifen Eierstöcken».
Die künstliche Befruchtung im Reagenzglas an sich wird - jedenfalls
soweit im Spiegel zu lesen, nicht kritisch betrachtet, ebensowenig die
möglichen Konsequenzen der Hormonbehandlung, der sich die Ei-Spenderin
unterziehen muss. Wir erfahren, dass die spendende Frau Geld braucht und
Angier bezeichnet sie als «teils Heilige, teils Verrückte, teils
Romantikerin, teils käuflich».
Das sind nicht gerade neue Sichtweisen auf Frauen, sondern eine voreilig-unreflektiert-enthusiastische
Umwertung alter Bilder und Bezeichnungen.
Die Frau als Krankheit
Natürlich setzt sich Angier bei dieser Art zu schreiben, der Gefahr
aus, zu vergleichen und damit neue Hierarchien zu schaffen. Klar sollen
neue Tatsachen veröffentlicht werden, klar soll mit alten Dummsprüchen
wie Johann Wolfgang von Goethes «die Frauen sind silberne Schalen,
in die wir goldene Äpfel legen» aufgeräumt werden, klar
sollen Umbewertungen stattfinden - Schluss mit der «Krankheit Frau».
Das ist überfällig, immer wieder. Ob´s dann Leserin und
Leser weiterbringt, Argumente mit der guten alten «besser als»-Methode
zu ersticken, ist eine andere Sache. Den Leserbriefen ist zu entnehmen,
dass sich die Männer natürlich darüber am meisten ärgern
und den Rest nicht so wahrnehmen. Natürlich ist es auch mal lustig,
Männer zu ärgern. Aber mir wäre alles etwas trockener und
unaufgeregter lieber gewesen.
Nun gut, ich weiß ja nicht, was der SPIEGEL aus dem Zusammenhang
gerissen präsentiert. Auslassungszeichen gibt es nämlich nicht.
Insofern ist ohnehin Skepsis angebracht, müssen LeserInnen Intelligenz
walten lassen und versuchen, Erkenntnis und Pathos zu trennen. Angier behandelt
denn auch nicht nur das Ei, die Brust und die Aggression, sondern u.a.
Muskeln, Hormone und Chromosome. Andererseits beschleichen mich unheimliche
Ahnungen, wenn ich Kapitelüberschriften lese wie «Heiliges Wasser:
die Brustmilch» - klingt schwer nach Mutter-Erde-mäßigem
Essentialismus, also einer Wesensbestimmung, was denn an der Frau die Frau
ausmacht - und das war ein Stadium des Feminismus, das ich spätestens
seit Judith Butlers gender-Debatte für abgeschlossen gehalten hatte.
Ach, habt ihr was bemerkt? Hier fällt zum ersten Mal das Wort Feminismus.
Tja, Leute, das liegt nicht an mir -und darin liegt wohl die größte
Problematik dieses Buches und der SPIEGEL-Serie.
Denn diese neue Wissenschaft, die mit dem Skalpell arbeitet, und laut
SPIEGEL eine neue Frauenbewegung begründen wird, heißt gar nicht
mehr Feminismus. Sondern FEMALISMUS.
Von engl. female: weiblich im biologischen Sinne - also Schluss mit
dem Wortstamm «feminin», der «fraulich» heißt
und damit auch sozial erworbene - oder anerzogene - Eigenschaften meint.
Wir sind im Reich der nackten Biologie angekommen. Zumindest, wenn wir
dem Artikel von Rafaela von Bredow im SPIEGEL #30 glauben. Denn hier geht
es nicht mehr, so schreibt Bredow, um das schnöde Runterreissen von
BHs als Symbolen der Unterdrückung, sondern hier wird in «Ergebnistabellen,
Versuchsanordnungen und Studienberichten geblättert» - als hätte
der gute alte Feminismus das nicht auch getan - aber der war eben auch
noch ganz altmodisch politisch und aktionistisch ausgerichtet, suchte nach
Thesen und Theorien - weg damit:
«Die Protagonistinnen der neuen Bewegung haben die urmutteralten
Fragen neu gestellt und provozierende Antworten gefunden. Fern vom feministischen
Diskurs, unberührt von Theoriekonstrukten und politischen Zielen,
haben die Neofrontkämpferinnen sich daran gemacht, stereotype Vorstellungen
vom weiblichen Wünschen, Wollen und Verhalten zu zertrümmern.»
Und später: «Nicht die Frau in der Gesellschaft zu befreien,
ist das oberste Ziel, sondern das Wesen des Weiblichen zu erfassen.»
Konsequenzen stellen sich dann wohl - das folgere ich implizit - von
selber ein, oder?
Nicht um Gemeinsamkeiten der Geschlechter soll es gehen - sondern um
Unterschiede. Nun, das ist nicht neu - auf die Strömung des Biologismus/Essentialismus
habe ich bereits verwiesen. Wenn Angier überdies auf die sehr wohl
vorhandene Aggression von Frauen eingeht - und nur mit dem Mythos vom mächtigen
Hormon Testosteron aufräumt, das in seiner exakten Wirkungsweise noch
gar nicht erforscht ist - dann geht es sehr wohl auch um die Feststellung
von Gemeinsamkeiten. Abgesehen davon weht zumindest durch dieses Kapitel
auch die Feststellung, dass soziale Normen das Verhalten von Frauen beeinflussen,
die Aggressionen nach innen richten oder verbalisieren. Angier geht im
Spiegel-Abdruck ausführlich auf Aggressionen und Konkurrenzdenken
zwischen Frauen ein - und betrachtet dies zumindest ansatzweise kritisch,
wiederholt allerdings leider einmal mehr alte, bekannte Vorstellungen von
Frauen als Giftspritzen und fordert nur recht sachte Allianzen zwischen
Frauen ein. Männer werden überdies nach Angiers Ansicht nicht
als Hauptkonkurrenten betrachtet. Das glaub ich schlicht und einfach nicht.
Noch mal zurück zum Einführungsartikel von Bredow. Sie feiert
es als Erkenntnis, dass die «Neofrontkämpferinnen» z.B.
behaupten, der sogenannte Mutterinstinkt sei weder ein Instinkt, noch allen
Frauen eigen. Darüber hat die Soziologin Elisabeth Badinter vor einigen
Jahren schon ein Buch geschrieben - ein geisteswissenschaftliches allerdings.
Aber die Geisteswissenschaften sind im Zeichen von Globalkapitalismus,
Börsengang und alleinseligmachender Marktwirtschaft ohnehin schon
lang verstorben. Die feministische - oder besser in Bredows Sinne: frauenzentrierte
- Forschung wird von Bredow nur dann als fortschrittlich interpretiert,
wenn sie jeglichen theoretischen und politischen Überbau weglässt.
Wozu sich auch mit feinen Unterscheidungen wie sex und gender auseinandersetzen
und deren Einfluss auf Biologie, Anthropologie und Medizin, auf Forschung
und Wahrnehmung. Wozu Geschlechter als Konstrukte und die Folgen für
die Forschung analysieren? Reine Beschreibung und etwas Umwertung tun´s
doch auch. Das ist lange nicht so gefährlich, schafft nur ein paar
Tatsachen, um die sich niemand kümmern muss. Frau kriegt es schon
gebacken im neuen Femalismus: Alle Macht dem Ei. Spermien in ihrer Hyperaktivität
gleichen nach Angier übrigens Krebszellen. Da haben wir´s den
alten Säcken gegeben, das bringt Punkte im Diskurs. Und der ähnelt
verdächtig jener neuen Frauenbewegung, den die Spiegel-Redakteurinnen
Wellershof und Weingarten vergangenes Jahr im Buch «Die widerspenstigen
Töchter» propagiert haben. Auch hier ging alles prima ohne sauertöpfische
Theorie und Politik. Wenn´s doch nur wahr wäre. Denn nur ein
bisschen genauer hingeschaut und hingelesen: Dann zeigt sich, dass es den
Femalismus ohne die Vorarbeiten des so begeistert verworfenen Feminismus
gar nicht gäbe und vieles nur mit anderen Worten und nicht so lästig
kämpferisch, analytisch und fordernd, sondern eben fröhlich,
respektlos, voller Pathospower neu gesagt wird.
Ach ja: Hier ist mal wieder ohne jede Unterscheidung von DER FRAU die
Rede.
Ob arm, ob reich, ob Süd, West, Ost oder Nord braucht auch nicht
weiter zu stören - Frauen sind alle gleich? Oder?
Tine Plesch
Natalie Angier: «Frau. eine intime Geografie des weiblichen
Körpers.»
Bertelsmann, 448 S., 48.-
Sarah Blaffer Hardy: «Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution.»
Berlin Verlag, 800 S., 68.-
Londa Schiebinger: «Frauen forschen anders. wie weiblich ist die
Wissenschaft?»
C.H. Beck, 312 S., 39.80
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