
Erstmals seit 10 Jahren Naziaufmarsch
für Heß |
Back in Wunsiedel - Der Rudolf-Heß-Marsch 2001
"Wir haben vor zehn Jahren gesagt,
dass wir wieder nach Wunsiedel kommen. Wir sind wiedergekommen!".
Das waren die Worte von Jürgen Rieger auf der Abschlusskundgebung
des Rudolf-Heß-Gedenkmarsches am 18.8.01. Sie spiegeln die
Bedeutung dieser Demonstration für die rechtsextreme Bewegung
in Deutschland sehr gut wieder. Seit über zehn Jahren fand
diese erstmals wieder in Wunsiedel statt, dem Ort, wo der Hitler-Stellvertreter
begraben liegt.
Der Gedenkmarsch war erst am 17.8. vom
Bayerischen Verwaltungsgerichtshof genehmigt worden, nachdem der
Landkreis Wunsiedel ein Verbot erlassen hatte und das Landgericht
Bayreuth dieses bestätigte. Das Gericht erließ allerdings
einen Auflagenkatalog. Die Auflage, dass Ordner nicht vorbestraft
sein durften, hätte beinahe den Aufmarsch verhindert, da
kein passendes Personal gefunden wurde.
Über 1.000 Heß-VerehrerInnen zogen dann aber doch schweigend
durch die Innenstadt der oberfränkischen Kleinstadt. Thomas
"Steiner" Wulff, langjähriger Kader aus Hamburg,
verlas eine
Grußbotschaft des Sohnes von Rudolf
Heß, der "aus gesundheitlichen Gründen" und
"mit großem Bedauern" nicht mehr "dabei"
sein konnte. Die einzige Rede hielt Jürgen Rieger, der Anmelder
der Demonstration, der sich seinen und der Szene Triumph deutlich
anmerken ließ. Die Chance, für Heß zu demonstrieren,
ließen sich auch die Führungskader der "Freien
Nationalisten" nicht entgehen. Anwesend waren u.a. die Kameradschaften
Schwandorf und Lichtenfels. Spitzenfunktionäre der NPD fehlten
jedoch vollständig.
An diesem Tag hatten sie in Wunsiedel allen Handlungsspielraum.
AntifaschistInnen wurden abfotografiert und angepöbelt. Eine
Gruppe von ca. 200 Nazis versuchte gar die Gegenkundgebung, an
der sich ca. 150 Menschen beteiligten, anzugreifen, was aber dann
doch von der Polizei im letzten Moment unterbunden wurde. Antifaschistische
Organisationen aus ganz Franken hatten zu der Gegendemonstration
mobilisiert.

Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg |
Nach der Genehmigung des Gedenkmarsches
war die Reaktion des Bürgermeisters dieselbe wie vor 11 Jahren:
Er machte sich Sorgen um den "guten" Ruf seiner Stadt.
Um der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass Nazis in Wunsiedel
unerwünscht seien, forderte er die Bevölkerung auf,
während der Demonstration nicht auf die Straße zu gehen.
Umsonst: Stattdessen säumten die WunsiedlerInnen in großen
Mengen, ausgerüstet mit Klappstuhl und Brotzeit, die Route
der Nazis. Auf Fragen antworteten sie, dass doch "endlich
mal was los ist hier" und hatten auch sonst, bis auf das
Outfit der Skinheads, keine Probleme mit den Heß-VerehrerInnen.
Christian Worch, Führungskader aus Hamburg, sprach am Ende
des Tages von einem dreifachen Erfolg. Zum Einen, dass sie vor
Gericht die Demonstration durchsetzen konnten, zum Anderen, dass
innerhalb von 24 Stunden so viele DemonstrantInnen nach Wunsiedel
mobilisiert werden konnten, und drittens lobte er deren Disziplin.
In seiner Euphorie meldete Jürgen Rieger gleich bis 2010
die jährlichen Rudolf-Heß-Gedenkmärsche in Wunsiedel
an.
Einziger Wermutstropfen für die Nazis
dürfte eine Polizeiaktion ein Monat zuvor in Nürnberg
gewesen sein. Am 20.7.01 durchsuchte die Polizei die beiden Wohnungen
des Mathias Fischer in Nürnberg-Laufamholz und Fürth-Stadeln.
Mathias Fischer ist Mitglied der äußerst aktiven Anti-Antifa-Organisation
"Nationalisten Nürnberg" und von "Aryan Hope",
einem weltweiten Netzwerk von "Skinhead-Bruderschaften".
Er ist zudem presserechtlich Verantwortlicher für das Skin-Zine
"Der Landser", das von den Nationalisten Nürnberg
herausgegeben wird.
Bei der Durchsuchung wurden 30.000 Plakate,
Flugblätter und Aufkleber sichergestellt, die der Mobilisierung
zu den Aktionen zum Rudolf-Heß-Todestag dienen sollten. Außerdem
wurden 500 "Landser"-Exemplare, Computeranlagen sowie
mehrere Gaspistolen und eine Gotcha-Waffe beschlagnahmt. Grund
für die Durchsuchung war der "Verdacht, dass der 23-Jährige
als Verantwortlicher für das Versenden bzw. Inverkehrbringen
von Druckwerken in Frage kommt, in denen zu Straftaten gegen Polizeibeamte
bzw. einen Buchladen im Nürnberger Stadtteil Gostenhof aufgerufen
worden ist". Damit hat die Polizei das Lager für die
bundesweite Verschickung der Propaganda ausgehoben.
Die Demonstration am 18.8.01 in Wunsiedel
war nur der Höhepunkt der diesjährigen Aktivitäten
zum Rudolf-Heß-Todestag. Eingerahmt war sie von kleineren
Demonstrationen und Aktionen, wie dem Anbringen von Transparenten
an Autobahnbrücken, aber auch von Angriffen auf MigrantInnen.
Bereits in der Woche vor dem 18.8. haben vier Rechtsextremisten
aus Sachsen-Anhalt am Heß-Grab in Wunsiedel einen Kranz abgelegt.
Am Samstag fanden zwei kleinere Demonstrationen
in Wittstock/Brandenburg und Hagenow/Mecklenburg-Vorpommern mit
80 bzw. 50 TeilnehmerInnen statt.
In der Nacht zum Samstag wurde in Rotenburg an der Fulda ein Zeltlager
von 40 RechtsextremistInnen aufgelöst, nachdem diese rechte
Parolen und Lieder gegrölt hatten. Die Polizei beschlagnahmte
Luftdruckgewehre, einschlägige CDs und Bekleidungsstücke.
In der selben Nacht griffen in Cham/Oberpfalz vier Nazis zwei
Asylbewerber an und verletzten sie mit Messern.
Marco Kuhn
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