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Ricardo Dominguez - virtueller Widerstand im Cyberspace
Am 14 September war im Rahmen der Menschenrechtsfilmtage in
Nürnberg der Netzaktivist Ricardo Dominguez zu Gast. Die
Raumzeit sprach mit ihm über politisch motivierte Performance
im Cyberspace.
Ein Mann in der schwarzen Maske der ZapatistInnen. Auf einem
Tischchen hat er seinen Bildschirm und einige Kerzen aufgebaut.
So inszeniert sich Ricardo Dominguez im betonkahlen Ambiente des
Nürnberger Kunstbunkers, als sei er Akteur eines der Welt
verborgen gebliebenen Krieges, und die Leinwand für die Internetpräsentation
in seinem Rücken wird zur Generalstabskarte eines Schlachtfeldes.
Einen sachlichen Vortrag über die technischen Möglichkeiten
von Menschenrechtsaktionen im Netz oder eine Debatte über
deren politische Bedeutung hatten sich vielleicht manche BesucherInnen
erwartet. Enttäuscht wurde dennoch niemand: Ricardo hat sich
seine Bühne aufgebaut für 1 ½ Stunden virtuoses
Sprechtheater - Thema des Stückes: Das Leben des Ricardo
Dominguez:
"Als ich 5 Jahre alt war, schenkte mein Daddy mir einen
Fernseher..." - "... so wuchs ich damit auf, die Realität
durch einen Bildschirm zu sehen". Als der kleine Ricardo
einmal ein Glas Wasser in die Elektronik seines TV-Geräts
schüttete: "Das Ding explodierte - es war meine erste
Erfahrung mit 'electronic disturbance'".
Wo will das hin? Was so geschildert klingt wie eine eitle Selbstinszenierung
ist alles andere als das: Ricardo Dominguez verdeutlicht anhand
seiner Biografie die Genese eines neuen Typs sozialer Akteure
in einem neuen kulturellen Raum.
Dominguez gilt als einer der Pioniere politisierten Hackertums,
computergestützten Aktivismus, der als "Hacktivism"
bezeichnet wird. Er machte mit seinem Engagement für die
Zapatistas und elektronischen "Sit-Ins" auf den Webseiten
der mexikanischen Regierung auf sich aufmerksam. In der BRD kam
diese Form der politischen Aktion erst in diesem Jahr durch Internetaktionen
gegen das Web-Portal der Lufthansa in die Schlagzeilen, die sich
gegen die Beteiligung des Luftfahrtkonzerns an Abschiebungen richteten.
Bei dieser Form des elektronischen Protests steht nicht die Befriedigung
des Tüftlers im Vordergrund, eine Sicherheitslücke im
Server des "Gegners" entdeckt zu haben - Dominguez ist
kein technisch versierter Computerfreak, sondern Künstler
und politischer Aktivist. Man merkt schon an seinem Vortrag, der
sein Publikum mit Wortgewalt, Spannung und Witz in Atem hält,
dass er vom Theater kommt. Tatsächlich begann er 1981 mit
einem Studium der Theaterwissenschaften. Dort, sagt er, habe er
auf Demonstrationen die Kunstform des "Agit-Prop" kennengelernt,
die "die Leute nicht ins Theater hineinbringen, sondern sie
dazu bewegen will, aus dem Theater herauszutreten".
"Ich war ein Schauspieler, der außerhalb des Theaters
arbeiten wollte", sagt er uns im Interview, "ein Dichter,
der auch etwas jenseits der Poesie und des Films machen wollte."
Mit Gleichgesinnten gründete er das "Critical Art Ensemble":
"Wir entschieden uns in einer Grenzkultur zu arbeiten, in
einer völlig neuen Matrix, die alles revolutionieren würde."
Massenhalluzination
Die Bibeln der neuen politisch motivierten Kulturszene, die sich
vom Zapatismus angezogen fühlte, waren nicht die Werke von
Karl Marx oder Sigmund Freud. Ricardo Dominguez FreundInnen diskutierten
den "Zivilen Ungehorsam" Thoreaus und das Buch des Science
Fiction Autors William Gibson "Neuromancer". Der prägte
den Begriff "Cyberspace" und definierte ihn als "mass
consensual hallucination".
Obwohl es noch kein Internet im heutigen Sinne gab faszinierten
die Visionen Gibsons vom "Cyberspace" als einem sozialen
Raum, der nicht einfach die Erweiterung der wirklichen Welt darstellt,
sondern in dem völlig neue Gesetzmäßigkeiten und
Verhältnisse herrschen, die von seinen ProtagonistInnen gestaltet
werden können. Passt dies nicht zu einer Generation, die
"die Welt durch den Bildschirm" erlebt? Gehört
nicht zu den größten Begehrlichkeiten von Herrn und
Frau Müller, an irgendeiner TV-Show teilzunehmen und so von
KonsumentInnen zu den Handelnden der wichtigsten aller Welten
aufzusteigen?
Der Gruppe um Dominguez fiel auf, dass die Resonanz von Straßenaktivitäten
stetig abnahm. Sie dachten bereits daran die Möglichkeiten
der Vernetzung, etwa das Telefonnetz zu nutzen. Anfang der 90er
ging Dominguez nach New York und bekam dort erstmals die Möglichkeit
das Internet für Aktivitäten zu nutzen.
1994 verblüfften der Aufstand im mexikanischen Chiapas und
die Zapatistas, die ihre Botschaften aus dem Lakandonenwald heraus
fachgerecht und effektiv über Internet verbreiteten. Aus
einem Gebiet ohne Stromversorgung und Telefonnetz. Ricardo Dominguez
engagierte sich für die Aufständischen und begründete
den "digitalen Zapatismus". Nicht nur die Nutzung des
Internets, das zapatistischen Vorstellungen von vernetzter Organisation
entgegenkommt, die Hoffnung ein interkontinentales Netz des Widerstands
aufzubauen, sondern auch eine ganz andere Art von Guerilla faszinierte
den Sohn mexikanischer Einwanderer. In der Poesie ihrer Erklärungen
und Bulletins, darin, dass sie, wie er meint, nicht auf den Sieg
der Waffen gesetzt, sondern mit den Mitteln der Semantik in einen
Informationskrieg eingetreten seien, sieht er Gemeinsamkeit und
geistige Verwandtschaft.
Das "Electronic Disturbance Theatre" das Ricardo Dominguez
Ende der 90er Jahre mitbegründete, arbeitete den "electronic
civil disobedience", den elektronischen zivilen Ungehorsam,
zu einer Kunstform, einer Performance und einer politischen Aktionsform
gleichermaßen aus.
Diskreditiert sich ein "Hacktivismus", der sein Aktionsfeld
innerhalb eines als Halluzination erkannten Raumes sieht, nicht
selbst? Sind es verträumte ComputeraktivistInnen, die aus
der Sicherheit E-Mails schicken und softwaregesteuerte Aktionen
starten und nicht mehr bewirken als überarbeiteten Serveradministrator
einige Überstunden zu bereiten?
William Gibsons Stories enthalten verblüffende Voraussagen:
Eine Welt in der sich die Reichen in ihren Villen hinter Stacheldraht
verbarrikadieren, in der sich der Staat zum bloßen, von der
Mafia beherrschten Instrument der Großkonzerne entwickelt,
der die Besitzlosen in verfallenden Metropolen dem Faustrecht
überlässt. Während in früheren Visionen der
Untergang der Zivilisation aus der Zerstörung ihrer technologischen
Grundlagen resultiert, ist bei Gibson Mikrochiptechnik Billigware
und gehört zum Alltag in den Slums. Seine HeldInnen sind
deklassierte VerliererInnen, die mit den kriminellen Konzernen
in Konflikt geraten. Im Cyberspace nehmen sie den Kampf auf, indem
sie angreifen, worauf die Macht der Mächtigen beruht - die
Informationen der Konzerne, die dort durch todbringende Abwehrmaßnahmen
geschützt aufbewahrt liegen.
In einem Interview mit der "Jungle World" sagt Ricardo
Dominguez, die Strategie des "Electronic Civil Disobedience"
resultiere aus den Erfahrungen der 80er Jahre, der zunehmenden
Unwirksamkeit von Straßenaktionen: "Das führte
zu der Frage, ob die Macht nicht länger an den Raum der Straße
gebunden sei, sondern sich in eine neue immaterielle Sphäre
bewegt hatte. Wenn dem aber so wäre und das Kapital jenseits
der Straßen zirkulierte, würde es wenig nützen,
die Straße zu erobern. Vielmehr wäre es notwendig, Interventionsformen
im Raum der Datenströme zu erfinden."
Im Unterschied zu den Kämpfen von Gibsons ProtagonistInnen
kommt es bei den Aktionsformen des "Electronic Disturbance
Theatre " nicht darauf an, dem Gegner direkt zu schaden.
Dennoch kann solcher Netzaktivismus mehr als symbolische Erfolge
vorweisen. Das bekannteste Beispiel dafür ist der sogenannte
Etoys-war, ein Informationskrieg gegen das Internet-Kaufhaus Etoys,
das den Anspruch auf eine ähnlich klingende Kunst-Domain
mit der Macht des Geldes und der Gerichte durchsetzen wollte.
Etoys musste vor einer Kampagne kapitulieren und ist heute bankrott.
Nicht zur Kapitulation gezwungen wurde die mexikanische Regierung
nach dem Massaker in Actéal am 22. Dezember 1997. Das "Electronic
Disturbance Theatre" rief zum "elektronischen Ungehorsam
mit allen Mitteln" auf. Zum ersten Mal wurde das softwaregestützte
"virtuelle Sit-In" praktiziert. Technisch gesehen nicht
mehr als eine ärgerliche Störung. Dennoch reagierte
die mexikanische Regierung ihrerseits mit einem Hackerangriff
auf die Seiten des Theatres. Für Dominguez, für den
die Dramaturgie einer Aktion und der Transport einer Botschaft
im Vordergrund steht und dem wichtig ist, dass diese Botschaft
wahrgenommen wird, allemal ein Erfolg.
Geistige Schnecken
Während der "Ars Electronica" 1998 in Linz inszenierte
Ricardo Dominguez als "Performance" ein "virtuelles
Sit-In" gegen keine geringeren Ziele als die Mexikanische
Regierung, die Frankfurter Börse und das Pentagon. Auch das
Pentagon reagierte zu Dominguez Freude mit einem Gegenangriff.
Ein Jahr später erfolgte dann gar eine "Einladung"
zur National securance agenca (NSA). Den Besuch beim NSA beschrieb
Ricardo Dominguez uns im Interview:
"Dort erwarteten uns Soldaten, Spione. Und wir brachten
mit: DJs, Filme vom Subcomandante. Wir trugen Stefan Wray in einer
Sänfte herein mit seinem Programm. Ich hatte meine Maske
auf und hielt ihnen einen Vortrag über die Technologie der
Mayas. Als wir nach 1 ½ Stunden geendet hatten fragten sie:
Wie weit werden Sie mit ihren Aktionen gehen? Wer hat bei Ihnen
das Kommando? Was haben sie weiter vor? Ein bekannter, rechter
Senator sagte: Sie sind der Beginn eines elektronischen
Pearl Harbour und das ist gegen das Gesetz. Ich werde euch ins
Gefängnis bringen'.
Meiner Ansicht nach sind das Pentagon und das NSA geistige Schnecken.
Sie begreifen nicht den Unterschied zwischen Theater und Realität.
Aber was real ist, das ist die Poesie. Sie ist realer als die
Wirklichkeit. Und die Zapatisten sind realer als die Wirklichkeit.
Wir erkennen, dass der Cyberspace eine Massenhalluzination ist,
ein Theater. Und sie wollen es machen wie mit einer wirklichen
Welt. Sie wollen Bomben und Gewehre im Cyberspace."
Gerade weil Ricardo Dominguez und das "Electronic Disturbance
Theatre" die "Massenhalluzination" durchschauen
und den Raum, in dem sie agieren, mit kritischer Distanz betrachten,
sind sie alles andere als naive Romantiker. Wie die "echten"
Guerilleros kämpfen sie jedoch in dem Spannungsfeld zwischen
der Kritik der Verhältnisse und ihren Utopien.
Im "Neuromancer" lässt Gibson seinen Helden siegen,
indem dieser 100 000 virtuelle Realitäten erschafft und mit
dieser "Halluzination" die gefährliche künstliche
Intelligenz, die die Informationen seiner GegnerInnen schützt,
infiziert und wahnsinnig macht, erinnert Ricardo Dominguez: "Die
Botschaft der ZapatistInnen lautet: Lasst uns eine Welt schaffen,
in der 1000 Welten möglich sind."
Michael Liebler
Weiterführende Links:
Ricardo Dominguez:
http://www.thing.net/~rdom/
Zapatistas in Cyberspace:
http://www.eco.utexas.edu/Homepages/Faculty/Cleaver/zapsincyber.html
- Interview mit Ricardo bei Telepolis:
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/info/7897/1.html
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