"Aber ich hatte einen "Fehler" - ich war schon immer Antifaschist."
ItalienerInnen als ZwangsarbeiterInnen in Nazideutschland
Carlo
Porta wurde nach dem 8. September 1943, als Italien den Waffenstillstand
mit den Alliierten schloss und Deutschland Italien besetzte, verhaftet
und deportiert. Der raumzeit erzählte Carlo Porta im September
in Reggio Emilia über seine Zeit als Internierter und Sklavenarbeiter
in Deutschland:
"Wir Arbeiter in der Flugzeugproduktion, wurden zum Militär
auch zu Flugeinheiten eingezogen. Ich kam 1937, mit 19 Jahren,
nach Orvieto zur Grundausbildung. Danach schickte man mich nach
Rom zu einer Einheit auf dem Flughafen Ciampino. Eines Tages bekam
ich dort einen Brief von meiner Mutter, indem sie schrieb: "Sei
froh, dass du beim Militär bist, denn sie haben diesen und
jenen verhaftet." Das waren alles Leute, mit denen ich in
der Kommunistischen Partei in Reggio Emilia zusammen gearbeitet
hatte. Auf Grund dieses Briefes wurde ich verhaftet und nach Reggio
überstellt. Unsere Verhaftungen waren Teil einer großen
Welle, die "il grande arresto" genannt wurde und in
deren Verlauf 3.000 Personen in ganz Italien verhaftet wurden
- in Reggio waren es über 200. Ich wurde zu drei Jahren Verbannung
in ein Arbeitslager in der Basilicata im Süden Italiens verurteilt.
Als ich nach Hause zurückkam, musste ich mich versteckt
halten, da ich sonst wieder zum Militär eingezogen worden
wäre. Aber der faschistische Parteifunktionär meines
Dorfes hat herum spioniert und gemeldet, dass ich wieder zu Hause
bin und eigentlich noch Militärzeit abzuleisten hätte
und so bin ich nach sechs Monaten wieder Soldat geworden. Man
schickte mich nach Albanien. Dagegen habe ich protestiert, weil
es ein Gesetz gab, nach dem ich als verurteilter Antifaschist
nicht in ein Kriegsgebiet geschickt werden konnte. Ich musste
allerdings erst neun Monate in Albanien bleiben, bis die Anweisung
kam, dass ich unverzüglich nach Italien zurückkehren
müsste. Ich und meine Bewachung, zwei Unteroffiziere der
faschistischen Miliz, sollten in Durazo einschiffen, um nach Italien
zurückzukehren. Aber dann kam der 8. September, das Ende
des Krieges für uns Italiener.
In Durazo waren auch einige hundert deutsche Soldaten stationiert.
Manche haben sich als Italiener verkleidet, damit auch für
sie der Krieg vorbei sei. Doch nach ein paar Tagen, als die deutschen
Truppen kamen, haben sie wieder ihre Uniformen rausgeholt.
Ich wurde verhaftet und in ein Durchgangslager nach Neubrandenburg
gebracht. Wir brauchten 18 Tage für diese Fahrt. In diesem
Lager befanden sich ca. 35.000 Deportierte. Ich brauche nicht
extra zu erwähnen, dass der Lagerführer nicht müde
wurde zu erklären, dass in der Umgebung 16.000 Tote lägen,
die zu begraben sie nicht die Zeit gehabt hätten und ähnliche
Geschichten, um uns klar zu machen, dass wir auch dort enden könnten.
Aber wir waren jung und konnten auch über manche Dinge lachen.
Am ersten Morgen kamen Soldaten und riefen "Aufstehen! Aufstehen!"
Und wir sagten: "Ah, auf geht's zum Kaffetrinken." Bloß,
dass den Kaffee natürlich nur sie tranken. Wir kapierten
sofort, dass dies der Weckruf war, und diese Worte habe ich nie
verlernt.
Gott sei Dank hat in Deutschland nie jemand von meiner Geschichte
erfahren, weil als Militärdeportierter konnte man in Deutschland
einigermaßen überleben, aber als Kommunist ...
Mit dem Vorrücken der Sowjets wurde ich nach zwei Monaten
von Neubrandenburg in ein anderes Lager, ungefähr 30 km von
Essen entfernt, und schließlich in ein Lager in Wickede in
der Gegend von Dortmund gebracht. Dort habe ich die Befreiung
erlebt. Allerdings war ich noch drei weitere Monate dort. Ich
war einer der Letzten, als ich endlich im September 1945 nach
Hause zurückkehrte.
Ich habe nur gehofft, dass alles gut geht
Ich musste bei Räumarbeiten nach und auch während der
Luftangriffe arbeiten. Es gab Angriffe bei denen die ganzen Wasser-
und Gasleitungen zerstört wurden, bei denen Menschen in den
Unterführungen starben. Irgendwann habe ich aufgehört
mich vor den Bomben zu verstecken und nur gehofft, dass alles
gut geht. Unser Tag begann sehr früh. Man wurde um 5 Uhr
geweckt, danach ging es 2 km zu Fuß zum Bahnhof. Zurück
kamen wir oft erst abends um 9 Uhr. Mittags aß man dort,
wo man gerade arbeitete. Es gab gestampfte Kartoffeln mit etwas
Margarine. Für den restlichen Tag gab es nur Brot, das man
sich in Portionen schnitt, um jede Stunde ein winziges Stück
davon zu essen. Und abends, wenn wir Brot schnitten und die Krümel
auf dem Tisch lagen, rissen sich alle darum, den Tisch sauber
zu machen.
Das schlimmste war der Zählappell abends. Einer fehlte immer,
manche waren einfach schon auf ihren Lagern eingeschlafen. Wir
mussten dann oft eine Stunde Gymnastik machen, auch im Regen.
In den letzten sechs Monaten haben wir nicht mehr daran geglaubt,
nach Hause zurückzukehren. Wir haben die Leute zu Tausenden
sterben sehen. Aber ich habe nie den Mut verloren und mir gesagt,
bevor ich sterbe, sterben der Führer und Mussolini - und
so war es dann auch.
Der härteste Kampf, den wir Militärdeportierte austragen
mussten, war als Hitler beschloss, unseren Status als Kriegsgefangene
aufzuheben. Und dann wurden wir aufgefordert, eine Unterschrift
zu leisten, mit der wir in die Division Monterosa eingegliedert
werden sollten. Also repatriiert werden sollten, da diese Division
eine der faschistischen Schwarzhemden war. Ein Offizier aus
Sardinien und ich kämpften dafür, nicht zu unterschreiben,
weil wir nicht glaubten, dass sie uns nach Italien zurückschicken
würden, sondern an die russische Front. Der Lagerführer
sagte "Diese Leute morgen früh kein Brot" [diese
Worte hat Carlo Porta heute noch auf Deutsch im Gedächtnis],
weil wir nicht unterschreiben wollten. Dieser Kampf dauerte zwei
oder drei Monate, aber wir haben nicht unterschrieben. Irgendwann
haben sie aufgegeben, aber wir haben viele Abende kein Brot bekommen.
Es gab auch Lager, in denen die Unterschriften mit Gewalt erzwungen
wurden."
Carlo Porta hat seine Dokumente und Unterlagen nach Rom geschickt.
Allerdings rechnet er nicht mit einer Entschädigung für
die von ihm geleistete Arbeit. Etwa 650.000 Soldaten (manche Quellen
sprechen von 725.000) wurden nach dem 8. September von den Nazis
entwaffnet. Die, die sich weigerten, in die Wehrmacht, die Waffen-SS
oder in das neue Heer der faschistischen Repubblica Sociale Italiana
von Salò einzutreten, wurden und blieben inhaftiert.
Für Nazi-Deutschland waren "die Verräter"
keine Kriegsgefangenen, sondern wurden in den Status von Zivilisten
versetzt und mussten Zwangsarbeit leisten. Für die Regierung
Schröder gelten sie jedoch als Kriegsgefangene und sind deshalb
laut Stiftungssatzung von Entschädigungsansprüchen ausgeschlossen.
Deportierung statt Passierschein
Italienische
ZwangsarbeiterInnen für das Deutsche Reich und die
deutsche Industrie
Ein Beitrag des Vereins zur Förderung alternativer
Medien, Erlangen
Für die Entschädigung von ZwangsarbeiterInnen
aus West- und Südeuropa sieht der Fonds der Bundesregierung
und der Industrie 540 Millionen DM vor - viel ist das nicht,
lediglich 5% der Gesamtsumme. In Italien waren es die vormalig
freiwilligen ArbeiterInnen, deportierte ZivilistInnen und
kriegsgefangene italienische Soldaten, die für die
Nazis in der Industrie und Landwirtschaft arbeiten mussten.
1938 lief die deutsche Kriegsproduktion auf Hochtouren und
das Deutsche Reich hatte Bedarf an Arbeitskräften.
Ab März diesen Jahres kamen "freiwillige"
ArbeiterInnen aus Italien nach Deutschland. Sie wurden in
Italien von den Faschisten mit Fahnen und Musik verabschiedet
und in Deutschland von den Nazis offiziell und feierlich
begrüßt. Diese Menschen, die zum Arbeiten nach
Deutschland kamen, sind, neben Faschisten, die den Bündnispartner
unterstützen wollten, arme BäuerInnnen und ArbeiterInnen.
Die Arbeitslosigkeit in Italien war hoch und vor allem auf
dem Land und im Süden herrschte Hunger. Doch mit der
Absetzung Mussolinis am 25.Juli 1943 wurden aus den "Arbeitsbrüdern"
Gefangene. Deutschland schloss sofort seine Grenzen und
erlaubte den ItalienerInnen nur in ganz wenigen Ausnahmefällen
die Rückkehr. "Während der 8. September und
damit der Bruch der Allianz mit Berlin näher rückt,
sind mehr als 100.000 italienische ArbeiterInnen auf dem
Gebiet des Reichs eingeschlossen. Sie sind zwar formal frei
und gelten als Freiwillige, aber faktisch sind sie Gefangene,
wenn auch privilegierte. Die Tragödie steht vor ihrem
Beginn. Darüber sind sich diese Menschen im Klaren.",
beschreibt der Historiker Ricciotti Lazzero die Situation.
Durch
die Besetzung des früheren Verbündeten im September
1943 bot sich für Nazi-Deutschland die Möglichkeit
auch die menschlichen Ressourcen Italiens auszubeuten. Die
Pläne des Generalbevollmächtigten für den
Arbeitseinsatz Fritz Sauckel sahen vor, im Herbst '43 über
300.000 italienische Arbeitskräfte für die deutsche
Industrie und Landwirtschaft zu rekrutieren. Im Jahr 1944
sollten sogar 1,5 Millionen ItalienerInnen
zur Verfügung stehen. Man versuchte auf der einen Seite,
durch Prämien und Appelle "Freiwillige" anzuwerben,
was in einem bestimmten Umfang auch gelang, da die materielle
Situation sich seit 1938 durch den Kriegseintritt Italiens
noch weiter verschlechtert hatte. Zum Anderen wurden bei
Razzien und Vergeltungsmaßnahmen gegen die Bevölkerung
im Zuge der PartisanInnenbekämpfung - zumeist männliche
- Zivilisten verhaftet und nach Deutschland deportiert.
Und man versuchte es auch mit anderen Mitteln.
In Castelnuovo Monti einer Stadt im Appenin bestellten die
Nazis im April 1944 alle arbeitenden BewohnerInnen in das
örtliche Theater. Man werde den Werktätigen
Passierscheine ausstellen, die ihnen für ihre Arbeit
größere Bewegungsfreiheit ermöglichen sollen.
Am ersten Abend erschienen nur wenige BewohnerInnen, die
daraufhin vertröstet wurden. Am nächsten Abend,
am 11. April 1944, fanden sich 100 Leute im Theater von
Castelnuovo Monti ein. Doch anstatt einen Passierschein
zu bekommen, wurden sie mit Gewalt auf Lastwägen verladen
und zuerst nach Fossoli, einem italienischen Lager, verbracht
und von dort nach Deutschland deportiert. Auch der Vater
des früheren Bürgermeisters von Castelnuovo Monti
und Ex-Partisan wurde verschleppt. Als einer der wenigen
kehrte er im Mai '45 zurück. Bei dessen Heimkehr hätte
er, so erzählt der Bürgermeister, seinen Vater
nicht wiedererkannt.
Insgesamt sind es um die 100.000 ZivilistInnen
gewesen, die nach Deutschland deportiert wurden. Doch auch
innerhalb Italiens wurden Menschen von den Nazis verschleppt
und zur Arbeit, sei es in der Industrie oder an der Front,
gezwungen. Die Organisation dieser Sklaverei lag in der
Hand der Organisation Todt. Zu Beginn des Jahres 1945 mussten
240.000 Menschen Frontbefestigungsarbeiten leisten. Viele
von ihnen waren ArbeiterInnen, die für ihre Streiktätigkeit
im Herbst 1944 von den Nazis bestraft wurden.
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Weitere Informationen zum Thema Die Besetzung Italiens
durch Deutschland im 2 Weltkrieg" unter http://www.partigiani.de.
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