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Nürnberger Lernprozess
Eine Buchbesprechung von Steffen Radlmaiers "Der Nürnberger
Lernprozess. Von Kriegsverbrechern und Starreportern"
Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse von 1945/46 interpretieren
KulturoptimistInnen gern als den Auftakt zu einer neuen, an den
humanen Grundrechten ausgerichteten Ära des Völkerrechts,
die mit dem internationalen Gerichtshof in Den Haag ihren vorläufigen
Höhepunkt erreicht hat. Zäh sei das Ringen um Gerechtigkeit
jenseits nationaler Interessen und der Weg deshalb lang und steinig
und noch lange nicht bis zum Ende abgeschritten. KulturpessimistInnen
haben es leicht, Widerspruch zu formulieren, waren doch 1945,
im Jahr von Justizias Aufbruch, hinter den Kulissen bereits alle
Weichen auf Kalter Krieg gestellt; und so läßt sich
der Prozess gegen Dönitz, von Schirach, Heß, Göring
und andere auch als eine medienwirksame, aber substanzlose Inszenierung
interpretieren, zu der man ein ganzes Heer prominenter BeobachterInnen
in die vormalige Stadt der Reichsparteitage gelockt hatte, und
deren Ausgang - die Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher - von
Anfang an fest stand; als eine Floskel des guten Willens. Steffen
Radlmaier, passionierter Sammler literarischer Nürnberg-Dioramas
und Feuilletonchef der Nürnberger Nachrichten, hat in einer
Anthologie zusammengetragen, was die ProzessbeobachterInnen während
der langen Monate zwischen Beweisaufnahme und Urteilsverkündigung
ihren Zeitungsredaktionen gekabelt haben.
"Der Nürnberger Lernprozess" heißt das 360-Seiten-Opus
und der Titel suggeriert, die 33 von Radlmaier ausgewählten
AutorInnen, darunter deutsche ExilantInnen wie Willy Brandt, Alfred
Döblin, Peter de Mendelssohn, Erika Mann sowie internationale
SchriftstellerInnen wie John Dos Passos, Ilja Ehrenburg und Rebecca
West hätten in ihrem Handgepäck zuoberst die Hoffnung
in den Schwurgerichtssaal Neun des Justizpalastes getragen, mit
einem einhelligen Urteilsspruch wäre das Übel der Toleranz
totalitärer Systeme für immer Geschichte. Hans Fiedler
alias Alfred Döblin, damals Angestellter der französischen
Militärregierung, empfahl der Weltöffentlichkeit, das
Tribunal als "Lehrprozess" und damit als einmalige Chance
zu begreifen. Ilja Ehrenburg, Korrespondent von Prawda, Iswestija
und Krasnaja zvezda, schwärmte, dass "die über
die Freveltaten der Hitler-Faschisten empörten Völker
gelobten, das Übel auszurotten".Anfangs war sicherlich
noch kollektive Hoffnung vorhanden. Bald aber, so scheint es,
haben die Meisten sie in ihre privaten Gastzimmer im Schloss des
Bleistiftfabrikanten Faber-Castell weggeschlossen.
Leider, der Grundzynismus von Texten wie Victoria Ocampos KorrespondentInnenbericht
wirkt sehr gesund. Die Argentinierin bezeichnet das Tribunal als
"männlichen Sport" und schildert den Verhandlungsmarathon,
als wäre er ein patriarchales Bühnenspiel. "Wenn
die Ergebnisse des Nürnberger Prozesses", so ihre "Nürnberger
Impressionen", "schwerwiegende Folgen für das Schicksal
Europas haben werden, wäre es nicht gerecht, daß die
Frauen mitreden? (...) Die Männer sind bis heute kläglich
gescheitert," (und hier ist ihr Statement immer noch topaktuell)
"wenn es darum ging, Kriegsverbrechen und Kriege überhaupt
- die immer ein Verbrechen darstellen - zu vermeiden oder im Vorfeld
zu verhindern." "Der Prozess tanzt", mit diesem
Satz quittiert Elsa Triolet für "Les Lettres Francais"
die Parole vom historischen Lehrstück und Rebecca West, im
Auftrag von Daily Telegraph und New Yorker nach Franken gereist,
sieht sich in einer "Hochburg der Langeweile", die alles
andere als geeignet ist, von der Idee eines einklagbaren Völkerrechts
zu begeistern.
Ein historisches Ereignis ersten Rangs, das jedenfalls vermittelt
der Subtext von Radlmaiers Anthologie, war der Prozess im Grunde
nur für Deutschland. Einerseits, weil in der Beweisaufnahme
erstmals derart umfangreiches Material vorgelegt wurde und damit
alle Argumente, die zu einer positiven Bewertung des Hitler-Regimes
führen konnten, noch im Schlaf widerlegbar wurden. Und sich
die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht mehr verdrängen
ließen. Andererseits, weil sich nach zwölf Jahren der
Isolation, in denen es nicht möglich war, von Deutschland
aus unabhängige Reportagen zu korrespondieren, erstmals ein
ausreichendes Potential von Freigeistern im Land der TäterInnen
umsah, das über das Handwerkszeug verfügte, je nach
Sachlage die von alliierter Kriegspropaganda geprägten Vorurteile
des Auslandes über die Deutschen zu kippen oder zu bestätigen.
Das Trümmerfeld Nürnberg ließ nicht nur den Chinesen
Xiao Qian, den die einstige Nazihochburg "als einzige von
allen europäischen Städten an Peking" erinnerte,
kurios wirkende Parallelen zur eigenen Heimat ziehen: "Die
Geschichte beider Städte hat zwei Seiten: In Peking gab es
die Zeit der Restauration unter Zhang Xun und die Studentenmorde
unter Duan Qirui. Aber es gibt auch eine Vielzahl kultureller
Kostbarkeiten. In Nürnberg ist es genau so."
Die Bilder, die die 33 von Radlmaier außgewählten BerichterstatterInnen
von den NürnbergerInnen und deren Einstellung gegenüber
dem Faschismus zeichnen, verblüffen in ihrer Ähnlichkeit.
Das Gros der internationalen BerichterstatterInnen widmet sich
der hinter dem Prozess lauernde Frage, ob eine Verurteilung der
Hauptkriegsverbrecher als Verurteilung nur von Individuen oder
von Stellvertretern und damit als Verurteilung einer Nation zu
werten ist. "Und wenn es nur noch wenige Deutsche gibt, die
fähig sind, zu denken, zu urteilen, zu begreifen, so sagen
wir an ihrer Statt: An den Ruinen Nürnbergs sind Jodl und
Funk, Baldur von Schirach und Rosenberg schuld," ruft Ilja
Ehrenburg der Öffentlichkeit jenes Landes zu, das als letztes
seine deutschen Kriegsgefangenen frei geben wird. "Sowohl
sie als auch diese jämmerliche Goebbelskreatur Fritzsche
sind schuld daran, daß die Deutschen verlernt haben zu denken,
zu urteilen, zu begreifen; sie sind schuld daran, daß inmitten
der Ruinen dieser Stadt Menschenruinen ohne Würde, ohne Zukunft,
ohne Gewissen herumwandern."
Ehrenburgs KollegInnen mögen pointierter formuliert haben,
doch auch etwa Michael Salzer vertrat im Toronto Star die für
die kleinen Leute entmündigende wie entschuldigende Theorie
von der Unfähigeit der Mehrheitsdeutschen zu politischem
Bewusstsein. "Geschieht ihnen recht", dokumentiert Salzer
in "Deutsches Schuldbewusstsein" die Meinung eines 33-jährigen
Kriegsheimkehrers über die Anklage der Hauptkriegsverbrecher.
"Ihretwegen habe ich beide Beine verloren." "Oh,
diese Nazis!", so eine Hausfrau weiter. "Natürlich
sind sie schuldig. Schauen Sie sich nur den Schlamassel an, den
sie uns beschert haben. Sie haben uns den Himmel auf Erden versprochen
und brachten uns statt dessen die Hölle." Moral? Der/die
Durchschnittsdeutsche, wie sie/er aufgrund der KorrespondentInnenberichte
in der ausländischen Presse charakterisiert ist, hält
die Nazis nicht wegen ihrer Kriegsverbrechen für schuldig,
sondern "weil sie den Krieg verloren" haben.
Wer Radlmaiers "Nürnberger Lernprozess" gelesen
hat, wundert sich nicht mehr über grobe Verstöße
der BRD-Gesellschaft wie Nachkriegskarrieren ehemaliger NS-Eliten
und eine Verschleppung von ZwangsarbeiterInnenentschädigungen
bis ins Jahr 2001. Interessant auch, wie es nach der Abreise der
KorrespondentInnen aus Nürnberg mit dem Deutschlandbild weiter
ging. Während sich in der Öffentlichkeit der Siegermächte
die leicht politisch instrumentalisierbare Kollektivschuld-Theorie
für ein gutes Jahrzehnt festsetzten sollte, verinnerlichte
ausgerechnet der westdeutsche Kulturbetrieb Ehrenburgs Einstellung:
Unfähig "zu denken, zu urteilen, zu begreifen".
Oskar Matzerath, Hauptfigur der "Blechtrommel" und damit
des bedeutendsten Romans der bundesrepublikanischen Nachkriegsliteratur,
ist die Personifikation eines Gestus, der MitläuferInnentum
als kindliches Unvermögen deutet, politische Auswirkungen
privater Lebensläufe zu erkennen.
Martin Droschke
Steffen Radlmaier (Hrsg.): Der Nürnberger Lernprozeß.
Von Kriegsverbrechern und Starreportern. Frankfurt (Eichborn)
2001. 368 Seiten, DM 49,50
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