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"Die Tages des Lebens sind wie Abgestandene Limonade"
Es soll ja Zeiten gegeben haben, da artikulierten junge Leute
ihre Begeisterung über einen Gedichtband, indem sie sich
hopp von der Brücke stürzten. Ödnis, Kummer und
Weltschmerz, ohjeh. Wäre Fun nicht das Motto dieser Tage,
besorgte Soziologen müssten die Medien mit Warnungen vor
Michel Houellebecq aufrütteln. "Jetzt ist mir alles
egal" lautet die Essenz seiner der Schönheit der Depression
gewidmeten Lyrik, die dem Alltag so gar keinen Reiz abgewinnen
will. Denn "Die Tage des Lebens sind wie/Abgestandene Limonade".
Übrigens: Auch die freien. Besorgte Soziologen müssten
eine Interessensgemeinschaft gründen. Zum Schutz der Jungleser
und der Autoren, denn die Regressforderungen trauernder Eltern
können "Blutbad/Komm zu mir her"-Houellebecq finanziell
ruinieren. Trotz immenser Einnahmen aufgrund depressiver Romanbestseller.
Beziehungsweise: Demenzprävention! "Wer vermag das
Meer zu überreden,/daß es vernünftig sein soll"
- Pablo Neruda schrieb Oden auf Stalin von Weltformat, schockiert,
weil postpubertäre Leser auf seinen "Aufenthalt auf
Erden" mit Suizidausbrüchen reagiert hatten. Weltformat
hat auch "Stumpfsinn der Existenz"-Houellebecq. Das
macht ihn doppelt gefährlich. Nur Druck von Seiten der Medien,
eventuell eine Indizierung des Todeswerks kann verhindern, dass
"eiskalte Montage" Houellebecq später auch ein
prodiktatorisches Thema in Verse keilt. Der Schrei der Jungen
nach Funsport und Apres-Ski jedenfalls wird mit jedem verkauften
Exemplar seiner Lyrik leiser. "Wie ein in ausgetrockneten
Boden gerammtes Kreuz/habe ich durchgehalten, mein Bruder",
ächzt der postpubertäre Leser. Hernach darf er seiner
Clique berichten, wie er sich vom Kind zum hartgesottenen Mann
hochgelesen hat: Nachdem"Der Sinn des Kampfes" von Houellebecq
überlebt hatte, gaben sie mir den Neruda-Sammelband "Der
unsichtbare Fluß" zum Durchsehen. Das Gedicht ist die
literarische Entsprechung des Initiationsritus, so steht es schon
bei Goethe geschrieben.
Martin Droschke
Michel Houellebecq: Der Sinn des Kampfes. Köln (DuMont)
2001. 217 S., ÖS 234.-
Pablo Neruda: Der unsichtbare Fluß. Gedichte 1923-1973. 267
S., ÖS 146.- (7 Schilling sind 1,- DM, d. S.)
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