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Lass rocken, Baby II

Mögliche Beobachtungen aus dem musikjournalistischen Alltag.
Ich geb´s ja zu: Das schlecht gezeichnete Teil auf dem
Iggy Pop-Plattencover (siehe letzte Raumzeit), war, wie sicher
einige von euch gemerkt haben, eine Revolvermündung. Ist
mir als - haha! - friedfertiger Frau natürlich kein bisschen
in den Sinn gekommen. Revolvermündungen gehören nicht
in meinen mentalen Aktivbildvorrat. Was verändert diese Deutung?
Klar: Die Cover-Frau bekommt einen erweiterten Handlungsspielraum,
schlägt als erste zu oder zurück, wirkt aktiv, gar bedrohlich
und gar nicht leicht zu haben oder zu besitzen, und natürlich
fallen mir nun Deutungen aus dem mentalen Archiv von Dr. Freud
ein: Vagina dentata und so. Aber diese Frau mit der vaginalen
Revolvermündung trefft ihr in der Regel nicht an der Bushaltestelle
oder in der Kneipe eurer Wahl. Und wenn doch, dann wollt ihr sie
wahrscheinlich auch nicht wirklich näher kennen lernen. Was
bleibt, ist immer noch ein mehrdeutiger Plattentitel - Beat ´em
up! - und die Zurichtung der Cover-Frau auf ein eben anderes Abziehbild.
Aber zu diesen ollen Methoden greift nicht nur der olle Iggy
gerne; diverse Rock- und Surfbands tun es und manche VeranstalterInnen
- auch aus einem als "alternativ" geltenden Spektrum
- finden gar nichts Dümmliches oder Frauen Herabsetzendes
dabei, mit Postern, auf denen Frauen in vergessen geglaubten Sex-Objekt-Posen
abgebildet sind, Werbung für Konzerte zu machen. Sollte sich
eine dran stören, dann ist das vielleicht ein persönliches
Problem dieser Frau. Wer hier weiterlesen will, soll sich das
aktuelle YOT schnappen - da schreibt Evi zu diesem Thema. Außerdem
könnt ihr auch mal im Interne www.melodiva.de
anklicken. Die Melodiva-Macherinnen machen u.a. darauf aufmerksam,
dass sexistische Werbung für Instrumente und Musikequipment
schick ist wie eh und je. Das sieht aus und funktioniert in etwa
wie Autowerbung. Dazu gab es ein Diskussionsforum, wo Mails männlicher
Absender zu lesen waren: a) Was findet ihr denn so schlimm daran,
Frauen? b) Warum schöne Körper nicht zeigen? Und c)
Frauen sind eben mal zur Zierde geschaffen und sollen uns durch
ihren Anblick das Leben (und den Verstärker? zumindest vor
dem Kauf) verschönern. (Leider, aber doch verständlicherweise
hat Melodiva dieses Forum neu gestaltet.)
Zwar weiß man/frau ja heutzutage nie, ob derlei Äußerungen
nicht schon ganz postmodern ironisch gemeint sind, aber ein den
Kritiken nach zu urteilen ziemlich doofes Buch wie "Männer.
Eine Spezies wird besichtigt" von Dietrich Schwanitz verkauft
sich ja auch. Die Kritikerin Hilal Szegin meint, der Grund läge
in den Strategien des Verkaufens und nicht daran, dass der Autor
männlich sei, aber "ich weiß man nicht," wie
Bärchen und die Milchbubis schon vor vielen Jahren sagten.
Denn in den hiesigen ganz normalen Tageszeitungen lese ich von
einem Auftritt einer jungen Jazzband im K 4 und zum Artikel gibt
es auch ein Bild. Das zeigt einen Schlagzeuger, einen Pianisten
und eine Bassistin. Der Autor zitiert im Bericht Äußerungen
des Sängers, der nicht abgebildet ist, und des Pianisten
und des Schlagzeugers. Die Bassistin scheint nur auf dem Bild
zu existieren. Wir erfahren weder ihren Namen, noch wird ein Satz
von ihr zitiert. Der Autor hat sich dabei sicher nichts gedacht.
Ein anderer Autor hat es wenige Wochen später sicher gut
gemeint: "Fesches Damen-Blech" überschreibt er
seine Konzertkritik zum Auftritt eines aus sechs Musikerinnen
bestehenden Blechblas-Ensembles. Und es bleibt offen, ob sich
Adjektive wie "kurios" und "extravagant" rein
auf die Musik beziehen oder nur deshalb eingesetzt werden, weil
hier eben "fesche, freche, attraktive, junge Damen"
musizieren. (Übung: Wir ersetzen mental das Wort "Damen"
durch "Herren".) Die Roma-Musikerinnen Romane Romnija
werden angekündigt mit dem musikalisch ungemein erhellenden
Begriff "geballte Frauenpower." Wie die wohl klingt?
(Übung: Wir sprechen 10x nach: geballte Männerpower
...)
Der Frauengesundheitsbericht stellt fest, dass Frauen immer noch
mehr Psychopharmaka konsumieren als Männer, die mehr Alkohol
trinken. 95% der an Bulimie und Magersucht Erkrankten sind Mädchen
und Frauen. Herzkrankheiten sind bei Frauen weniger erforscht
als bei Männern, Medikamente ungenügend getestet und
bei einem Schlaganfall werden Frauen später in die Klinik
gebracht als Männer. Es ist ja auch so, wie es in einer CD-Kritik
zu Afrob in einer überregionalen Zeitung heißt: "Weiße
Mittelstandskinder aus Hamburg oder Stuttgart tun nur gut daran,
ihren Binnenreim am lockeren Talk über die Freundin zu üben
anstatt an der Protestrhetorik der Entrechteten." Um die
Rapperin und Dichterin Ursula Rucker zu zitieren: "What???"
(Übung: Wir ersetzen mental: Kinder = Jungs = Rapper = Heterosexuell.
Freundin = Die da. Danke. Setzen.) Und dann konnte ich als alte
Feuilletonleserin einem Erinnnerungs-Essay von Frank Goosen nicht
rechtzeitig ausweichen. Er feierte die alte Verbundenheit von
Rock´n´Roll und Sex, wie sie ja angeblich heute (Techno.
Dekonstruktion. PostpostIrgendetwas) nicht mehr existiert. ("What???"
Ursula Rucker.)
Es ist ja okay, wenn er sich erinnert - an was erinnern sich
Frauen? Schreibt das keine auf oder will es niemand drucken? -
und klar war Sexualität in den 70ern tabuisiert und klar
ist es ganz toll, wenn jemand schreibt, wie oft er damals doch
onaniert hat (Revolution #9, #9, #9 ...) und dass es Sandy aus
Grease gab (Heilige) und Deborah Harry von Blondie (Hure). Ist
ja fast reflektiert, ist ja alles okay mit der musikalischen Sozialisationsstory,
klingt halt wie oben bei Iggy. Bloß dass Goosen dann auch
noch schreibt, wie er sich recht aktuell einen Blondie-Japan-Import
kauft. Und ihm zu der Musik nix besseres einfällt als einen
Ständer zu kriegen. Arme Deborah Harry. Hat frau etwas verändert/erreicht,
wenn sie auch noch mit etwa fünfzig (natürlich in der
nostalgisch verklärten Gestalt der damals 30jährigen)
die Wichsvorlage für einen mittelrangigen Autor ist? ...
Arme Leserin. Ist männlich-pubertäre Nostalgie denn
wirklich von so allgemeinem Interesse? Klar freuen sich jetzt
einige, dass es jetzt auch "echte Hingucker" für
(heterosexuelle) Frauen gibt. Wie Robbie Williams. Aber ändert
das strukturell irgendetwas oder wiederholt es denselben wahrlich
abgelutschten Mist nicht nur ins Unendliche?
Eine Musikzeitschrift, die ihr umsonst mitnehmen könnt,
kritisiert das Rap/Produzenten-Duo Nerds/Neptunes am Ende eines
längeren Artikels u.a. aufgrund eines ziemlich pornographischen
Videos als sexistisch. Die Zeitschrift hat die Nerds trotzdem
auf dem Titel und verlost ihre CD für jene, die Angst haben,
die Zeitschrift nirgendwo zu finden und sie deshalb abonnieren
möchten. Eine andere Zeitschrift, die mal wegweisend im Dickicht
des kritischen Popdiskurses war, hat das Video auf die der Zeitschrift
nunmehr zur Verkaufsförderung beiliegenden CD mitaufgenommen.
Ein Leserbriefschreiber, der den Pseudofeminismus der erstgenannten
Zeitschrift kritisiert, erhält u.a. folgendes zur Antwort:
"In Bezug auf das Dilemma der frauenfeindlichen Tendenzen
im HipHop kann *** meiner Meinung nach aber letztendlich nur die
Ambivalenz beschreiben, die ja auch dem Hörer da draußen
nicht unbekannt ist. Und wenn nicht, dann liest er nun davon.
Aber die Ächtung eines Genres mit der bloßen Herausstellung
von Conscious-HipHop als zu lobende und zu streichelnde Ausdrucksform
halten wir für einfach kontraproduktiv, da hier ja nur ein
eurozentristischer Humanismus zum Maß aller Dinge gemacht
wird. Ein solcher Chauvinismus muss speziell natürlich bei
HipHop scheitern." ("What???" Ursula Rucker).
Eine Story über Ursula Rucker findet sich übrigens
im selben Heft. (Ich nenne keine Zeitschriftennamen, weil alle
gleich und austauschbar sind, was Themen wie Sexismus und Feminismus
betrifft). Ursula Rucker selbst, übrigens Italo-Afroamerikanerin,
fordert von ihren Kollegen bewusste Texte (Eurozentrismus - "What???"):
"It´s a crime that in your rhyme you can't be both consistent,
as well as diverse. In one line you fight adversity, the next
find you perverse and shitty with your verse, she reduced to ass
and titty ... Well, how about talking about the injustices, the
numbers, the blunders of black males in jail, or why not speak
truth about our misguided youth, their daily dying from thugging
and drug selling that leaves them yelling from behind bars far
... from the glamour you pimp - leaving scars with that dope cut,
you might as well be saying fuck the masses as long as my ass
is getting paid." ("What???" Ursula Rucker)
Die relative Bedeutung, die der Künstlerin Ursula Rucker
und ihrem Album Supasista in vielen derzeit aktuellen Zeitschriftenartikeln
eingeräumt wird, zeigt sich so schon im Ansatz als Hype,
als Pose: "Diese Frau scheint wichtig zu sein, ihr Label
ist in, da muss was ins Heft." Aber in Wirklichkeit interessieren
sich die Zeitschriftenmacher gar richtig nicht für das, was
Ursula Rucker sagt. Und so ist das auch mit irgendwelchen Musikerinnen
gewidmeten Extraausgaben oder wenn ihr, die ihr hier noch mitlest,
vielleicht grad stöhnt, "Immer dieses Gejammer - das
ist doch völlig out." Feminismus als Pose, Riot Grrrl
als lang vergangener Hype? Hat nur Wirkung, was gerade Mode ist?
"Funktioniert eine Haltung, die Frauenfeindlichkeit zumindest
wahrnimmt also nur, wenn sie auch hip ist? Muss ich mich, wenn
ich feministische Kritik an jemandem übe, hinter einem toughen
aber sexy Augenaufschlag verbergen? Das wird dann zwar angehört,
aber wie effektiv ist das? Sonst, so meine Erfahrung auch in den
ach so politisch bewussten Kreisen, kommt der Zeigefinger nur
als miesepetrig rüber und du selbst als Spaßbremse.Das
läuft dann meist so ab, dass sich dein/e GesprächspartnerIn
sich dir nach der deiner Meinung nach angebrachten Kritik als
GesprächspartnerIn entzieht und dich mit diesem leicht angenervten
"Ach, eine Feministin-Blick" ansieht. Und dann geht
es plötzlich gar nicht mehr um das angesprochene Thema, sondern
nur noch darum, wo du stehst und eine Auseinandersetzung ist leider
meist unerwünscht. Eine andere Möglichkeit wäre
es, immer wieder die Augen zuzumachen und Kritik nicht persönlich
werden zu lassen oder anzubringen, sondern reflektiert und überarbeitet,
distanziert ... Deswegen dachte ich mir: Warum nicht einmal eine
weitere Position ans Ende stellen: Die Bewusste Resignation, ohne
Verbitterung natürlich. Es ist eben einfach so. Kann man
nichts machen ..."
Wo Evi H. recht hat, hat sie recht.
Und jetzt sacht bloß nicht, dass ihr damit auch nicht zufrieden
seid ...
Tine Plesch
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