"Krieg ist keine Lösung"
Am letzten Septemberwochenende fanden in Washington und anderen
amerikanischen Städten Friedensdemonstrationen statt. In
New York hatte es schon wenige Tage nach den Anschlägen eine
Demonstration von 10.000 Menschen gegeben, die sich im Central
Park mit einem Zug von MigrantInnen zu einer gemeinsamen Abschlusskundgebung
traf. In Washington waren es ähnlich viele. Presseberichten
zu Folge musste die Polizei Zusammenstöße mit GegendemonstrantInnen
verhindern, die forderten: "Gerechtigkeit für 6.500
Amerikaner und Menschen aus mehr als 70 Ländern, die ermordet
wurden"
Die raumzeit sprach vor den Demonstrationen mit Richard Becker,
Aktivist des
IAC des International Action Centers in Washington
rz: Welche Reaktionen und Diskussionen haben die
Ereignisse in New York und Washington innerhalb der Linken hervorgerufen,
speziell in Washington?
Richard Becker: Natürlich waren wir, wie alle in der
Welt, schockiert über die Flugzeuge, die in die Türme
des World Trade Center gesteuert wurden. Wir vom IAC planten zu
diesem Zeitpunkt gerade eine Demonstration in Washington für
Ende September gegen die Bush-Regierung und das Treffen von Weltbank
und Internationalem Währungsfond. Wir entschieden, nachdem
wir uns mit AktivistInnen im ganzen Land beraten hatten, mit der
Vorbereitung weiter zu machen. Wir beschlossen auf dieser Demonstration
zu betonen, dass Krieg und Rassismus nicht die richtigen Antworten
auf die Krise sind, die wir gerade erleben. Allerdings vertreten
wir im Moment mit dieser Meinung nur eine Minderheit in den USA.
rz: Heißt das, du würdest sagen, dass die Mehrzahl
der AmerikanerInnen die Politik von Georg Bush unterstützt
und in der Stimmung für einen Krieg ist?
Richard Becker: Wenn man die großen Zeitungen und
die Massenmedien in Amerika aufmerksam verfolgt, könnte man
denken, dass wirklich niemand anderer Meinung ist. Wir glauben,
dass im Moment die Mehrheit der Bevölkerung die Bush-Regierung
unterstützt, weil sie auch gar keine andere Meinungen gehört
haben. Und unser Ziel ist es eine andere Seite zu vertreten und
ihr Gehör zu verschaffen. Einen gewissen Erfolg hatten wir
schon mit unserem Versuch eben in diesen Mainstream der Medien
einzubrechen. Und unsere Demonstration vom 29. September soll
den Menschen zeigen, dass es noch eine andere Position gibt, die
legitim ist.
rz: Hier in Deutschland gibt es eine breite Zustimmung
zu neuen Formen der rassistischen Diskriminierung, d.h. jedeR,
der/die "arabisch aussieht", leidet unter diesen rassistischen
Vorurteilen, die durch die Terrorakte in New York und Washington
geschaffen wurden. Wie sieht dies in den USA aus?
Richard Becker: Das sind genau die Worte, mit denen wir
die Situation hier beschreiben würden. Jeder von dem vermutet
wird, dass er Araber oder Moslem sein könnte, ist ein potentielles
Opfer von Angriffen oder Belästigungen. Es ist ihr Krieg,
den sie zum Anlass nehmen, dass man es einfach in Ordung finden
soll, rassistische Zuschreibungen zu machen, Araber, Muslime,
Inder und andere MigrantInnen zu diskriminieren - nach dem Motto:
Wir müssen alle Einschränkungen unserer bürgerlichen
Rechte hinnehmen. Das schafft die Einigkeit innerhalb der Bevölkerung.
Rassistische Zuschreibungen haben dazu geführt, dass Menschen
verweigert wurde Flugzeuge zu besteigen oder Menschen aus Flugzeugen
herausgeholt wurden. 350 Leute mindestens, die genaue Zahl kennen
wir nicht, sitzen derzeit im Gefängnis ohne Anklage, die
meisten von ihnen sind Menschen mit arabischen Namen. Das ist
wirklich eine sehr ernste Situation. Und was sie noch ernster
macht ist, dass alle Medien, auch die liberalen wie das "National
Public Radio" dieses Vorgehen legitimieren und behaupten,
dies sei die einzig legitime Vorgehensweise in dieser Situation.
Wir glauben allerdings nicht, dass dies legitim ist. Es ist schrecklich,
es ist rassistisch. Das ist genau das gleiche, was während
des 2. Weltkriegs passiert ist, als Menschen mit einem "japanischen
Aussehen" in Lager gesperrt wurden. Dies ist eine sehr bedrohliche
rassistische Kampagne.
rz: In Deutschland und Europa gab es Stimmen, die vor einer
neuen "Mc-Carthy-Ära" in den USA warnten. Wie siehst
du das?
Richard Becker: Dieses Thema ist eines unserer Hauptanliegen.
Wir haben eine neue internationale Koalition gebildet, die "answer"
heißt. Dies ist eine Abkürzung für "act now
to stop war and racism". Für interessierte Leute haben
wir eine Web-seite, die "international answer" heißt.
Wir glauben, dass die Regierung und Machtzirkel in den USA diese
Krise nützen, ihren Vorteil aus der Tragödie ziehen,
um Gesetze gegen Persönlichkeitsrechte durchzusetzen. Wir
haben als einen Teil dieser Koalition eine spezielle Untergruppe
von sehr guten Anwälten, die sich auf diesen Aspekt konzentrieren.
rz: Etliche Initiativen haben für das letzte Wochenende
im September Demonstrationen in ganz Amerika angemeldet. Wie stark
glaubst du ist die Anti-Kriegs-Bewegung im Moment?
Richard Becker: Sie ist erstaunlich stark. Wir sind selbst
überrascht. Es ist lange her, dass ein Krieg auf amerikanischem
Boden stattfand. So lange, dass niemand mehr lebt, der sich daran
erinnert. Viele Menschen in den USA konnten bis jetzt einfach
sagen: "Lasst uns dieses oder jenes Land bombardieren",
da sie die Realität nicht sahen. Und diese Realität
ereilte sie am 11. September. Zuerst herrschte Schweigen im ganzen
Land, aber sehr schnell, vor allem in New York, obwohl doch dort
die schlimmsten Dinge passierten, wurde klar, dass es Leute gab
- und das waren nicht wenige - die sagten: Krieg kann nicht
die Antwort sein! Auch nicht Rassismus! Araber sind nicht unsere
Feinde!'
Das war natürlich nicht einhellige Meinung, aber wir waren
erstaunt, wieviele dies sagten.
rz: Welche internationalen Kontakte hat die IAC?
Richard Becker: Wir haben sehr viel Zeit und Arbeit darauf
verwendet in Kontakt mit gleichgesinnten Organisationen weltweit
zu treten. Wir waren letzten Juni in Berlin, um die IAC auf einem
europaweiten Tribunal gegen die USA und den Krieg in Jugoslawien
zu vertreten. Wolfgang Richter und Admiral Schmelling waren zwei
Leute, die unseren Appell unterschrieben haben. Und wir glauben,
dass diese internationalen Kontakte sehr wichtig sind, und unsere
Bewegung gegen Krieg und Rassismus stärken.
Das Interview führte Ron Steinke
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