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Die
Gewalt geht vom Volke aus
Italiens Regierung klärt die Schuldfrage
Eineinhalb Monate nach dem G8-Gipfel in Genua ist nun die parlamentarische
Untersuchungskommission abgeschlossen worden. Das Ergebnis lässt
sich leicht zusammenfassen: Bis auf wenige Ausnahmen kann von
keinem Fehlverhalten der Polizei gesprochen werden, dagegen wird
festgehalten, dass das GSF (Genua Sozial Forum) einen großen
Teil der Verantwortung mitträgt, da es die gewalttätigen
DemonstrantInnen geschützt habe - so die abschließende
Bewertung der Kommission.
Angesichts der derzeitigen Mehrheitsverhältnisse im Parlament
und der bisherigen Aussagen der Regierung unter Silvio Berlusconi
verwundert diese Einschätzung kaum. Bereits in einer ersten
Reaktion tags nach dem Gipfel sprachen Berlusconi, Außenminister
Ruggiero und Vizepremier Fini der Polizei ihr volles Vertrauen
aus - und Fini unterstrich, wie verhängnisvoll es wäre,
jetzt Handlungen einer Polizei zu kritisieren, die zum Ziel
von zielgerichteten Aggressionen wurde. Gleichzeitig warf
Berlusconi dem GSF vor, nichts gegen eine Unterwanderung
durch den black bloc unternommen zu haben und somit
für die Eskalationen verantwortlich zu sein. Worte des Mitgefühls
mit den verletzten DemonstrantInnen fand Berlusconi nur spärlich,
dafür beeilte er sich, darauf hinzuweisen, dass die Struktur
des Polizeiapparates ein Nachlass der vorherigen Regierung sei
- welche sich also mit Kritik zurückhalten sollte.
Staatliches Gewaltmonopol
Vermutlich aufgrund der brutalen Räumung der Schule Diaz
verstummten die kritischen Stimmen in den nächsten Wochen
jedoch nicht so schnell, wie es sich die Regierung gewünscht
hätte. Dass der Misstrauensantrag gegen Innenminister Scajola
scheitern müsste, war aufgrund der Stimmenmehrheit der Regierungskoalition
im Parlament von vornherein klar. Nach einem langen Ringen um
die Frage, ob und wie die an der Räumung der Schule beteiligten
Beamten belangt werden sollen, sind ihnen schließlich Ermittlungsbescheide
zugegangen; seit Ende August finden die Befragungen der Polizisten
statt.
In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Anfang August Mitschnitte
einer Besprechung zwischen der zentralen Einsatzleitung und der
beteiligten Polizeieinheit auftauchten. Das planmäßige
Vorgehen der Polizei belegen Sätze wie Zerstören
wir dort alles. Bereits vor Beginn des brutalen Überfalls
auf die Schule wurden die Rettungsdienste angewiesen, sich auf
einen Einsatz dort vorzubereiten.
In der weiteren Auseinandersetzung um die Ereignisse in Genua
weicht die Regierung nicht von der Aussage ab, dass das Handeln
der Polizei legitim und die Schuld für die Eskalation bei
den gewalttätigen Demonstranten zu suchen sei.
Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine kriegsähnliche
Situation gehandelt habe und die Polizei unglaublichen Belastungen
ausgesetzt gewesen sei - wie z.B. stundenlanges Stehen im
Tränengasnebel ...
Medien- und Regierungschef Berlusconi nutzt seine Manipulationsmacht:
seine erste Parlamentsansprache kurz nach Beendigung des Gipfels
wird im Fernsehen bildgewaltig untermalt. Während seine Stimme
davon spricht, dass die Polizei richtig gehandelt habe, laufen
über den Bildschirm die Bilder von brennenden Autos und verwüsteten
Straßen.
Geordnete Bahnen
Knapp vier Wochen nach Gipfelende erneuert der Innenminister
seine Vorwürfe an das GSF wegen der Deckung von Gewalttätern
und geht noch einen Schritt weiter: Um eine Eskalation wie in
Genua zu vermeiden, fordert er die friedlichen DemonstrantInnen
auf, selber einen Ordnungsdienst zu stellen und somit gewalttätige
DemonstrantInnen von Demonstrationen fernzuhalten. Es sind
die Demonstranten, die diejenigen anzeigen müssen, die sich
bei ihnen einschleichen. Die Regierung hat die Pflicht, die öffentliche
Ordnung zu garantieren, aber dafür braucht es ein politisches
Einvernehmen. (...) Wenn es keine klare Verurteilung der Gewalt
gibt, wird es in Zukunft nicht anders als in Genua ablaufen.
Der Sprecher des GSF, Agnoletto, kommentierte diese Forderung
mit den Worten, dass eine "pazifistische Bewegung einen solchen
Ordnungsdienst niemals aufbauen wird".
Wehrhafter Staat
Unterdessen nimmt die Repression in Italien immer härtere
Formen an.
Insgesamt spricht die Digos (politische Polizei) davon, dass mindestens
hundert Leute aufgrund von Filmmaterial identifizierbar seien.
Darunter diejenigen, die sich mit Carlo Giuliani um den Jeep herum
befunden haben. Ein Mensch aus Genua ist bereits wegen versuchten
Mordes verhaftet und unter Hausarrest gestellt worden.
Ebenfalls aufgrund von Filmaufnahmen sind im August zwei Leute
aus dem Umfeld eines Centro Sociale in Turin verhaftet worden.
Ihnen wird vorgeworfen, einen Kleintransporter gefahren zu haben,
aus dem heraus Waffen an den black bloc
verteilt wurden. Der Hausarrest, in den sie zwischenzeitlich überstellt
worden sind, wurde Ende September rechtskräftig verlängert.
Bezugnehmend auf andere Ereignisse erfolgten Mitte September 100
Razzien und 60 Festnahmen in ganz Italien. Eine Woche später
wurden in Florenz Wohnungen und Arbeitsstellen durchsucht. Staatsanwälte
ermitteln nun gegen 8 Personen u.a. wg. Subversive Vereinigung
und versuchtem Mord.
Kathrin Wechsler
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