We're not with you, Mr Bush!
Christoph Spehr ist Mitarbeiter der "alaska - Zeitschrift
für Internationalismus" und freier Autor. Nach den Anschlägen
in den USA veröffentlichte er die "7
Thesen zur Lage"
Es ist schwer sich vorzustellen, man lebte in einer Stadt, deren
Zentrum vor drei Wochen niedergebombt wurde. Sechstausend Tote
innerhalb von einer Stunde. Sicher, die Opfer von Hunger und Elend
zählen stiller; aber die schiere Zahl der Toten durch einen
gewaltsamen Anschlag würde überall auf der Welt als
Massaker bezeichnet, auch wenn es sich in der Dritten Welt ereignete.
Der Anschlag auf das World Trade Center trägt eine faschistische
Handschrift: das Prinzip, so viele Menschen wie möglich mit
einem Schlag umzubringen, alles ZivilistInnen, um Chaos und Krieg
zu provozieren, was den eigenen Interessen in die Hände spielt.
Aber wo auch immer auf der Welt sich ein solches Massaker ereignen
würde, die internationale Gemeinschaft wäre bestrebt,
Vergeltungsschläge zu verhindern, die den Ausbruch eines
Krieges bedeuten würden - zumal in einer Region, die ohnehin
von mörderischen Spannungen durchzogen ist und in der mehrere
Staaten über Atomwaffen verfügen. Rache ist keine Rechtfertigung.
Bomben sind keine Lösung. Die Vergeltungsschläge von
morgen sind die Selbstmordattentate von übermorgen.
Die Regierungen der USA und der NATO können sich nicht darauf
berufen, es gäbe in ihren Bevölkerungen eine Stimmung
für den Krieg. Die öffentliche Meinung und die Menschen
selbst machen deutlich, dass ihnen die Risiken wohl bewusst sind.
Vielen ist auch erschreckend klar geworden, dass unsere Regierungen
seit Jahrzehnten eine Politik im Mittleren Osten betreiben, die
von zynischem Machtstreben bestimmt ist und Gefahren für
uns selbst leichtfertig in Kauf nimmt. Für viele Menschen
in dieser Region ist es leicht, sich vorzustellen, sie lebten
in einer Stadt, deren Zentrum niedergebombt wurde: sie tun es
nämlich tatsächlich. 1986 Lybien, 1991 (und seither
immer wieder) Irak, 1998 Sudan und Afghanistan, lautet die Liste
der US-Bombardements. Die schon jetzt fast vollständige Zerstörung
Afghanistans ist auch ein Ergebnis der westlichen Politik, islamistische
Gruppen militärisch aufzurüsten und wieder fallen zu
lassen, wenn sie sich gegen diese Politik wandten. Allzu deutlich
ist, dass es dem Westen nur um das Öl und um die militärische
Kontrolle einer geostrategisch wichtigen Region geht.
Wo eine Veränderung dieser Politik angesagt wäre, antwortet
der Westen mit ihrer dramatischen Übersteigerung. Die Grenzen
zwischen Militär, Polizei, Geheimdiensten und ökonomischer
Politik sollen aufgehoben werden, so Bush. Die "new benchmark",
die Messlatte, nach der die USA ihre Politik gegenüber anderen
Ländern ausrichten, bestehe jetzt in der Unterstützung
ihrer militärischen Operation gegen Afghanistan, so Powell.
Der 10-Jahres-Plan "gegen den Terrorismus", der militärische,
ökonomische und politische Interventionen umfassen soll,
also die faktische Weltinnenpolitik der nächsten Dekade,
wird von einer Handvoll Kriegskabinette beschlossen. Vielleicht
20 Leute entscheiden über das Schicksal der Welt. Kritik
und Widerstand dagegen soll mit innerer Aufrüstung begegnet
werden, eine Runde von Notstandsgesetzen wird vorbereitet. Genua
hoch zehn.
Die westlichen Militärschläge werden kommen. Nur weltweiter
Protest wird sie begrenzen können, wird verhindern können,
dass die Gelegenheit für ein militärisches Großreinemachen
in der Region genutzt wird. Wem das Leben wirklich wichtig ist
- das anderer Menschen, das eigene, das unserer Kinder -, wichtiger
als verletzte Großmachtsehre und archaische Blutrache im
High-Tech-Gewand, der geht jetzt demonstrieren. Gegen den Angriffskrieg
des Westens. We're not with you, Mr. Bush.
Christoph Spehr
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