Vorkriegszeit oder: es kommt ein langer Krieg, der aussieht, als ob er keiner sei
1. Zuerst die Trauer, dann der angekündigte Krieg
Der Schock über die brutalen Mega-Anschläge von New
York und Washington steckt uns allen immer noch in den Knochen.
Wahrscheinlich wurden über 6000 Menschen ermordet. Die Trauer
über diesen Wahnsinnsakt überwog tagelang alles andere.
Doch dann mischte sich in diese Trauer Stück für Stück
Wut und Fassungslosigkeit über die Aktionen der Regierenden
in den USA, in der NATO und in Deutschland. Die weltpolitische
Lage hat sich nun grundlegend geändert. Der 11. September
2001 ist wohl ein wesentlicher Wendepunkt der Weltpolitik hin
zu mehr Gewalt. Jetzt kommt der "erste Krieg des 21. Jahrhunderts",
"der Kampf Gut gegen Böse", dieser sei ein "langer
Kreuzzug", ein "weltweiter Feldzug", so der "ungewählte"
Präsident der USA George W. Bush.
2. Dieser lange Krieg tut so, als ob er keiner sei oder was
ist das Kommando Spezialkräfte?
Es herrscht Vorkriegszeit. Doch Achtung! Die Regierenden sagen,
es kommt ein langer Krieg. Damit ist zu rechnen. Doch dieser lange
Krieg tut so, als ob er keiner sei. Spezialtruppen aus den USA
und Großbritannien agieren schon in Afghanistan. Uns wird
hier - via der meisten Medien - vermittelt Kommandoaktionen seien
eine problemlose Sache. Die ersten früheren Kriegsgegner/innen,
wie Bärbel Höhn (Bündnis 90/Die Grünen) oder
Gregor Gysi und Dietmar Bartsch von der PDS unterstützen
solche Kommandounternehmen. Bundesregierung und Bundestag wollen
entsprechend ihrer Beschlüsse, dass die Bundeswehr an militärischen
Vergeltungsaktionen teilnimmt. Dazu wurde ein zweistufiges Vorgehen
gewählt: Zuerst gab es einen Bundestagsbeschluss, der im
Grunde genommen alles offen lässt, und später wird dann
ein weiterer "nachgeschoben".
Im jetzigen Bundestagsbeschluss heißt es bezüglich
einer Unterstützung der USA u.a.: "Dazu zählen
politische und wirtschaftliche Unterstützung sowie die Bereitstellung
geeigneter militärischer Fähigkeiten zur Bekämpfung
des internationalen Terrorismus. Über diese Maßnahmen
ist nach Kenntnis der amerikanischen Unterstützungswünsche
in eigener Verantwortung und gemäß der verfassungsrechtlichen
Vorgaben zu entscheiden." Diese Satz ist es wert genau analysiert
zu werden. Die meisten interpretierten diesen Satz so, dass er
noch nicht einen Beschluss über einen Einsatz der Bundeswehr
bedeute. Dem ist leider nicht so. Denn es ist der Einsatz der
Elitekampftruppe "Kommando Spezialkräfte" (KSK)
geplant. Die US-Regierung soll um eine Unterstützung durch
diese Kampftruppe gebeten haben.
Diese KSK-Truppe wurde schon mehrfach ohne Parlamentsbeschluss
z.B. in Bosnien und im Kosovo eingesetzt. Nun also Afghanistan?
Vom Justizministerium hieß es, dass die vom Bundesverfassungsgericht
für Bundeswehreinsätze formulierte Ausnahmeregelung
"bei Gefahr im Verzug" sich auf solche Fälle wie
die jetzt drohenden KSK-Einsätze und die damit einhergehende
mögliche Gefährdung der eingesetzten Soldaten beziehe.
Das ist zwar eine Uminterpretation des Verfassungsgerichtsurteils,
aber wen interessiert das jetzt schon?
Der KSK-Kommandeur Brigadegeneral Reinhard Günzel hat in
einem Interview mit "Spiegel-online" gesagt, er hielte
eine Ergreifung Bin Ladens "ohne erhebliche eigene Verluste
in Kauf zu nehmen, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt
für so gut wie unmöglich". Dies sei "unter
Spezialkräften Amerikas, Israels, Frankreichs und Großbritanniens
weitgehend übereinstimmende Auffassung." Er befürchte
bei einem KSK-Einsatz in Afghanistan ein Blutbad.
Saubere Kommandounternehmen sind ein Mythos, sie sind nur eine
weniger öffentliche Form der Kriegsführung. Blutig sind
sie allemal. Der lange Krieg sieht nicht aus wie Krieg, ist es
aber.
3. Die neue Friedensbewegung
Die neue Friedensbewegung ist im wachsen. Sehr gut. Ich weiß
mit wem ich etwas gemeinsam habe: mit den Menschen die weltweit
gegen den angekündigten Kreuzzug Bushs demonstrieren. Besonders
denke ich in diesen Tagen an meine, unsere US-amerikanischen Friedens-Freunde.
Sie haben eine Herkulesaufgabe zu leisten. Sie sind - im Sinne
der Zentrums-Peripherie-Theorie (bezogen auf Politik und Wirtschaft)
- mitten "im Zentrum".
Dass in Deutschland viele gegen den Krieg auf die Straßen
gehen, dafür haben wir hier die Verantwortung. Wir sind "leider"
nach den USA und mit Großbritannien und Frankreich das nächste
"Zentrum". Wir haben also viel zu tun, die nächste
Zeit.
Antikriegsaktionen wie Mahnwachen, Demonstrationen, Kundgebungen,
Blockaden von Militärstützpunkten, Aufrufe zur Kriegsdienstverweigerung
und Desertion sind notwendig. Geht zu den bundesweiten Demonstrationen!
Ganz konkret müssten Demonstrationen und Blockaden stattfinden
in Calw an der Kaserne des Kommando Spezialkräfte (KSK) und
der Einsatzzentrale für die europäischen US-Truppen
(EUCOM) in Stuttgart-Vaihingen, zugleich Sitz der Special Operation
Command Europe (Soceur), also der Befehlszentrale der US-Truppen
für Spezialoperationen.
"Die Militaristen irren. Es ist gar nicht die Aufgabe der
Pazifisten, sie zu überzeugen - sie sollen vielmehr in einem
Kampf, der kein Krieg ist, besiegt, nämlich daran gehindert
werden, über fremdes, ihnen nicht gehöriges Leben zu
verfügen. Man mache sie unschädlich; einzusehen brauchen
sie gar nichts. Ich bin für militaristischen Pazifismus."
(Kurt Tucholsky)
Tobias Pflüger
Vorstand der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
Bei IMI gibt es weitere Informationen zur Militarisierung der
Europäischen Union, zur Bundeswehrentwicklung, zur NATO und
zukünftigen Kriegen: IMI: Hechingerstraße 203, 72072
Tübingen, Telefon: 07071-49154, Fax: 07071-49159, e-mail:
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