Ring the alarm or your sold to dying - vom 'Terror', unseren 'Grundrechten' und einem Raumschiffkapitän
Eine Explosion, ein Terroranschlag, ein Schuldiger wird schnell
aufgegriffen. Es wird vermutet, dass er nicht alleine war. Ein
weiterer Mann wird aufgrund der Tatsache, dass er Kontakt zu ihm
hatte, zum Verdächtigen.
Schuldannahme. Eine Verhandlung, bei der sein ganzes Leben
so umgekrempelt und ausgebreitet wird, dass sich bei jedem Menschen
Elemente finden würden, die als Hinweis auf die Schuld dienen
könnten. Menschen mit derselben Nationalität wie der
bereits überführte Täter werden per se mit Misstrauen
behandelt. Die Verdachtsmomente gegen den Angeklagten verhärten
sich, als Geheimdienste herausfinden, dass einer seiner Vorfahren
die Nationalität der Verdachtsgruppe hatte. Nun soll er nicht
nur extrem bewacht, sondern auch in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt
werden - ohne irgendeine Beweisgrundlage: 'unschuldig bis das
Gegenteil bewiesen ist' war einmal.
Geht es hier um die Verfolgung der Terroristen vom 11. September?
Um Richter Schill und seine gebeugte Beugehaft? Bei dessen Handhabung
der Gesetzesbücher das Wort 'Rechts-extrem' eine ganz eigene
Bedeutung bekommt? Lassen wir das noch offen.
Als der Angeklagte sich schließlich verzweifelt auf sein
Recht, die Aussage zu verweigern, beruft, scheint seine Schuld
endgültig festzustehen: "Wenn er nichts zu verbergen
hätte, dann müsste er auch nicht schweigen." Dieser
Satz erinnerte mich an die Kommentare auf der 'waslos.de'-Website
(ein Veranstaltungskalender), auf die mich ein Bekannter aufmerksam
machte. Dort läuft eine Umfrage zum Thema 'Das Ende der Bürgerrechte?'.
Auszüge: "Wer nichts zu verbergen hat braucht auch nichts
zu befürchten!" - "Man muss doch nur in die Welt
hinaussehen um zu merken was los ist. Die Länder haben schon
seit langem die Kontrolle darüber verloren, für Ruhe
zu sorgen. Jetzt muss man eben mit härteren Maßnahmen
durchgreifen." - "Sicherheit kostet Freiheit."
- "Hier in Deutschland hat der Normalbürger durch den
Staatsschutz nichts zu befürchten. Doch wer sich in staats-
oder menschenfeindlichen Gruppierungen engagiert, soll sich nicht
wundern bzw. wird sich hoffentlich wundern, egal in welcher Hinsicht
radikal, ob nun rechts, links, oder in religiöser Hinsicht!"
- "Die Bürger, die nichts ausgefressen haben, können
ja beruhigt weitermachen. Wenn es der internen Sicherheit dient,
wovon ich absolut überzeugt bin, dann sofort einführen.
Außerdem reicht es für diese Fälle, wenn alle Islamer,
Moslemer und sonstige von denen kontinuierlich überprüft
wird!" - "Außerdem sollte jeder Südlander
(islamisch zugehöriger!) zuerst als potentieller Terrorist
behandelt werden, bis das Gegenteil festgestellt ist.
Bis zu dem Zeitpunkt mit der Hand an der Waffe ins Achtung gestellt.
Dafür ist eine große Datenbank mit entsprechender Überwachung
notwendig, in der ALLE nicht-deutschen Bürger erfasst werden.
Selbstverständlich alle Überwachungsergebnisse auch
mitspeichern. Die Ausländer, die nichts anstellen, haben
dann ja auch nichts zu befürchten!!!" - "Ich bin
sehr dafür, zumal das für den 'Normalbürger' eine
gewisse Sicherheit ist. Vor allem bei Einwanderern sollten strengere
Überprüfungen durchgeführt werden. Dem internationalen
Terrorismus muss der Garaus gemacht werden! Und am besten auch
jenen pseudointellektuellen Klugscheißern, die derartige
Maßnahmen verdammen! " - "Diejenigen , die derartige
Maßnahmen als einen Eingriff in ihre Grundrechte betrachten,
sind Kriminelle. Da denke ich mal, unsere Führung hat viel
zu lange geschlafen und der Kampf unserer Sicherheitsorgane wurde
bloß nach rechts ausgerichtet. Die anderen Gefahren, wie
eingeschlepptes Gedankengut und undurchsichtige Relegionen der
'Asylbewerber' (Wirtschaftsflüchtlinge) wurde nie berücksichtigt.
Derjenige welcher sich nichts zu schulden kommen lässt braucht
ja wohl auch nichts zu befürchten, oder??!!??"
Als 'pseudointellektuelle Klugscheißerin' und 'Kriminelle'
erfüllt es mich mit tiefem Erstaunen und
Fassungslosigkeit, wie schnell sich eine breite Bevölkerung
als rassistisch outet und bereitwillig ihre Grundrechte aufgeben
würde, wenn sie um ihren Allerwertesten fürchtet.
"it's all about strikes now so here's what's striking me
that some punk could argue some moral abc's when people are catching
what bombers release i'm on a mission to never agree" (fugazi,
argument)
Was vielleicht mit am meisten zur Verunsicherung der Menschen
beitrug, ist der Einschnitt im Verhältnis zwischen Fiktion
und Realität: zu erleben, wie die Realität die Fiktion
einholt, und die Angreifbarkeit der westlichen Welt beweist. Die
sichere Perspektive, von der aus wir westlich-verwöhnt und
distanziert auf die meisten anderen Terrorattentate oder auf zu
unserer Unterhaltung inszenierte Katastrophenszenarios in Hollywoodfilmen
blickten, wurde angekratzt. Dank Dolby Surround und ähnlichen
Reality-Effekten wurden wir zwar 'auf so etwas vorbereitet'. Aber
wenn wir nun auch noch filmreif reagieren, indem wir uns in einen
blinden Krieg stürzen und unsere Grundrechte aufgeben, dann
geht das zu weit. Warum jetzt das Schicksal in die Hände
von Regierungen legen, wenn sie vor diesen Ereignissen auch kritisch
betrachtet wurde? Aus Angst? Aus Angst. Und die Presseberichterstattung
hat die Furcht, die viele Menschen diese Tage beherrscht, mitzuverantworten:
Angst wurde geschürt, denn Angst bringt Auflagen und Einschaltquoten:
In den ersten Tagen wirkten noch die Bilder alleine, dann wurden
sie um des Effektes willen mit rührseliger Musik unterlegt.
Kaum hatte sich die erste Erregung über die Attacken gelegt,
schoben viele Medien malerische Berichte darüber nach, was
denn wäre, wenn ein Flugzeug einen Atomreaktor rammen würde
oder wenn chemische oder biologische Waffen zum Einsatz kämen.
Der Erfolg: In den Staaten werden völlig paranoid Menschen,
die dem jahrelang eingebläuten Klischee des arabischen Aussehens
nahekommen, verfolgt. PilotInnen weigern sich mit Menschen dieses
Aussehens ihre Flugzeuge zu starten, unfähig Unterschiede
zu machen. So weit ist es hier noch nicht gekommen, aber die Alarmglocken
sollten inzwischen bei allen klingeln.
Wie ernst können wir Medien nehmen, wenn bei einst seriösen
Diskussionen auf News-Kanälen nun BILD- SchreiberInnen über
den schnellen Einsatz von 35.000 Bundeswehrsoldaten daherplappern?
Statt sich mit ernsthaften Gesichtern dauernd den Mund über
Kriegseventualitäten fusslig zu reden, ohne einen solchen
an sich in Frage zu stellen, könnte die bunte Medienwelt
gerade jetzt lieber die Leidenden, egal welcher Nationalität,
zu Wort kommen lassen - und das ebenso nüchtern und ernst
wie bei irgendwelchen WaffenfetischistInnen und nicht mit Schummerfilter
und Betroffenheits-Rührseligkeit. Es könnte auch um
einiges mehr darüber berichtet werden, was - auch in den
Vereinigten Staaten - an riesigen Friedens- und Protestbewegungen
aktiv wurde. Zugegeben, ich musste auch über das Angebot,
Bush im Nichtangriffs(ooops - nichtverteidigungs-)fall den Friedensnobelpreis
zu verleihen, schmunzeln. Aber genau an dieser Reaktion merke
ich selbst an mir, wie sehr ich von Meinungsbildung beeinflusst
bin: Diejenigen, die um Vorsicht und Frieden flehen, werden meist
als weltfremd und naiv dargestellt (oder inzwischen auch mal als
staatssicherheitsfeindliche Gefahrquellen).
"imagine there's no countries, it isn't hard to do, nothing
to kill or die for and no religion too" (john lennon, 'imagine')
Noch mal zurück, zum in unserem Bewusstsein angekratzten
Verhältnis von Realität und Fiktion. Nehmt z.B. das
Cover des Coup Albums, das die beiden HipHopper vor den brennenden
WTC-Türmen zeigt. Das war eine Form der provokativen Kritik,
die aus einer Perspektive heraus entstand, dass solch ein Ereignis
vollkommen unwahrscheinlich ist. Jetzt, danach, würde die
Veröffentlichung eines solchen Covers die KünstlerInnen
als solidarisch mit jenen erklären, die für die Attacken
verantwortlich sind. Es bleibt spannend, was für Auswirkungen
das künftig auf die Werke systemkritischer KünstlerInnen
haben wird, denn zu leicht lässt sich jetzt zum Zensurstift
greifen. Viele von euch werden ja schon mitbekommen haben, dass
mit Clear Channel die größte US-Radiokette eine ganze
Reihe von Songs verboten hat - bemerkenswerterweise ist darunter
auch das Gesamtwerk von Rage Against The Machine. Und viele Friedenslieder.
Dass solche Lieder nicht gespielt werden, wird wahrscheinlich
von den wenigsten Menschen wahrgenommen, wie meist, wenn Medien
durch Auslassungen auf die öffentliche Meinung Einfluss nehmen.
Dass neben jeder Information, die wir bekommen, auch noch hunderte
andere stehen, über die nicht berichtet wird, das sollte
uns gerade jetzt immer bewusst sein, wo es um grundlegende Veränderungen
in unserem Rechtssystem geht, die viel zu wenig kritisch beleuchtet
werden: Das, was nicht in Zeitung oder Fernsehen berichtet wird,
gehört auch dazu. Die Lückenhaftigkeit mit der wir informiert
werden, die Auslassungen, darüber informiert kaum jemand.
Um den Bogen zum Anfang dieses Beitrags wieder zu schließen:
Die Story über den Verdächtigen, dessen Schuld schon
festzustehen schien, bevor überhaupt Beweise vorlagen - nun,
sie entstammt der Star Trek Next Generation-Folge 'The Drumhead'.
In dieser zitiert Captain Picard die folgenden Worte, die mir
obwohl etwas pathetisch, doch ans Ende dieses Artikels zu passen
scheinen: "Mit dem ersten Glied wird eine Kette geschmiedet.
Die erste Rede, die zensiert wird, der erste Gedanke, der verboten
wird, die erste Freiheit, die verweigert wird legen uns unwiderrufbar
in Ketten."
evi herzing
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