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Monatsrückblick
Grenzenlose Gerechtigkeit ...
Welche Art Krieg die USA vorbereiten, verraten sie nicht - nur,
welchen nicht: kein Desert Storm II, kein Remake des D-Day. Doch
der neue Titel des Krieges weist die Richtung: er wechselte von
"grenzenloser (Selbst)-Gerechtigkeit" zu "permanentem
Krieg". Die USA arbeiten daran, einen dauerhaften Freibrief
für Kriegsoperationen zu bekommen, um überall auf der
Welt unter dem Vorwand der Terrorismus-Bekämpfung ihre strategischen
und wirtschaftlichen Interessen militärisch durchsetzen zu
können. Bin Laden und Afghanistan dienen der Befriedigung
innenpolitischer Bedürfnisse. Dass George Bush jun. 60 Staaten
als mögliche Kriegsziele nannte und jeden Staat, der nicht
uneingeschränkt die USA unterstützt, zum potenziellen
Ziel von US-Angriffen erklärte, zeigt die außenpolitische
Zielsetzung. Um diesen dauerhaften Freibrief zu erreichen, ordnet
die US-Regierung derzeit andere Interessen unter. Sie hat sogar
begonnen, ihre Milliarden-Schulden bei der UNO zu begleichen.
Sie versucht auch, den Nah-Ost-Konflikt kurzzeitig zu beruhigen.
Dagegen sträubt sich Sharon vehement. Ihm ist der permanente
Krieg gegen Palästinenser und Palästinenserinnen lieber
als Frieden. Sein Ziel ist die erneute vollständige Annektierung
der autonomen Gebiete. Darum begleitete er das von den USA erzwungene
Treffen Perez-Arafat mit dem Aufmarsch von Panzern und Bulldozern
im Autonomie-Gebiet. Perez selbst ist in jeder Hinsicht zu schwach,
um in der Regierung ein ernsthaftes Gegengewicht gegen die rechtsgerichtete
Gewaltpolitik zu bilden. Verließe Perez die Koalition, so
würde er dem Friedensprozess mehr nützen als mit seinem
derzeitigen hilflosen Agieren.
... und eigene Feindbilder ...
Im schmutzigen Kielwasser der US-Strategie versucht der Rest
der Welt seine eigenen Interessen zu positionieren. Der seltene
Fall einer positiven Option: Dank des national und international
akzeptierten Feindbilds "Terrorismus" wird Nord-Korea
nicht mehr als zentrales Feindbild und Schurkenstaat benötigt.
Die von den USA untersagte Annäherung zwischen Nord- und
Süd-Korea konnte wieder aufgenommen werden. Die Militärdiktatur
Pakistan hingegen lässt sich von Sanktionen für ihre
Atom-Waffen-Entwicklung befreien. Wie so oft in der Vergangenheit,
wie beim Irak und bei den Taliban, droht auch hier, dass die USA
mit den neuen Verbündeten die Feindbilder von Morgen aufrüsten.
Und Russlands Präsident sieht sich in seinem brutalen Krieg
gegen Tschetschenien nachträglich moralisch gerechtfertigt.
Der Tschetschenien-Krieg als Vorprogramm zu "Enduring War".
Mit dem Wunsch nach Neubewertung seines Tschetschenien-Kriegs
hatte Putin in Berlin beim deutschen Kanzler durchaus Erfolg.
Schröder sah die Notwendigkeit einer "differenzierteren
Bewertung" und signalisierte dadurch seine grundsätzliche
Bereitschaft, Staatsterrorismus als Terrorismus-Bekämpfung
umzudeuten. Der Westen ist ja gewandt und erfahren in dieser Übung:
hat er es doch in Algerien und der Türkei und anderswo schon
häufig praktiziert.
... die Überlegenheit der westlichen Welt ...
Zu Besuch in Berlin war auch Italiens Regierungschef Berlusconi,
dessen Äußerungen - anders als die Putins - nicht von
staatsmännischem Kalkül bestimmt waren. Aus Berlusconis
Äußerungen zur Überlegenheit der westlichen Welt
gegenüber dem Islam sprach der ganz normale Wahnsinn eines
Politikers, der sich auf Wahlkampftour schon mal für Jesus
hält und Rollstuhlfahrer auffordert, aufzustehen und zu gehen.
Die internationale Empörung über seine Unverschämtheiten
werden ihn nicht weiter stören. Kann sich der wegen Bilanzfälschung
angeklagte Berlusconi doch bald über ein von Regierungschef
Berlusconi unterzeichnetes Gesetz freuen, dank dessen Bilanzfälschung
nicht mehr als Strafdelikt gilt. Und der wegen Bestechung von
Richtern angeklagte Berlusconi kann sich freuen, dass künftig
Auslands-Dokumente schon bei geringsten Formfehlern nicht mehr
als Beweise zugelassen werden. Solche Dokumente sind bei diesem
Verfahren die entscheidenden Beweismittel gegen ihn.
Welches Wähler-Potential rechtspopulistische Volksverdummer
in Deutschland haben, zeigte bei der Hamburg-Wahl Ex-Richter Schill,
der sein Richteramt und hanebüchene Urteile als PR-Aktion
missbrauchte und als Richter Gnadenlos anschließend von der
Springer-Presse auf 20 Prozent der Wahlstimmen gepuscht wurde.
Die rechte Wählerschaft in Deutschland hat ein neues Sammelbecken.
Wer glaubt die Schillsche Wählerschaft sei gar nicht so rechts
wie der von ihnen Gewählte, der irrt. Dass Menschen, die
sich ausgegrenzt fühlen oder zu den Globalisierungs-Verlierern
gehören, nach politischen Alternativen Ausschau halten, ist
verständlich und sinnvoll. Dass sie die Alternative und ihr
Heil fast ausschließlich bei rechten Parteien suchen, hat
hingegen nichts zu tun mit ihrer Lebenssituation, sondern hat
zu tun mit ihrer Einstellung - und die ist eben latent rechts.
Wolfgang Schlicht
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