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Globalisierung bekämpfen – mit Steinen oder Steuern?
Ist es möglich, trotz unterschiedlicher Ansätze
und Aktionsformen eine gemeinsame Bewegung zu sein und zu bleiben?
Darüber diskutierten vier Fraktionen der "Antiglobalisierungsbewegung"
im Vorfeld des Berlusconi-Besuchs in der Nürnberger DESI.
Eine Podiumsdiskussion im Spannungsfeld zwischen Tobin-Steuer
und militanter Aktion: Genua – Analyse und Perspektiven.
Geladen zur Diskussion hatten Lateinamerikakomitee, BUKO und
Radio Z. Die VeranstalterInnen hatten dem Publikum einiges zugemutet.
Mit der Frage: "Gibt es überhaupt eine gemeinsame Bewegung?"
hatte das Einladungsflugblatt provoziert und klar gemacht, dass
in der bevorstehenden Debatte kein einigungsstiftendes "Hoch die",
"Nieder mit" zu erwarten war. Saalfüllende 100 BesucherInnen
und vier Referenten auf dem Podium übten 2 1/2 Stunden lang
eine verloren geglaubte Streitkultur. Dass Genua ein Einschnitt
und ein Markstein gewesen sei, darüber waren sich Peter Wahl
von ATTAC, Dario Azzellini von FelS, Markus Wissen von der BUKO
und "Sven Glückspilz" aus dem militanten Spektrum einig.
Uneinigkeit herrschte über Sinn und Unsinn der Militanz,
die in Genua zu Tage trat, und über die Frage, ob eine Forderung
wie die Besteuerung von Devisen der Hebel für Veränderung
oder das Einfallstor für eine künftige Befriedung der
Bewegung sei. Doch die vier auf dem Podium bewiesen wenig Lust,
beim verteilen von Etiketten stehen zu bleiben. Auf den Prüfstand
stellten sie vielmehr das Verständnis der Bewegung von der
kapitalistischen Globalisierung, die sie bekämpft, und die
Frage, wie sie das Terrain wahrnimmt, auf dem sie kämpft.
Im folgenden Streiflichter der Debatte:
Markus Wissen: Eine sehr hervorstechende Lehre der neoliberalen
Globalisierung ist die, dass die Chancen über den Staat emanzipatorische
Veränderungen durchzusetzen äußerst beschränkt
sind. Eine weitere Lehre - und das hat sich besonders in Genua
gezeigt - ist, dass der Staat eben nicht die Instanz ist, die
gegen den scheinbar entfesselten Markt in Stellung gebracht werden
kann, sondern eine Instanz, die die neoliberale Globalisierung
mit absichert, zur Not gewaltsam verteidigt und durchsetzt. Der
Staat ist ein strukturell herrschaftsförmiges Gebilde. Ich
muss von vornherein eine gewisse Radikalität abgeben, um
auf diesen Terrains mitzureden, um dort überhaupt ernst genommen
zu werden. Deshalb mein Plädoyer für eine Radikalisierung
der Kritik, gerade auch mit dem Hintergrund von Genua. Es geht
um globale Herrschaftsverhältnisse umfassender Art - nicht
nur um Kapitalismus, sondern auch um Patriarchat oder Rassismus.
Ein Fehler von ATTAC liegt darin, dass Staat und Markt, Politik
und Ökonomie in einem sehr dichotomischen, stark vereinfachten
Verhältnis gesehen werden. Das hat natürlich den Vorteil,
dass es kampagnenfähig ist, dass ich damit Leute erreichen
kann. Es geht ihnen eher darum, die neoliberalen Auswüchse
des Kapitalismus in den Griff zu bekommen, z.B. mit ihrer Forderung
nach Einführung der Tobin-Steuer, es geht nicht so sehr darum,
den Kapitalismus selbst anzugehen.
Peter Wahl: Meines Erachtens haben Markus und der BUKO
einen theoretisch unreflektierten Praxisbegriff. So funktioniert
aber praktische Politik und Gesellschaftsveränderung nicht.
Wenn man Kapitalismuskritik macht, dann muss diese immer konkret
sein. Ich kritisiere konkrete Erscheinungen in dieser Gesellschaft,
die auch für Menschen nachvollziehbar sind, ohne dass man
vorher das Kapital studiert haben muss. Gesellschaftliche Lernprozesse
und politisches Bewusstsein stehen eben nicht in Büchern
und in Seminaren, sondern sie entstehen in der täglichen
politischen Auseinandersetzung, im politischen Kampf. Die Theorie
wird nur relevant, wenn es gelingt, sie mit einer politischen
Praxis zu verknüpfen. Die Tobin-Steuer – jede politische
Bewegung braucht die Zuspitzung, um die sich herum eine Mobilisierung
gruppiert –, die Tobin-Steuer ist für uns nicht primär
eine finanztechnische Maßnahme, sie ist primär ein
Instrument, mit der verschiedene Fragen aufgeworfen werden, die
in den vergangenen 10 Jahren quasi tabuisiert waren.
Dario Azzellini: Der Staat ist heute transformiert und
nimmt andere Aufgaben wahr. Er hat für günstige Wettbewerbsbedingungen
zu sorgen und im Zweifelsfall auch die militärische Repression
durchzuführen, um diese Bedingungen zu garantieren. Ich wollte
Markus ergänzen, weil ich glaube, dass es ein weiteres Problem
gibt, wenn man bei der Tobin-Tax und bei Schuldenstreichung als
konkrete Forderungen stehen bleibt. Dabei werden nämlich
Herrschafts- und Machtstrukturen überhaupt nicht in Frage
gestellt. Es findet eine Konzentration der Kritik auf den Finanzsektor
statt. Dass es natürlich auch um die Produktionsbedingungen
geht – mehr als je zuvor, das muss auch ein essentieller Bestandteil
sein. Das heißt nicht, dass man eine Kapitallesung auf jeder
Demo macht, sondern natürlich muss man die entsprechenden
Slogans finden.
Aber es geht darum, klar zu machen, dass es um einen Kampf gegen
die gesamten Herrschaftsmechanismen geht, die sich in gewandelter
Weise in so einem kapitalistischen System darstellen, mit einer
gewandelten Funktion des Staates. Das heißt aber auch, dass
der Staat, genauso wie die letzten 100 Jahre, kein Ansprechpartner
für eine emanzipatorische Bewegung ist. Die Sozialdemokraten
machen dasselbe oder gar noch schlimmere Sachen als eine konservative
Regierung. Von daher denke ich, dass es darum gehen muss, ein
eigenes Projekt zu kreieren – dem eine andere Welt als mögliche
entgegen zu stellen.
Sven Glückspilz: Ein Hauptaspekt der militanten Bewegung
war immer, eine fundamentale Opposition zu machen, auch in einem
Misstrauen gegenüber anderen Strömungen innerhalb der
Linken, die sich radikale Parolen auch mal auf die Fahnen schrieben,
aber die bereit waren, dem Teufel auch mal den kleinen Finger
zu reichen. Ich finde es absolut richtig, dass ATTAC Forderungen
aufstellt, dass man in den politischen Kampf mit bestimmten Forderungen
reingeht. Wenn man das macht, muss man aber in der Lage sein zu
reflektieren, was wird aus mir im Prozess dieses Kampfes? Natürlich
suchen sich die Mächtigen Punkte, wo sie eine Opposition
einbinden oder auch wieder ausschalten können. Damit, konkrete
Forderungen aufzustellen, auch wenn man weiß, dass sie nicht
das Gelbe vom Ei sind, habe ich keine Probleme. Ich bin auch gerne
bereit, für diese Forderungen Steine zu schmeißen.
Peter Wahl: Ich stimme dir zu, dass in allen sozialen
Bewegungen das Risiko besteht, dass man zu einem späteren
Zeitpunkt Positionen aufgibt. Das ist aber nicht Ausdruck eines
inneren Schweinehunds oder von Verrätertum. Wenn sich die
gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse verschieben, werden
auch die Akteure, die in diesen Prozessen drinstecken, ihre Positionen
verändern.
In allen bisherigen Aktivitäten ist der Anteil der Militanten
eher gering gewesen. Wenn nicht die Gegenseite mit geradezu faschistoider
Gewalt vorgegangen wäre - in Göteborg fing das an, sehr
zugespitzt war es in Genua - wäre das auch in Genua nur ein
weitestgehend marginales Problem gewesen. Radikalere Strömungen
sind Bestandteil der Bewegung, die Bewegung ist breit und vielfältig.
Eine Minderheit darf jedoch nicht einer Mehrheit ihre Bedingungen
aufoktroieren. Das ist im Kern ein Widerspruch zu den emanzipatorischen
Ansprüchen. Wenn aber diese Kräfte bereit sind, vorher
mit uns zu diskutieren, wie etwas gemacht wird, dann wird es zu
Kooperationen kommen. Wenn jedoch eine Instrumentalisierung stattfindet
durch eine kleine Gruppe in der Bewegung, dann ist das absolut
nicht o.k.
Markus Wissen: Ich denke das ist ambivalent und widersprüchlich.
Thomas Fritz sprach vor kurzem in der iz3W von einem symbiotisch
widersprüchlichen Verhältnis zwischen militantem und
nicht-militantem Protest. Die Aktionsformen sind natürlich
unterschiedlich. In einem symbiotischen Verhältnis stehen
sie insofern, als Gewalt bestimmte Dinge oftmals wieder auf die
Tagesordnung setzt. Organisationen wie ATTAC, die sich jetzt einem
explizit nicht-militanten Politikstil verschrieben haben, merken,
dass nach Ereignissen wie Genua ihre Mitgliederzahl sprunghaft
ansteigt, dass die Globalisierungsgegner plötzlich in aller
Munde sind, dass z.B. die "Frankfurter Rundschau" regelmäßig
berichtet usw.
Dario Azzellini (zur Frage, wie die Militanzdebatte in
Italien - im Vergleich zur BRD - geführt wird): Grundsätzlich
würde ich sagen, dass die Gruppen, die sich am Genoa Social
Forum beteiligt haben, wie die Sozialen Zentren oder die Tute
Bianche, sich zwar auf bestimmte Kompromisse eingelassen haben,
aber auch gesagt haben, dass es für sie keine grundsätzliche,
sondern eine strategische Entscheidung ist, auf bestimmte Aktionsformen
zu verzichten. Die Aktionsformen der Tute Bianche mit Selbstschutz,
Schildern, Vorrücken auf Polizeiketten wurden andererseits
auch als Aktionsform vom gesamten Social Forum getragen. Es wurde
beschlossen, dass das Forum Barrikaden bauen darf, nur angezündet
werden durften sie nicht. Das klingt vielleicht nach Haarspalterei,
aber es waren Diskussionen, die meiner Meinung nach einen gewissen
richtigen Faden gefunden haben, nämlich zu versuchen, diese
Grenzen in einem möglichst breiten Rahmen immer weiter hinauszuschieben.
Das GSF versucht einer Distanzierung auszuweichen, indem das Element
der infiltrierten Provokateure immer wieder benannt wird. Ich
würde deren Bedeutung und Ausmaß in Frage stellen.
Aber es geht eben um den Versuch, diese Bündnisbreite aufrecht
zu erhalten.
Ich glaube, es ist sehr wichtig, Ort und Mittel abzuwägen,
denn die historische Erfahrung in Italien zeigt, dass durch die
Gewalt einer kleinen Gruppe so eine Bewegung sehr schnell auseinander
brechen kann und in eine militärische Eskalationsspirale
hineingerät, die auf kurze und auf lange Sicht nur der Staat
gewinnen kann. Denn militärisch werden wir dieses System
nicht besiegen können. Ich bin der Meinung, dass der Verzicht
auf Gewalt auch perspektivisch den Verzicht auf Veränderung
beinhaltet, aber ich glaube trotzdem, dass es für alles Ort,
Zeit und Mittel gibt.
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