It always rains in Wuppertal
Darkwave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien
Sammelband über die abgestandenen Versuche des Tabubruchs
in der Neonazi-Subkultur
Auch Punk ist nicht tot, er riecht nur komisch. Genres der populären
Musik, mögen sie auch nicht besonders massenkompatibel sein,
ist heute ein langes Leben beschieden und sei es als Untote. Das
trifft besonders für eine Musikrichtung zu, die schon in
den 90er Jahren ihr produktives Potenzial erschöpft zu haben
schien und erst mal unter dem Namen Darkwave geführt werden
soll. Inzwischen in zahlreiche Subgenres aufgesplittert/weiterentwickelt,
ist sie auch zu einem kommerziell interessanten Phänomen
geworden und hat ein zunehmend breites Publikum gewonnen. Wiedergespiegelt
wird das u. a. in der Zahl der Veranstaltungen, kaum ein Kaff
mit 20.000 EinwohnerInnen, dass nicht wochenends seine Darkwaveparty
feiert, 1x im Monat zumindest. Und da wird’s interessant, denn
alles in allem ist das eine Menge Leute, die sich von der Welt
der finsteren Gedanken angezogen fühlt, etwas zivilisationsmüde,
leichter Weltekel, auf der Suche nach Werten womöglich, denn
Gruftis gelten in der unpolitischen Popwelt als die, die sich
am ehesten auch mal Gedanken machen.
Vom Verzicht aufs Handy ist bei den gebotenen Vorschlägen
zur Orientierung allerdings kaum je die Rede, nicht einmal bei
Lösungsvorschlag "Mittelaltermarkt".
Gruftis waren bislang in der öffentlichen Vorstellung ein
vorwiegend nächtlicher Teil der sog. Jugendkultur, gern mit
dem Stigma von Satanismus und Friedhofsschändung behaftet.
Doch eigneten ihnen auch Vorzüge: Friedlichkeit, Toleranz
und irritierendes Äußeres, was sie neben Punx zu bevorzugten
Opfern von Nazischlägern machte. Fatalerweise ist Toleranz
oft mit Indifferenz verschwistert, Ästhetizismus mit Menschenverachtung
und Todessehnsucht kann sich fatalistisch oder heroisch äußern.
So bildeten sich auch in dieser Szene Eingangspforten für
reaktionäre und faschistische Denkweisen, die mit dem Faschismusbild
des hirnlosen Schlägers auf den ersten Blick keine Ähnlichkeit
haben. Das wird nicht zum ersten Mal konstatiert, aber Speit und
seine Mitautoren gehen der Sache kulturhistorisch auf den Grund.
Am Anfang steht, hilfreich für alle, die sowieso nur andere
Musik hören, H. Wanders Überblick über die schwarze
Szene, natürlich keinesfalls komplett und im einen oder anderen
Punkt auch noch auszudifferenzieren. Darkwave, Neofolk und Industrial
sind die Subgenres, auf die sich im Folgenden das Augenmerk richtet.
Antibürgerlicher Gestus von Rechts ist das Thema, dem sich
Jan Raabe und Andreas Speit widmen. Denn hier, in einem eigentlich
eng umschriebenen ideologischen Umfeld, finden sich die Quellen,
aus dem die Ideologen eines rechten Darkwave ihre Vorstellungen
beziehen.
Es ist alles recht abgestanden. Und wo es sich das Mäntelchen
des Widerspruchs umwirft, sollte niemand die Haltung von den Zielvorstellungen
trennen. Es sind nur Schlagworte, aber sie umschreiben die Inhalte
ausführlich genug: Frauenfeindlich, antidemokratisch, sozialdarwinistisch,
das Leben als ständiger Kampf aller gegen alle (Wobei dann
Ausnahmen gemacht werden: kein Bruderkrieg unter "Edelmenschen").
Ihren historischen Ursprung haben diese Theorien im 19. und 20.
Jahrhundert. Der sich entfaltende Kapitalismus mit seinen Fortschritten
in Technik und unvermeidlicher Partizipation der Massen rief in
Teilen der bürgerlichen Dominanzschichten Gegenbewegungen
hervor, die unter sich zwar gerne zerstritten waren, in den oben
angesprochenen Zielvorstellungen aber einig. Kampfzone war der
Bereich des Ästhetischen, dem die politischen Ideen subsummiert
wurden. Kunst wurde, nach Nietzsche, zum Religionsersatz, was
den Vorteil hatte, dass die Ideologie als "geschaut"
wie eine Vision weder begründbar noch gar kritisch hinterfragbar
wurde. Diese Vorstellungen haben sich sozusagen bruchlos in die
Gegenwart gerettet. Symptomatisch erscheinen die Ausblendung der
ökonomischen Verhältnisse ebenso wie die Tatsache, dass
die Apologeten dieser Vorstellungen auch unter für sie günstigen
Verhältnissen nicht allzu sehr reüssieren konnten.
Es bleibt so immer auch ein Hauch von fehlender Anerkennung,
vorgeblichem Zukurzgekommensein und beleidigtem Ego als Antriebskraft
zu spüren. Eine verblüffende Volte findet sich schließlich
darin, dass der als avantgardistisch gestartete Futurismus vor
allem in Italien sich einigermaßen nahtlos in die reaktionäre
Vorstellungswelt einspeisen ließ. Was Hitler freilich nicht
hinderte, ihn unter die "entarteten" Künste zu
rechnen.
Wie die praktische Umsetzung der faschistischen Vorstellungen
endete, ist bekannt. Um sich weiter auf sie berufen zu können,
sind für ihre Anhänger zumeist Distanzierungsmanöver
vonnöten, Abkoppelung der vorbildhaften Protagonisten von
der geübten Praxis zumeist, oder Verkleidung der faschistischen
Ideen zur bloßen Stilfrage, einer "Haltung", wie
das von Armin Mohler seit den 70er Jahren propagiert wurde. Damit
kann die Vernichtungspolitik der Nazi außen vor bleiben,
der Bezug von Theorie auf ihre Umsetzung in z. B. Auschwitz als
nicht immanent halluziniert werden. Es gehe nur um "Reinheit",
"Heroismus", "Schicksal" an sich ... Und diese
Vorstellungen lassen sich gut in Musik und Bühnenshow umsetzen,
vor allem in einem Umfeld, das solchen Vorstellungen nicht völlig
gleichgültig gegenübersteht.
Als sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf (Neo-)Nazimusik
richtete, war das vor allem die Totschlägermusik der Naziskins.
Die Gruftiszene geriet erst über die "Zillo"-Affäre
ins Gerede. Nicht nur hatte die "Junge Freiheit" in
deren LeserInnen eine Zielgruppe gewittert, sondern es stellte
sich heraus, dass unter den Redakteuren der Zeitschrift auch ein
Herr mit ausgeprägt rechtem Hintergrund wirkte. Aber das
konnte nicht überraschen. Schon seit langer Zeit waren in
der Szene Bands tätig, deren Texte und Auftritte inzwischen
nicht mehr als provokatives Getue abgetan werden konnten. Seit
Mitte der 90er Jahre fand sich dann auf Samplern zusammen, was
sich verwandt fühlte (auch wenn sich zwischenzeitlich einige
Beiträger von ihrer jeweiligen Mitwirkung distanzierten.
Die CD "Im Blutfeuer" erschien 1994 und vereinte prototypisch
Misanthropie und Kulturpessimismus als Thematik, angereichert
durch etwas Antisemitismus und Hass auf die "Kopfreligionen"
des Judäo-Christentums. Im Artwork erschienen Nazibauten
und Zitate von Ernst Jünger und vertreten waren die notorischen
Bands von Blood Axis über Allerseelen bis Death in June.
Sol Invictus freilich zitieren einen unangenehm passenden Text
von John Cale. Das ist alles keine offene Apologie, aber in den
Konnotationen eindeutig genug. Die selben Akteure im Wesentlichen
finden sich dann, durch Bands ähnlicher Geisteshaltung verstärkt,
auf Samplern wie "Riefenstahl", "Thorak" oder
"Cavalcare la Tigre", der dem einschlägigen italienischen
Ideologen Julius Evola gewidmet ist. Musikalisch reicht das Spektrum
der dabei erklingenden Musik von harschem Industrial bis zum wandervogelmäßig
klampfenden Apocalyptic (Neo-)Folk, eine Zusammenstellung, die
in ihrer musikalischen Unterschiedlichkeit auch einen üblichen
Gruftie-DJ-Set nahe kommt. Gemeinsam ist all diesen Gruppen aber
die ausagierte "faschistische Synthese", in der einzelne
einschlägige Metaphern und Mythen zusammengeführt werden
und zumindest für Eingeweihte, eine eindeutige Botschaft
transportieren. Und natürlich soll diese Botschaft, durch
ständige variierende Wiederholung, letztlich auch ausstrahlen,
soll die erreichen, die von "Tabubrüchen" fasziniert
sind.
Tabubruch ist ja in unserer Gesellschaft zum Selbstläufer
geworden, der ganz von alleine Distinktionsgewinn verspricht.
Völlig unerheblich, ob dabei zivilisatorische Standards oder
Minderheitenrechte ins Visier des Egoshooters geraten.
Im folgenden Kapitel widmet sich Christian Dornbusch dem Prototypen
rechter Dark Wave Bands, Death in June, die seit mehr als 20 Jahren
im Geschäft ist. Ihre Gründer, Douglas Pearce und Tony
Wakeford, hatten beide zuvor in einer politischen Punkband namens
Crisis gespielt. Der Name der Band verdankt sich angeblich einem
Zufall, doch er war rasch Programm. Pearce ist fasziniert vom
SA-Chef Ernst Röhm. Dieser wurde vorgeblich wegen seiner
Homosexualität, in Wahrheit aber wegen interner Machtkämpfe
in der NSDAP auf Befehl Hitlers im Juni 1933 ermordet und soll
für so etwas wie eine nationalbolschewistische Linie innerhalb
der Nazi stehen. Damit bringt er Ideen in Zusammenhang, wie der
schon oft strapazierte Begriff der "Reinheit", aber
auch Kampf und Kameradschaft. Pearce hat sich vor einiger Zeit
selbst als homosexuell geoutet und seinen szeneinternen Außenseiterbonus
damit eher gestärkt. Zudem lässt sich für Einige
damit der ideologische Hintergrund von Death in June leichter
verdrängen, denn Hitler hat ja auch Schwule verfolgt. Gerade
in Teilen der frühen Schwulenbewegung gingen aber Männerbündelei
und Frauenverachtung, Auserwähltheitswahn und Rassenhass
ohne Probleme gerne zusammen. Das Corporate Design von Death in
June ist nach Aussage von Pearce gezielt gewählt und von
Ornamenten Nazideutschlands geprägt. Das betrifft vor allem
den SS-Totenkopf, der für totalen Einsatz stehen soll und
für keine Toleranz Feinden gegenüber. SS-Männer
und Wehrmachtssoldaten zieren das Artwork der CDs, ebenso wie
Runen (und Rosen). Als Propaganda ist das freilich nie gemeint,
wird beteuert. Selbst wenn das Horst Wessel-Lied intoniert wird,
sei das als Dekonstruktion zu verstehen - die freilich erst recht
wie die Trauer um einen Verlust inszeniert wird. Death in June
sehen sich im Kampf gegen die westliche Zivilisation und für
ein Europa, dass sich seiner heidnischen Wurzeln bewusst wird.
Wie das aber in diesem Zusammenhang zu verstehen ist, ist nicht
allzu unklar, auch ohne explizit faschistische Texte dieser Band.
Weiteren Musikern, die auch in personellen Verflechtungen zusammen
auftreten, sind die folgenden Abschnitte gewidmet, wie Albin Julius
("Der Blutharsch"), Boyd Rice ("NON")
oder Michael Moynihan ("Blood Axis"). Bei allen Unterschieden
in der musikalischen Umsetzung einen sie die Themen Volk, Nation
und Kultur, die sie auf eindeutig faschistische Art interpretieren.
Im folgenden Beitrag widmen sich Thomas Naumann und Ratrick Schwarz
der Frage, wie aus einem ambitionierten Gothic-Fanzine eine neurechte
Kulturzeitschrift werden kann (und warum das u.U. einfach nahe
liegt.) In letzter Konsequenz wurde das Blatt unlängst ja
umgetauft: Von "Sigill" zu "Zinnober" (nach
einem Buch Evolas). Nonkonformismus und Exklusivität waren
die Insignien, mit denen um 1993 alles begann, verbunden mit dem
vorgeblichen Verzicht auf politische Weltbilder. Der Anspruch
auf ästhetisches Ketzertum versus Mob und Vermassung zeigen
aber doch schon klar die Richtung hin zu äußerst konservativem
Kulturverständnis, dem als Farbe ein wenig SM und Pornographie
allerdings gerne beigemengt werden durfte. Vor allem letztere
Elemente dokumentieren die Herkunft der RedakteurInnen aus dem
Industrial-Umfeld. In der Folge wurden die musikbezogenen Schwerpunkte
zugunsten einer allgemein kulturhistorischen Orientierung verlassen,
Autoren und Buchbesprechungen machten einen erheblichen Teil der
Zeitschrift aus. Was sich hingegen nicht änderte, waren Bewunderung
und Verehrung für nationalkonservative und faschistoide Positionen.
Die Redaktion, darob mit Kritik konfrontiert, wich in der für
Rechte gewohnten flexiblen Art aus und sprach von unqualifizierten
Angriffen auf praktiziertes "Selbstdenkertum", ein Verteidigungsmuster,
das in diesen Kreisen überhaupt gerne verwendet wird. Sigill
musste sich nicht durch äußere Einflüsse nach
rechts bewegen. Die Positionen der MitarbeiterInnen haben sich
lediglich antimodernistisch vereindeutigt und bald wussten denn
auch neue BeiträgerInnen, was "dazu passt" (und
welch minoritäre Meinung eben doch nicht). Die meisten der
neueren AutorInnen waren denn auch anderweitig in rechten Organisationen
zugange oder teilten die entsprechende Ideologie. Auch am Ausbau
des Einflusses wurde gearbeitet: Durch Gründung eines Labels
sowie durch Veranstaltung einschlägiger Konzerte. Zinnober,
so der neue Titel, ist die Fortsetzung einer Strategie, die direkte
politische Arbeit meidet. Sie weiß sich "nur"
einer "Haltung" verpflichtet, die patriarchal, antidemokratisch
und kriegerisch konnotiert ist und damit dann doch eindeutig rechte
Sinnstiftung.
Direkter Einfluss nazistischer Organisationen auf die Schwarze
Szene wird von Dornbusch, Raabe und Speit untersucht. Begeisterung
über eine als antiwestlich und nichtamerikanisch verstandene
Szene steht da am Anfang, aber das doch oft äußerst
enge Kulturverständnis der meisten Rechten bildet rasch eine
Schranke. Die Erzeugung einer "Kulturrevolution" mithilfe
derer, die z.B. auf dem Leipziger Wave-Gotik- Treffen recht angetümelt
werden (Vgl. Homepage), erweist sich in diesem Zusammenhang als
eher illusorisch. (Trotzdem war auch in diesem Jahr wieder ein
Stand des notorischen VAWS-Verlags vertreten.) Schnittmengen finden
sich jedoch da, wo antibürgerliche Einstellungen und Kulturkritik
von rechts oder völkische Esoterik zum schwarzen Selbstverständnis
gehören. Im Bereich deutscher Neofolk-Bands sind Heimat und
Nation als Identitätsbasis unproblematisch und Gastauftritte
werden gerne auch mit Gruppen von Death in June bis Blood Axis
absolviert, was denn auch die Bekanntheit steigert. So bilden
sich Netzwerke gegenseitiger Unterstützung, die von Teilen
der Schwarzen Szene als zugehörig akzeptiert werden und über
ihre Aura der Nonkonformität
ihren Einfluss ausdehnen können. Allerdings ist die Szene
auch hellhöriger geworden. Namhafte Bands haben sich schon
Anfang der 90er Jahre eindeutig gegen rechte Aktivitäten
geäußert, die "Grufties gegen rechts" sind
in verschiedenen Städten aktiv.
Im abschließenden Beitrag von Stephan Lindke geht es um
Positionen der "Neuen Deutschen Härte" und als
Fazit könnte die Überschrift dienen: "Der Tabubruch
von heute ist der Mainstream von morgen".
Der Sammelband "Ästhetische Mobilmachung" bietet
insgesamt einen instruktiven Einblick in ein Randphänomen.
Da aber die Rechte aber an vielen Rändern aktiv ist, sind
hier auch für Menschen, denen dieses spezielle Umfeld egal
ist, interessante Details zu erfahren. Die Artikel sind durchweg
mit reichlich weiterführenden Anmerkungen versehen. Einzig
die
Industrialszene, in sich wohl auch sehr zersplittert, hätte
ich mir etwas detaillierter gewürdigt gewünscht. Denn
auch da scheint der Grat zwischen konstruktivem Schock und der
Überwältigung durch "krasses Material", um
es mal so zu formulieren, recht schmal.
Das 280seitige Buch ist im Unrast-Verlag
als Band 8 der "reihe antifaschistischer texte" erschienen
und kostet € 16,-
Hans Plesch
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