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Nr. 17             Oktober 2002

 
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Auge um Auge

In Nürnberg startet ein neues Pilotprojekt in Sachen Videokameras

"Ausreisezentren" für Flüchtlinge

Ein neuer Baustein in der Abschreckungs- politik

"... jede nach ihrer Façon?"

Eine Podiumsdiskussion zum Streit um das Kopftuch

Neue Deutsche Welle von der Maas bis an den Belt

Studenten-verbindungen: akademische Vertreter der Rechten




 
Region
 

Werte entwickeln - Werte sichern - Werte steigern

Erlanger BürgerInnen wehren sich gegen Einzelhandels- und Bürozentrum

Den Kopf auf dem silbernen Tablett präsentiert

Gerichtsstreit um die Kündigung eines Betriebsrats: Wegen Diebstahl oder wegen Standhaftigkeit entlassen?

"Was sie dem Herrn Christo zum Schmach gethan haben ..."

Wie in Unterfranken die Legende eines jüdischen Ritualmords entstand




 
Buchkritik
 

... nationale Lügen und Mythen zu korrigieren

Drago Jancars Erzählungen aus der jugoslawischen Geschichte vom Mittelalter bis zur Tito-epoche

Inter Nationalismus

Eine Einführung in die Ideengeschichte des Internationalismus

Bunte Seiten der alternativen Medien

Ein Nachschlagwerk über selbstverwaltete Betriebe, soziale Projekte und politische Initiativen

Ästhetische Mobilmachungl

Sammelband über die abgestandenen Versuche des Tabubruchs in der Neonazi-Subkultur




 
Musik und Theater
 

The good and the bad...

Tine Plesch mit Tipps und Infos aus der Welt der subversiven Kultur

Enklave der behinderten, revolutionären AnarchistInnen

Theaterstück

die vier Regeln des Michael Hurley

und ein Todestag




 
Glosse
 

Bundeskanzler Stoiber

Fast hätten wir gewonnen! "Wenn wir nur unsere Stauseen a kloans bisserl aufgemacht hätten"

Musik und Theater
 

Enklave der behinderten, revolutionären AnarchistInnen

d.a.r.e.: disabled anarchist revolutionary enclave

d.a.r.e. ist ein etwas älteres Theaterstück aus dem Jahre 1997, mit dem die schottische Theatergruppe "Theatre Workshop" aktuell wieder auf Tour ist. Zuletzt zu sehen gewesen im August diesen Jahres auf dem großen Kulturfestival "Fringe" in Edinburgh.

Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Vier behinderte Anarchisten treffen sich im virtuellen Anarchist Chatroom und diskutieren über ein neues Gesetz, das besagt, dass sich ab sofort jede(r) einem Gentest unterziehen muss, auf dessen Basis die Krankenkassenbeiträge festgesetzt werden. Die vier Anarchisten stimmen einander zu, dass sie den Gentest verweigern und in den Untergrund gehen werden, um gegen die Gentechnik und deren Anspruch, "perfekte Babys" garantieren zu wollen, zu protestieren. Anhand eines Computerprogramms gründen sie d.a.r.e. - die disabled anarchist revolutionary enclave, und erfüllen Schritt für Schritt die Vorgaben, welche ein Unbekannter namens Jason festsetzt, um zu einer bewaffneten revolutionären Zelle der Behindertenbewegung zu werden.

Ihre erste Mission ist die Befreiung von Medea, einer Frau mit Down-Syndrom, welche mit ihrem ebenfalls lernbehinderten Mann eine Familie gründen möchte und durch das neue Gesetz eine Zwangssterilisation zu erwarten hat "weil da, genetisch gesehen, so ziemlich alles dabei rauskommen kann". Die Mission ist ein Erfolg - Medea und ihr Liebhaber sind vereint - und d.a.re. wird durch den legalen Arm der Behindertenbewegung, einen zwergenhaften Soziologieprofessor, die Erklärung an die Medien abgenommen, Dank zugesprochen und im weiteren Vorgehen bestätigt. Doch hinter den Kulissen fängt es an zu brodeln - denn die vier Anarchisten sind sehr unterschiedlich in ihren Vorlieben und ihrer Lebensgestaltung. Dann geht etwas schief - der Partner eines d.a.r.e.-Mitglieds hat sich einem Gentest unterzogen, um seine Zukunft zu sichern und das gemeinsame Heim abbezahlen zu können, die Partnerschaft zerbricht an dem Konflikt, und er jagt sich als Selbstmordattentäter im Gebäude der British Medical Association in die Luft.

d.a.r.e. wird für den Anschlag verantwortlich gemacht. In der Enklave wandelt sich nun die Atmosphäre des Unbehagens in einen eruptierenden Vulkan, wobei sich die Protagonisten nichts schenken - während der erste vom Ausstieg faselt, und doch weiß, dass es zu spät dafür ist, denkt der zweite an Selbstmord und der dritte möchte am liebsten alle abknallen ...

Dabei geht der Konflikt über das ursprüngliche Thema - Gewalt oder Nichtgewalt - hinaus, und schwelende Differenzen treten zu Tage: Als nicht offensichtlich Behinderter fühlt sich Hercules (John Hollywood), nebenbei in dem Stück ein schottischer Nationalist, von den anderen nicht akzeptiert. Argos (Nabil Shaban), der einzige Rollstuhlbenutzer, wird angeklagt, selbst nur auf perfekte Körper zu stehen, weil er eine nichtbehinderte Freundin haben möchte. Hyos als homosexueller Ex-Partner des Selbstmordattentäters fühlt sich ohnehin isoliert und an allem schuldig. Acastus (Jim McSharry) dagegen mit seinem meist kindlich-euphorischen Verhalten "vermisst seine Mami" und fühlt sich nicht ernst genommen.

d.a.re. lebt von der großen Leinwand, welche abwechselnd Filmsequenzen, Internet- und Computeranimationen zeigt und von der Musik, mitunter sogar Livemusik.

Dabei versucht d.a.r.e. nicht nur in die Zukunft zu blicken, sondern auch in die Vergangenheit. So stellen die vier Behinderten die Frage nach der moralischen Grundlage, auf der behindertes Leben bewertet wird. Während im Nationalsozialismus behinderte Menschen umgebracht wurden, ist es heute möglich, Föten wegen einer zu erwartenden Behinderung abzutreiben (unter Thatcher in den 80ern bis zu 9 Monate). Es wird der Eindruck vermittelt, dass in Zukunft mit den Möglichkeiten der Gentechnik Behinderungen vermieden oder "perfekte Babys" erschaffen werden könnten, was grundsätzlich das Existenzrecht Behinderter in Frage stellt.

Das gut gemachte Stück d.a.r.e. ist eine Produktion vom "Theatre Workshop", dem ersten professionellen Theater, das behinderte KünstlerInnen im August 2000 in die Hauptproduktionen einbezog. Robert Rae, künstlerischer Direktor von Theatre Workshop: "Indem wir Einbeziehung, Behindertengerechtigkeit und Vorzüglichkeit in allen Bereichen der Darbietung und Bildungsarbeit fördern, bringt Theatre Workshop unwiderstehliche Geschichten zum Publikum in ganz Schottland und darüber hinaus in den letzten unzensierten Raum - das Theater."

Weitere Stücke von "Theatre Workshop", die im Sommer 2001 beim "Degenerate Festival", Schottlands erstem Internationalen Festival der Kunst von Behinderten zu sehen waren, sind " I am the Walrus", in dem es über Schizophrenie, Kindesmissbrauch und körperliche Behinderung eines in der Psychiatrie Inhaftierten geht. "A Fumble in the Dark" spielt in der Herrentoilette eines Pubs in Glasgow und bringt die Diskriminierung Behinderter im täglichen Leben ans Licht, ebenso wie Vorurteile gegenüber Homosexualität.

Ulla