Enklave der behinderten, revolutionären AnarchistInnen
d.a.r.e.: disabled anarchist revolutionary enclave

d.a.r.e. ist ein etwas älteres Theaterstück aus dem
Jahre 1997, mit dem die schottische Theatergruppe "Theatre
Workshop" aktuell wieder auf Tour ist. Zuletzt zu sehen gewesen
im August diesen Jahres auf dem großen Kulturfestival "Fringe"
in Edinburgh.
Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Vier
behinderte Anarchisten treffen sich im virtuellen Anarchist Chatroom
und diskutieren über ein neues Gesetz, das besagt, dass sich
ab sofort jede(r) einem Gentest unterziehen muss, auf dessen Basis
die Krankenkassenbeiträge festgesetzt werden. Die vier Anarchisten
stimmen einander zu, dass sie den Gentest verweigern und in den
Untergrund gehen werden, um gegen die Gentechnik und deren Anspruch,
"perfekte Babys" garantieren zu wollen, zu protestieren.
Anhand eines Computerprogramms gründen sie d.a.r.e. - die
disabled anarchist revolutionary enclave, und erfüllen Schritt
für Schritt die Vorgaben, welche ein Unbekannter namens Jason
festsetzt, um zu einer bewaffneten revolutionären Zelle der
Behindertenbewegung zu werden.
Ihre erste Mission ist die Befreiung von Medea, einer Frau mit
Down-Syndrom, welche mit ihrem ebenfalls lernbehinderten Mann
eine Familie gründen möchte und durch das neue Gesetz
eine Zwangssterilisation zu erwarten hat "weil da, genetisch
gesehen, so ziemlich alles dabei rauskommen kann". Die Mission
ist ein Erfolg - Medea und ihr Liebhaber sind vereint - und d.a.re.
wird durch den legalen Arm der Behindertenbewegung, einen zwergenhaften
Soziologieprofessor, die Erklärung an die Medien abgenommen,
Dank zugesprochen und im weiteren Vorgehen bestätigt. Doch
hinter den Kulissen fängt es an zu brodeln - denn die vier
Anarchisten sind sehr unterschiedlich in ihren Vorlieben und ihrer
Lebensgestaltung. Dann geht etwas schief - der Partner eines d.a.r.e.-Mitglieds
hat sich einem Gentest unterzogen, um seine Zukunft zu sichern
und das gemeinsame Heim abbezahlen zu können, die Partnerschaft
zerbricht an dem Konflikt, und er jagt sich als Selbstmordattentäter
im Gebäude der British Medical Association in die Luft.
d.a.r.e. wird für den Anschlag verantwortlich gemacht. In
der Enklave wandelt sich nun die Atmosphäre des Unbehagens
in einen eruptierenden Vulkan, wobei sich die Protagonisten nichts
schenken - während der erste vom Ausstieg faselt, und doch
weiß, dass es zu spät dafür ist, denkt der zweite
an Selbstmord und der dritte möchte am liebsten alle abknallen
...
Dabei geht der Konflikt über das ursprüngliche Thema
- Gewalt oder Nichtgewalt - hinaus, und schwelende Differenzen
treten zu Tage: Als nicht offensichtlich Behinderter fühlt
sich Hercules (John Hollywood), nebenbei in dem Stück ein
schottischer Nationalist, von den anderen nicht akzeptiert. Argos
(Nabil Shaban), der einzige Rollstuhlbenutzer, wird angeklagt,
selbst nur auf perfekte Körper zu stehen, weil er eine nichtbehinderte
Freundin haben möchte. Hyos als homosexueller Ex-Partner
des Selbstmordattentäters fühlt sich ohnehin isoliert
und an allem schuldig. Acastus (Jim McSharry) dagegen mit seinem
meist kindlich-euphorischen Verhalten "vermisst seine Mami"
und fühlt sich nicht ernst genommen.
d.a.re. lebt von der großen Leinwand, welche abwechselnd
Filmsequenzen, Internet- und Computeranimationen zeigt und von
der Musik, mitunter sogar Livemusik.
Dabei versucht d.a.r.e. nicht nur in die Zukunft zu blicken,
sondern auch in die Vergangenheit. So stellen die vier Behinderten
die Frage nach der moralischen Grundlage, auf der behindertes
Leben bewertet wird. Während im Nationalsozialismus behinderte
Menschen umgebracht wurden, ist es heute möglich, Föten
wegen einer zu erwartenden Behinderung abzutreiben (unter Thatcher
in den 80ern bis zu 9 Monate). Es wird der Eindruck vermittelt,
dass in Zukunft mit den Möglichkeiten der Gentechnik Behinderungen
vermieden oder "perfekte Babys" erschaffen werden könnten,
was grundsätzlich das Existenzrecht Behinderter in Frage
stellt.
Das gut gemachte Stück d.a.r.e. ist eine Produktion vom
"Theatre Workshop", dem ersten professionellen Theater,
das behinderte KünstlerInnen im August 2000 in die Hauptproduktionen
einbezog. Robert Rae, künstlerischer Direktor von Theatre
Workshop: "Indem wir Einbeziehung, Behindertengerechtigkeit
und Vorzüglichkeit in allen Bereichen der Darbietung und
Bildungsarbeit fördern, bringt Theatre Workshop unwiderstehliche
Geschichten zum Publikum in ganz Schottland und darüber hinaus
in den letzten unzensierten Raum - das Theater."
Weitere Stücke von "Theatre Workshop", die im
Sommer 2001 beim "Degenerate Festival", Schottlands
erstem Internationalen Festival der Kunst von Behinderten zu sehen
waren, sind " I am the Walrus", in dem es über
Schizophrenie, Kindesmissbrauch und körperliche Behinderung
eines in der Psychiatrie Inhaftierten geht. "A Fumble in
the Dark" spielt in der Herrentoilette eines Pubs in Glasgow
und bringt die Diskriminierung Behinderter im täglichen Leben
ans Licht, ebenso wie Vorurteile gegenüber Homosexualität.
Ulla
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